Neubeckum ist ein Ortsteil der Stadt Beckum im Kreis Warendorf mit rund 11.268 Einwohnern.

Geschichte Ur- und Frühzeit Archäologische Funde aus der Mitte des 20. Jahrhunderts belegen, dass in der jüngeren Steinzeit, etwa 3000 bis 1800 v. Chr. Menschen in dieser Gegend lebten. Eine dauerhafte Besiedlung ist für die Zeit um Christi Geburt nachgewiesen, als dieses Gebiet zum Kernland des germanischen Stammes der Brukterer gehörte. Im 7. Jahrhundert geriet die Region unter sächsischen Einfluss und bildete kurze Zeit das Grenzland zu den wenig später dominierenden Franken.Vera Brieske: Sachse oder Franke? 50 Jahre Forschung zum Fürstengrab von Beckum. In: Archäologie in Westfalen-Lippe, Jg. 2009, S. 189–192. Etwa seit 1000 n. Chr. breitete sich das kultivierte Land über das reine Acker- und Saatland hinaus in die sogenannten Kämpen und Breden aus. Sie bildeten die Vorläufer der daraus entstandenen Parklandschaft des Münsterlandes.Siegfried Schmieder, Friedrich Helmert: Ennigerloh. Chronik einer münsterländischen Gemeinde. Ennigerloh 1983, S. 23.

Vorläufersiedlung Die Gemeinde Neubeckum wurde am 1. April 1899 am Beckumer Haltepunkt der Köln-Mindener Eisenbahn durch Ausgliederung aus der Gemeinde Ennigerloh neu gebildet. Bis dahin bildete das Gebiet die Bauerschaft Werl. Diese wurde erstmals wahrscheinlich im 11. Jahrhundert in den Urkunden des Frauenstiftes Freckenhorst,August Clewing: Aus Neubeckums Vergangenheit, 1924, Manuskript im Archiv des Heimatvereins Neubeckums. sicher aber im Jahre 1534 als Teil des fürstbischöflichen Amtes Stromberg erwähnt.Jörg Wunschhofer: Die Höfe der Bauerschaft Werl im Jahre 1534. In: Heimatverein Neubeckum e. V. (Hrsg.): Neubeckum 1899–1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren. Neubeckum 1999, S. 41–46. Durch seine exponierte Lage direkt an dem Hauptverbindungsweg zwischen Warendorf und Beckum waren die Bewohner der Bauerschaft in allen Jahrhunderten von der Soester Fehde (1444–1449) bis zu den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder äußerst schwer betroffen. Während der Reformation fasste nicht so sehr die Lehre Martin Luthers Fuß als die des Calvinismus. Die Täufer hatten im Kirchspiel Ennigerloh eine Hochburg.Käthe Hartmeyer: Geschichte der Bauerschaft Werl. In: Heimatverein Neubeckum e. V. (Hrsg.): Neubeckum 1899–1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren. Neubeckum 1999, S. 16–27. Seit dem Wiener Kongress (1815) gehörte die Region zu Preußen.

Eine Gründungslegende dieser noch recht jungen Ortschaft besagt, dass den Beckumer Bauern das funkenstiebende Dampfross nicht geheuer war und dass man daher den Landvermessern der Eisenbahn manche Schwierigkeiten in den Weg legte, die sie zum nördlichen Ausweichen brachten. Der tatsächliche Hintergrund ist, dass die neue Eisenbahnstreckenführung das hügelige südliche Grenzland der Münsterländer Bucht wegen der erwarteten hohen Kosten des Baus einer Trasse in dieser schwierigen Topographie ohnehin hätte meiden müssen.

Verwaltungszugehörigkeit Jahr Gemeinde 1899–1910 Gemeinde im Amt Oelde 1910–1930 Gemeinde im Amt Neubeckum 1930–1952 Gemeinde im Amt Ennigerloh-Neubeckum (mit Sitz in Neubeckum) 1952–1974 Gemeinde im Kreis Beckum 1.1.1975 Eingliederung in die Stadt Beckum und den Kreis Warendorf

Im Zweiten Weltkrieg 27./28. Mai 1940: erster Bombenabwurf des Krieges im Kreis Beckum: Gehöft Degener 22. Februar 1944: Luftangriff, St.-Josephs-Kirche schwer beschädigt 23. März 1944: Luftangriff durch die 379th Bomb Group der U.S. Air Force mit 19 B-17, Alarm 11:30 Uhr; es fielen 150 Bomben im Gebiet Friedrichshorst: Wiethagen, Südstraße, Wickingstraße, Dyckerhoffstraße; es gab 8 Tote, 1 Haus wurde völlig zerstört. Diese Einheit hatte u. a. im Sommer des Vorjahres an der Operation Gomorrha teilgenommen. 21. Oktober 1944: Luftangriff (Bahnanlagen nahe Hotel Hüttemann, Hauptstraße: Kellermann und Hegenkötter, Bahnhofstraße: Moll) 22. Februar 1945: Luftangriff durch P38 Lightning

