Walliserdeutsch (Eigenbezeichnung Wallissertitsch) ist die Sammelbezeichnung für die im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis (Oberwallis) gesprochenen höchstalemannischen Dialekte.
Strukturell weitgehend identisch (vom starken Einfluss der romanischen Nachbardialekte abgesehen) sind die in einigen Bergdörfern des Piemonts, des Aostatals und im Tessin gesprochenen Walserdialekte (Walserdeutsch). Zu den Mundarten der Walserorte in Graubünden, Liechtenstein und Vorarlberg bestehen schon grössere Unterschiede, aber auch diese teilen immer noch zahlreiche Übereinstimmungen mit dem Dialekt der Walliser «Urheimat».
Die Sprachgrenze zum französischsprachigen Unterwallis verläuft nördlich des Rottens entlang des Bachs Raspille zwischen dem zweisprachigen Siders (Sierre) und Salgesch und südlich des Rottens im Bereich des Pfynwalds.
Walliserdeutsch ist selbst für viele Sprecher hochalemannischer Dialekte nicht immer einfach zu verstehen. Grund hierfür sind in erster Linie die abweichende Prosodie, der ausgeprägte Konservatismus und noch mehr die spezifischen Neuerungen des Walliserdeutschen. Der Sprachraum ist aufgrund der im Westen liegenden romanisch-germanischen Sprachgrenze und der im Norden, Osten und Süden das Wallis begrenzenden Berner und Walliser Alpen stark isoliert. So hat es als einziger deutscher Dialekt neben dem Zimbrischen – und noch stärker als dieses – die Deklinations- und Konjugationsvielfalt des Althochdeutschen in weiten Teilen bewahrt, auch der Genitiv ist bei konservativen Sprechern noch lebendig. Ebenso fand im Walliserdeutschen keine Nebensilbenabschwächung zu Schwa statt, die um das Jahr 1000 im grössten Teil des deutschen Sprachgebiets wirksam wurde. Für die Sonderentwicklung des Walliserdeutschen spielte neben der geographischen Isolation auch eine starke altfrankoprovenzalische Substrat- bzw. Adstratwirkung eine wichtige Rolle.Vgl. hierzu William G. Moulton: Swiss German Dialect and Romance Patois. Yale University Dissertation, Baltimore 1941 (Supplement to Language Vol. 17, No. 4, October–December 1941).
Gliederung Die Walliser Dialekte weisen eine deutliche regionale Gliederung auf.
Unterschiede zwischen dem westlichen und dem östlichen Walliserdeutsch Der Walliserdialekt wird, wie auch das nördlich anschliessende Berner Oberländisch, in zwei Hauptidiome Gruppe West und Gruppe Ost unterteilt. Die Gruppe Ost umschliesst den östlichen Teil des Oberwallis bis Gamsen bei Brig und die Gruppe West die Vispertäler und den Teil ab Visp westwärts bis Siders/Sierre.Sprachatlas der deutschen Schweiz. Band I, Karten 73–81. Sie geht auf die Nachwirkung des altfrankoprovenzalischen Substrats zurück.Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. Karte 85 mit Kommentar von Hans-Peter Schifferle.
Diese dialektologische Zweiteilung kann man anhand des Adjektivs schwer gut zeigen:
Gruppe West im Oberwallis: schweer (geschlossenes [eː]), Gruppe Ost: schwäär (überoffenes [æː]). westliches Berner Oberland und freiburgischer Sensebezirk: schweer/schwier, östliches Berner Oberland: schwäär
Beispiele für diese West-Ost-Unterschiede sind: Westliches Oberwallis Östliches Oberwallis HochdeutschschweerschwäärschwerCheesChääsKäseScheeriSchääriSchereÜüstagLangsi (ahd. Lengizi, nhd. Lenz)Frühlingiischinsch (Goms)unsliwwughirmeausruhenwier geewiär gääwir gehendudüdu
Sonderfall Lötschental Der Dialekt des jahrhundertelang isolierten Lötschentals unterscheidet sich stark vom übrigen Walliserdeutsch. So wurde hier das mittelhochdeutsch lange û zu ui diphthongiert (Muis ‚Maus‘, sonst im Wallis Müüs), mittelhochdeutsch uo blieb ohne Palatalisierung als uä erhalten (Fuäss ‚Fuss‘, sonst im Wallis Füess), und die auslautenden -n blieben vielfach erhalten (schniidn, heftn ‚schneiden, heften‘, sonst im Wallis schniidu, heftu).Sprachatlas der deutschen Schweiz. Band I, Karten 107 und 142; Band III, Karte 1.
