mini|Unternehmenslogo der Reichswerke, bis in die 1980er Jahre im Gebrauch der Salzgitter AG und bis 2024 im Gebrauch der Salzgitter Maschinenbau AG

Die Reichswerke Hermann Göring waren neben der I.G. Farben und der Vereinigte Stahlwerke AG der größte Konzern im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Die Bezeichnung „Reichswerke Hermann Göring“ ist eine vereinfachende Abkürzung, die sowohl den ganzen Konzern als auch einzelne Gesellschaften dieses Konzerns bezeichnen kann. Das erste Reichswerke-Unternehmen war die 1937 im späteren Salzgitter gegründete Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“. Später gab es beispielsweise auch die Reichswerke AG für Waffen- und Maschinenbau „Hermann Göring“ und die Reichswerke AG für Binnenschiffahrt „Hermann Göring“. Ab 1941 gab es als Konzernspitze die AG Reichswerke „Hermann Göring“.

Geschichte Seit 1919 war bekannt, dass die Eisenerze bei Salzgitter nicht nur tagesnah, sondern bis zu einer Tiefe von 1000 Metern in der Umgebung vorkommen. Die Voraussetzungen zur großtechnischen Verwertung dieser kieselsäurehaltigen Eisenerze lieferten Max Paschke und sein Assistent Eugen Peetz von der Bergakademie Clausthal durch ein im Jahre 1934 entwickeltes Hochofen-Verfahren, mit dem es möglich war, das saure Eisenerz zu Thomaseisen zu schmelzen. Im englischen Corby wurde das erste Eisenhüttenwerk gebaut, in dem dieses Verfahren zur Anwendung kam. Paul Pleiger reiste im Auftrag der Reichsregierung nach England, besichtigte das Werk und berichtete Hermann Göring positiv darüber. Das Vorkommen bei Salzgitter wurde nach der Erkundung durch 396 Tiefbohrungen auf ca. 3 Milliarden Tonnen Eisenerz mit einem Mindestgehalt von 23 Prozent geschätzt. Im Rahmen des Vierjahresplans zur Kriegsvorbereitung beschloss die nationalsozialistische Reichsregierung, im Raum Salzgitter ein Werk mit 32 Hochöfen zu bauen. Dieses Stahlwerk war ein kostspieliger Fehlschlag, der die deutsche Aufrüstung durch Entzug riesiger Mengen an Stahl und Arbeitskräften behinderte. Als Faustregel gilt, dass ein Stahlwerk erst 2 Jahre nach Produktionsbeginn die Stahlmengen reproduziert hat, die es zum Bau benötigte. Dazu kommt eine Bauzeit von weiteren 2 Jahren. Im Krieg blieb die Produktion dann gering.Rainer Haus: Lothringen und Salzgitter in der Eisenerzpolitik der deutschen Schwerindustrie von 1871–1940. Salzgitter 1991, S. 185. Der Aufbau der neuen Werke verschlang mehr Stahl, als dort überhaupt bis Kriegsende erzeugt wurde.

Gründung mini|Vorzugsaktie über 1000 RM der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ vom Februar 1939 Ein Ziel der Kriegsvorbereitungspolitik war, die Auslandsabhängigkeit bei Rohstoffen auf ein Minimum zu reduzieren. Dies betraf nicht nur Benzin und Gummi, sondern insbesondere auch Eisen und Stahl. Zur Ausbeutung geringwertiger EisenerzeHeinz-J. Bontrup/Norbert Zdrowomyslaw: Die Deutsche Rüstungsindustrie (siehe Literatur), S. 110 f. planten ab April 1937 Hermann Göring, Paul Pleiger und Hermann Alexander Brassert die Gründung der Reichswerke AG. Damit sollten „kriegswirtschaftliche Erfordernisse gesichert werden, was nur ungenügende Profitchancen für das Privatkapital bot.“Hans Mottek, Walter Becker, Alfred Schröter: Wirtschaftsgeschichte Deutschlands, Band III. 2., unveränd. Auflage. Dt. Verl. d. Wissenschaften, 1959, S. 127,

Diese Aktiengesellschaft mit Sitz in Berlin wurde am 15. Juli 1937 mit einem Grundkapital von 5 Millionen Reichsmark zunächst zum Abbau der in Deutschland lagernden eisenarmen Erze gegründet und am 29. Juli 1937 als „Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring“, Berlin, in das Handelsregister in Berlin eingetragen. Der Staat übernahm einen neunzigprozentigen Aktienanteil. Im Juni 1941 wurde der Sitz von Berlin nach Salzgitter verlegt. Die Einbeziehung von Görings Namen in den Firmennamen zeigte deutlich, dass Göring bei dieser Gründung des Vierjahresplans auch nach außen hin als Konzernherr auftreten wollte. Das Firmenzeichen zeigt eine stilisierte Faust, die einen Eisenring hält („Gö-Ring“).Streit um Göring-Ring In: taz. die tageszeitung vom 25. Juli 1989

