Lester Willis Young, genannt „Prez“ oder „Pres“ (* 27. August 1909 in Woodville, Mississippi; † 15. März 1959 in New York City), war ein US-amerikanischer Tenorsaxophonist und Klarinettist. Lester Young war einer der prägendsten Saxophonisten des Jazz. Seine Spielweise markiert die Phase des Übergangs vom Swing zum Bebop. Charakteristisch waren – ganz im Gegensatz zum kraftvollen Sound von Coleman Hawkins – sein schlanker, heller Ton und sein elegantes Spiel. Einen hörbaren Einfluss auf das Spiel von Lester Young hatte Frankie Trumbauer.Richard Cook, Brian Morton: The Penguin Guide to Jazz on CD. 6. Auflage. Penguin, London 2002, ISBN 0-14-051521-6, S. 1588. Gemeinsam mit dem Gitarristen Charlie Christian und dem Bassisten Jimmy Blanton war er eine der Schlüsselfiguren des Jazz in den frühen 1940er Jahren.
Darüber hinaus prägte Young auch den Umgang mit Harmonien und Rhythmen im Jazz. Seine harmonischen Substitutionen und seine Vorliebe für ungewöhnliche Akkordfolgen waren wegweisend für die Entwicklung des modernen Jazz. mini|Lester Young, Auftritt im New Yorker Famous Door, ca. September 1946. Fotografie von William P. Gottlieb.
Leben Die frühen Jahre 1909–1934 Sein Vater Willis Handy Young war ein umherziehender Musiker und Musiklehrer, der am Tuskegee Institut studiert hatte und der mit Karnevals- und Minstrel Shows ständig auf Tournee war. Seine Mutter war eine Schullehrerin kreolischen Ursprungs.
Lester Young erzählte: „Mein Vater war ein Karnevalsmusiker. Er konnte alle Instrumente spielen, obgleich er die Trompete am liebsten mochte. Er gab auch Gesangsunterricht und reiste unentwegt durch die Lande, und gab immer weiter Musikunterricht, bis er in den vierziger Jahren starb.“Nat Hentoff, Nat Shapiro: Jazz erzählt – Hear Me Talkin’ To Ya. Nymphenburger Verlag, München 1959, S. 320
Lester war noch ein Kind, als seine Familie nach New Orleans zog, nach Algiers auf die andere Seite des Mississippi. Er wuchs mit der Jazzmusik von New Orleans auf und verteilte Handzettel, in denen die Bands ihre Auftritte ankündigten. Als Kind sah er seinen Vater selten, aber als er zehn war, kehrte der Vater zurück und nahm ihn, seine Schwester Irma und seinen Bruder Lee in strengen Unterricht, mit der Absicht, eine Familienband zu gründen. Um dieselbe Zeit ließen sich die Eltern scheiden. Lester spielte zunächst Schlagzeug, dann übte er Violine, eine Weile Trompete, dann Altsaxophon.
Als Lester Young ungefähr elf Jahre alt war, zog die Familienband der Youngs zunächst nach Memphis, ließ sich aber bald in Minneapolis nieder und tourte während der (schulfreien) Karnevalszeit durch Minnesota, Dakota und Kansas, mit Lester als Schlagzeuger und Plakatträger für die Minstrel-Shows.
Mit 18 Jahren Ende 1927 verließ er nach einer der häufigen Streitereien mit dem Vater die Familienband, als diese in Texas tourte, und trat einer Gruppe namens Art Bronson’s Bostonians bei, in der er meist Bariton- und Altsaxophon spielte, aber auch schon zum Tenorsaxophon wechselte, da der Tenorist der Band nicht sehr gut war. 1929 verließ er die Bostonians, spielte kurz wieder mit der Familienband in New Mexico und trat im September 1930 Walter Pages Blue Devils bei, mit denen er einige raue Zeiten erlebte.
„Wir, die ‚Blue Devils‘, wurden wirklich ausgequetscht“, erzählte er Leonard Feather, „und sollten vor drei Leuten spielen. Einmal wurden uns alle Instrumente abgenommen, und sie brachten uns zu den Eisenbahnschienen und sagten, wir sollten uns aus der Stadt machen …“Leonard Feather: Liner Notes zu Lester Young – The Complete Aladdin Recordings (Blue Note). Der Zwischenfall ereignete sich 1933 in Martinville, West Virginia, und war das Ende der Original Blue Devils.
1931 arbeitete Lester Young nach diesem Erlebnis als „freelance“ in der Gegend um Minneapolis, wo er im Nest Club spielte (unter Eddie Barefield u. a.). Im Frühjahr 1932 ging er mit den Thirteen Original Blue Devils auf Tour nach Oklahoma City, wo er Charlie Christian kennenlernte, und spielte mit der Band bis Mitte 1933.
