miniatur|400px|Der Drususstein in der Mainzer Zitadelle (Zustand 2011) Der Drususstein (auch Eigel- oder Eichelstein genannt) ist ein knapp 20 m hoher, ursprünglich massiver Gussmauerwerkblock römischen Ursprungs auf dem Gelände der Mainzer Zitadelle. In der Forschung besteht mittlerweile weitestgehend Einigkeit darüber, dass es sich hierbei um den baulichen Überrest des bei antiken Autoren wie Eutropius oder SuetonEutropius Breviarium ab urbe condita, 7, 12-13; Sueton: Claudius, 1.3; 11,2 erwähnten Kenotaphs (Scheingrabs) für den römischen Feldherrn Drusus handelt.; Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. S. 463; Andreas Panter: Der Drususstein in Mainz und dessen Einordnung in die römische Grabarchitektur seiner Erbauungszeit. S. 102. Die ihm unterstellten römischen Truppen errichteten das Kenotaph nach seinem Tod im Jahr 9 v. Chr. im römischen Mogontiacum, dem heutigen Mainz.

Der Drususstein war ab der früheren Prinzipatszeit Ausgangspunkt für aufwendige Gedenkfeiern zu Ehren des Drusus und Mittelpunkt des Kaiserkults in Mogontiacum. Nachdem er im frühen Mittelalter seiner Außenverkleidung beraubt worden war, diente er ab dem 16. Jahrhundert als Wachturm im Rahmen der Befestigungsanlagen der Stadtzitadelle. Dafür wurde der bis dahin massive Baukörper soweit ausgehöhlt, dass eine Wendeltreppe eingebaut werden konnte. Diese führte von einer seitlich ausgebrochenen Türöffnung zu einer Öffnung am oberen Ende. Neben den baulichen Resten der Pfeiler des Aquäduktes und des Bühnentheaters ist der Drususstein einer der wenigen oberirdisch sichtbaren Reste des römischen Mogontiacums. Neben der Igeler Säule ist er auch das einzige seit der Antike an seinem Originalstandort oberirdisch erhaltene römische Grabmal nördlich der Alpen.Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz., S. 463

Geschichtlicher Hintergrund Der römische Feldherr und Stiefsohn des Augustus, Drusus, gründete spätestens um 13/12 v. Chr. das Legionslager Mogontiacum gegenüber der Mainmündung als einen der strategischen Ausgangspunkte für die Eroberung der Germania magna.Marion Witteyer: Mogontiacum – Militärbasis und Verwaltungszentrum. Der archäologische Befund. In: Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hrsg.): Mainz – Die Geschichte der Stadt. S. 1026. Im Rahmen der Drusus-Feldzüge (12 bis 8 v. Chr., beendet durch Tiberius) verstarb Drusus im Herbst 9 v. Chr. und wurde von seinem Bruder Tiberius und der römischen Armee zurück nach Mogontiacum gebracht. Dort ehrten die Soldaten den beliebten FeldherrnHans G. Frenz: Drusus maior und sein Monument in Mainz. S 394. Frenz führt diese Charakterisierung auf das antike Wahrnehmungsbild des Drusus bei Velleius Paterculus 2, 97, 2-4 und Tacitus: Annalen 2, 41; 6, 51 zurück. vor der Überführung des Leichnams nach Rom mit einer Gedenkfeier. Zu dieser Zeit entstand bei den Soldaten offenbar der spontane Wunsch, Drusus durch ein Denkmal oder Kenotaph dauerhaft in Mogontiacum zu ehren. Wahrscheinlich waren bereits entsprechende Bautätigkeiten in direkter Nähe zum Legionslager im Gange, als Augustus im Nachhinein das Vorhaben genehmigte.Dazu ausführlich: Heinz Bellen: Das Drususdenkmal apud Mogontiacum und die Galliarum civitas. Korrektur-Nachtrag. S. 96 ff. und insbesondere S. 98. Als besondere Ehrung für Drusus soll er, laut Sueton,Sueton: Claudius, 1, 5. persönlich eine Grabinschrift (Elogium) verfasst haben, die am Kenotaph angebracht wurde. Mit diesem Bauwerk wird der heute als Drususstein sichtbare Baurest in Verbindung gebracht.

