mini|Denkmal für die Verstorbenen und deren Angehörige am Stadion mini|Gedenktafel im Anfield-Stadion, Liverpool

Die Hillsborough-Katastrophe war ein schweres Zuschauerunglück mit 97 Toten und 766 Verletzten am 15. April 1989 im Hillsborough Stadium in Sheffield. Sie ereignete sich während des Halbfinalspiels um den FA Cup zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest und gilt als eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs.

Die Ursache für das Unglück war lange umstritten. Erst 27 Jahre später erklärte die Jury einer Untersuchungskommission, dass die zu dem Zeitpunkt 96 Opfer von Sheffield „rechtswidrig getötet“ (englisch unlawfully killed) wurden. Auslöser der Tragödie waren demnach schwere Fehler der Polizei und nicht – wie jahrelang von behördlicher Seite behauptet – das Fehlverhalten der Zuschauer.Hillsborough-Urteil, Fans hatten keine Schuld, auf kicker.de, abgerufen am 26. April 2016. Im Juli 2021 verstarb ein 97. Opfer an den Folgen der erlittenen Verletzungen.

Der damalige Einsatzleiter der Polizei, David Duckenfield, hatte (entgegen seiner früheren Aussage) eingeräumt, durch das unbedachte Öffnen eines Tores eine Mitverantwortung für die Katastrophe zu tragen.Hillsborough officer admits he lied about crucial order to open exit gate, Artikel des Guardian vom 12. März 2015.Hillsborough-Tragödie: Verantwortlicher Polizist gesteht Lüge, Artikel des Spiegel Online vom 11. März 2015 Bereits 2012 hatte eine unabhängige Kommission in ihrem Bericht nahegelegt, dass Mitglieder der Polizei und der Hilfskräfte sowohl bei den Ursachen der Katastrophe als auch deren Ausmaß eine erhebliche Schuld traf. Dies führte zu einer offiziellen Entschuldigung von Premierminister David Cameron, der Polizei von South Yorkshire, dem englischen Fußballverband FA sowie der Zeitung The Sun für die Rolle, die sie bzw. ihre Organisationen in dem Geschehen gespielt hatten.Hillsborough papers: Cameron apology over ‘double injustice’, Artikel der BBC vom 12. September 2012

Hintergrund Das Hillsborough-Stadion war seit dessen Erbauung im Jahre 1899 das Heimatstadion des Profivereins Sheffield Wednesday. Es hatte im Jahre 1989 eine Kapazität von 52.135 Zuschauern, von denen 14.556 auf der westlich gelegenen Leppings Lane End, einer zweirangigen Tribüne, Platz fanden. Während der Oberrang aus 4.456 Sitzplätzen bestand, war der Unterrang eine reine Stehplatz-Tribüne mit 10.100 Plätzen. Für den Einlass in den Unterrang standen für dieses Spiel lediglich sieben Drehkreuze am Eingang zur Verfügung. Ein Metallzaun trennte den Unterrang vom Innenraum des Stadions. Der Unterrang selber war in insgesamt sieben Blöcke („Pens“) unterteilt, welche ebenfalls durch Zäune voneinander abgetrennt waren.

Bereits im Jahre 1981 kam es im Zuge des FA-Cup-Halbfinales zwischen Tottenham Hotspur und Wolverhampton Wanderers zu einem Gedränge auf der Leppings Lane End, bei dem 38 Fans verletzt wurden. Auch in Folgejahren kam es immer wieder zu Überfüllungen auf den Stehplätzen. Bereits 1988 trafen Liverpool und Nottingham Forest im FA-Cup-Halbfinale in Hillsborough aufeinander. Auch damals waren die Liverpooler Fans auf der Leppings Lane End untergebracht und berichteten von einem großen Schieben und Drücken in den beiden mittleren Blöcken Pen 3 und Pen 4.

Am 20. März 1989 wurde das FA-Cup-Halbfinalspiel zwischen Liverpool und Nottingham Forest durch die Football Association nach Hillsborough vergeben. David Duckenfield war erst kurz zuvor befördert worden und erstmals Einsatzleiter bei einem Fußballspiel in Hillsborough.

