mini|Illustration von Aubrey Beardsley, 1894

Der Doppelmord in der Rue Morgue (auch: Die Morde in der Rue Morgue; englisch The Murders in the Rue Morgue []) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe, die erstmals im April 1841 in der Zeitschrift Graham’s Magazine erschien. Sie ist die erste von drei Kurzgeschichten, die sich um den deduktiv analysierenden Detektiv C. Auguste Dupin drehen.

mini|Illustration des Doppelmordes in der Rue Morgue von Daniel Urrabieta y Vierge, 1870

Inhalt Zusammen mit seinem Partner untersucht C. Auguste Dupin unerklärliche Morde an der Pariserin Madame L’Espanaye und ihrer Tochter Camille. Diese wurden im vierten Stockwerk ihres ansonsten leerstehenden Hauses auf bestialische Weise ermordet. Doch der Fall ist zunächst nicht aufklärbar. Alle Türen und Fenster zum Raum sind von innen verriegelt, und daher ist es der Polizei ein Rätsel, wie der oder die Mörder vom Tatort flüchten konnten. Doch Dupin untersucht den Fall selbst, und dank seines brillanten analytischen Verstandes kann er der Sache auf den Grund gehen und feststellen, wem die Morde zuzuschreiben sind: Der Mörder der Pariser Frauen ist ein Orang-Utan, der seinem Halter, einem Seemann, entkommen war. Das Tier hatte seinen Besitzer stets beim Rasieren beobachtet; nachdem es aus seinem Käfig entflohen war, flüchtete es in das von den Frauen bewohnte Haus und tötete eine der Bewohnerinnen beim Nachahmen des Rasiervorgangs mit einem Rasiermesser. Die andere wurde auf brutale Weise von ihm erwürgt und kopfüber in den Kamin geschoben. Anschließend flüchtete der Affe durch ein Schiebefenster, das nur scheinbar mit einem (inzwischen durchgebrochenen) Nagel am Fensterrahmen befestigt war.

Interpretationsansatz Der eigentlichen Erzählung werden in der ungekürzten Fassung ein Motto Sir Thomas Brownes über „verblüffende Fragen, deren Lösung jedoch nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegt“ („puzzling questions, are not beyond all conjecture“)Zitiert wird im Folgenden nach der deutschen Textausgabe auf Projekt Gutenberg-De und der Ausgabe des englischen Originaltextes auf Wikisource; vgl. Weblinks unten. und eine daran anschließende theoretische Abhandlung über die Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Geistes vorangestellt. In diesem traktathaften Essay, dessen Stil den Eindruck von Wissenschaftlichkeit erzeugen soll, wird die mögliche Perfektionierung der menschlichen Geistesfähigkeiten und deren Anwendung in genauer Beobachtung und logisch-analytischer Kombination behauptet. Mit Hilfe von praktischen Beispielen versucht der anonym bleibende Ich-Erzähler danach die Richtigkeit der theoretischen Überlegungen zu beweisen. Nach diesem Vorspann lenkt der Ich-Erzähler die Aufmerksamkeit auf die Gestalt des verarmten Adligen C. Auguste Dupin, der aus seiner Sicht die zuvor thematisierten analytischen Fähigkeiten des menschlichen Geistes in vollkommener Weise verkörpert, und illustriert dessen außergewöhnliche Verstandeskraft, sein psychologisches Einfühlungsvermögen und seine Fähigkeit zum Gedankenlesen mit der Schilderung einer besonderen Episode.

Die Erzählung an sich nimmt ihren Anfang mit den Zeitungsberichten über einen grauenhaften Mordfall, ohne dabei das Grausige des Verbrechens im Gegensatz zu den Schauergeschichten („gothic tales“) direkt darzustellen. Nach einer dramatischen Steigerung der Handlungsspannung wird der zunächst unlösbar erscheinende Fall mit einer Erklärung des Unerklärlichen durch den alle überragenden Detektiv Dupin aufgelöst; der menschliche Geist siegt somit über das Irrationale.Vgl. dazu Paul Gerhard Buchloh: Edgar Allan Poe · The Murders in the Rue Morgue. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 96f.

