mini|Gilles Deleuze Gilles Deleuze ([]; * 18. Januar 1925 in Paris; † 4. November 1995 ebenda) war ein französischer Philosoph. Deleuze verfasste zahlreiche Schriften über Philosophie, Literatur, Film und Kunst. Zu seinen Hauptwerken zählen: Differenz und Wiederholung (1968), Logik des Sinns (1969), Anti-Ödipus (1972) und Tausend Plateaus (1980). Die beiden letztgenannten Werke verfasste er zusammen mit Félix Guattari.

Leben Gilles Deleuze wurde in Paris geboren und verbrachte dort fast die gesamte Zeit seines Lebens. Während des Zweiten Weltkriegs besuchte er das Lycée Carnot und ein Jahr lang die Eliteschule Henri IV. Danach studierte von 1944 bis 1948 Philosophie an der Sorbonne, unter anderem bei Ferdinand Alquié (1906–1985), Georges Canguilhem, Maurice de Gandillac und Jean Hyppolite.

Während der 1950er Jahre lehrte Deleuze entsprechend der üblichen Akademikerkarriere an verschiedenen Gymnasien. 1957 trat er eine Stelle an der Sorbonne an. Er hatte bereits sein erstes Buch über David Hume veröffentlicht. Wie bei vielen zeitgenössischen Philosophen, insbesondere seinem Lehrer Georges Canguilhem, galt seine Arbeit der Kritik am Rationalismus und am Essentialismus. Deleuze engagierte sich jedoch nicht in den philosophischen Trends der Nachkriegszeit, wie Phänomenologie oder Strukturalismus.

Von 1960 bis 1964 hatte Deleuze eine Anstellung am Centre national de la recherche scientifique. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit Friedrich Nietzsche und Henri Bergson und veröffentlichte Nietzsche und die Philosophie. Er schloss eine enge Freundschaft mit Michel Foucault und gab mit ihm zusammen die kritische Gesamtausgabe von Friedrich Nietzsche heraus. Von 1964 bis 1969 war er Professor an der Universität Lyon. Im Jahr des Pariser Mai 1968 reichte er seine Habilitation Differenz und Wiederholung und seine Zweitthese Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie ein. Nachträglich wurden diese Arbeiten als erste und fruchtbarste Versuche erkannt, die Studentenrevolte philosophisch zu begreifen.

1969 erhielt er dann eine Stelle an der Universität Paris VIII, einer Reformuniversität, die viele herausragende Gelehrte anzog, darunter Michel Foucault und Félix Guattari. Mit dem Psychiater Guattari schloss er eine tiefe Freundschaft, die langjährige fruchtbare Zusammenarbeit mit sich brachte. Während der 1970er Jahre veröffentlichten sie gemeinsam die bahnbrechenden Arbeiten Kapitalismus und Schizophrenie I und II. In dieser Zeit lernte er Gilbert Simondon kennen, der insbesondere auf seine Technikphilosophie Einfluss hatte.

1970 beteiligte er sich an Foucaults Arbeitskreis zur Situation der Gefangenen in Frankreich und demonstrierte mit Jean-Paul Sartre und Jean Genet gegen rassistische Gewalt und für die Rechte der Einwanderer.

1977 unterschrieb er wie etwa sechzig andere Intellektuelle einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie, der in den Zeitungen Libération und Le Monde erschien. Initiator des Appells war der pädophile Schriftsteller Gabriel Matzneff.

Im Alter von 62 Jahren zog sich Deleuze 1987 von seiner Universitätsstelle zurück. 1992 starb Félix Guattari. Gilles Deleuze nahm sich am 4. November 1995 wegen einer schweren Atemwegserkrankung, an der er seit Jahrzehnten litt, das Leben.

Werk

Das Werk von Deleuze lässt sich grob in zwei Phasen einteilen: Die erste Schaffensphase ist eine primär philosophiegeschichtliche Auseinandersetzung und beginnt mit der 1953 veröffentlichen Monographie zu David Hume (frz.: Empirisme et subjectivité). Dem Erstlingswerk zu Hume folgen später Werke zu Nietzsche (Nietzsche und die Philosophie, 1962 sowie Nietzsche. Ein Lesebuch, 1965), Kant (Kants kritische Philosophie, 1963), Proust (Proust und die Zeichen, 1964) und Bergson (Henri Bergson zur Einführung, 1965). In dieselbe Phase können auch die 1968/69 als Habilitationsschrift eingereichten Werke Differenz und Wiederholung (als these principiale) sowie Spinoza und das Problem des Ausdrucks (als these complementaire) gerechnet werden.