Verlauf mini|Hillsborough Stadium: West Stand (2007) Viele Fans genossen den Tag des Spiels in den umliegenden Kneipen und Pubs und machten sich erst relativ spät auf den Weg zum Stadion. Das Spiel war für 15 Uhr Ortszeit angesetzt, bereits um 14:20 Uhr hatte sich am Einlass zur Leppings Lane End ein großes Gedränge gebildet, das bis 14:40 Uhr auf bis etwa 5.000 Fans anwuchs. Der Einlass verlief nur schleppend, und eine Anfrage der Polizei, ob das Spiel später angepfiffen werden könne, wurde von der FA abgelehnt. Da der Druck der nachströmenden Menschenmasse am vorderen Ende des Eingangs immer größer wurde, fürchtete die Polizei, dass sich die wartenden Zuschauer in Lebensgefahr befänden.

Im Inneren des Stadions hatte sich ebenfalls eine Menschenmasse gebildet, die sich ausschließlich auf Pen 3 und Pen 4 konzentrierte, während in den links und rechts angrenzenden Blöcken etliche Plätze frei blieben.

Um 14:52 Uhr ließ Duckenfield ein zusätzliches Fluchttor (Gate C) öffnen, um den Druck auf die Fans, die ins Stadion zu gelangen versuchten, zu verringern. Innerhalb von fünf Minuten strömten weitere 2.000 Fans ins Stadion, von denen viele auf den direkt vor ihnen liegenden Tunnel, der zu den Pens 3 und 4 führte, zuliefen, um den nahenden Anpfiff nicht zu verpassen. Keinem der Außenstehenden war bewusst, dass sich bereits vorher ein gefährliches Gedränge in den beiden Blöcken gebildet hatte. Es gab deshalb kein Regulativ, das die Fans davon abhielt, in die beiden Blöcke zu laufen.

Um 15 Uhr wurde das Spiel angepfiffen. Bereits zu diesem Zeitpunkt kletterten einige Fans aus den beiden überfüllten Blöcken über die Zäune in den Innenraum des Stadions, um in die nebenstehenden Blöcke auszuweichen. In den folgenden Minuten kletterten immer mehr Menschen über die Zäune, um der Enge zu entfliehen. Die Polizei hielt diese zunächst für Störer, die das Spielfeld stürmen wollten und drängte einige von ihnen zurück in die Blöcke. Am oberen Ende der überfüllten Pens 3 und 4 kletterten in Panik geratene Zuschauer in den Oberrang.

In der fünften Spielminute traf Liverpools Peter Beardsley mit einem Schuss die Latte des gegnerischen Tores, woraufhin sich viele Fans nach vorne beugten und so den Druck weiter erhöhten. In Pen 4 gab daraufhin ein Wellenbrecher nach. Viele Besucher stürzten dadurch nach vorne und wurden unter anderen Fans begraben. Trotz der chaotischen Zustände in den beiden Blöcken, in denen die vorne Stehenden bereits bis zur Bewegungslosigkeit gegen die Zäune gedrückt wurden, ließ die Polizei die Fluchttore zum Innenraum nicht öffnen.

Liverpools Torhüter Bruce Grobbelaar berichtete, dass er Hilferufe aus den Blöcken hinter sich hörte. Er machte Schiedsrichter Ray Lewis auf die Situation aufmerksam. In der sechsten Spielminute erkannte Superintendent Greenwood von der Polizei South Yorkshire die Situation, rannte auf das Spielfeld und bat Lewis um einen Abbruch des Spiels. Dieser unterbrach die Begegnung und führte die Spieler zurück in ihre Kabinen. Währenddessen liefen die Rettungsmaßnahmen an, um die Fans aus den überfüllten Blöcken zu holen. Im Innenraum des Stadions begannen Sanitäter, Polizisten und Fans mit Wiederbelebungsmaßnahmen, während andere die seitlichen Werbebanden als Krankentragen verwendeten.

94 Opfer verstarben vor Ort, ein weiteres verstarb Tage später im Krankenhaus und ein weiteres nach fast vierjährigem Koma. So wurde die Zahl der Toten mit 96 und die der Verletzten mit 766 angegeben. Die meisten starben durch Asphyxie. Das jüngste Opfer wurde nur zehn Jahre alt. Hierbei handelt es sich um Jon-Paul Gilhooley, einen Cousin des späteren langjährigen Kapitäns des FC Liverpool, Steven Gerrard.11 Freunde Spezial: Die Achtziger, S. 86 ff – . Im Jahr 2021 starb Andrew Devine mit 55 Jahren als 97. Opfer an den Langzeitfolgen seiner Verletzungen von 1989.