Eingemeindung Am 1. Januar 1975 verlor Neubeckum nach 75 Jahren seine SelbstständigkeitInsgesamt klagten beim Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen mehr als 70 Gemeinden, Städte und Kreise gegen die Neugliederungsentscheidung des Landtages. Fünf Verfassungsbeschwerden, die sieben Gemeinden betrafen, waren erfolgreich. Die Beschwerde Neubeckums wurde durch das sogenannte Neubeckum-Urteil vom 12. Juli 1975 – VerfGH 21/74 – abgewiesen, s. Bernhard Stüer: Verfassungsfragen der Gebietsreform. In: Die öffentliche Verwaltung, Heft 3, Februar 1978, S. 78–90, hier S. 78. und wurde im Rahmen der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen in die Stadt Beckum eingegliedert.

Militärgeschichte im Kalten Krieg 20. Mai 1976: Bei der damals geheimen Operation „Incoming Red“ der Alliierten diente der Luftraum in der Umgebung Neubeckums für fast zwei Wochen der britischen Royal Air Force (RAF) und der deutschen Luftwaffe als Trainingsgebiet. Dort wurde das Abfangen von tief ins Feindesland eingedrungenen sowjetischen Tiefflugbombern trainiert. Als Aggressor dienten deutsche F-4 Phantom Jäger, die – von aus Gütersloh stammenden Harriern der RAF simuliert – abgeschossen werden sollten. Gleichzeitig gab es eine größere Landung von etwa 300 Fallschirmjägern bei Nacht. Aufgrund der diskreten Durchführung erregte die Operation keine große Aufmerksamkeit bei den Bürgern. 14. Juni 1978: Nach einer Beinahe-Kollision mit dem ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 8 stürzte ein Bomber Buccaneer mit der Kennung XN975 der RAF um circa 14:30 Uhr auf einem Übungsflug im Hohen Hagen in ein Kornfeld und brannte aus. Die beiden Besatzungsmitglieder S. Lt. Adcock und Flt. Lt. Hammond retteten sich mit dem Schleudersitz.

Wirtschaft Die ortsansässige Industrie besteht hauptsächlich aus einigen Schlosserei- und Maschinenbau­betrieben. Der vormals unter Polysius AG firmierende Zementanlagenbauer, heute Teil des ThyssenKrupp-Konzerns, hat hier seinen Standort. Am Ort bestehen außerdem Werke des Faserzementherstellers Eternit AG und des Maschinenbauunternehmens Balcke-Dürr GmbH.

Das Zementwerk Dyckerhoff II des Zementkonzerns Dyckerhoff AG wurde 2007 endgültig stillgelegt.

Seit 1925 befindet sich das Stammhaus der Bauunternehmensgruppe Pollmann (Westfalen und Sachsen), die Karl Pollmann GmbH, in Neubeckum.

Seit 1935 befindet sich das Stammhaus des Pianohauses Micke in Neubeckum.

Verkehr

Schienenverkehr mini|Bahnhof Beckum-Neubeckum

Der für 6,5 Mio. € von 2015 bis 2017 sanierte und barrierefrei umgebaute Bahnhof Neubeckum (jetzt Beckum-Neubeckum)Bahnhof Neubeckum wird modernisiert und erhält neuen Namen liegt an der Bahnstrecke Hamm–Minden. Er wird jeweils im Stundentakt vom RE 6 „Rhein-Weser-Express“ Köln/Bonn Flughafen–Düsseldorf–Dortmund–Hamm (Westf)–Bielefeld–Minden sowie von der RB 69 „Ems-Börde-Bahn“ Münster–Hamm–Bielefeld bedient, sodass insgesamt ein Halbstundentakt besteht.

Linie Verlauf Takt

Der „Rhein-Weser-Express“ wird von der National Express Rail betrieben, die „Ems-Börde-Bahn“ wird von der Eurobahn betrieben.

In Neubeckum kreuzen sich die Bahnstrecken Hamm–Minden und Münster–Warstein. Bis 1975 wurde auf der letztgenannten Verbindung auch Personenverkehr betrieben, u. a. nach Münster, Warendorf und Lippstadt. Diese Strecke dient heute, neben dem regulären Güterverkehr, für Museumsfahrten mit Dampflok-Zügen von Münster über Beckum-Neubeckum nach Lippstadt, Erwitte, Anröchte im Möhnetal und Warstein.eisenbahn-tradition.de Abgerufen am 11. März 2022. Die Bedeutung der Bahn ist auch im Wappen erkennbar.

Über die in Beckum-Neubeckum abzweigende Bahnstrecke Neubeckum–Warendorf bringt die Westfälische Landes-Eisenbahn den hochreinen Korrektiv-Kalkstein der Warsteiner Kalksteinbrüche zu den Zementwerken rund um das nördlich gelegene Ennigerloh, wo die im weiteren Verlauf abgebaute Strecke heute ihren Endpunkt hat.