Walliserdeutsch und Walserdeutsch Rein linguistisch gesehen gibt es keine klaren Unterschiede zwischen den Dialekten im deutschsprachigen Wallis und in den Siedlungen der Walser, die im 13. und 14. Jahrhundert aus dem Wallis auswanderten und an zahlreichen Orten im Alpenraum Siedlungen gründeten. Die Unterschiede beruhen eher auf aussersprachlichen Kriterien, nämlich dass der Kanton Wallis eine politische Einheit bildet, während die Walsersiedlungen untereinander wenig Kontakt haben.
Die Dialekte der Walsersiedlungen lassen sich ebenfalls denselben Gruppen Ost und West zuordnen, in die man die Dialekte des deutschsprachigen Wallis einteilt, so dass beispielsweise ein Dialekt einer Walsersiedlung aus der Gruppe Ost mehr Gemeinsamkeiten haben kann mit einem Deutschwalliser Dialekt aus derselben Gruppe als mit einem Walserdialekt aus der Gruppe West. Dabei gilt es zu beachten, dass den Walliser Dialekten der Westgruppe die Walserdialekte in Nordostgraubünden (Klosters, Davos usw.), den Walliser Dialekten der Ostgruppe die Walserdialekte in Südwestgraubünden (Safiental, Rheinwald usw.) entsprechen. Die Walserdialekte in Liechtenstein und Vorarlberg schliessen sich der Bündner Nordostgruppe an (also den Dialekten des Westdeutschwallis). Bei den Walserdialekten in Italien und im Tessin liegen hingegen parallele Verhältnisse zum Wallis vor; so entsprechen die Mundarten südlich und östlich des Monte Rosa den westlichen und die Mundarten in Pomatt und Gurin den östlichen Walliser Dialekten.
Die Dialekte der Walserdörfer auf der südlichen Alpenseite (die Mundarten der sogenannten Südwalser oder ennetbirgischen Walser) liegen historisch in piemontesisch-, lombardisch- und frankoprovenzalischsprachiger beziehungsweise modern italienischsprachiger Umgebung und sind dementsprechend zum Teil stark von diesen Nachbarsprachen beeinflusst.
Sprachlehre Deklination der Substantive Das Walliserdeutsche ist eine der wenigen Mundarten, in denen ein Kasussystem früherer Sprachstufen weitestgehend erhalten blieb. Der in einigen Ortsmundarten noch funktionstüchtige Genitiv, der in den meisten deutschen Dialekten ausstarb oder lediglich spurenweise auftaucht, und die weitgehende Parallelität vieler Formen mit dem Althochdeutschen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch bei konservativen Mundarten wie dem Walliserdeutschen im Laufe der Geschichte tiefgreifende Veränderungen vonstattengingen. Die folgenden Daten, welche beispielhaft die Flexion eines starken Maskulinums, eines schwachen Femininums und eines starken Neutrums präsentieren, stammen aus Elisa Wipf: Die Mundart von Visperterminen im Wallis. Huber, Frauenfeld 1910 (BSG II), S. 119 ff. und können bei konservativeren Sprechern noch heuteSiehe Erich Jordan: Einheimische erzählen aus Volkstum und Überlieferung von Simpeln und Zwischbergen. Visp 1985, S. 146–148; Fides Zimmermann-Heinzmann: Die Mundart von Visperterminen, wie sie im Jahre 2000 von der älteren Generation gesprochen wurde. Bearb. und hrsg. von P. E. Heinzmann. 2 Hefte. [Visperterminen, 2000?]. abgerufen werden:
Einzahl männlich weiblich sächlich Mehrzahl männlich weiblich sächlich Nominativ dr Tag di Zunga ds Jaar Nominativ di Taga di Zunge d Jaar Genitiv ds Tagsch dr Zungu ds Jaarsch Genitiv dr Tago dr Zungo dr Jaaro Dativ dum Tag dr Zungu dum Jaar Dativ dun Tagu dun Zungu du Jaaru Akkusativ dun, dr Tag di Zungu, ZungaWipf, S. 130 f. führt Zunga (tsuŋa) an und erklärt dieses mit Übernahme der Form des Nominativs. Laut Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS), Band III 189, Spalte 5 endet der Akkusativ Singular der schwachen Feminina allerdings in Visperterminen (wie auch anderswo im Wallis oder wie in Alagna), auf [ʊ]; weiteres Material hierzu im ungedruckten Spontanmaterial des SDS (in digitalisierter Form greifbar via www.sprachatlas.ch). ds Jaar Akkusativ di Taga di Zunge d Jaar
Vor einem anlautenden /d/, /g/, /t/ (einschliesslich /ts/), /k/ des Folgeworts tritt an den auslautenden Vokal (in der Praxis meist /-u/) ein /n/ an, etwa Chooru ‘Korn’, aber ditz Choorun daa ‘dieses Korn hier’.Elisa Wipf: Die Mundart von Visperterminen im Wallis. Frauenfeld 1910, S. 112. Die eingehendste Beschreibung dieses Lautvorgangs, der, unterschiedlich stark ausgeprägt, für alle Mundarten des alemannischen Südwestens gilt (Wallis und Berner Oberland sowie im Gefolge der Walserwanderung Piemont, Aostatal, Tessin und Bünder Walser), findet sich bei Renato Perinetto: Sulla -n- eufonica nella parlata di Issime. In: Augusta 1977, S. 27–38; siehe auch Karl Bohnenberger: Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Aussenorten. Huber, Frauenfeld 1913, S. 163 f.) sowie Schweizerisches Idiotikon, Band XV, Spalte 23 (Anmerkung zu wā) und Band XVII, Spalte 80 (Anmerkung zu zue, ze).
