Psychosomatik ist ein Teilgebiet der Medizin, das die Wechselwirkungen zwischen Psyche (von psyché „Atem, Hauch, Seele“) und Körper (von soma „Körper, Leib“) untersucht.
Als Krankheitslehre berücksichtigt Psychosomatik psychische Einflüsse auf somatische (körperliche) Vorgänge und umgekehrt. Die theoretischen Modelle zur Erklärung der dabei festgestellten Zusammenhänge variierten seit der Begründung der wissenschaftlichen Medizin durch Hippokrates von Kos um 400 v. Chr. erheblich. Friedrich Schiller wird aufgrund seiner Idee von der „Mittelkraft“ oft als ein Pionier der Psychosomatik beschrieben. Komplementär zur Psychosomatik befasst sich die Somatopsychologie mit den umgekehrten Zusammenhängen, d. h. mit den Auswirkungen von körperlichen Erkrankungen auf emotionale und kognitive Prozesse, wird begrifflich aber nicht immer von der Psychosomatik unterschieden.
Psychosomatische Medizin Die psychosomatische Medizin (auch psychosomatische Heilkunde genannt) stellt die praktische Umsetzung der Psychosomatik in der Krankenbehandlung und Krankheitsprophylaxe dar. Sie befasst sich mit Krankheiten und Leidenszuständen, die von psychosozialen und psychosomatischen Faktoren (einschließlich dadurch bedingter körperlich-seelischer Wechselwirkungen) maßgeblich verursacht werden. Ihre Aufgabe ist dabei die Erkennung, Behandlung (somatotherapeutisch, psychosomatisch-medizinisch wie auch psychotherapeutisch), Vorbeugung und Rehabilitation dieser Leiden.
Zum klinischen Anwendungsbereich der psychosomatischen Medizin zählen: körperliche Erkrankungen mit ihren biopsychosozialen Aspekten (z. B. Krebskrankheiten und ihre Bewältigung; siehe auch Psychoonkologie) physiologisch-funktionelle Störungen (als Begleiterscheinungen von Emotionen und Konflikten sowie als direkte oder indirekte Reaktion auf psychische oder physische Traumata; siehe auch Posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörungen). dissoziative Störungen (Konversionsstörungen): körperliche Symptome, die auf unbewusste Konflikte zurückgehen Hypochondrie: die Überzeugung, an einer Krankheit zu leiden, und krankhaftes Interesse an Gesundheit und Beschwerden seelische Störungen, die mit körperlichen Missempfindungen einhergehen: Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen. seelische Erkrankungen, die körperliche Auswirkungen haben: Essstörungen. Folgen verantwortungslosen Umgangs mit der eigenen Gesundheit (z. B. Konsum gesundheitsschädlicher, suchterzeugender Genussmittel und Drogen)
Die psychosomatische Medizin beschäftigt sich auch mit somatoformen Störungen als Sonderformen psychosomatischen Geschehens, bei denen kein hinreichender pathologischer organischer Befund nachweisbar ist und psychische Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome eine bedeutsame Rolle spielen. Häufig vorkommende Beschwerden, die dieser Gruppe zugeordnet werden, sind unter anderem Schmerzen und funktionelle Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems, des Magen-Darm-Bereiches, des Urogenitalbereichs und des Skelett- und Muskelsystems.
Psychosomatische Zusammenhänge Ein Beispiel für einen psychophysiologischen Zusammenhang: Angst führt dazu, dass die Nebennieren Adrenalin ausschütten, wodurch über das vegetative Nervensystem unter anderem die Magen-Darm-Peristaltik gehemmt wird, was bei längerer Einwirkung zu Verdauungsstörungen führen kann. Vielen Redewendungen des Alltags liegt dieser Zusammenhang zugrunde: Etwas liegt einem „schwer im Magen“, eine Sache geht einem „an die Nieren“, der Schreck „fährt einem in die Glieder“, jemandem ist eine „Laus über die Leber gelaufen“. Zudem leitet sich das Wort Hypochonder vom Hypochondrium, der beidseits der Magengrube gelegenen Bauchregion unterhalb der Rippenbögen ab. Außerordentliche emotionale Belastungen können bei manchen Menschen eine Stress-Kardiomyopathie auslösen.Universitätsmedizin Göttingen: Göttinger Forscher entschlüsseln wichtige funktionelle Aspekte des Broken-Heart-Syndroms.T. Borchert, D. Hübscher et al.: Catecholamine-Dependent β-Adrenergic Signaling in a Pluripotent Stem Cell Model of Takotsubo Cardiomyopathy. PMID 28818208 Takotsubo-Syndrom. Medical Tribune Als Vermittler und neurobiologische Schnittstellen zwischen seelischen und leiblichen Vorgängen spielen das limbische System, der Thalamus als sensorisches Zentrum, das vegetative Nervensystem sowie die endokrinen Drüsen, die vom vegetativen Nervensystem Impulse für die Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen erhalten, eine wichtige Rolle. Diese Zusammenhänge und deren Wirkmechanismen gehören zu den Forschungsgebieten der Psychoneuroimmunologie und Psychoneuroendokrinologie.