In Minneapolis hörte Young zum ersten Mal Count Basies Band: „Ich pflegte die Basie Band die ganze Zeit im Radio zu hören und fand, dass sie einen Tenoristen brauchen konnten. Sie spielten in Kansas City im ‚Reno Club‘. Es war verrückt, die ganze Band ging ab, bis auf den Tenorspieler. Ich überlegte mir, dass es so nicht weitergehen konnte. Also schickte ich Basie ein Telegramm. Er hatte mich schon vorher gehört. Wir beide pendelten regelmäßig zwischen Minneapolis und Kansas City hin und her.“Nat Hentoff, Nat Shapiro: Hear Me Talkin’ To Ya. Penguin, 1959, S. 300. Übersetzt nach Hentoff, Shapiro
Benny Carter erinnerte sich an Young in Minneapolis: „Als ich 1932 auf Tour mit den McKinney’s Cotton Pickers war, waren wir in Minneapolis und jemand erzählte uns von einem wunderbaren Altsaxophonspieler in einem Club im Ort. Ich ging hin, um ‚Prez‘ zu hören, und war völlig hingerissen. Das war das größte Ding, was ich je gehört hatte.“
Lester Young hatte sich alle Frank-Trumbauer- und Bix-Beiderbecke-Platten gekauft („Frank war mein Idol!“). Er mochte den Klang von Trumbauers C-Melody-Saxophon und seine Art der Annäherung an die Melodie, was ihn in der Ausbildung seiner eigenen Spielweise beeinflusste.Die stilistische Ähnlichkeit ist auf Aufnahmen wie For No Reason At All In ’C’ von 1927, das Trumbauer zusammen mit Bix Beiderbecke [cn,p] und dem Gitarristen Eddie Lang aufgenommen hat, sehr gut zu hören. Durch Bud Freemans einzigartige Phrasierung und Timbre wurde er schließlich auf das Tenorsaxophon gebracht.
Inzwischen war Coleman Hawkins der „König“ auf dem Tenorsaxophon, und nachdem Lester Young zum Tenor gewechselt hatte, entwickelte er auf seinem Hauptinstrument einen Coleman entgegengesetzten Stil, weniger kühn hervortretend und extrovertiert als der des fünf Jahre älteren Hawkins. Young war inzwischen nach Auflösung der Original Blue Devils Mitte 1933 nach Kansas City gezogen, wo er mit der Bennie Moten-George E. Lee Band, Clarence Love und King Oliver spielte. Aufmerksamkeit erregte er in Jamsessions Dezember 1933, in denen es zu einem musikalischen Wettstreit mit Coleman Hawkins von der Fletcher Henderson Band kam. Nach einem ersten kurzen Engagement im Count Basie and His Cherry Blossom Orchestra 1934, nachdem er aus Motens Orchester kam und seinen Platz mit Herschel Evans tauschte, der von Basie zu Moten ging, verließ er die Gruppe im März, um Hawkins vorübergehend in der Fletcher Henderson Band zu ersetzen. Sein zu Hawkins gänzlich unterschiedlicher Stil stieß aber bei den Bandmitgliedern auf wenig Gegenliebe und er verließ die Band nach wenigen Monaten.
Die Basie Band 1934–1940 Schon bald ging Lester Young nach Kansas City zurück (als Teil der Band von Andy Kirk), versehen mit einem Brief von Fletcher Henderson, in dem dieser versichert, ihn nicht gefeuert zu haben. 1935 arbeitet er auf „freelance“ (freischaffender) Basis in Kansas City und Minnesota (u. a. in den Bands von Boyd Atkins und Rook Ganz). 1936 war er wieder Mitglied der Count Basie Band; der Plattenproduzent John Hammond hörte ihn und machte mit Lester am 9. Oktober 1936 seine erste Platte; vier Stücke, in Chicago mitgeschnitten, als sie ein Engagement im „Grand Terrace“ hatten, mit Basie, dem Trompeter Carl „Tatti“ Smith, der Rhythmusgruppe aus Walter Page und Jo Jones, sowie dem Sänger Jimmy Rushing. Als die Platten bei Vocalion Records unter dem Namen Jones-Smith Inc. erschienen, wurde klar, dass es sich um eine neue Art von Musik handelte. „Ökonomisch, weniger ist mehr“, schrieb Gunther Schuller sehr viel später.Donald Clarke: Billie Holiday. Wishing on the Moon. Eine Biographie. Piper, München 1995, S. 156 Insbesondere Oh, Lady Be Good! machte ihn unter Musikern bekannt.
