350px|Das Wohltemperierte Klavier „Das Wohltemperirte Clavier“, Titelseite Johann Sebastian Bach beendet die Komposition seines Wohltemperierten Claviers (Band I) Dieser Artikel behandelt das Musikjahr 1722.
Ereignisse Johann Sebastian Bach Johann Sebastian Bach ist seit dem 7. August 1717 Kapellmeister und Director derer Cammer-Musiquen am Hof des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen in Köthen. Bach schätzt den musikalischen jungen Fürsten, der oft als Violinist im Orchester mitwirkt und ihm offenbar auch persönlich nahe steht. Bach kann in Köthen für eine hervorragende Kapelle komponieren. Fürst Leopold hat bis zu 17 Musiker angestellt, die zum Teil aus der 1713 aufgelösten Kapelle des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. stammen. Acht der Instrumentalisten, unter ihnen Christian Ferdinand Abel, haben Solistenqualität und den Rang eines Cammermusicus. mini|Clavier-Büchlein vor Anna Magdalena Bachin Anno 1722, Deckblatt Johann Sebastian Bach und seine zweite Frau Anna Magdalena stellen als Beitrag zur musikalischen Erziehung ihrer Kinder das erste Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach zusammen. Das Notenbüchlein enthält die Frühfassungen der Französischen Suiten. Bach vollendet in Köthen Teil I seines Werkes Das Wohltemperierte Klavier (BWV 846–869) für die damals üblichen Tasteninstrumente (Cembalo, Spinett, Clavichord). Es besteht aus 24 Satzpaaren von je einem Präludium und einer Fuge in allen Dur- und Molltonarten, chromatisch aufsteigend angeordnet von C-Dur bis h-Moll. Bachs Eigentitel auf dem Titelblatt des Autographs von 1722 lautet: Das Wohltemperirte Clavier oder Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia, so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend. Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget von Johann Sebastian Bach. p. t: Hochfürstlich Anhalt-Cöthenischen Capel-Meistern und Directore derer Camer Musiquen. Anno 1722. Aus nicht ganz klaren Gründen wendet sich Fürst Leopold von Bachs Ensemblemusik immer mehr ab, was diesen veranlasst, sich nach neuen Stellen umzusehen. Bach mutmaßt, dass diese Abwendung durch die Gemahlin des Fürsten, Friederike Henriette von Anhalt-Bernburg, die dieser 1721 geheiratet hat, verursacht ist. Durch den Tod Johann Kuhnaus am 5. Juni wird in Leipzig die Stelle des Thomaskantors frei. Nach einem ersten Probespiel am 14. Juli wird von den Bewerbern, zu denen Johann Friedrich Fasch (Kapellmeister am Hofe zu Anhalt-Zerbst) und Christian Friedrich Rolle (Musikdirektor in Magdeburg) zählen, Georg Philipp Telemann gewählt. Da Telemann auf Grund einer Gehaltserhöhung in Hamburg bleibt, wird eine zweite Kantoratsprobe anberaumt, bei der neben Georg Friedrich Kauffmann aus Merseburg, der freiwillig zurücktritt, Christoph Graupner (Kapellmeister in Darmstadt) und Balthasar Schott (Organist an der Neuen Kirche in Leipzig) auch Johann Sebastian Bach kandidiert. Sein Probespiel wird im Februar 1723 stattfinden.
Georg Friedrich Händel Georg Friedrich Händel ist in London als musikalischer Direktor der Royal Academy of Music, eines neuen Opernunternehmens auf Subskriptionsbasis am King’s Theatre, tätig. Neben Händel beschäftigt die Akademie zeitweise noch die Komponisten Giovanni Bononcini und Attilio Ariosti. Das Publikum spaltet sich in Parteien, die sich entweder hinter Händel oder Bononcini stellen. Insbesondere in der Anfangszeit sind Bononcinis Aufführungen erfolgreicher als Händels. Finanziell ergeht es Georg Friedrich Händel zu dieser Zeit gut, das Geschäft mit seiner eigenen Musik blüht. So ist er etwa am Verkauf von Eintrittskarten und Noten beteiligt. Die Pension, die er vom englischen Königshaus erhält, macht nur etwa ein Viertel seines Einkommens aus. Um 1722 veröffentlicht Händel die sechs Triosonaten op. 2 für zwei Violinen und Basso continuo bei dem französisch-niederländischen Drucker und Verleger Estienne Roger. Sie entsprechen durchgängig der viersätzigen italienischen Kirchensonatenform. Dieser entsprechen auch die 15 Solosonaten op. 1, die ebenfalls um 1722 von Roger in Amsterdam erstmals publiziert werden.