Geschichte und theoretische Konzepte Die Ursprünge der Psychosomatik lassen sich bis an die Anfänge der Medizin zurückverfolgen. In der Philosophiegeschichte gilt die Auseinandersetzung um das Leib-Seele-Problem seit der Antike als eine zentrale Frage; Schipperges verwies auf die Ursprünge dieser Auseinandersetzung in den mesopotamischen Hochkulturen.Heinrich Schipperges: Leiblichkeit – Studien zur Geschichte des Leibes, Aachen 2001. Auch schon im Buch der Sprüche Salomos im Alten Testament wird „psychosomatische“ Heilkunde kurz erwähnt: „Ein fröhliches Herz bringt gute Besserung, aber ein zerschlagener Geist vertrocknet das Gebein.“ (Spr. 17, 22; Elberfelder Bibel 1871). Nach den Aufzeichnungen seines Sekretärs Dschuzdschani diagnostizierte auch Avicenna im 11. Jahrhundert in Kurganag bei Buchara psychische Gründe für somatische Beschwerden eines seiner Patienten.Faramars Parsa: Die dokumentierte Geburtsstunde der Psychosomatik. In: Borsuye. Zeitschrift für Medizin u. Kultur 10, 1998, 39, S. 15–17
Als Wegbereiter der Psychosomatik in der Medizin gilt Georg Ernst Stahl.Axel W. Bauer: Der Körper als Marionette? Georg Ernst Stahl und das Wagnis einer psychosomatischen Medizin. In: Dietrich von Engelhardt, Alfred Gierer (Hrsg.): Georg Ernst Stahl (1659–1734) in wissenschaftshistorischer Sicht. Leopoldina-Meeting am 29. und 30. Oktober 1998 in Halle (S.). In: Acta historica Leopoldina. Nr. 30, Halle (Saale) 2000, S. 81–95.
Das Wort Psychosomatik wurde 1818 von Johann Christian August Heinroth (1773–1843) geprägt. Heinroth versuchte als „Psychiker“, jedes Krankheitsgeschehen in seinen psychischen wie somatischen und lebensgeschichtlichen Gesamtzusammenhängen zu verstehen. Dabei lag er mit seiner moralistischen Deutung von Krankheit (jede „Seelenstörung“ beschrieb er als Abfall von Gott und der „heiligen Vernunft“, als das Böse und Teuflische schlechthin) allerdings nahe an mittelalterlichen religiös geprägten Krankheitskonzepten. Modernere Vorstellungen wurden etwa von Erich Stern publiziert.Vgl. beispielsweise Erich Stern: Die seelische Einstellung des Kranken zu seiner Krankheit. In: Die Umschau. Band 30, 1926, S. 754–755; Ernst Stern: Lebenskonflikte als Krankheitsursachen. Eine Einführung in die psychosomatische Medizin. Rascher, Zürich 1952. Starken Einfluss übte Pierre Janets Hysterieforschung in Deutschland aus (1853–1947). Janet legte erkenntnismäßige Grundlagen, die in der heutigen Psychoneuroimmunologie (PNI) ihre Bestätigung finden.Peter Fiedler: Trauma, Dissoziation und Persönlichkeit. Lengerich 2006, S. 121.Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Stuttgart 2011.
