mini|„Inneres Schauen vom Glück“ (1926), spirituelles Gemälde von Alexej von Jawlensky

Spiritualität (von spiritus ‚Geist, Hauch‘ bzw. spiro ‚ich atme‘ – wie bzw. , siehe Psyche) ist die Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt. Spirituelle Einsichten können verbunden sein mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, mit der Erfahrung der Ganzheit der Welt in ihrer Verbundenheit mit der eigenen Existenz, mit der „letzten Wahrheit“ und absoluter, höchster Wirklichkeit sowie mit der Integration des Heiligen, Unerklärlichen oder ethisch Wertvollen ins eigene Leben.

Es geht dabei nicht um gedankliche Einsichten, Logik oder die Kommunikation darüber, sondern es handelt sich in jedem Fall um intensive psychische, höchstpersönliche Zustände und Erfahrungen, die direkte Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Vorstellungen der Person haben. Voraussetzung ist eine religiöse Überzeugung, die jedoch nicht mit einer bestimmten Religion verbunden sein muss. mini|400px|Gottesglaube in Deutschland (Erhebung 2012)

Ursprung des Begriffs, Begriffsgeschichte „Spiritualität" kann von dem Adjektiv abgeleitet werden, einer Übersetzung des Wortes . Das Substantiv „spiritualitas“, das es seit dem nachchristlichen fünften Jahrhundert gibt, wurde aber kaum verwendet. Im romanisch-französischen Sprachraum tauchte der Begriff konstant ab 1900 als „spiritualité“ auf. Der Begriff der „Spiritualität“ () findet seinen Gebrauch also im französischen Katholizismus, so wird er schon etwa im Kontext der „École française de spiritualité“, einer katholischen Schule oder auch einer Methode der Askese, die vom französischen Kardinal Pierre de Bérulle begründet worden war, verwendet. Im 18. Jahrhundert findet er seine weitere Ausbreitung in der französischen Ordenstheologie. Lange Zeit war dieser Begriff (zumal außerhalb Frankreichs) wenig gebräuchlich. Er war kirchlich besetzt und stand für geistiges Leben, Exerzitien, gelegentlich auch Abtötung unerwünschter Begierden.Anton Bucher: Psychologie der Spiritualität. Beltz, Weinheim 2014, ISBN 978-3-621-28142-3, S. 10, Teilabdruck auf beltz.de (online)

Der Begriff „Spiritualität“ ist also im Umfeld des französischen Katholizismus bis hin zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zu verorten.Bernhard Uhde: West-Östliche Spiritualität – Die inneren Wege der Weltreligionen. Eine Orientierung in 24 Grundbegriffen. Unter Mitarbeit von Miriam Münch. Herder, Freiburg 2011, S. 100, zitiert aus Alexander Poraj: Probleme im Umfeld der meditativ-kontemplativen Weganleitung. In: Liane Hofmann, Patrizia Heise: Spiritualität und spirituelle Krisen. Schattauer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-3057-1, S. 257Simon Peng-Keller: Zur Herkunft des Spiritualitätsbegriffs. Begriffs- und spiritualitätsgeschichtliche Erkundungen im Hinblick auf das Selbstverständnis von Spiritual Care. Spiritual care, 1/2014 3. Jahrgang, auf researchgate.net Peng-Keller (2014) führte an, dass das im 13. Jahrhundert erstmals belegte mittelfranzösische Wort „espiritualité“ eine primär kirchenrechtliche Sinnrichtung und Konnotation hatte, von „spiritualitas“ im Gegensatz zu den „temporalia“.Aimé Solignac: Spiritualität. Historisches Wörterbuch der Philosophie online, https://doi.org/10.24894/HWPh.4013

Neben obiger, aus dem romanisch-französischen Sprachraum stammenden Traditionslinie rekonstruiert der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger eine zweite, angelsächsische Traditionslinie. In dieser bezeichne der Begriff Spirituality eine „sich auf innere Erfahrung berufende, vollmächtige und freigeistige Haltung gegenüber religiösen Fragen“. Die frühesten Belege dieser Verwendung ließen sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Das dtv Brockhaus Lexikon von 1962 sieht Spiritualität noch als Domäne der katholischen Konfession an: „kath. Kirche: die christliche Frömmigkeit, insofern sie als Werk des Geistes Gottes unter Mitwirkung des Menschen verstanden wird; auch personale Aneignung der Heilsbotschaft“. Bis etwa 1950 war der Begriff „Spiritualität“ im deutschen Sprachraum nicht gebräuchlich.