Lage Der Drususstein liegt heute auf dem Jakobsberg, einer Anhöhe über der südlich gelegenen Mainzer Altstadt. Dort steht das Bauwerk circa 115 m über NN und damit in einer dominierenden Lage über dem am Rhein gelegenen Mainz. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde der Drususstein von der spätbarocken Mainzer Zitadelle umbaut und steht seitdem in der südlichen Spitzbastion namens Bastion Drusus.

Bei der Anlage des Monuments war das einige Jahre vorher errichtete Legionslager etwa 800 m in nordwestlicher Richtung entfernt. Ein dazwischenliegender, circa 600 × 800 m großer freier Platz war vermutlich ein Übungs- und Exerzierfeld für die dort stationierten Soldaten. Möglicherweise fanden hier auch die in der antiken LiteraturSueton Claudius, 1, 3. erwähnten militärischen Kulthandlungen und Reiterspiele zum Gedenken des Drusus statt.Decker und Selzer: Mainz von der Zeit des Augustus bis zum Ende der römischen Herrschaft. S. 475. In circa 340 m nordöstlicher Richtung und in Sichtweite des Drusussteins lag später das römische Bühnentheater, das dadurch in der Wissenschaft auch als Teil des Kultensembles im Rahmen der Drususverehrung interpretiert wird.Wolfgang Spickermann: Mogontiacum (Mainz) als politischer und religiöser Zentralort der Germania superior. S. 169.

Bauforschung Erstmals werden wissenschaftliche Beobachtungen am Drususstein im Rahmen von Baumaßnahmen im 18. Jahrhundert erwähnt. Im Rahmen von Unterfangungsmaßnahmen zur Stabilisierung des militärisch genutzten Drusussteins wurden dessen Sockel und Fundament freigelegt, und der Grundbau des Monuments konnte dadurch in situ beobachtet werden.Ausführlich dazu und ebenfalls zu den Ausgrabungen des Mainzer Altertumsvereins durch den Architekten W. Usinger im Jahr 1880: Hans G. Frenz: Drusus Maior und sein Monument zu Mainz. Dies geschah zu einer Zeit, in der in Mainz durch verstärkte Bautätigkeit vor allem an den Befestigungsanlagen viele römische Baureste entdeckt wurden und damit das Interesse an dem römischen Mogontiacum deutlich zunahm. Eine umfangreiche Untersuchung führten 1880 Mitglieder des Mainzer Altertumsvereins durch.Wilhelm Velke: Der Eigelstein bei Mainz. In: Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der Rheinischen Geschichte und Alterthümer. Band 3, Mainz 1868-1887, S. 364–382. Neben Vermessungsarbeiten wurde auch der untere Bauabschluss des Drusussteins untersucht. Sanierungsmaßnahmen am Objekt führten in den 1960er Jahren zu einer deutlichen Verschlechterung der Bausubstanz, auch wurde die ursprüngliche Einschnürung in der Mitte des Drusussteins mit Mauerwerk aufgefüllt, so dass dessen charakteristische Gestalt verloren ging. Ausgrabungen und anschließende Sanierungsmaßnahmen an der Bausubstanz durch das Amt Mainz der Archäologischen Denkmalpflege am Drususstein seit den 1990er Jahren sowie die Beseitigung von wildem Pflanzenbewuchs sicherten den Erhalt des Drusussteins. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden der Drususstein sowie die in ihm eingearbeiteten Großquader im Rahmen einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit exakt vermessen und ausgewertet.Andreas Panter: Der Drususstein in Mainz und dessen Einordnung in die römische Grabarchitektur seiner Erbauungszeit.