An der Spitze der Aktiengesellschaft stand Göring, der zunächst Paul Pleiger zum Vorstandsvorsitzenden ernannte. Im ersten Aufsichtsrat nach Gründung saßen Paul Körner (Staatssekretär und Stellvertreter Görings für den Vierjahresplan), Dietrich Klagges (Ministerpräsident des Freistaats Braunschweig), Kurt Lange (Leiter der Finanzen im Rohstoffamt), Arthur Nasse (Ministerialdirigent im Reichswirtschaftsministerium), Hellmuth Röhnert (Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall-Borsig), Wilhelm Voß (Vorstandsvorsitzender von 1939 bis 1941) und Wilhelm Keppler (Leiter der Wirtschaftsorganisation in der NSDAP und Aufsichtsratsvorsitzender der Braunkohle Benzin AG (BRABAG)). Die Machtfülle Görings war übergroß, denn jede Bestellung oder Abberufung von Vorstand und Aufsichtsrat sowie die Verabschiedung der Geschäftsordnung bedurften seiner persönlichen Zustimmung.Gerd Wysocki: Arbeit für den Krieg. S. 27.

Der Abbau des Eisenerzvorkommens war zwar unrentabel, wurde aber innerhalb der Autarkiebestrebungen des Vierjahresplans zur Rüstungsproduktion als notwendig erachtet. Bei der Herstellung von 1 Tonne Roheisen entstanden bei der „sauren“ Verhüttung 1,25 Tonnen Schlacke. Da in der Stahlproduktion feuerfeste Materialien, wie Schamottesteine, unbedingt notwendig sind und die damalige Schamotteindustrie einen höheren Bedarf nicht decken konnte, war es für die Erreichung des Vierjahresplanes unerlässlich, dass bereits im Vorfeld auch die Kapazitäten der sogenannten Feuerfest-Industrie vervielfacht wurden. Hierfür wurden im November 1937 die Buchtal AG, Keramische Betriebe der Reichswerke „Hermann Göring“ in Schwarzenfeld gegründet, die zu 52 Prozent in Besitz der Reichswerke waren. Als Jahresproduktion wurden 50.000 Tonnen feuerfeste Materialien vereinbart. Im Zuge der Errichtung der Produktionsanlagen waren Paul Pleiger und Staatsrat Wilhelm Meinberg persönlich vor Ort, um sich zusammen mit dem „Betriebsführer“ der Buchtal-Werke Gottfried Cremer ein Bild vom Baufortschritt machen zu können.Gottfried Cremer: Buchtal-Chronik, (ohne Ort) 1982, S. 23. Dort auch ein Bild von Pleiger, Meinberg und Cremer von diesem Besuch. S. 19.

Konflikt mit der Ruhrindustrie Die Hermann-Göring-Werke waren ein Staatskonzern, denn neunzig Prozent der Stammaktien hielt das Reich, vertreten durch das Reichswirtschaftsministerium. Für die klassischen Ruhrindustriellen war dieser Konzern eine wirtschaftliche Konkurrenz, deren Gründung sie bekämpften. Eine Ausnahme davon bildete Friedrich Flick, der die Reichswerke mit Steinkohle belieferte und dafür eine schriftliche Bestätigung einer Bevorzugung bei der sogenannten „Arisierung“ von den Nationalsozialisten erhielt. Am 21. Oktober 1937 kam es schließlich zu einem „Friedensschluss“, wie ihn die Konzerne selber nannten, als sich bei Karl Kimmich (Vorstandsmitglied der Deutsche Bank AG), Paul Pleiger, Peter Klöckner und Friedrich Flick trafen.Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft. Berlin 1969, Band 1, S. 51.

Die Ruhrindustrie ließ gegen die verstärkte Förderung einheimischer Erze eigens ein Buch schreiben. Dieses erschien 1936 unter dem Titel „Die mineralischen Bodenschätze als weltpolitische und militärische Machtfaktoren“ von dem Autor Ferdinand Friedensburg. Darin stellte Friedensburg fest, dass mit Schweden besondere Vereinbarungen über verstärkte Lieferungen an Erzen geschlossen werden können und dass im Ersten Weltkrieg die Zufuhr der schwedischen Erze über die Ostsee militärisch sowie durch enge Bindungen der deutschen Hochofengesellschaften und den schwedischen Eisenerzgesellschaften gesichert worden ist. Weiterhin führte es aus, dass dem Imperialismus zu Unrecht ein anhafte, denn bei