Folgen mini|Banner anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe Zwei Tage nach der Tragödie versprach Innenminister Douglas Hurd, ein Gesetz zu verabschieden, das alle Vereine der Liga verpflichten würde, Stehplätze aus ihren Stadien zu verbannen.

Dieses Unglück, nur vier Jahre nach Bradford und Heysel, trug nach einer Untersuchung und dem abschließenden Taylor Report langfristig dazu bei, dass es heute in den meisten englischen Stadien nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Das Stehplatzverbot wurde zunächst in England eingeführt und später auch von FIFA und UEFA für internationale Spiele übernommen.

Das 22 Tage nach der Katastrophe angesetzte Wiederholungsspiel im Old Trafford konnte Liverpool mit 3:1 für sich entscheiden. Zwei Wochen später gewann Liverpool im Wembley-Stadion auch das Finale des FA-Cups, diesmal mit 3:2 nach Verlängerung gegen den Lokalrivalen FC Everton.

Nachdem eine 1991 abgeschlossene erste Untersuchung zu dem Schluss gekommen war, dass alle Verstorbenen durch einen Unfall den Tod gefunden hatten, blieb eine politische Aufarbeitung lange Zeit aus. Auch Zivilklagen von Angehörigen gegen David Duckenfield und seinen Stellvertreter Bernard Murray wurden abgewiesen. Erst 2009 wurde eine unabhängige Untersuchungskommission unter Vorsitz des Bischofs von Liverpool eingesetzt. Nachdem 139.000 Menschen eine Petition unterzeichnet hatten,Hillsborough Disaster: Commons debate after e-petition, www.bbc.co.uk, 17. Oktober 2011 (19. Dezember 2011) beschloss das britische Parlament am 17. Oktober 2011, dass die Kommission alle Akten über das Unglück erhalten solle.MPs call for Hillsborough papers release, www.bbc.co.uk, 17. Oktober 2011 (19. Dezember 2011) Diese veröffentlichte ihren Bericht am 12. September 2012. Daraus ging hervor, dass die Schuld für das Unglück nicht bei den Fans, sondern den Ordnungskräften zu suchen sei. Auch nannte der Bericht die Zahl von 41 Opfern, die hätten gerettet werden können, wenn die medizinische Versorgung schnell genug angelaufen wäre. Bei der Aufarbeitung des Unglücks warf der Bericht der Polizei vor, 164 Aussagen verändert zu haben, davon 116, die das Verhalten der Polizei an diesem Tag in ein schlechtes Licht gerückt hätten. Aufgrund dieses Berichts nahm auch die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren wieder auf und beantragte beim Obersten Zivilgericht Großbritanniens, das zur Katastrophe ergangene Urteil zu revidieren, was am 19. Dezember 2012 geschah. Im Juli 2021 entschied ein Gerichtsmediziner, dass Andrew Devine, der nach 32 Jahren an schweren und irreversiblen Hirnschäden starb, das 97. Opfer war.

Die Nachricht löste weltweit Entsetzen aus, doch in besonderem Maße zeigten sich die Anhänger von Borussia Mönchengladbach betroffen. In einer spontanen Geste der Solidarität sammelten sie über 21.000 D-Mark für die Hinterbliebenen der Opfer und übermittelten ihr Mitgefühl durch Briefe, Banner und persönliche Besuche. Dieser Akt tiefer Menschlichkeit und aufrichtiger Anteilnahme hinterließ beim FC Liverpool einen bleibenden Eindruck und wurde zum Grundstein für eine besondere Fanfreundschaft. Seitdem verbindet beide Vereine eine enge Beziehung, die nicht auf sportlichen Erfolgen, sondern auf gemeinsamen Werten, gegenseitigem Respekt und einer in schwerster Zeit gelebten Solidarität basiert. Bis heute wird diese Freundschaft durch gegenseitige Besuche, Choreografien und herzliche Gesten lebendig gehalten.

Goldring-Untersuchungskommission