mini|hochkant|Amazone Typ Sciarra, Antikensammlung Berlin, römische Marmorreplik des griechischen Bronze-OriginalsVerwundete Amazone des Polyklet von Argos, museum-digital, 6. Oktober 2023

Als Amazonen () werden in griechischen Mythen und Sagen einige Völker bezeichnet, bei denen Frauen „männergleich“ in den Kampf zogen.Erstmals so beschrieben bei Homer, Ilias 3,189 und 6,186: (= ), „männergleich“; Homerisch hat die Bedeutung „gleich“; siehe Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. 3. Auflage. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914, Band 1, S. 249. Antike Autoren verorteten Amazonen in verschiedenen Regionen am Schwarzen Meer: im oder nördlich des Kaukasusgebiets, vor allem aber im nordanatolischen Teil des Pontosgebiets, in dem ihre Hauptstadt Themiskyra (am Thermodon) gelegen haben soll. Auch in Karien, Lykien und in Libyen sollen Amazonen gelebt haben. Es wird von Amazonenköniginnen und Stadtgründerinnen berichtet. Amazonen wurden als sterblich beschrieben.

Zahlreiche Werke der griechischen Kunst stellen (bevorzugt auf Vasen) ab ca. 550 v. Chr. Amazonen als wagemutige Kämpferinnen und Reiterkriegerinnen dar. Im 4. Jahrhundert v. Chr. waren Darstellungen des „Amazonenkampfes“ (Amazonomachie) beliebt. Zwei Waffen sind den Darstellungen von Amazonen ab dem letzten Drittel des 5. Jahrhunderts v. Chr. eigentümlich: die Labrys, eine auch als Amazonenaxt bezeichnete Doppelaxt, sowie die Pelte, ein kleiner, halbmondförmiger Schild. Die typische Kleidung der Amazonen besteht aus einem kurzen Chiton, der oft die rechte Brust unbedeckt lässt.

Herkunft des Namens Seit der Antike ist die Herleitung des Namens umstritten und bis heute ungeklärt.Ausführlich über die zahlreichen Hypothesen zur Etymologie: Josine H. Blok: The Early Amazons. Modern & Ancient Perspectives on a Persistent Myth. Brill, Leiden 1994, S. 21–37. Eine Reihe antiker Autoren führten die griechische Bezeichnung „Amazone“ auf a-mazos ( „brustlos“) zurück.Erstmals belegt bei Hellanikos von Lesbos, Die Fragmente der griechischen Historiker 4 F 107. Denn die Amazonen sollen ihren kleinen Töchtern die rechte Brust verstümmelt haben, damit diese später den Bogen ungehindert abschießen konnten.Scholion und Eustathios zu Homer, Ilias 3,189; Diodor 2,45; Iustin 2,4,5; Bibliotheke des Apollodor 2,5,9. Allerdings wurden Amazonen in den griechischen Darstellungen gewöhnlich mit zwei Brüsten wiedergegeben und nach Philostrat wurden sie nur nicht an der Brust gestillt.Philostratos, Heroicus 20,42.

Andere Erklärungen leiteten den Namen von a-maza ( „brotlos“) her.Ailios Herodianos 1,28 (Edition Lentz). Hierzu passt die Bemerkung des Aischylos, der sie in seinen Schutzflehenden als kreoboros ( „mit Fleisch gefüttert“) bezeichnet.

Ebenfalls wurde an eine Herleitung von zone ( „Gürtel“ von „gürten“) gedacht. Ama-zone bedeutete demnach etwa „wohlgegürtet“ und hätte auf die Tracht der Amazonen angespielt, die sich so auch im Mythos vom Raub des Gürtels der Hippolyte durch Herakles widerspiegelt.Isidor, origines 9,2,64; Themistagoras bei John Anthony Cramer: Anecdota Graeca e codicibus manuscriptis bibliothecarum Oxoniensium descripta. Band 1. 1835, S. 80 (). Josine H. Blok: The Early Amazons. Modern & Ancient Perspectives on a Persistent Myth. Brill, Leiden 1994, S. 23 f. mit Anm. 6 zum Bezug des auf den Herakles-Mythos. Siehe zu diesem und die Verwendung von für den Gürtel der Hippolyte auch Adolf Klügmann: Die Amazonen in der attischen Literatur und Kunst. Stuttgart 1875, S. 13 f. () Erwogen wurde auch eine Zusammensetzung aus hama und zosai () im Sinne von „zusammen lebend“.Maurus Servius Honoratus, Kommentar zu Vergils Aeneis 1,490.

