mini|hochkant|Władysław Bartoszewski (2006) Władysław Bartoszewski ( ; * 19. Februar 1922 in Warschau; † 24. April 2015 ebenda) war ein polnischer Historiker, Publizist, Politiker und zweimaliger Außenminister Polens.
Leben Władysław Bartoszewski war der Sohn einer katholischen Beamtenfamilie. Im Frühjahr 1939 bestand er die Abiturprüfung an einem katholischen Gymnasium in Warschau.Bartoszewski Władysław encyklopedia.pwn.pl, abgerufen am 24. November 2021.
Im September 1940 wurde er als 18-jähriger Abiturient bei einer Straßenrazzia von einer deutschen Streife festgenommen und als Gefangener mit der Häftlingsnummer 4427 ins Stammlager des KZ Auschwitz deportiert.bbc.co.uk: Cash crisis threat to Auschwitz. 26. Januar 2009 (abgerufen am 21. Dezember 2009) Nach sechseinhalb Monaten wurde er im April 1941 von dort entlassen, laut eigener Darstellung auf Intervention des Polnischen Roten Kreuzes, da er schwer erkrankt gewesen sei. Bei der Entlassung aus dem KZ habe er seine Zivilkleidung und seine Geldbörse samt Inhalt vollständig zurückerhalten.Władysław Bartoszewski: Mein Auschwitz. München 2015, S. 134. Anschließend schloss er sich der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung Polens an.Hans Maier: Władysław Bartoszewski – der Brückenbauer. In: Stimmen der Zeit, Bd. 220 (2002), S. 363–370, hier S. 365. Jan Karski machte ihn 1942 mit der Dichterin Zofia Kossak bekannt, die zu den Initiatoren der Hilfsorganisation Żegota gehörte, einer christlich-jüdischen Geheimorganisation, die durch Ausweisfälschungen mehrere Tausend Juden rettete. Er nahm an Geheimtreffen der Organisatoren von Żegota und 1944 am Warschauer Aufstand teil.Władysław Bartoszewski: Es lohnt sich, anständig zu sein. München 1995, S. 14. Er nahm an Kursen der „Fliegenden Universitäten“ im Fach Polonistik teil; sie fanden in Privatwohnungen statt, die deutschen Besatzer hatten alle höheren Bildungseinrichtungen für Polen geschlossen.
Nach Kriegsende nahm Bartoszewski ein Polonistik-Studium an der Universität Warschau auf. Er schloss sich der Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe, PSL) an, der einzigen legalen Oppositionspartei gegen die Vorherrschaft der damals stalinistisch ausgerichteten Kommunisten.Rafał Wnuk: Die „Kolumbus-Generation“. Überlegungen zu einer kollektiven Biographie. In: Die polnische Heimatarmee: Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg. Oldenbourg, München 2003, S. 783. Er arbeitete ab Anfang 1946 kurze Zeit als Journalist für die PSL-Parteizeitung Gazeta Ludowa, geriet aber ins Visier der polnischen Staatssicherheit und verbrachte von November 1946 bis April 1948 und von Dezember 1949 bis August 1954 insgesamt über sechs Jahre im Gefängnis.Bernhard Vogel: Laudatio – Verleihung des Kaiser-Otto-Preises 2009 an Władysław Bartoszewski. Magdeburg, 7. Mai 2009. 1955 wurde er rehabilitiert und konnte als Historiker und Publizist arbeiten.
Bartoszewski schrieb mehrere historische Werke, die sich mit der Reaktion der Polen auf den Holocaust auseinandersetzten. mini|Władysław Bartoszewski (rechts) mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1986) mini|Bartoszewski bei einer Buchpräsentation 1980 engagierte sich Bartoszewski für die Demokratiebewegung um die Gewerkschaft Solidarność. Nach der Verhängung des Kriegsrechts wurde er 1981 erneut inhaftiert. Dank der Hilfe einer befreundeten Familie konnte er befreit werden. In den Folgejahren war Bartoszewski unter anderem Gastprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, KU Eichstätt und Universität Augsburg. Von 1990 bis 1995 war er polnischer Botschafter in Wien, ernannt von Präsident Lech Wałęsa. 1995 übernahm er in der Regierung von Józef Oleksy das Amt des Außenministers, trat jedoch zurück, als Aleksander Kwaśniewski zum Präsidenten gewählt wurde. Von Juni 2000 bis September 2001 war er erneut Außenminister Polens, diesmal in der Regierung von Jerzy Buzek.
