Bratsche (italienisch viola, französisch alto) ist der heute im Deutschen gebräuchliche Name für ein Streichinstrument, dessen Alternativbezeichnung Viola (Mehrzahl: Violen) ein Relikt der historischen Violenfamilie des 16. und 17. Jahrhunderts ist. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine größere Violine, ist jedoch etwas anders proportioniert, tiefer gestimmt (Altinstrument zur Violine) und klingt dunkler. Bratsche ist eine Umformung der italienischen Bezeichnung Viola da braccio (Armgeige, bei Daniel Speer Braz) und bezieht sich auf die Handhabung durch den Bratschisten, im Gegensatz zur Viola da gamba (Bein-Viola oder Knie-Geige), deren Spieler Gambist genannt wird.

Charakteristika schrieb der ungarische Komponist György Ligeti im Vorwort zu seiner Sonate für Viola solo (1991–1994). Insgesamt wird der Klang der Bratsche als voll, weich, dunkel bis in die höchsten Lagen, immer etwas melancholisch, leicht rauchig und etwas näselnd beschrieben. Die Physik der Bratsche ist der der Violine sehr ähnlich; Details über den Aufbau des Instruments und die Funktion der einzelnen Bestandteile können im dortigen Artikel nachgelesen werden. Auch der Bogen gleicht dem der Violine, er ist allerdings 10–15 g schwerer und hat meist eine abgerundete Kante.

Die Bratsche besitzt vier Saiten im Abstand einer Quinte, gestimmt auf c – g – d1 – a1. Die drei höheren Saiten entsprechen den drei tieferen der Violine. Der tiefsten Saite (c) ist, zumal im „forte“, etwas Wildes und Raues zu eigen. Diese klangliche Eigenschaft kommt lautmalerisch in den Opern, Sinfonien und in der Filmmusik zur Geltung. Das hohe Register des Instruments, die A-Saite, ist eher dunkel, gleichzeitig von einer charakteristischen Schärfe, die an die Oboe erinnert.

Bauform Die Eigentümlichkeit des Bratschenklangs und das, was ihren Charakter ausmacht, beruht auf der Tatsache, dass der Korpus der Viola für ihre Stimmung eigentlich zu klein ist: Da ihr höchster Ton eine Quinte tiefer liegt als bei der Geige (Frequenzverhältnis 2:3), könnte der Korpus auch im gleichen Verhältnis länger sein als der etwa 36 cm lange Geigenkorpus, also ungefähr 54 cm lang. mini|Größenunterschied Violine – Bratsche Dass die Bratsche einen kleineren Korpus hat, als es die Physik nahezulegen scheint, ist das Ergebnis einer Entwicklung über Jahrhunderte. Dabei spielte das Verhältnis der menschlichen Körpergröße zum Instrument eine wichtige Rolle, auf die Rücksicht genommen werden musste: Je größer das Instrument, desto stärker die Streckung des linken Arms, desto kleiner der physiologisch mögliche Radius der Einwärtsdrehung (Supination) des Arms zum Greifen der Saiten.

Spielweise Ein größerer Instrumentenkorpus bedeutet eine längere Mensur (schwingende Saitenlänge) mit demzufolge größeren Tonabständen. Die Finger der Griffhand sind beim Spielen permanent gespreizt und müssen gleichzeitig entspannt werden, um die Fingerfertigkeit zu gewährleisten. Schon auf der kleineren Geige wird der linke Arm stark einwärts gedreht. Durch die Bratsche wird der Halteapparat aus Arm, Rücken und Schulter ungleich stärker beansprucht. Durch die starke Supination des Armes entsteht eine Grenzposition, die leicht zu Muskelverhärtung und Schleimbeutelentzündung des Ellenbogengelenks führen kann, wenn die Spieltechnik nicht sachgemäß ist.

Bis in die Barockzeit hinein wurde die zweittiefste Stimme eines mehrstimmigen Streichersatzes auf Viola tenore genannten Instrumenten mit Korpuslängen von ca. 48 cm gespielt, die mittlere Stimme auf der mit 40 bis 42 cm Korpuslänge vielen heutigen Bratschen entsprechenden Viola alta (daher die französische Bezeichnung „alto“), wie sie etwa auch von dem Bratschisten Hermann Ritter 1876 (mit fünfter hohen Saite) konstruiert (deshalb auch Ritterbratsche genannt) und verwendetErich Valentin: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. Gustav Bosse, Regensburg 1954, S. 139 und 429. worden war. Im Ensemblespiel des 16. und 17. Jahrhunderts hielten sich die Spielanforderungen in Grenzen, sodass die Viole tenore trotz ihrer Größe gut spielbar war. Im 18. Jahrhundert jedoch wurden viele dieser Instrumente der gesteigerten technischen Anforderungen wegen verkleinert, beispielsweise wurde für den Streichersatz der Frühklassik gerne die ursprünglich dreisaitige Violetta adaptiert. mini|Ansicht von vorne nach hinten: Quinte de Violon, Bratsche 42 cm, Violine Heute werden die klanggebenden Mittelstimmen, für welche die ehemals speziellen Viola-Bauweisen entstanden, von Bratsche (und Cello) ausgeführt. Allerdings führt die Wiederentdeckung des historischen Klanges mittels Nachbau alter Violainstrumente und historischer Spielweise zurück zur ursprünglichen Vielfalt der Instrumente.