Straßenverkehr Die Autobahn A2 (Oberhausen–Hannover–Berlin) führt südlich an Neubeckum vorbei. Die Ausfahrt Beckum (Nr. 20) befindet sich 2 km entfernt. Durch Beckum-Neubeckum verläuft die B 475 (Rheine–Soest). Münster ist 33 km (Luftlinie) nordöstlich entfernt.

Schulen Am Ort befinden sich zwei Grundschulen (Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule, Roncalli-Schule) und das Kopernikus-Gymnasium. Aus der bis 2012 bestehenden Käthe-Kollwitz-Hauptschule wurde ein Standort der ortsübergreifenden Gesamtschule Ennigerloh-Neubeckum.

Söhne und Töchter Neubeckums Aloys Gödde (1933–2013), mit 30 Jahren zum damalig jüngsten Bürgermeister (CDU) von Neubeckum und Nordrhein-Westfalen ernannt; ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Anja Höfer (* 1971), Journalistin und Fernsehmoderatorin Egon Körner (1908–1986), Architekt Johannes Meier (* 1948), römisch-katholischer Theologe Paul Rakow, kommunistischer Revolutionär und Bruder von Felix Wolf (eigentlich Werner Rakow), dem Mitbegründer der KPD. Paul Rakow wurde am 21. März 1901 in Neubeckum geboren, 1937 in der Sowjetunion erschossen. Thorsten Stuckmann (* 1981), Fußballprofi (Preußen Münster, Eintracht Braunschweig, Alemannia Aachen, England und Schottland) Michael Wiemann (* 1987), Fußballprofi (RW Ahlen, Hansa Rostock, SV Wehen Wiesbaden, CD Atlético Baleares/Palma de Mallorca)

Personen Neubeckums Herbert Benedikt (1925–1987), österreichischer Maler, Grafiker und Mosaizist, lebte und arbeitete von 1959 bis zu seinem Tod am 23. Juli 1987 in Neubeckum und ist dort begraben; Ludwig Dinnendahl (1941–2014), Steinbildhauer, lebte von 1974 bis 2006 in Neubeckum; Josef Jakob (1896–1953), Regionalpolitiker und NS-Widerstandskämpfer, lebte von 1912 bis 1922 in Neubeckum; Fritz Kampers (1891–1950), Filmschauspieler und Ehemann von Lieselotte (gest. 1952), einer Enkelin Gustav Molls. Kampers ist in Neubeckum begraben; Gustav Moll (1844–1901), Unternehmer (s. auch Geschichte der Balcke-Dürr GmbH) und entscheidender Mitgründer Neubeckums, starb am 8. Mai 1901 in Neubeckum und ist dort begraben; Curt Prüssing (1896–1988), Unternehmer (s. Polysius), 1961 Ehrenbürger der Gemeinde Neubeckum, starb 1988 in München. Wilhelm Rincklake (1851–1927), Architekt, baute 1892 die römisch-katholische St. Joseph-Kirche in Neubeckum; Hannah Schreiber de Grahl (1864–1930), havelländische Malerin und Schülerin von Karl Hagemeister und Bernhard Buttersack, starb am 9. April 1930 in Neubeckum. Lovis Corinth malte ihr Porträt; Max Georg Freiherr von Twickel (1926–2013), Weihbischof, 1952 kurze Zeit Seelsorger in Neubeckum, 1953 Kaplan in St. Stephanus Beckum. Helga Uthmann (1933–2013), deutsche Schauspielerin und Hörspielsprecherin, lebte und verstarb in Neubeckum. Hermann Josef Real (* 1938), Anglist und Hochschullehrer, wurde in Neubeckum geboren

Sehenswürdigkeiten Naturdenkmäler Dicke Eiche beim Hof Schulze Pellengahr mit einem Brusthöhenumfang von 6,88 m (2015).

Naturschutzgebiete Kalkhalbtrockenrasen (8 ha), Orchideenvorkommen Vellerner Brook (110 ha), Waldmeister-Buchenwälder

Landschaftsschutzgebiete mini|Hellbach-Teich in Neubeckum

Ächterberg (172 ha) Geistkamp (6 ha) Hellbach (74 ha)

Literatur Heinz Hessberger: Die Industrielandschaft des Beckumer Zementreviers. Im Selbstverlag des Geographischen Instituts der Universität Münster und der Geographischen Kommission für Westfalen, Münster 1957. Egon Ahlmer, Gemeinde Beckum (Hrsg.): Gemeinde Neubeckum 1899–1974. Daten und Ereignisse aus 75 Jahren. Neubeckum 1974. Günter Buchwald, Josef Schumacher: Neubeckum auf alten Postkarten. Sutton Verlag, 1998, ISBN 3-89702-056-4. Heimatverein Neubeckum e. V. (Hrsg.): Neubeckum 1899–1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren. Neubeckum 1999.

Weblinks

Webportal mit Informationen zu Neubeckum

Einzelnachweise

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