In Deutschland fand der Begriff „Spiritualität“ erst in den 1960er Jahren breitere öffentliche Beachtung, als er aus der freireligiösen und angelsächsischen Szene übernommen wurde. In diesem Kontext wurde er von religiösen Akteuren als Ausdruck für eine „persönliche Bezugnahme auf ‚Gott‘ oder gottähnliches Transzendentes“ etabliert. Gleichzeitig setzte sich eine deutliche Abgrenzung zwischen „Spiritualität“ und „Religion“ durch: Während Spiritualität als frei, individuell und auf innere Erfahrungen fokussiert verstanden wurde, betrachteten die Vertreter der Spiritualitätsbewegung Religion als dogmatisch, institutionell geprägt und überholt.

Annäherung an eine Definition Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des Begriffes. Der persönliche, weltanschauliche Glaube bestimmt seine konkrete Bedeutung für jeden Einzelnen – etwa, ob Gott oder andere Geistwesen, numinose oder auch natürliche Kräfte darin eine Rolle spielen.

Im Christentum war Spiritualität früher synonym zu Frömmigkeit. Es wird dort auch im 21. Jahrhundert zum Teil noch so verwendet. Faktisch ist christliche Frömmigkeit jedoch formal an die Ausübung einer bestimmten Lehre und ihrer Rituale gebunden. In den Wissenschaften wird Spiritualität heute zumeist im weiteren – Konfessionen und Religionen übergreifenden – Sinn verstanden und Frömmigkeit im engeren – eher kirchlich geprägten – Sinn.

Auch der Begriff Religiosität wird bisweilen mit Spiritualität gleichgesetzt, obwohl damit entweder nur der ehrfürchtige Glaube beziehungsweise die Empfindung einer transzendenten Wirklichkeit bezeichnet wird – ohne sie bewusst und aktiv zu „ergründen“,Hans-Ferdinand Angel: „Von der Frage nach dem Religiösen“ zur „Frage nach der biologischen Basis menschlicher Religiosität“. In: Christlich-pädagogische Blätter. Nr. 115, 2002, Wien, , S. 86–89. oder aber die Hinwendung zu einer bestimmten Religion.

Auf der Jahrestagung 2010 der „Grünen Akademie“ zur Frage „Wie sollen wir leben?“ konnte im Zusammenhang mit dem Lifestyle of Health and Sustainability nur ein Minimalkonsens über die Bedeutung des Begriffs Spiritualität erzielt werden: Spiritualität sei „etwas anderes als der schnöde Mammon“ (Formulierungsvorschlag des Trend- und Zukunftsforschers Eike Wenzel).Timon Mürer: Wie sollen wir leben?. Heinrich-Böll-Stiftung. 17. Februar 2010. Allerdings gehören zu dieser Bewegung, die unter anderem Slow-Food, Flexitarismus, Natursport, Konsumskepsis, sogar Konsumverweigerung und Einfaches Leben bedenkt, auch Formen eines „breit verstandenen Konzepts von Spiritualität“. Der Begriff der Spiritualität steht bei der Bewegung, die seit der Jahrtausendwende beobachtet und beschrieben wird, neben den Stichworten Authentizität, Natürlichkeit und Engagement.

Der Soziologe Detlef Pollack stellt eine zunehmende Säkularisierung der deutschen Bevölkerung fest, im Zuge derer sich insbesondere die katholische und evangelische Kirche gegenüber der kirchlich unabhängigen, spirituellen Bewegung positionieren müsse. Für die auch von dem Soziologen Hubert Knoblauch vertretene These, dass Spiritualität in der modernen Gesellschaft die etablierten religiösen Formen und Institutionen ablöst, gibt es bisher keine ausreichenden empirischen Belege. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an der Pollack als Teil des wissenschaftlichen Beirats mitwirkte, legen im Gegenteil nahe, dass es keinen Transfer zu individualisierter Spiritualität gibt. Die meisten Menschen, die sich als spirituell identifizieren, sind demnach in der Kirche zu finden und nicht außerhalb.