Die zweite Werkphase beginnt im Juni 1969, als sich Deleuze und Guattari, vermittelt durch Jean-Pierre Muyard, auf dem Familienanwesen von Deleuze in Saint-Léonard-de-Noblat kennenlernen. Aus dieser zweiten Werkphase gehen wesentlich experimentellere Werke hervor. Beginnend mit dem 1972 erschienenen Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie 1. Bevor 1980 der zweite Band von Kapitalismus und Schizophrenie unter dem Titel Tausend Plateaus veröffentlicht werden sollte, erscheint in der Zwischenzeit 1975 noch ein gemeinsames Buch zu Kafka, welches den Titel Kafka. Für eine kleine Literatur trägt. Das letzte gemeinsame Werk von Deleuze/Guattari erscheint dann 1991, also ein Jahr vor dem plötzlichen Tod von Guattari, und trägt den Namen Was ist Philosophie?. Ohne Guattari, aber dennoch wesentlich beeinflusst von diesen, erscheinen nach 1969 noch Werke zu Foucault und Leibniz sowie zwei Bücher zum Kino und ein Buch zur Malerei.

Auseinandersetzung mit D. Hume Die erste größere Veröffentlichung von Deleuze beschäftigte sich mit David Hume. Deleuze schrieb diese Arbeit im Rahmen des Diplôme d'Etudes Supérieures (eine Arbeit, welche den Geprüften dazu berechtigt, sich zur agrégation anzumelden, vom Umfang vergleichbar mit einer heutigen Master-Arbeit). Der Text behandelt primär den Empirismus, die Subjektivität und Institutionen. Folgt man Deleuze, so „kommt der Mensch nicht als Subjekt auf die Welt, sondern wird es.“ Die Frage nach der Genese der Subjektivität macht einen großen Teil der Arbeit aus und kulminiert in der These: „Glauben und Erfinden ist, was das Subjekt zum Subjekt macht.“. Die eigentliche Neuerung in der Hume-Forschung war Deleuzes Fokus auf die Rolle der Institutionen. Eine Zusammenfassung der von ihm erarbeiteten Thesen findet sich im Text „Instinkte und Institutionen“ (im frz. Original 1955 erschienen). Auch die spätere these principiale von Deleuze griff immer wieder auf Hume zurück.

Philosophisches Schaffen Deleuze steht in der langen Tradition europäischer Denker, die sich mit der Kritik des Essentialismus beschäftigten (Baruch de Spinoza, Friedrich Nietzsche). Was sollte jedoch an dessen Stelle treten? Für Deleuze war dies das All-Eine, die Totalität von Allem, die das gesamte physikalische Universum und seine Möglichkeitsbedingungen umfasst. Deleuze richtete sich damit auch gegen den Platonismus. Platons Auffassung war, dass die Dinge der Welt nur unvollkommene Manifestationen von Ideen seien, die selbst vollkommen, ewig und unveränderlich sind. Deleuze setzte dem seine Vorstellung von der Welt des Virtuellen entgegen. Jede Realisierung von Gegenständen in der Welt ist ein Nexus (Ort eines Verbundenseins) von Virtualitäten, die notwendigerweise unvollkommen miteinander interagieren. Da sie unvollkommen sind, stören sie die zukünftige Realisierung von Virtualitäten.

In politischer und moralischer Hinsicht ist diese Auffassung für Deleuze eine Verpflichtung, den Faschismus und den Kapitalismus abzulehnen. Beide erscheinen als Versuche, die Instabilität der physischen Welt zu leugnen und die Möglichkeiten der Realisierung einzuschränken. Stattdessen solle man die Instabilität und Unvollkommenheit der realen Welt akzeptieren und sich frei durch die Realisierungen der Virtualität bewegen.

Deleuze’ Werk trägt daher Züge eines Anti-Hegelianismus. Es ist für ihn nicht die Dialektik des Willens (von Herr und Knecht), die Veränderung hervorbringt, sondern interne, immanente Differenz. Von Henri Bergson übernimmt Deleuze die Idee der Dauer, die Körperzeit, in der der Körper selbst Differenz hervorbringt, ohne dafür Anstoß von außen zu benötigen.

