180px|mini|Erste Ausgabe von Stolz und Vorurteil aus dem Jahr 1813

Stolz und VorurteilJane Austen: Stolz und Vorurteil. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Werner Beyer. Mit einem Nachwort von Helmut Findeisen. S. Fischer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-596-22205-2. (Originaltitel 1813 Pride and Prejudice) ist der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin Jane Austen. Das Werk ist zugleich Liebesroman und zeitgenössische Studie der englischen Gesellschaft am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Das Thema einer Liebesgeschichte mit glücklichem Ausgang, die Art seiner Bearbeitung und unsere heutigen Erwartungen an Literatur sichern diesem Jahrhundertwerk auch heute noch eine große Aufmerksamkeit: Stolz und Vorurteil landete 2003 in einer Umfrage der BBC auf dem zweiten Platz hinter dem Herrn der Ringe von J. R. R. Tolkien und 2015 auf Platz 11 von 228 Romanen der besten 100 Bücher englischer Sprache.An der Umfrage von 2003, dem BBC Big Read (deutsch etwa: BBCs Großes Lesen) beteiligten sich 750.000 Menschen. An der Auswahl von 2015 waren 82 nicht-britische Kritiker beteiligt. (bbc.com)

Infolge unzähliger Auflagen, einiger Verfilmungen und sogar der Umarbeitung in ein Broadway-Musical (1959) ist sein Inhalt einer der bekanntesten und beliebtesten der englischsprachigen Literatur – von dem Roman wurden weltweit bisher ca. 20 Millionen Exemplare verkauft.Berliner Zeitung, 12. Januar 2013.

Übersicht In diesem Entwicklungsroman begegnen sich die anfangs durch Stolz und Vorurteil geprägten Hauptfiguren Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, die nach einigen Krisen ihre Einstellungen verändern und sich in neuer Bescheidenheit und Einsicht in ihre Fehler für eine gemeinsame Zukunft entscheiden.„In einem nicht ohne Schmerzen verlaufenden Erziehungsprozess müssen sich Darcy und Elisabeth von Stolz und Vorurteil befreien.“ (Findeisen, siehe Sekundärliteratur, S. 349.)

Der Roman beschreibt etwas mehr als ein Jahr im Leben einer kleinen Zahl junger Leute auf dem Land in der Nähe Londons an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Im innersten Kreis dieser wohlhabenden bis reichen und teilweise adligen Familien steht die Familie Bennet mit ihren fünf Töchtern im Alter zwischen fünfzehn und Anfang zwanzig. Hauptthema ist die schließlich erfolgreiche Verheiratung dreier dieser jungen Frauen, die bei der Wahl ihrer Ehepartner jede für sich eine individuelle Balance von Liebe, ökonomischer Sicherheit und Standeszugehörigkeit finden. Dieser Start in ein selbständiges Leben wird durch Missverständnisse und Intrigen, eben durch Stolz und Vorurteil, geprägt und verzögert.

Das Heiratsthema hat für die Familie Bennet auch deswegen eine große Bedeutung, weil ein Familiengut wie Longbourn, seiner Rechtsform nach ein Fideikommiss, damals nur als Ganzes und nur in der männlichen Linie vererbt werden durfte: Beim Tod des Familienvaters würden Mutter und Töchter den größten Teil seines Vermögens an einen entfernten männlichen Verwandten verlieren. Diese Dramatik wird zusätzlich dadurch gesteigert, dass die Töchter des Bürgertums und der Gentry damals von aller ein eigenes Einkommen ermöglichenden Ausbildung ausgeschlossen waren.Ostwald, siehe Sekundärliteratur: „aufgezwungene Erwerbslosigkeit […] drohende Armut“. Im besten Fall erhielten sie eine „Unterweisung“ in Handarbeiten, Hausmusik und der Leitung eines Haushalts.