Griechische Mythologie, Geschichtsschreibung und Dichtung Eines der ältesten schriftlich festgehaltenen Werke Europas, die Ilias des antiken Dichters Homer (vermutlich 8. Jahrhundert v. Chr.), schildert zwei Ereignisse, die sich vor dem Trojanischen Krieg ereigneten und bei denen Amazonen in Erscheinung traten. Homer setzte die Mythen um die Amazonen als bekannt voraus, folglich gab es sie schon vor seiner Zeit:

Im Zusammenhang mit dem Bellerophon-Mythos kämpft der griechische Held Bellerophon, Großvater der vor Troja kämpfenden Brüder Glaukos und Sarpedon, bei seinem Aufenthalt in Lykien unter anderem gegen Amazonen. Priamos, der König von Troja (Ilion), kämpft in seiner Jugend auf Seiten der Phryger, als diese am Fluss Sangarios von Amazonen angegriffen werden.

mini|Karte des Kaukasus-Gebirges mit den Sied­lungs­gebieten von Sarmaten und rechts oben der Amazonen (anonymer Kupferstich aus London, um 1770) mini|Das Schwarze Meer und Kleinasien

Im Epos Aithiopis, das an die Dichtungen Homers anschließt und dessen Original vermutlich von Arktinos von Milet stammt, aber nicht erhalten ist, wird folgendes Ereignis berichtet: Während des Trojanischen Krieges, als die Amazonen bereits nicht mehr so mächtig waren, sollen sie unter ihrer Königin Penthesilea den Trojanern zu Hilfe gekommen sein und die Griechen in arge Bedrängnis gebracht haben. Mit großen Anstrengungen und durch das Eingreifen des Helden Achill siegten die Griechen. Penthesilea fiel im Kampf gegen den beinahe unverwundbaren Achill.

Der Historiker Herodot schrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen Historien, dass die zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer ansässigen Sauromaten (Vorgänger der Sarmaten) aus einer Vermischung von Skythen und Amazonen entstanden seien. Herodot beschrieb auch aus seiner Sicht ungewöhnliche Bräuche der Lykier, die in Südwest-Kleinasien lebten. Die Lykier benannten sich noch zu Herodots Zeit nach ihren Müttern, hatten also eine matrilineare Abstammungsregel. Außerdem richtete sich der Status eines Kindes nach dem Ansehen seiner Mutter. War sie aus dem Bürgerstand, bekamen automatisch auch ihre Kinder Bürgerrechte, selbst wenn der Vater ein Sklave war. War ihre Mutter hingegen unfrei, so bekamen auch die Kinder keine Bürgerrechte, selbst wenn der Vater ein angesehener Bürger war. Dies deutet auf eine hohe Stellung der Frau in dem Teil Lykiens, den Herodot bereiste. Die mutterrechtlichen Regelungen könnten Herodot auf die Idee gebracht haben, es handele sich hierbei um Nachfahren der mythischen Amazonen.

In einer angeblich vom athenischen Logographen Lysias Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. verfassten Grabrede für Gefallene im Korinthischen Krieg heißt es, dass die Amazonen einst Töchter des Ares gewesen seien, am Thermodon lebten und im Gegensatz zu ihren Nachbarvölkern bereits Waffen aus Eisen benutzten. Letzteres sowie der Umstand, dass sie die ersten gewesen seien, die auf Pferden ritten, verschaffte ihnen gegenüber ihren Nachbarvölkern Vorteile, die sie – gepaart mit heldenhaftem Mut, mit dem sie Männern glichen – nutzten, große Gebiete zu unterwerfen. Ein Angriff auf Athen endete jedoch für die Amazonen mit einer Niederlage.Lysias 2,4-7.

In der Argonautensage, deren älteste vollständig erhaltene Version Apollonios von Rhodos im 3. Jahrhundert v. Chr. verfasste, wagen die Argonauten auf dem Weg nach Kolchis nicht, an bestimmten Abschnitten der kleinasiatischen Schwarzmeerküste anzulegen, an denen die Amazonen gelebt haben sollen.

mini|links|hochkant=0.5|Amazone in Hosen mit Schild und Köcher (attisches Alabastron, um 470 v. Chr.)

Der Geschichtsschreiber Diodor hielt sich im 1. Jahrhundert v. Chr. längere Zeit in Ägypten auf. Er schrieb über Amazonen in Nordwest-Afrika, die lange vor den kleinasiatischen Amazonen gelebt und unter ihrer Königin Myrina ganz Nordafrika unterworfen haben sollen. Diese libyschen Amazonen wurden bereits von Herodot erwähnt. In einem späteren Abschnitt seines Werks hielt Diodor die Unterscheidung zwischen kleinasiatischen und libyschen Amazonen nicht aufrecht. So sollen es kleinasiatische Amazonen gewesen sein, die einige Inseln der Ägäis angriffen und später Athen belagerten.