Poes eigenen literaturtheoretischen Vorstellungen über die Kurzgeschichte entsprechend erweist sich auch diese Erzählung als vom Ende her konstruiert; die Spannung und der von Poe postulierte single effect können nur erreicht werden, indem die einzelnen Konstruktionselemente der Geschichte gezielt im Hinblick auf das Ende ausgewählt und kunstvoll verschachtelt werden. Die zeitliche Datierung bleibt unscharf; allerdings suggerieren häufige Verweise auf Pariser Tageszeitungen, Straßennamen oder französische Ausdrücke den Anschein von Realität. Das in den verschiedenen Zeitungsberichten dokumentierte Verbrechen erscheint anfangs als äußerst mysteriös und nicht auflösbar. Der Protagonist Dupin ist aus ambivalenten Motiven an dem rätselhaften Fall interessiert: Einerseits bereitet dessen Aufklärung ihm ein intellektuelles Vergnügen („amusement“) und verschafft ihm die Möglichkeit, seine besonderen Geistesfähigkeiten zu demonstrieren. Andererseits lässt er eine gewisse menschliche Anteilnahme erkennen, da er seinem Bekannten Le Bon helfen möchte, der verdächtigt wird, die Tat begangen zu haben.

Das zugrundeliegende Verbrechen wurde in einem verschlossenen Raum verübt, der in Poes Erzählung modellhaft zu einem Kernelement der Rätselstruktur des Falles wird. Der Erzähler begleitet Dupin bei der Tatortbesichtigung; allerdings werden alle Beobachtungen, die Dupin dabei macht, dem Leser gegenüber zunächst verheimlicht. Dieser erfährt erst bei der überraschenden Aufklärung des Falles am Ende der Erzählung, dass Dupin eine Möglichkeit entdeckt hat, ein Fenster zu öffnen. Wie der Leser erst im Schlussteil erkennen kann, hat Dupin den Fall bereits bei der anfänglichen Tatortbesichtigung unmittelbar gelöst.Vgl. dazu Paul Gerhard Buchloh: Edgar Allan Poe · The Murders in the Rue Morgue. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 97.

Vor Dupins längerem Monolog am Ende der Erzählung, in dem er den Fall intellektuell auflöst, wird zusätzliche dramatische Spannung dadurch aufgebaut, dass der Detektiv zusammen mit dem Erzähler einen geheimnisvollen Besucher erwartet. Das Erscheinen des Seemannes, den Dupin durch seine Zeitungsannonce gefunden hat, bringt nicht nur ein zusätzliches Spannungsmoment; gleichzeitig trägt der Bericht des Seemannes, den der Erzähler zusammenfasst, dazu bei, die analytischen Gedankengänge des Detektivs zu bestätigen. Das Deduzieren und Ausschließen von Möglichkeiten in der intellektuellen Auflösung des Falles wird von Poe primär nicht als Gedankenspiel, sondern überwiegend als Erzählung dargeboten, die die Fakten im Hinblick auf die schließliche Lösung anordnet. Diese Struktur der Handlung mit dem Vorenthalten der Lösung durch den Detektiv und der nachträglichen Erklärung stellt nicht nur ein prototypisches Muster der weiteren Dupin-Geschichten Poes dar, sondern ist darüber hinaus modellbildend für nahezu alle klassischen Detektivgeschichten. Die Wahrheit der Geschichte bedeutet demgemäß letztlich nur noch eine Faktenrichtigkeit, die allein in der fiktiven Erzählung, nicht aber in der Realität stimmig ist.

Poe ordnet konsequent alle Ereignisse dem single effect unter; auf die vorgegebene Lösung im Sinne seiner Theorie von der unity of effect wird von vornherein durch verschiedene „Erzähltricks“ hingearbeitet. Daher hat der Leser auch keine wirkliche Möglichkeit zum intellektuellen Mitraten. Poes single effect, der durch den Höhepunkt der Geschichte im Dénouement erreicht wird, liegt in der suggestiven Überredung des Lesers, dass der Mensch seine geistigen Fähigkeiten perfektionieren kann und dadurch befähigt wird, anscheinend unlösbare Probleme zu lösen.