Historische Entwicklung des Bezeichneten und der Bezeichnung Spirituelle Haltungen haben sich als Teil der intuitiven Einordnung (vermeintlich) unerklärlicher Phänomene im magisch-mythischen Denken unserer Vorfahren vermutlich schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte entwickelt. Tatsächlich sind allerdings viele Phänomene, die früheren Generationen als „mysteriös“ erschienen sind, heute mit Hilfe wissenschaftlicher Einsichten erklärbar. Wie die Forschungsergebnisse der Ethnologie für viele schriftlose Kulturen gezeigt haben, gab es ursprünglich nur eine unscharfe Trennung zwischen der Welt und der Religion im Leben der Menschen, so wie wir es kennen. Spiritualität war demnach bis zur Entwicklung der formalen Religionen und der Wissenschaften ein alltägliches Verhaltensmuster der animistischen Weltanschauung.Reinhold Bernhardt, Klaus von Stosch (Hrsg.): Komparative Theologie. Interreligiöse Vergleiche als Weg der Religionstheologie. (= Beiträge zu einer Theologie der Religionen. Band 7). Theologischer Verlag, Zürich 2009, ISBN 978-3-290-17518-4, S. 62–65.Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. Bettendorf, München u. a. 1996, ISBN 3-88498-091-2, S. 390.

Von Mitgliedern etablierter Glaubensgemeinschaften wird Spiritualität häufig noch mit „Frömmigkeit“ gleichgesetzt, wie es früher üblich war. Dieser Begriff wird heute jedoch vorwiegend im kirchlichen Kontext verwendet, weil damit eine Spiritualität gemeint ist, die sich an den Lehren und Kulten einer bestimmten Religion orientiert und nicht „frei“ auf das Transzendente gerichtet ist. So ist damit auch die negative Konnotation verbunden, dass ein frommer Mensch kritiklos einer Religion anhängt, auch wenn sein Verstand sich weigern müsste, bestimmte Glaubensaussagen als „wahr“ zu akzeptieren.Stefan Tobler: Jesu Gottverlassenheit als Heilsereignis in der Spiritualität Chiara Lubichs. Walter de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017777-3, S. 22–25.

Christian Rutishauser unterscheidet theologische und säkulare Spiritualität. Nach ihm drückt Spiritualität in der gegenwärtigen Gesellschaft die Sehnsucht nach einem Geist aus, der nicht im Alltäglichen und Oberflächlichen steckenbleibt.Christian M. Rutishauser: Religion und Spiritualität – Der Lärm der vielen Geister. In: Neue Zürcher Zeitung, 24. Juni 2017, S. 12. Abgerufen am 25. Juni 2017.

In der Gegenwart gilt Spiritualität vor allem als „Leitbegriff postmoderner Religiosität“. Die „Karriere“, die der Begriff Spiritualität bis in die Gegenwart hinein gemacht habe, erklärt Karl Baier damit, dass ihm die „Patina, die viele religiöse Worte in der Moderne angesetzt haben, fehlt“.Karl Baier: Unterwegs zu einem anthropologischen Begriff der Spiritualität. In: Karl Baier, Josef Sikovits: Spiritualität und moderne Lebenswelt. Wien / Berlin 2006, S. 21. Im französisch- und im englischsprachigen Raum wurde er erst um 1900 von einer größeren Zahl von Menschen gebraucht. Im deutschsprachigen Raum wurde er zwar ebenfalls um 1900 in einem Lexikon erwähnt,Meyers Großes Konversations-Lexikon. 1902–1909, sechste Auflage, Band 18 massenwirksam wurde er hier aber erst nach etwa 1960.Hubert Knoblauch: Soziologie der Spiritualität (2006), S. 2. In K. Baier (Hrsg.): Handbuch Spiritualität – Zugänge, Traditionen, interreligiöse Prozesse (S. 91–111).

Formen mini|400px|Religiosität und Spiritualität in Deutschland (Erhebung 2008)