2003 war Bartoszewski Schirmherr des XI. Forums der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Breslau. Mit diesem stellte sich erstmals eine deutsche Literaturgesellschaft in Polen programmatisch vor, um für die Idee eines Zentrums für verfolgte Künste zu werben, eine „zeitgemäße Form der Erinnerungsarbeit“ so Wladyslaw Bartoszewski. Diese Form eines „Zentrums“ hielt er für „politisch korrekt und notwendig“. Er hatte sich angeboten, im Falle der Realisierung die Eröffnungsrede zu halten. Das Zentrum für verfolgte Künste wurde 2015 in Solingen gegründet, die Eröffnungsrede hielt Bundestagspräsident Norbert Lammert.
Am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, am 27. Januar 2005, hielt Bartoszewski während der dortigen Gedenkveranstaltung eine viel beachtete Rede.haGalil onLine 28-01-2005 (englisch)
Im Parlamentswahlkampf 2007 nahm Bartoszewski Stellung für die oppositionelle Bürgerplattform PO. Während eines Wahlkampfauftrittes hielt er eine Rede, in der er der regierenden Partei PiS vorwarf, das Ansehen Polens in der Welt zu zerstören, zudem hielt er den von der Regierung eingesetzten Diplomaten vor, „Amateur-Diplomaten“ zu sein. Er betonte, er sei nun 85 Jahre alt und wolle in einem freien Polen sterben. Diese Rede wurde über die Grenzen Polens hinaus bekannt. Ab November 2007 war er Staatssekretär und außenpolitischer Berater des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Bartoszewski sollte sich besonders um die polnisch-deutschen und die polnisch-jüdischen Beziehungen bemühen. In dieser Funktion äußerte er sich sehr kritisch zu dem in Berlin geplanten Zentrum gegen Vertreibung. Man werde den Dialog mit den Deutschen über die Geschichte suchen, sagte Bartoszewski kurz nach seiner Ernennung. mini|hochkant|Władysław Bartoszewski (2007) Im Interview für Gazeta Wyborcza am 13. August 2009 sagte er am Schluss:
Ab 2009 war Bartoszewski zudem Schirmherr von GFPS Polska, dem polnischen Partnerverein der GFPS – Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa, die sich durch Austauschprogramme und weitere Veranstaltungen für die Verständigung zwischen Deutschland, Polen, Tschechien und Belarus einsetzt. Auch war er Mitglied des internationalen Preiskomitees der Adalbert-Stiftung.Adalbert-Stiftung
Bartoszewski blieb trotz des hohen Alters aktiv. Noch am 19. April 2015 hielt er eine Rede anlässlich des 72. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Noch am Sterbetag verfasste der 93-jährige Bartoszewski vormittags den Text seiner Ansprache anlässlich des deutsch-polnischen Regierungstreffens, nachmittags war er gestorben.Der Spiegel 2. Mai 2015 S. 143 Er wurde am 4. Mai 2015 auf dem Powązki-Militärfriedhof () in Anwesenheit der Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronisław Komorowski bestattet.knerger.de: Das Grab von Władysław Bartoszewski
Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl) 1965: Gerechter unter den Völkern 1981: Ehrendoktorwürde der Universität London 1982/83: Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlinsiehe 1983: Herder-Preis, Wien 1984: Ehrendoktorwürde der Universität Baltimore Bartoszewski hat sich besonders um die deutsch-polnische Aussöhnung verdient gemacht und wurde 1986 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet; die Laudatio hielt Hans Maier. (PDF-Datei; 227 kB) 1991 wurde Bartoszewski durch Richard von Weizsäcker das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Im gleichen Jahr wurde er als Ehrenbürger von Israel ausgezeichnet.Władysław Bartoszewski: Beauftragter des polnischen Premierministers für internationale Fragen auf der Webpräsenz des Auswärtigen Amtes, gesehen am 17. April 2013.„Die polnisch-deutschen Beziehungen gehören zur Welt der Wunder“, Wladyslaw Bartoszewski im Gespräch mit Sabine Adler im Interview der Woche des Deutschlandfunks am 14. April 2013, gesehen am 17. April 2013. 