Handlung 220px|links|mini|Familie Bennet, Illustration von Hugh Thomson (1894)Als auf dem Nachbaranwesen der Bennets der junge, alleinstehende und vermögende Charles Bingley eingezogen ist, beginnt Mutter Bennet, sich Hoffnungen auf dessen Heirat mit einer ihrer Töchter zu machen. Mr. Bingley bringt einen Freund, den gutaussehenden, aristokratischen, sehr stolzen und noch reicheren Mr. Darcy mit auf sein Anwesen, den alle, vor allem aber Elizabeth, die mit 20 Jahren zweitälteste Tochter der Bennets, wegen seines Stolzes sehr bald unsympathisch finden. Als Elizabeth während eines Balls mit anhört, dass Mr. Darcy sie nicht schön genug findet, um sie zum Tanz aufzufordern, ist sie in ihrem Stolz verletzt und beginnt, ihn mit Schlagfertigkeit und Ironie an der Grenze des für eine junge Dame Erlaubten zu attackieren.Indem Austen mit ihren Hauptfiguren zwei Rollenmodelle gegenüberstellt, akzentuiert sie auch post-revolutionäre Tendenzen von Aufklärung und politischer Reaktion in England auf die Vorgänge in Frankreich: „Elisabeths ganz andere Art von Weiblichkeit, ihre geistreiche Art, die Darcy anzieht, erhält eine politische Bedeutung – und die so unterschiedlichen männlichen Identitäten von Darcy und Mr. Collins bekommen politische wie auch moralische und politische Elemente.“ (Elisabeths very different mode of femininity, the ‚liveliness‘ of mind which attracts Darcy, thus becomes politically charged – and the contrasting masculine identities of Darcy and Mr Collins similarly take on political, as well as moral and social, response.) Jones, siehe Sekundärliteratur, S. XII. Ihre ältere Schwester Jane hat mehr Glück: Sie und Mr. Bingley verlieben sich ineinander. mini|Darcy abfällig über Lizzy: „Für einen Tanz nicht schön genug!“ (C. E. Brock Pride and Prejudice, 1895) Nachdem Elizabeth den Heiratsantrag von Mr. Collins, dem Cousin ihres Vaters, ausgeschlagen hat, wendet sich dessen Verehrung sehr zügig ihrer besten Freundin Charlotte zu, die seinen Antrag in realistischer Einschätzung ihrer sonstigen Verhältnisse annimmt: Charlotte blickt auf bald 27 Lebensjahre zurück und auf ein nur kleines Erbe voraus.

Elizabeth nähert sich Mr. Wickham an, einem auf den ersten Blick sehr gewinnenden Offizier eines britischen Milizregiments.In Südengland, vor allem an der Kanalküste, waren Milizregimenter für den Fall eines französischen Angriffs stationiert. Napoleon hatte ab 1806 eine Handelssperre zwischen England und dem Kontinent erzwungen, die erst 1814 beendet wurde. Elizabeth – von ihrem Vorurteil gegenüber Darcy beeinflusst – glaubt ihm die Lüge, dass Darcy für seine, Wickhams, finanzielle Notlage verantwortlich sei. Dessen Aufmerksamkeit wendet sich inzwischen gleichwohl Elizabeth zu, ihrer Schönheit und Klugheit wegen – und auch wegen ihrer für ihn ungewohnten Keckheit ihm gegenüber als der besten Partie der Grafschaft.

Als Bingley überraschend beschließt, nach London zurückzuziehen, obgleich Jane, Elizabeths Schwester, Bingleys Liebe sehr züchtig erwidert, ahnt Elizabeth, dass dessen Schwester Caroline Bingley mit einer Intrige für die Trennung der beiden verantwortlich ist. Bei einem Besuch ihrer besten Freundin Charlotte erfährt sie, dass Darcy für die Trennung von Mr. Bingley und ihrer Schwester verantwortlich sei. Sie trifft auch Darcy dort, der sich mittlerweile in sie verliebt hat und ihr – sie fällt aus allen Wolken – einen Heiratsantrag macht: Trotz ihrer geringeren Herkunft, trotz seiner mit einer Heirat verbundenen gesellschaftlichen Erniedrigung, trotz ihrer von ihm als peinlich empfundenen Familie und gegen sein besseres Wissen habe er seine Liebe zu ihr nicht niederringen können. Wieder in ihrem Stolz verletzt, weist sie ihn zornig zurück.Das ist der Plot Point: „Dadurch wird die dramatische Enthüllung und Wende im Anschluss an die Werbeszene ermöglicht.“ (Findeisen, sieh Sekundärliteratur, S. 349) Ihre heftigen Vorwürfe bringen Darcy dazu, sich selbst in einem neuen Licht zu sehen, sein Verhalten zu ändern und Elizabeth wichtige Umstände seines Lebens in einem langen Brief zu erklären. So erläutert er, dass Wickham und er sich geeinigt hätten, Wickhams Anspruch auf eine Pfarrstelle und auf ein lebenslanges Einkommen in die einmalige Zahlung eines hohen Betrages umzuwandeln. Wickhams finanzielle Misere sei durch seinen unsteten Lebenswandel und seinen Hang zum Glücksspiel entstanden. Zudem habe Wickham versucht, Georgiana, Darcys erst 15-jährige und ihm als Vormund anvertraute Schwester und reiche Miterbin, zur Flucht und heimlichen Heirat zu überreden.220px|mini|Darcy macht Elizabeth seinen Heiratsantrag (Illustration von Hugh Thomson, 1894)