Der Geograph und Historiker Strabon schreibt gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in seiner Geographie, die Hauptstadt der Amazonen sei Themiskyra am Fluss Thermodon im kleinasiatischen Teil des Pontos-Gebiets gewesen. Er zweifelt dabei Schilderungen an, die Amazonen hätten viele Völker unterworfen und sogar Athen angegriffen. Strabon kritisiert ferner, dass die alten Quellen keine oder nur unglaubwürdige Auskünfte darüber gäben, wohin die Amazonen gezogen sind, nachdem sie aus dem Gebiet um den Thermodon vertrieben worden waren.Strabon, Geographie 11,5,4. Auch zweifelt er an den Berichten, dass die Amazonenkönigin Thalestris Alexander den Großen aufgesucht habe, da sie sich bezüglich der Herkunft der Amazonenkönigin widersprächen und die „glaubwürdigsten“ Autoren diese Sage nicht erwähnten.Strabon, Geographie 11, 5, 4. An anderer Stelle seines Werks geht Strabon ausführlich auf Amazonen ein, die im nördlichen Kaukasus gelebt haben sollen, nach älteren Quellen, die Strabon zitiert, nördlich der kaukasischen Albaner oder als Nachbarn der Gargarier, in Keraunien.Strabon, Geographie 11,5,1. Die Amazonen in dieser Region lebten die meiste Zeit des Jahres unter sich, betrieben Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht, gingen auf die Jagd und tätigten Kriegsgeschäfte. An zwei Monaten im Frühling träfen sie sich mit den Gargariern auf einem Berg, der beide Gebiete trennt, und zeugten mit ihnen bei Dunkelheit Kinder. Waren alle Amazonen schwanger, verließen sie die Garganer. Die aus diesen Verbindungen gezeugten Mädchen zögen die Amazonen selber auf, die Jungen übergäben sie den Gargariern.Strabon, Geographie 11,5,2. Die Gargarier seien laut ungenannten Quellen, auf die sich Strabon stützt, zusammen mit den Amazonen aus Themiskyra in die Gegend gewandert und anschließend von ihnen abgefallen. Nachdem man einige Zeit gegeneinander Krieg geführt hatte, schlossen sie Frieden miteinander und kamen überein, dass beide Völker für sich leben und man nur gemeinsam Kinder zeugt.Strabon, Geographie 11,5,3. Das Gebiet der Amazonen, die Strabon beschreibt, durchzog ein Fluss namens Mermadalis, der im weiteren Verlauf noch andere Regionen durchfloss, bis er ins Asowsche Meer mündete.

Der Geograph Pomponius Mela berichtete um 44 n. Chr., die Amazonen lebten jenseits der Küste des Kaspischen Meeres, wo die Komaren, Massageten, Kadusier, Hyrkanier und Iberer ansässig waren.Mela, Chorographia 1,12.

Griechische Erzählungen erwähnen auch verschiedene Inseln, auf denen zeitweise Frauen ohne Männer gelebt haben sollen. Dort hätten die Frauen nur zu bestimmten Zeiten mit Männern benachbarter Siedlungen Kontakt, um von ihnen geschwängert zu werden. Diese Frauengemeinschaften werden aber nicht durchgängig als Amazonen bezeichnet. So sollen beispielsweise die Mittelmeerinseln Lesbos und Lemnos zeitweise solche „Fraueninseln“ gewesen sein. Über die Frauen von Lemnos wurde gesagt, sie hätten sich gegen ihre Männer erhoben und im Lemnischen Frevel alle gleichzeitig ermordet.

Herakles-Mythos mini|Zwei Amazonen im Kampf mit einem Griechen (Relief aus Athen, 4. Jahrhundert v. Chr.)

Im dorischen Herakles-Mythos wird die Amazonenkönigin Hippolyte von Herakles erschlagen, der ins Amazonenland aufgebrochen war, um den Zaubergürtel (oder Waffengurt) der Königin zu erlangen. Obwohl beide Seiten keine kriegerischen Absichten hatten, kam es durch ein Missverständnis zum Kampf. In dessen Verlauf tötete Herakles die Königin und weitere Amazonen. Aus Ehrfurcht vor dem starken Helden händigen die Amazonen Herakles den Gürtel daraufhin aus. In einer anderen Version tötet Herakles die Königin nicht, sondern tauscht ihre gefangen genommene Schwester Melanippe gegen den Gürtel ein.

Theseus-Mythos mini|Kampf zwischen Griechen und Amazonen (Relief auf einem Sarkophag aus Thessaloniki, 2. Jahrhundert n. Chr.)