1995: Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik ÖsterreichAufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF-Datei; 6,6 MB) 1995: Romano-Guardini-Preis 1996: Heinrich-Brauns-Preis und Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf 1997 erhielt Bartoszewski das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht. Unmittelbar nach seiner Ernennung zum Außenminister hielt er eine viel beachtete Rede im Deutschen Bundestag. Darin sprach er von einem „neuen Deutschland“, das die Vergangenheit positiv bewältigt hat. 1997: St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden vom Erzbistum Paderborn. 1997 verlieh ihm Ministerpräsident Erwin Teufel die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. 2001: Akademische Ehrenbürgerschaft der Universität AugsburgUniversität Augsburg: Abgerufen am 22. Februar 2011. 2001: Komtur mit Stern des Verdienstordens der Republik Ungarn 2001: Ehrendoktor der Philipps-Universität Marburg Am 3. September 2001 verlieh Johannes Rau ihm das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2002: Humanismus-Preis des Deutschen Altphilologenverbands sowie den Eugen-Kogon-Preis. 2002: Ehrendoktorwürde der Universität Warschau 2002: Internationaler Brückepreis 2007: Jan-Nowak-Jeziorański-Preis der Botschaft der USA 2007 wurde ihm der Internationale Adalbert-Preis in Bratislava vom slowakischen Staatspräsidenten überreicht. 2008 erhielt Bartoszewski den mit 15.000 Euro dotierten ersten Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma. 2008 Verleihung des Adam-Mickiewicz-Preises für Verdienste um die Deutsch-Französisch-Polnische ZusammenarbeitAdam-Mickiewicz-Preis 2008. 2008 Verleihung des Bürgerpreises der Stadt Kassel Glas der Vernunft 2008: Preis der Deutschen Gesellschaft e. V. für Verdienste um die deutsche und europäische Vereinigung. 2009: Kaiser-Otto-Preis der Stadt Magdeburg 2009: Kommandeur der Ehrenlegion ernannt. 2009 wurde er von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in der Abtei Brauweiler als erster Preisträger mit dem „Richeza-Preis“ des Landes NRW für seine herausragenden Verdienste um Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschen und Polen ausgezeichnet. 2012: Orden des Weißen Doppelkreuzes 2. Klasse 2012: Ehrenbürger von Krakau 2013: Elie Wiesel Award, ausgestellt vom United States Holocaust Memorial Museum 2014: Medaille für besondere Verdienste um das Land Mecklenburg-Vorpommern im vereinten Europa und der Welt 2014: Ehrenmitgliedschaft im Verein Weimarer Dreieck e. V. 2014: Bayerischer Verdienstorden
Veröffentlichungen (Auswahl) Bartoszewski veröffentlichte über 40 Bücher und 1200 Artikel in unterschiedlichen Sprachen. Gegenstand seiner Werke sind meist der Zweite Weltkrieg und der Holocaust; sein erstes Buch befasste sich mit Erich von dem Bach-Zelewski. Außerdem schrieb er häufig über die Beziehungen zwischen Polen, Juden und Deutschen.
Die folgende Liste wurde auf erstes Erscheinungsdatum und Titel beschränkt, eine ausführliche Liste ist im polnischen Wikipedia-Eintrag enthalten. mini|hochkant|Bartoszewski in Budapest (2013)
Schriften – polnisch 1961: Erich von dem Bach 1962: Konspiracyjne Varsaviana poetyckie 1939–1944: zarys informacyjny 1966: Organizacja małego sabotażu „Wawer“ w Warszawie (1940–1944) 1967: Ten jest z Ojczyzny mojej. Polacy z pomocą Żydom 1939–1945 (mit Zofia Lewinówna) 1967: Warszawski pierścień śmierci 1939–1944 1970: Kronika wydarzeń w Warszawie 1939–1949 (mit Bogdan Brzeziński und Leszek Moczulski) 1974: Ludność cywilna w Powstaniu Warszawskim. Prasa, druki ulotne i inne publikacje powstańcze I–III 1974: 1859 dni Warszawy (mit Aleksander Gieysztor) 1979: Polskie Państwo Podziemne 1983: Los Żydów Warszawy 1939–1943. W czterdziestą rocznicę powstania w getcie warszawskim 1984: Jesień nadziei: warto być przyzwoitym 1984: Dni walczącej stolicy. Kronika Powstania Warszawskiego 1985: Metody i praktyki Bezpieki w pierwszym dziesięcioleciu PRL (unter Pseudonym Jan Kowalski) 1986: Syndykat zbrodni (unter Pseudonym „ZZZ“) 1987: Na drodze do niepodległości