Weiter verstärkt wird diese Suggestion durch eine Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit in dem Monolog Dupins, während sich zuvor in dem Bericht des Ich-Erzählers eine Zeitraffung mit einer Zeitdehnung im Dialog abwechseln. Gleichzeitig wird in dem Schlussteil die Erzählperspektive Dupins übernommen, um erzähltechnisch seine Person und seine Fähigkeiten in den Vordergrund zu rücken.Vgl. dazu detailliert Paul Gerhard Buchloh: Edgar Allan Poe · The Murders in the Rue Morgue. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 97–99.

In der Ausgestaltung der Figur des Amateurdetektivs Dupin zeigt sich deutlich Poes Rücksichtnahme auf den Geschmack und die latenten Interessen seines zeitgenössischen Lesepublikums. Trotz der damaligen Propagierung des Franklinschen Arbeitsethos hatten die Leser der amerikanischen Magazine ihre versteckte Bewunderung für die europäische Aristokratie noch nicht völlig verloren; allerdings glaubte Poe, der selber die Massen verachtete und sich als Aristokrat empfand, seinem Publikum nur einen verarmten Adligen zumuten zu können, der zwar seine feudale politische Macht verloren hat, aber dessen ungeachtet immer noch sein aristokratisches „Wesen“ und seine exzentrische Lebensführung bewahrt. Als französischer Adliger kam er weiterhin dem amerikanischen Idealbild vom französischen Aufklärungsgeist entgegen.

Sein Vorname Auguste (= der Erhabene) betont seine herausragende Stellung ebenso wie die detaillierte, überzeichnete Beschreibung seiner sozialen Stellung („excellent, illustrious“); Poes Charakterzeichnung macht ihn zu einem heldenhaften Vorbild, das wie in Emersons The American Scholar oder zahlreichen volkstümlichen Erzählungen über die Pioniere des Westens als nachstrebenswertes Ideal gelten kann.Vgl. detaillierter Paul Gerhard Buchloh: Edgar Allan Poe · The Murders in the Rue Morgue. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 99f.

Dupins Persönlichkeit erfährt in der Erzählung allerdings keine weitere Entwicklung; er wird von Poe als Typus auf seine intellektuelle Tätigkeit reduziert, die durch seine Exzentrizität („bizarrerie“) umso stärker hervorgehoben wird. Auch finden sich in seiner Beschreibung keine weiteren bildhaften Details, wie sie für spätere Detektivgestalten in der Nachfolge Poes typisch werden, etwa Holmes’ Pfeife und Mütze oder der Regenschirm von Father Brown.

Die Beschreibung Dupins und die Schilderung der Ereignisse erfolgt aus der Perspektive des Ich-Erzählers, der als erlebendes Ich an der Welt der fiktiven Wirklichkeit teilnimmt und sie als erzählendes Ich reflektiert. Als Figur bleibt der Erzähler anonym und wird kaum in greifbarer Form charakterisiert, übernimmt in Poes Geschichte jedoch eine mehrfache Funktion. Als berichtender Augenzeuge sorgt er zum einen für eine Verifizierung von These und Erzählung, zum anderen nimmt er innerhalb der Geschichte als „dramatisches Publikum“ die Reaktionen der Leser vorweg, um dem Leser so die Bewunderung Dupins zu suggerieren. Als Folie für Dupin lässt seine eigene Hilflosigkeit gegenüber dessen Gedankengängen oder -ketten den Protagonisten in noch strahlenderem Lichte erscheinen. Darüber hinaus übernimmt er eine Vermittlerrolle zwischen Leser und Detektiv und schafft für Dupin eine Möglichkeit, seine Überlegungen erzählend zu demonstrieren. Poe verwendet diese besondere Erzählsituation, die zum klassischen Muster vieler nachfolgender Detektivgeschichten wird, nicht nur in seinen weiteren Dupin-Geschichten, sondern ebenfalls in The Gold Bug, wo der Ich-Erzähler in gleicher Weise als Freund und Bewunderer einer außergewöhnlichen Hauptfigur auftritt.