Alessandro Scarlatti Alessandro Scarlatti, der in Neapel als Kapellmeister der Cappella Reale tätig war, hält sich in den Jahren 1717 bis 1722 überwiegend in Rom auf. Hier wird er die Reihe seiner Opern mit mehreren Werken für das Teatro Capranica abschließen. Scarlatti erarbeitet für das Teatro Capranica eine Neufassung seiner Oper Arminio, die erstmals am 27. September 1703 in der Villa Pratolino in Florenz aufgeführt worden war. Der Inhalt der Oper basiert auf dem Leben Arminius’, des Fürsten der Cherusker, der den Römern im Jahre 9 n. Chr. in der Varusschlacht mit der Vernichtung von drei Legionen eine ihrer verheerendsten Niederlagen beibrachte.
Domenico Scarlatti Domenico Scarlatti ist seit 1719 in Lissabon Musiklehrer und Hofkapellmeister am Hofe des frommen und verschwendungssüchtigen Königs Johann V. Scarlatti hat hier vor allem geistliche Vokalwerke zu liefern und schreibt auch einige weltliche Serenatas. Er unterrichtet außerdem den jüngeren Bruder des Königs Dom António (1695–1757) und die an Asthma leidende portugiesische Prinzessin Maria Bárbara de Bragança am Cembalo, die sich als hochbegabte Musikliebhaberin erweist.
Georg Philipp Telemann mini|Telemanns Entlassungsgesuch an die Hamburger Ratsherren Georg Philipp Telemann ist seit 1721 Cantor Johannei und Director Musices der Stadt Hamburg, eines der angesehensten musikalischen Ämter Deutschlands. In seinem neuen Amt verpflichtet sich Telemann zur Komposition von zwei Kantaten wöchentlich und einer Passion pro Jahr, in späteren Jahren greift er allerdings bei seinen Kantaten auf frühere Werke zurück. Daneben komponiert er zahlreiche Musiken für private und öffentliche Anlässe, etwa für Gedenktage und Hochzeiten. Das Amt des Cantoris Johannei ist auch mit einer Tätigkeit als Musiklehrer des Johanneum verbunden; seinen Verpflichtungen zu außermusikalischem Unterricht kommt Telemann jedoch nicht selbst nach. Außerdem baut er das bereits 1660 von Matthias Weckmann gegründete, aber mittlerweile nicht mehr konzertierende Collegium musicum neu auf. Die Eintrittskarten verkauft er persönlich. Telemann übernimmt für ein Jahresgehalt von 300 Talern auch die Leitung der Hamburgischen Oper. Dieses Amt wird er bis zur Schließung des Hauses im Jahr 1738 ausüben. Telemann hat in der Hansestadt mehr Ärger, als von ihm erwartet. Der Ratsdrucker verweigert eine Beteiligung Telemanns am Verkaufserlös der Kantaten- und Passions-Textheftchen. Aus dem darauffolgenden langwierigen Rechtsstreit wird Telemann erst 1757 siegreich hervorgehen. Zudem beschwert sich das Kollegium der Oberalten, als Telemann 1722 einige Kantaten in einem vornehmen Wirtshaus (gemeint war das Baumhaus im Hamburger Hafen) aufführen will. Zusammen mit der unzureichenden Bezahlung und seiner zu kleinen Wohnung bewegen ihn diese Vorfälle dazu, sich nach dem Tode Johann Kuhnaus um die Stelle als Thomaskantor in Leipzig zu bewerben. Unter den sechs Bewerbern um die Stelle als Thomaskantor wird Telemann einstimmig gewählt, worauf er am 3. September ein Entlassungsgesuch einreicht. Da der Hamburger Rat sein Gehalt um 400 Mark lübisch erhöht, lehnt Telemann die Stelle als Thomaskantor etwas später ab und bleibt in Hamburg. Seine gesamten Jahreseinkünfte betragen damit etwa 4.000 Mark lübisch.
Antonio Vivaldi Antonio Vivaldi ist seit 1718 in Mantua tätig, wo er in Diensten von Prinz Philipp von Hessen-Darmstadt hauptsächlich als Intendant und Opernkomponist arbeitet.