Der Genitiv kommt in Phrasen wie zweier Jaaro ‘zweier Jahre’, an alle Siitun dr Chilchu ‘an allen Seiten der Kirche’ oder in Sätzen wie as steit an ds Attusch Willu ‘es hängt vom Vater ab’ und ich ha ro/ru drii ‘ich habe ihrer drei’ zur Anwendung. Die Endung -o des Genitivs Plural, die oben für Visperterminen gegeben wird, lautet in anderen Mundarten -u und ist damit mit derjenigen des Dativs Plural identisch.So etwa in Simplon und Zwischbergen, siehe Erich Jordan: Einheimische erzählen aus Volkstum und Überlieferung von Simpeln und Zwischbergen. Visp 1985, S. 146 f.
Im modernen Walliserdeutsch schwindet der Gebrauch des Genitivs, und die besonderen Formen des Dativs werden durch diejenigen des Nominativs/Akkusativs ersetzt.Erich Jordan: Einheimische erzählen aus Volkstum und Überlieferung von Simpeln und Zwischbergen. Visp 1985, S. 148.
Deklination der Adjektive In Visperterminen wird das Adjektiv wie folgt gebeugt (ebenfalls nach Elisa Wipf: Die Mundart von Visperterminen im Wallis. Huber, Frauenfeld 1910, S. 134 f.Sehr ähnlich auch gegenwärtig in Simplon und Zwischbergen, siehe Erich Jordan: Einheimische erzählen aus Volkstum und Überlieferung von Simpeln und Zwischbergen. Visp 1985, S. 148 f.):
Grundform: jung ‘jung’
Starke Flexion: Einzahl männlich weiblich sächlich Mehrzahl männlich weiblich sächlich Nominativ junge jungi jungs Nominativ jungi jungi jungi Genitiv jungs junger jungs Genitiv junger junger junger Dativ jungum junger jungum Dativ junge junge junge Akkusativ junge, jungu jungi jungs Akkusativ jungi jungi jungi
Schwache Flexion: Einzahl männlich weiblich sächlich Mehrzahl männlich weiblich sächlich Nominativ jungo junga junga Nominativ jungu jungu jungu Genitiv jungu jungu jungu Genitiv jungo jungo jungo Dativ jungu jungu jungu Dativ jungu jungu jungu Akkusativ jungu, jungo junga junga Akkusativ jungu jungu jungu
Vor einem anlautenden /d/, /g/, /t/ (einschliesslich /ts/), /k/ des Folgeworts tritt an den auslautenden Vokal (in der Praxis meist /-u/) ein /n/ an, etwa eigu ‘eigen’, aber ds eigun Tiechji ‘das eigene Tüchlein’.
Die Verteilung von starker und schwacher Flexion verteilt sich mehr oder weniger gleich wie in der Standardsprache. So heisst es etwa stark flektiert van allum Äärischt ‘in vollem Ernst’, miin groosse Schlitto ‘mein grosser Schlitten’, iischi groossi Techter ‘unsere ältere (grosse) Tochter’, an Chleine, an Aalti, as Jungs ‘ein Kleiner, eine Alte, ein Junges’. Schwach flektiert heisst es etwa dum groossu Büob ‘dem grossen Buben’, mit schiim wiissu Müülti ‘mit seinem weissen Maultier’, anam aaltu Maa ‘einem alten Mann’, dr Lamo, di Groossa, ds Meera ‘der Hinkende (Lahme), die Grosse, das Gröössere (Mehrere)’.