Wendepunkt der Entwicklung im 19. Jahrhundert Die Verwendung einer solistischen Bratsche in Carl Maria von Webers Freischütz markiert einen Wendepunkt in der Bedeutung dieses Instruments. Das seither und bis in die Gegenwart wachsende Interesse an der Bratsche erforderte wieder klangvollere und damit erneut größere Instrumente. Dafür nahm man die Erschwerung der Spielbarkeit in Kauf. Jeder Bratschist sucht daher nach der für ihn besten Lösung im Spannungsfeld von Klang, technischer Beherrschung und bequemer Spielart. Im Gebrauch sind heute Instrumente zwischen 38 und 47 cm Korpuslänge, die meisten liegen zwischen 40,5 und 43 cm. Die richtige Größe des Instrumentes wird in der Regel an der Armlänge ausgerichtet aber bei der Viola auch an der Größe der Hand.

Stimmenbezeichnung in Partituren und auf Titeln In Partituren und auf Einzelstimmen alter und neuer Notendrucke und Handschriften ist für die Bratsche die Alternativbenennung „Viola“ gebräuchlich, ebenso auf Konzertprogrammzetteln für Konzertbesucher.

Notation Die Bratsche wird gegenwärtig als einziges Streichinstrument in der Regel im Altschlüssel notiert. Dies ist ein C-Schlüssel auf der dritten Linie von unten (gezählt im 5–Liniensystem). In dieser Position werden unnötig viele Hilfslinien im häufig benutzten tiefen Register vermieden. Für hohe Lagen ab etwa dem f’’ hingegen wird aus demselben Grund auf den Violinschlüssel ausgewichen. Im 17. Jahrhundert waren für die Mittelstimmen des Streichersatzes neben dem Altschlüssel auch Diskant-, Mezzosopran- und Tenorschlüssel gebräuchlich.

Herkunft

Im Unterschied zum Namen „Bratsche“ weist die Alternativbezeichnung „Viola“ auf die lange historische Entwicklung der Bratsche aus der Instrumentenfamilie der Violen zurück, die sich in die Viola-da-braccio-Instrumente (Armgeigen) und Viola-da-gamba-Instrumente (Beingeigen) unterteilte. Ein gewichtiger Unterschied zwischen diesen Instrumentengruppen bildete sich heraus: Da-braccio-Instrumente haben keine Bünde (Saitenunterteilungen für die Tonhöhen), wie es die Da-gamba-Instrumente aufweisen. Die Blütezeit der „Violen“ lag im 16. und 17. Jahrhundert in der vielstimmigen Musik des Streicherconsorts, aus dem sich später bei gesteigerter Spielweise die Violinfamilie mit Violine, Viola und Violoncello entwickelte.Riemann Musiklexikon 2012, Bd. 5, Artikel Viola und Violine. Diese Umformung begann mit der Praxis des solistischen Geigenspiels zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Im 16. Jahrhundert brachten portugiesische Händler und Missionare die Bratsche nach Südostasien, wo sie in einigen Regionen von Indonesien und Malaysia bis heute unter dem Namen Biola in der Volksmusik verwendet wird. Überwiegend bezeichnet Biola jedoch die höher gestimmte Violine.

Zu den Versuchen, das Instrument zu modifizieren, gehörte im 18. Jahrhundert der von dem Franzosen Michel Woldemar gebaute Violon alto, eine dem ebenfalls im 18. Jahrhundert gebauten Violino pomposo ähnliche fünfsaitige, um das doppeltgestrichene e erweiterte Bratsche.Erich Valentin: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. Gustav Bosse, Regensburg 1954, S. 139. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Heinrich Dessauer (1863–1917), ein Schüler von Joseph Joachim, mit der Klangerweiterung der Bratsche.Erich Valentin: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. Gustav Bosse, Regensburg 1954, S. 139.