Weitere biografische Ereignisse Tomaso Albinoni erreicht den Höhepunkt seiner Karriere. Nach der Veröffentlichung seiner bis dahin ambitioniertesten Konzertsammlung, der 12 Concerti a cinque op. 9, die dem Kurfürsten Maximilian II. Emanuel von Bayern gewidmet sind, erhält er zwei Kompositionsaufträge aus München: Für die Hochzeit von Maximilians Sohn Karl Albrecht, dem späteren Kaiser Karl VII., mit Maria Amalie, der Tochter des verstorbenen Kaisers Joseph I., schreibt Albinoni die Oper I veri amici und das kleinere „componimento poetico“ II trionfo d’Amore. Die sehr erfolgreichen Uraufführungen am 24. Oktober und 4. November in München dirigiert er selbst. In einem Bericht darüber in Johann Matthesons Critica Musica wird besonderer Wert auf die Feststellung gelegt, dass bei der Veranstaltung „der rechte Albinoni“ mitgewirkt hat, da zu dieser Zeit in Deutschland und Schweden ein Betrüger unterwegs ist, der sich „für den Tomaso Albinoni von Venedig“ ausgibt. mini|hochkant|Francesca Cuzzoni (1696–1778), Pastell von Rosalba Carriera (?) Die Sopranistin Francesca Cuzzoni ist in der Karnevalsaison 1721–1722 am Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig unter Vertrag, zusammen mit der Altistin Vittoria Tesi, dem berühmten Altisten Antonio Bernacchi, dem Tenor Annibale Pio Fabbri sowie dem Altkastraten Gaetano Berenstadt. Sie alle wirken in den Uraufführungen der folgenden drei Opern mit: Plautilla von Antonio Pollarolo, Giulio Flavio Crispo von Giovanni Maria Capelli, und Venceslao, einer Gemeinschaftsproduktion von Giovanni Porta, Pollarollo und Capelli. André Campra wird stellvertretender Kapellmeister der Chapelle Royale in Versailles. mini|hochkant|Karikatur von Farinelli in einer Frauenrolle Der jugendliche Farinelli tritt zu Beginn seiner Karriere vor allem in Frauenrollen auf, und zwar im Teatro Alibert in Rom als Placidia in Porporas Flavio Anicio Olibrio (Rom, Karneval 1722), als Palmira in Cosroe von Carlo Francesco Pollarolo (Karneval 1722) und als Sofonisba in Luca Antonio Predieris gleichnamiger Oper (Karneval 1722). 1722 soll Farinelli auch in Porporas Oper Eumene aufgetreten sein. Und laut einer bekannten aber nicht verifizierbaren Anekdote soll der siebzehnjährige Sänger in einem Wettstreit einen beliebten Solo-Trompeter übertroffen haben, sowohl im Halten und Schwellen eines Tones in erstaunlicher Länge als auch in Reinheit und Kraft, Variationen und Trillern. Johann Friedrich Fasch wird Hofkapellmeister in Zerbst, wo er für den Rest seines Lebens bleibt. Christoph Graupner bewirbt sich auf Empfehlung Georg Philipp Telemanns um die bereits durch diesen abgelehnte Stelle des Thomaskantors in Leipzig. Da Norddeutschland ihm wenig Perspektiven bietet, reist Johann Adolph Hasse nach Italien und studiert von 1722 bis 1725 in Neapel Komposition bei Nicola Porpora und Alessandro Scarlatti. Conrad Friedrich Hurlebusch erhält eine Anstellung als Hofkapellmeister am königlichen Hof in Stockholm, der weitere Engagements in gleicher Position in Bayreuth, Hamburg und Braunschweig folgen werden. Georg Friedrich Kauffmann gehört im Herbst des Jahres zu den sieben Bewerbern um die Nachfolge Johann Kuhnaus als Leipziger Thomaskantor. Nach einem Bericht des Hollsteinischen Correspondenten aus Hamburg vom 8. Dezember dirigiert Kauffmann am 29. November, dem 1. Adventssonntag, seine Probekantate. Weil seinen Mitbewerbern Christoph Graupner und Johann Sebastian Bach je zwei Kantatenaufführungen zugestanden werden, gestattet der Leipziger Stadtrat auch ihm auf sein Bitten hin eine weitere Probeaufführung. Giuseppe Maria Orlandini wird Impresario am Teatro della Pergola in Florenz. Er wird diese Aufgabe bis 1751 wahrnehmen. mini|Jean-Philippe Rameau – Traité de l’harmonie réduite à ses principes naturels – Titelseite der Publikation – Paris 1722 Nicola Antonio Porpora, dessen Karriere der sensationelle Erfolg seines Meisterschülers Farinelli starken Auftrieb gegeben hat, legt sein Amt am Conservatorio Sant’Onofrio in Neapel nieder, um sich in den nächsten drei Jahren ganz der Förderung von Farinellis Sängerlaufbahn widmen zu können.