Begriffe sind für ihn nicht Ideen (im Sinne Hegels), die die reale Welt transzendieren und dadurch negieren, sondern sie stehen an einer Bruchstelle zwischen den Gegenständen, die Veränderung und Durchdringung ermöglicht. Der Begriff ermöglicht neue Verbindungen zwischen den Dingen, indem er ihre virtuellen Unbestimmtheiten verknüpft. Er ist somit in positivem Sinne produktiv. Deleuze’ Philosophie kennt keine Negation in Hegels Sinne; sie trägt die Züge reiner Affirmation der Verknüpfung des bisher Unverbundenen.

Zwei Schlüsselwerke von Deleuze, die beiden Bände von Kapitalismus und Schizophrenie, sind in gleichem Maße Arbeiten von Félix Guattari. Anti-Ödipus (Band I) versteht sich als Kritik der Psychoanalyse von Jacques Lacan und Sigmund Freud. Die Psychoanalyse erscheint hier als Instrument der Aufrechterhaltung von (unter anderem kapitalistischer) Dominanz und Repression, vor allem durch die Unterwerfung des Subjekts unter die phallische Struktur der Kultur. Dagegen entwerfen Deleuze und Guattari das Konzept der Wunschmaschine, eines maschinell gedachten Unbewussten, das, anders als in der Psychoanalyse, nicht sprachlich strukturiert ist. Das Subjekt ist demnach nicht vom negativen Mangel gekennzeichnet (wie bei Lacan), sondern vom positiven Wunsch.

In Tausend Plateaus (Band II) wird die philosophische Tradition des Rationalismus, vor allem der Hegelianismus, einer radikalen Kritik unterzogen. Deleuze und Guattari propagieren Heterogenität, Vielheit, nomadische Wissenschaft und den organlosen Körper. Eines ihrer meistrezipierten Konzepte, das Rhizom, soll eine Alternative zu gedanklichen Modellen sein, die als „Bücher“ Anspruch auf Repräsentation der Welt erheben. Dazu gehört der Baum des Wissens, der seit Platon das zentrale Modell für die hierarchische Organisation der Wissenschaften war, aber auch deren modernistische Gegenkonzeption der „Wurzelbüschel“, die als Gegenbewegung in der Weltbeschreibung eine Fragmentarisierung (genannt werden James Joyce und Friedrich Nietzsche) erreichen will, durch diesen Prozess aber stetig Verweise auf höher gedachte, allumfassende Einheiten bewahrt. Das Rhizom wurde vor allem in der Medientheorie als Metapher zur Beschreibung von Hypertext-Netzwerken verwendet. Nomadische Wissenschaft ist für Deleuze und Guattari der positive Gegenbegriff zur monarchischen Wissenschaft. Damit bezeichnen sie zwei Modelle von Macht. Monarchische Wissenschaft trenne zwischen Macht und Handlung, was zur Arbeitsteilung von intellektueller und körperlicher Arbeit führte. In der nomadischen Wissenschaft blieben dagegen intellektuelles und körperliches Handeln gleichrangig vereint.

Von Deleuze stammt der Begriff der Kontrollgesellschaft. Er prägte diesen in enger Anlehnung an den Machtbegriff Foucaults. Deleuze stellte dabei Anfang der 1990er Jahre fest, dass sich kapitalistische Gesellschaften in einem weitreichenden Transformationsprozess befänden: Von Disziplinargesellschaften, in denen Macht vor allem über Repressionen ausgeübt wird, hin zu Kontrollgesellschaften, in denen Konformität vor allem durch Selbstdisziplinierung erreicht wird. Dadurch, dass nach und nach sämtliche gesellschaftlichen Teilsysteme der Logik des Marktes unterworfen würden, würden Individuen immer mehr als Produkte gedacht, die stets optimiert werden müssen und in ständiger Konkurrenz zueinander stehen. Möglich gemacht werde diese Entwicklung durch den technischen Fortschritt. In einer vollständigen Kontrollgesellschaft haben die Individuen die geltenden Machtverhältnisse in einem solchen Maß internalisiert, dass eine zentrale Machtinstanz überhaupt nicht mehr erforderlich ist, um eine Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Macht ist hier vielmehr systemimmanent und die Disziplinierung erfolgt nun nicht mehr durch Bestrafung, sondern durch ständiges gegenseitiges Bewerten und Kontrollieren.

Deleuze interpretiert Spinoza folgend: Es gäbe eine „trübsinnige Leidenschaft“, wo Lust nicht als solche, sondern als Unlust erfahren wird.