Verwendung in der Musik Die Bratsche ist unverzichtbares Gruppeninstrument des 5-stimmigen Streicherapparates (1. Violinen, 2. Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe) im Sinfonieorchester und gehört als Einzelinstrument zum klassischen Streichquartett.

Kammermusik Die eigentliche Heimstatt der Bratsche ist die Kammermusik. An erster Stelle steht hierbei das Streichquartett für erste und zweite Violine, Viola und Violoncello als Hauptgattung der Kammermusik, ferner Sonaten u. ä. für Viola Solo oder für Viola und Klavier. Weitere Streicherformationen sind: das Streichduo für Violine und Viola oder Violoncello oder Kontrabass oder für zwei Violen; das Streichtrio für Violine, Viola und Violoncello oder für zwei Violen und Violoncello oder für Viola, Violoncello und Kontrabass; das Streichquintett, wobei dem Streichquartett entweder eine zweite Viola oder ein zweites Violoncello hinzugefügt wird; das Streichsextett, meist für je zwei Violinen, Violen und Violoncelli.

Sololiteratur Zu den wichtigsten Konzerten für Bratsche gehören: Johann Sebastian Bach, 6. Brandenburgisches Konzert B-Dur BWV 1051 Georg Philipp Telemann, Konzert für Bratsche in G-Dur TWV 51:G9 Carl Stamitz, Violakonzert Nr. 1 D-Dur Franz Anton Hoffmeister, Violakonzert Nr. 1 D-Dur Michael Haydn, Konzert für Orgel, Viola und Streicher C-Dur P 55 Joseph Martin Kraus, Konzert für Viola, Cello und Orchester G-Dur, VB 153a Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonia concertante für Violine und Viola Es-Dur, KV 364 Carl Friedrich Zelter, Konzert für Viola und Orchester in Es-Dur Niccolò Paganini, Sonata per La Gran' Viola ed Orchestra Hector Berlioz, Harold en Italie, Symphonie mit konzertanter Viola (1834) Luise Adolpha Le Beau, Drei Konzertstücke für Bratsche op. 26 (Kahnt, Leipzig) Richard Strauss, Don Quixote, op. 35 (Violoncello und Bratsche) William Walton, Konzert für Viola und Orchester Paul Hindemith, Der Schwanendreher: Konzert nach alten Volksliedern für Bratsche und kleines Orchester Paul Hindemith, Kammermusik nr. 5, op. 36 nr. 4 Béla Bartók, Konzert für Viola und Orchester Bohuslav Martinů, Rhapsodie-Konzert für Viola und Orchester George Enescu, Konzertstück für Viola und Klavier Josef Schelb, Konzert für Bratsche Nr. 1 (mit kleinem Orchester 1947) und Nr. 2 (mit Streichorchester 1956) Hermann Schroeder, Konzert für Viola und Orchester op. 45 Allan Pettersson, Konzert für Viola und Orchester Alfred Schnittke, Konzert für Viola und Orchester Morton Feldman, The viola in my life IV Toru Takemitsu, Konzert für Viola und Orchester Gija Kantscheli, Vom Winde beweint, Liturgie für großes Orchester und Solo-Viola, sowie Styx für Bratsche, Orchester und Chor Volker David Kirchner, Nachtstück für Viola und Orchester Sofia Gubaidulina, Konzert für Viola und Orchester Hartmut Schmidt, zwei Konzerte für Viola und Orchester; Viola-Sola – Per Veronica (geschrieben für Veronika Hagen) Georges Lentz, Monh für Bratsche, Orchester und Elektronik Anders Eliasson, Concerto per violino, viola ed orchestra da camera, Doppelkonzert für Violine, Viola und Kammerorchester Kalevi Aho, Konzert für Viola und Kammerorchester György Kurtág, ...Concertante... op. 42 für Violine, Bratsche und Orchester Constantinos Stylianou, Konzert für Viola und Orchester in c-Moll (2012) Jörg Widmann, Viola Concerto (2015)

Zu den bedeutendsten Solostücken für Viola gehören: Max Reger, Suiten für Viola solo op. 131d Paul Hindemith, Sonate für Viola solo, op. 25 Nr. 1 Igor Strawinski, Elegy for Solo Viola Luciano Berio, Sequenza VI Felicitas Kukuck, Die Tänze der Mirjam. 10 Tänze für Viola solo (1987)

Eine ganze Reihe Werke gibt es auch in ungewöhnlicheren Besetzungen wie den folgenden: Flöte, Viola und Harfe (über 80 Originalkompositionen; Hauptwerk: Claude Debussy Sonate, in g, 1915)