Seine Schuld in der Jane-Bingley-Angelegenheit gesteht Darcy größtenteils ein, macht jedoch eine Einschränkung: Er sei sich aufgrund seiner Beobachtungen von Jane – auch Darcy übt sich in der Beobachtung als gesellschaftlicher Kunst – sicher gewesen, dass sie wenig für seinen Freund empfinde, und er habe Bingley nur vor einer unglücklichen Beziehung bewahren wollen. Elizabeth ist angesichts dieser Aufklärung beschämt und erkennt, wie sehr auch sie selbst in Stolz und Vorurteil befangen war: Bisher war sie davon überzeugt gewesen, besser als alle anderen aus einem Verhalten auf den zugrundeliegenden Charakter schließen zu können. Sie bereut die Ablehnung des Antrages jedoch nicht und möchte Darcy nicht wieder treffen.

Im folgenden Sommer reist Elizabeth mit ihrer Tante und ihrem Onkel in die Grafschaft Derbyshire, in der der Landsitz Pemberley liegt, Darcys Gut mit seinem stattlichen Herrensitz. Auf Wunsch der Tante besichtigen sie das Anwesen, dessen Größe und Gestaltung Elizabeth sehr beeindrucken und ihr – zusammen mit den Aussagen seiner Dienerschaft – weitere Hinweise auf Darcys wirkliche Vornehmheit geben. Die Besucher treffen unerwartet auf den Eigentümer, der sich Elizabeth und ihrer Verwandtschaft gegenüber wie ausgewechselt verhält: sehr höflich, sehr verbindlich und zum ersten Mal liebenswert. Als Elizabeth die Nachricht erhält, dass ihre jüngste Schwester Lydia zusammen mit dem Offizier Wickham durchgebrannt sei, reist Elizabeth fluchtartig mit ihrer Verwandtschaft ab, um ihrer Familie in dieser Krise beizustehen: Eine Liaison ohne Heirat würde den Ruf der ganzen Bennet-Familie zerstören und damit die Heiratschancen aller anderen Schwestern deutlich verringern.

Darcy, der sich vorwerfen muss, Wickhams wirklichen Charakter mit Rücksicht auf seine Schwester nicht schon früher enthüllt zu haben, engagiert sich nun zur Rettung des Rufs der Familie Bennet – vorrangig, um Elizabeth zu schützen, die er immer noch liebt. Es gelingt ihm, Lydia und Wickham in London ausfindig zu machen und Wickham durch die Zahlung eines wiederum größeren Geldbetrags an dessen Gläubiger zur Heirat mit Lydia zu bewegen. Als Elizabeth als einzige der Bennets neben Lydia von Darcys Einmischung erfährt, ist sie sich ihrer Zuneigung zu ihm gewiss – aber leider auch seiner wiedererwachten Ablehnung ihrer ja zum Teil moralisch ungefestigten Familie gegenüber. Tatsächlich aber trägt Darcy seine eigene moralische Schuld – wieder haben die beiden Hauptfiguren ähnliche Schwächen – im Hintergrund weiter ab und wirkt auf seinen Freund Bingley ein, sich wieder Elizabeths Schwester Jane zuzuwenden. Bingley erneuert seine Bewunderung für Jane und macht ihr bald darauf einen Heiratsantrag.mini|Chatsworth House in Derbyshire, mutmaßliches Vorbild für PemberleyWährend sich Darcy für kurze Zeit in London aufhält, erscheint seine Tante, die sehr standesbewusste und sehr überhebliche Lady Catherine de Bourgh, überraschend bei den Bennets: Zu ihr seien Gerüchte gedrungen, ihr Neffe wolle Elizabeth heiraten, was sie um der Heirat ihrer eigenen Tochter mit Darcy und der Verbindung ihrer Familien willen verhindern müsse. Stolz und voller Standesvorurteile versucht sie, Elizabeth das Versprechen abzuringen, einen möglichen Antrag Darcys auch in Zukunft abzulehnen. Elizabeth, die in diesem Dialog den Anspruch auf individuelles Glück so programmatisch wie nirgends sonst formuliert, lässt das traditionelle Lebenskonzept Lady de Bourghs selbstbewusst an sich abperlen. Lady Catherine gibt jedoch nicht auf, besucht ihren Neffen in London und berichtet ihm empört von Elizabeths frechem Widerstand. Darcy gewinnt daraus neue Hoffnung auf Elizabeths Zuneigung und besucht sie in Longbourn. Beide erklären sich nun in einer Art gegenseitigem, unförmlich-förmlichen Antrag endlich ihre Zuneigung. Die Schwestern Jane und Elizabeth heiraten bald darauf die Freunde Bingley und Darcy.

Hauptfiguren