Bautechnische Beschreibung In seinem heutigen ZustandDie bautechnische Beschreibung basiert auf den jüngsten ausführlichen Untersuchungen durch Andreas Panter zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dieser promovierte 2005, als Denkmalpfleger aus dem bautechnisch-architektonischen Bereich kommend, mit seiner, auch praktischen, Untersuchung zum Drususstein. In Zusammenarbeit mit Gerd Rupprecht von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz - Direktion Landesarchäologie Mainz entstand die unter der Literatur aufgeführte Buchpublikation im Rahmen der Mainzer Archäologischen Schriften. hat der Drususstein die Form eines massiven, oben abgeflachten und sich leicht verjüngenden Zylinders. An seiner Nordostseite ist der Drususstein circa 21 m hoch. Die baulichen Überreste können in zwei Abschnitte eingeteilt werden: In eine quadratische Basis als nur teilweise sichtbarer Unterbau und in einen zylindrischen Hauptteil mit relativ gleichmäßigem, flachem Abschluss. Ein sicher anzunehmender dritter Abschnitt, der obere Abschluss des Kenotaphs, ist nicht erhalten und kann nur über vergleichende Forschung im Bereich römischer Denkmal- und Grabarchitektur erschlossen werden. Jegliche äußerliche Verkleidung oder Verzierung des Kenotaphs fehlt seit dem frühen Mittelalter.

Als Basis des sichtbaren zylindrischen Baukörpers dient ein nur teilweise sichtbarer quadratischer Unterbau. Dieser weist in heutigem Erhaltungszustand (2011) eine Kantenlänge von circa 12,20 m und eine durchschnittliche Höhe von circa 10,31 m auf. Seine Ecken sind stark abgewittert, so dass der untere Teil des zylindrischen Hauptkörpers direkt und ohne größere Einbuchtung an die Oberkante anschließt.

Die sichtbaren Reste des zylindrischen Hauptabschnittes sind durchschnittlich circa 11,94 m hoch und bestehen aus einer Kernmauerwerksmasse aus Mörtel und Bruchsteinen sowie, darin verstreut eingebaut, einzelnen Großquadern. Ein Mauerwerksgürtel umschließt als äußerer Teil des Zylinders den unteren Teil des zylindrischen Oberbaus, umfasst dort das ganze Bauwerk und weist einen nahezu kreisrunden Querschnitt auf. Aufgrund verschiedener Indizien wie Baufugen und verschiedener Materialien kann eine Fertigung in mehreren Bauabschnitten festgestellt werden. Verwendet wurden hierzu weißlicher Kalkstein, roter und hellbeige bis weißlicher Sandstein. Oberhalb dieses 3 bis 4 m hohen Abschnitts folgt der restliche Teil des Oberbaus bis zum Abschluss des Bauwerks. Das offen zu Tage tretende Gussmauerwerk ist relativ homogen und besteht aus etwa gleich großen, mit Zement breit verfugten Bruchsteinen. In diesen Bereich sind wieder Großquader aus Sandstein und Kalkstein eingefügt, die, wie einige Großquader an anderer Stelle des Bauwerks, bogenförmige Bearbeitungsspuren eines römischen Spitzeisens aufweisen.

Veränderungen des Kenotaphs Seit seiner mutmaßlichen Fertigstellung nicht lange nach dem Tod des Drusus im Jahr 9 v. Chr. wurde mehrfach stark in die Bausubstanz eingegriffen. Erste größere Schäden hat das Kenotaph wahrscheinlich infolge des Bataveraufstandes erfahren, bei dem lediglich das Legionslager standhielt und unzerstört blieb.Tacitus, historiae, 4, 15 Entsprechende Befunde sind auch aus der Zivilsiedlung bekannt, wo beispielsweise die große steinerne Thermenanlage am Tritonplatz in diesem Zeitraum zerstört wurde. Eine zügige Instandsetzung und Restaurierung des Kenotaphs nach Wiederherstellung der Ordnung darf allerdings angenommen werden. Dass hierbei Spolien aus den durch die Aufständischen zerstörten Steinbauten verwendet wurden, wurde lange vermutet.So unter anderem von dem Historiker Hans Ulrich Instinsky: Historische Fragen des Mainzer Drususdenkmals. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. 7, 1960, S. 180–196; und von Karl-Viktor Decker, Wolfgang Selzer: Mainz von der Zeit des Augustus bis zum Ende der römischen Herrschaft. S. 474. Auch Heinz Bellen: Das Drususdenkmal apud Mogontiacum und die Galliarum civitas. greift das Thema auf. Die weiter oben beschriebenen Großquader wurden entsprechend als Spolien zerstörter Steingebäude gedeutet. Die neueren bautechnischen Untersuchungen durch Panter ergaben allerdings keinen belegbaren Zusammenhang beziehungsweise keinen Hinweis auf Spolienverwendung (siehe dazu auch das folgende Kapitel zum Thema „Datierung“).