Nach Görings Kalkül sollten die Reichswerke den Einfluss der Montanbarone auf das Rüstungsprogramm eindämmen. Das gelang Paul Pleiger, der bis Kriegsende als Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzender den Konzern leitete, durch die Unterstützung Görings bis zu einem gewissen Grad, indem er den Reichswerken in den angeschlossenen und überfallenen Ländern Hüttenwerke und Gruben im Kohle-, Eisen- und Nichteisenmetallsektor, Rüstungsbetriebe und Transportunternehmen einverleibte.Hans G. Helms: über August Meyer „Hitlers Holding – Die Reichswerke Hermann Göring.“ In: Deutschlandfunk 21. August 2000 Archiv

Auslandsexpansion mini|Hermann Göring betritt einen Dampfbagger bei den Feierlichkeiten zum Spatenstich am 13. Mai 1938 in Linz

Im März 1938 wurde nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft übernommen, woraufhin am 4. Mai 1938 die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ Linz als Tochtergesellschaft der Göring-Werke gegründet wurden. Das Gründungskapital von 5 Millionen Reichsmark aus dem Jahre 1937, das nun nicht mehr ausreichte, wurde daraufhin im April 1938 auf 400 Millionen Reichsmark erhöht. Damit war die Voraussetzung geschaffen worden, um weitere Gesellschaften des Auslands einzugliedern. Dies waren in Österreich die Eisenwerke Oberdonau GmbH in Linz sowie die 1941 fusionierte Simmering-Graz-Pauker AG für Maschinen-, Kessel- und Waggonbau. Ebenfalls übernahmen die Reichswerke den österreichischen Mischkonzern Steyr Daimler Puch, der in seinen Fabriken in Steyr u. a. Gewehre für die Wehrmacht und Waffen-SS produzierten. Hierfür setzten sie ab 1941 für den Bau von Flugzeugmotoren und ab 1943 zur Steigerung der Gewehrproduktion KZ-Häftlinge des KZ Gusen ein. Als Tochterfirma der Steyr Daimler Puch wurde bei St. Valentin am 19. September 1939 mit dem Bau des sogenannten Nibelungenwerkes begonnen, welches zu den größten Panzerfabriken des Deutschen Reiches zählte. Hier wurden die von den Eisenwerken Oberdonau gefertigten Einzelteile zu fertigen Panzern zusammengebaut. Insgesamt wurden hier ca. 44 % aller Panzer IV produziert.Geheimprojekte.at Nibelungenwerk – Sankt Valentin

Nach der sogenannten Zerschlagung der Rest-Tschechei 1939 wurden die Škoda-Werke mit der Sparte ASAP (Abkürzung für Aktiengesellschaft für die Automobilindustrie, heute Škoda Auto) in den Konzern eingegliedert ebenso die Československá zbrojovka Brno unter dem Namen Waffenwerke Brünn. Bereits Ende März 1939 bestanden die Reichswerke aus 84 Gesellschaften u. a. mit eigenem Transport- und Schifffahrtsunternehmen. Am 7. Juli 1939 erfolgte die Gründung der Holding Reichswerke AG „Hermann Göring“. Nach dem Überfall auf Polen wurden den Reichswerken alle Rüstungsbetriebe Polens treuhänderisch übereignet.Gerd Wysocki: Arbeit für den Krieg. S. 27 f. Hierzu zählten auch die Gewehrfabriken Radom und Warschau, welche Steyr Daimler Puch angegliedert wurden.

Die eigene Kohlebasis zur erweiterten Eisen- und Stahlherstellung war das nächste Ziel der Holding Hermann Göring. Zu diesem Zweck wurden unter anderem die Anteile an Braunkohlebergwerken der Aussiger Petscheks in Mitteldeutschland und Nordböhmen arisiert. Deren Anteile wurden mit dem Flick-Konzern gegen die Steinkohlevorkommen der Harpener Bergbau AG getauscht. In Österreich kam durch den Besitz der Alpinen Montangesellschaft das Kohlevorkommen Donawitz hinzu. In Brüx (damals Reichsgau Sudetenland) erfolgte die Gründung der Sudetenländischen Bergbau AG und bei Maltheuern nördlich von Brüx die Errichtung der Sudetenländischen Treibstoffwerke, eines der größten Hydrierwerke zur Herstellung synthetischen Benzins im damaligen deutschen Einflussbereich. Außerdem wurden die oberschlesischen Kohlevorkommen bei Kattowitz einverleibt sowie der Aktienbesitz im Ruhrgebiet bei der Bergbau AG Ewald-König Ludwig aufgestockt.Gerd Wysocki: Arbeit für den Krieg. S. 28. Während der nationalsozialistischen Besetzung Polens wurden die Bergwerke Preussengrube, Knurow und Oehringengrube von den Reichswerken Hermann Göring betrieben (1. Gruppe der Bergwerksverwaltung Oberschlesien der HGW).