Missionarisch ähnlich eifrig, aber mit völlig entgegengesetzter Tendenz war ein Jahrhundert später Georg Groddeck. In einem von ihm in Baden-Baden gegründeten Sanatorium ergänzte er die Massagen des Körpers durch „Lockerungen von Seelenverkrampfungen“ mit Hilfe der Psychoanalyse. In seinem populärsten Werk, dem 1923 erschienenen „Buch vom Es“, verstand er die physischen Symptome von Krankheiten als Symbole, mit denen sich die von der öffentlichen Moral verdrängte und unterdrückte Macht des Lebens, das Es Ausdruck verschafft. Groddeck radikalisierte damit den Ansatz von Sigmund Freud in dessen Studien über Hysterie 1895: „Psychische Erregung, die nicht adäquat verarbeitet oder abgeführt werden kann, ‚springt‘ in einen Körperteil, wird also umgewandelt (Konversion)“. Das körperliche Leiden ist in dieser Vorstellung Symbol des unbewussten Konflikts bzw. Traumas.
Ein Schüler Sigmund Freuds war Wilhelm Reich, der nach den körperlichen Wirkkräften suchte, die eine Widerspiegelung von Freuds Triebmodell sein sollten. Seine Arbeit führte später zur Entwicklung der Bioenergetik und zu den modernen körperpsychotherapeutischen Schulen, die sich auf die Behandlung psychosomatischer Leiden spezialisiert haben. Das psychoanalytische Erklärungsmodell wurde bestimmend für einen bis heute verbreiteten Zweig der psychosomatischen Medizin (mit späteren teilweise erheblichen Modifikationen, unter anderem durch Felix Deutsch, Otto Fenichel, Harald Schultz-Hencke, Franz Alexander, Max Schur, Arthur Jores und Alexander Mitscherlich).
Eine Fülle weiterer Impulse kamen aus den anderen tiefenpsychologischen Schulen philosophisch-anthropologischen Ansätzen (z. B. Ludolf von Krehl: „Einheit der Persönlichkeit“, Viktor von Weizsäcker: „Einführung des Subjekts in die Heilkunde“, Wolfgang Jacob: „Kranksein und Krankheit“, Medard Boss: „Daseinsanalyse“), psychobiologischen (z. B. Flanders Dunbar) und psychophysiologischen Entwürfen (z. B. Walter Cannon: Affekte als Auslöser vegetativer Veränderungen; Iwan Petrowitsch Pawlow: bedingte Reflexe, Hans Selye: psychophysiologisches Stressmodell),
der Weiterentwicklung der Psychophysiologie (Psychoneuroendokrinologie und Psychoneuroimmunologie)
der Systemtheorie (z. B. Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiak: „dynamisches bio-psycho-soziales Modell“, Herbert Weiner: „integratives (salutogenetisches) Modell von Gesundheit, Krankheit und Kranksein“, George L. Engel: „biopsychosoziales Modell“). Der in der Psychosomatik häufig verwendete Begriff der funktionellen Syndrome hat zu einem Umdenken in der Medizin und zur praktischen Anwendung verschiedener neuer und älterer Krankheitskonzepte geführt.
Diese Vielzahl von theoretischen Konzepten kann als ein Ausdruck der lange Zeit nicht widerspruchsfrei beantworteten Fragen nach den Mechanismen gesehen werden, durch die Psychisches und Somatisches kausal miteinander verknüpft sind. Die neueren systemtheoretisch fundierten Modelle verzichten auf die Suche nach einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten. Damit wird die Vorstellung aus der Pionierzeit aufgegeben, dass bestimmte „psychosomatische Krankheiten“ oder „Psychosomatosen“ von den übrigen Erkrankungen abzugrenzen wären.
Axel Schweickhardt definierte 2005:
Konversionsmodell: Dieses wurde von Sigmund Freud entwickelt, der es in seinen Studien zur Hysterie beschrieben hat. Grundannahme ist, dass die Erregungssumme einer uns Lust bereitenden Vorstellung ins Körperliche umgesetzt wird, um diese unschädlich zu machen.Bräutigam: Psychosomatische Medizin. Thieme, Stuttgart 1973
De- und Resomatisierung: Dieses Modell wurde von Schur 1955 entwickelt. Es bezieht sich auf die in der Psychoanalyse beschriebenen leiblichen und seelischen, topischen und genetischen Progressionen sowie Regressionen. Hier wird angenommen, dass psychische Probleme durch den Körper ausgedrückt werden (Resomatisierung). Es wird ebenfalls angenommen, dass dies auch in der frühen Kindheit geschieht, wenn das Kind noch keine Möglichkeit hat, mit psychischen Problemen umgehen zu können.