Drei Monate später nahm das ganze Count Basie Orchestra in New York City seine erste Session (dokumentiert auf The Original American Decca Recordings), und schnell erfuhr die damalige Jazzszene, dass es eine neue Art und Weise des Saxophonspiels gab. Dexter Gordon beschreibt diesen Moment: „Hawkins hatte wirklich alles Mögliche getan und war ein Meister auf seinem Horn, aber als Prez erschien, hörten wir nur noch ihn. Prez hatte einen völlig anderen Klang, einen, auf den wir alle gewartet hatten; der erste, der wirklich eine Geschichte auf dem Tenor erzählte.“
Die Ankunft von Lester Young in der Basie Band 1936 ging zeitlich einher mit einer fünfjährigen Abwesenheit von Coleman Hawkins, der in Europa war. Ein gewichtiger Faktor dafür, dass Lester für seine innovativen Experimente mehr Zuspruch bekam, als es möglich gewesen wäre, wenn Hawkins noch die ganze Aufmerksamkeit der amerikanischen Jazzszene auf sich gezogen hätte.
Nun erlebte er die fruchtbarste und glücklichste Zeit seiner Karriere. In den so genannten „Tenor Battles“ lieferte sich Lester Young musikalische Schlachten mit seinem Bandkollegen Herschel Evans, der in der Hawkins-Tradition stand und den Basie effektvoll Young gegenüberstellte. Als Evans 1939 plötzlich starb, übernahm Lester dessen musikalische Rolle in der Band. Dessen Tod erschütterte ihn so sehr, dass er stark zu trinken anfing. Jo Jones erinnert sich: „Damals hatte Lester größten Respekt und Bewunderung für Herschel Evans; als er starb, war es gerade so, als würden Zwillinge sterben. Er wollte seinen Mantel nehmen und den Sitz verlassen, aber die Jungs brachten ihn zurück.“
Auch seine Aufnahmen mit kleinen Gruppen wie den Kansas City Six/Five (Lester leaps in 1939) und insbesondere mit der Sängerin Billie Holiday machten ihn bekannt. Seinen Spitznamen „Prez“ (oder „Pres“), gemeint ist „the president“, hatte er von Billie Holiday oder „Lady Day“, wie er sie titulierte. Seit sie 1937 gemeinsame Plattenaufnahmen gemacht hatten, bestand eine enge Freundschaft zwischen beiden, die trotz längerer Zeiten, in denen sie sich nicht sahen, bis zu Youngs Tod 1959 anhielt. Ein Zeichen seines wachsenden Ruhms zeigte die Teilnahme an den Carnegie Hall Konzerten Benny Goodmans 1938.
Die Kriegszeit mini|Lester Young (zweiter von rechts) mit Ray Bauduc, Herschel Evans, Bob Haggart, Eddie Miller, Matty Matlock, Howard Theatre, Washington, D.C., ca. 1941.Fotografie von William P. Gottlieb. 1940 verließ Lester Young die Basie Band. Sein Bruch mit Count Basie liegt in seiner komplexen Persönlichkeit begründet: Er weigerte sich, an einem Freitag, den 13. an einer Aufnahmesitzung mitzuwirken. Danach leitete er Anfang 1941 eine kurzlebige Gruppe im Jazzclub Kelly’s Stable auf der New Yorker 52nd Street. Im Mai 1941 trat er mit seinem Bruder, dem Schlagzeuger Lee Young, in ein Sextett ein, mit dem er in Los Angeles und im September 1942 im Club Café Society in New York spielte. Trotz all der Bewunderung und der Publicity, die ihm entgegenschlug, gelang es ihm nicht eine Band über einen längeren Zeitraum zu halten; er war einfach nicht der geborene Bandleader. Die Partnerschaft mit seinem Bruder endete 1943 und Lester fand sich – welche Ironie – als Sideman in einer Band wieder, die von dem fähigen, aber nicht bedeutenden Tenorsaxophonisten Al Sears geleitet wurde.
Im Dezember 1943 stieg er so abrupt, wie er ausgestiegen war, wieder in die Count Basie Band ein. Dieses zweite Mal war ihre Zusammenarbeit zwar nicht so spektakulär wie von 1936 bis 1940, hielt aber während des „recording ban“ 1942/44 an; daher gibt es keine offiziellen Plattenaufnahmen aus dieser Zeit. 1944 gewann er das erste Mal die Down Beat Polls als bester Tenorsaxophonist und gelang mit „Sometimes I'm Happy“ auf #5 der „Harlem Hit Parade“.