mini|Darstellung der Scala Naturae in der Rhetorica Christiana des Diego de Valadés, 1579 Scala Naturae, deutsch Stufenleiter der Natur (abgeleitet von lateinisch scala: Leiter), auch Kette der Wesen genannt, ist ein Konzept der Naturphilosophie, das über viele Jahrhunderte das europäische Denken über die Natur, und insbesondere über ihren lebendigen Teil, die Lebewesen, prägte. Dieser Idee zufolge können alle Gegenstände, die in der Natur vorkommen, in einer lückenlosen, hierarchisch organisierten Reihe, vom niedersten bis zum höchsten, angeordnet werden. Europäische Denker des Mittelalters und der Renaissance verlängerten diese Reihe dann noch in den übernatürlichen Bereich, wo sie über die Engelshierarchie letztlich bis zu Gott als höchster Stufe führte. Obwohl Bestandteile des Konzepts bis in die Gegenwart Einfluss behalten haben, ist es in der Wissenschaft vom Lebendigen, der Biologie, durch die Evolutionstheorien weitgehend verdrängt und abgelöst worden.
Antike Wie die meisten philosophischen Ideen des Abendlands sind für die späteren Vorstellungen einer Scala Naturae philosophische Konzepte Platons grundlegend. Einflussreich blieb über die Jahrhunderte sein in dem Dialog Timaios entwickeltes Weltbild. Für Platon hängt das Dasein der variablen und wandelbaren Gegenstände der natürlichen Welt ab von ewigen und unwandelbaren, die dem Menschen und seinen Sinnen aber nicht direkt zugänglich sind, sondern nur in der Vernunft aufgefunden werden können. Die abgeleitete, sinnlich erfahrbare Welt ist weniger gut als das unvergängliche und unwandelbare Seiende, sie ist real nur so weit, wie sie Anteil an dieser hat. Ihre Existenz beruht darauf, dass das ewig Seiende, als das Gute, auch die Existenz weiterer Seinsebenen zulässt, die weniger vollkommen sind; diese sind sogar notwendig, da der Welt ein Element der Vollkommenheit fehlen würde, wenn nicht alle überhaupt möglichen Wesenheiten auch tatsächlich zur Existenz kommen würden. Der Ideengeschichtler Arthur O. LovejoyLovejoy versteht die als ein ideengeschichtliches Konzept, das auf den Prinzipien der Fülle, Kontinuität und Gradation beruht und die Gesamtheit des Seienden als vollständig realisierte, lückenlose Hierarchie beschreibt. nennt diesen Gedanken, dass aufgrund einer höheren Vollkommenheit alles, was möglich ist, auch existieren muss, das „Prinzip der Fülle“. Dieser Gedanke impliziert, da alles, was existieren kann, auch tatsächlich existieren muss, dass alle Wesenheiten in der Natur ein lückenloses Ganzes bilden, denn wenn zwischen zwei Formen Platz wäre für eine weitere, wäre die Welt lückenhaft und dadurch unvollkommen. Diese Glieder besitzen aber, je nach ihrer Nähe zu den ewigen Dingen, unterschiedlichen Rang.
Eine Folge dieser Gedanken führt letztlich aber zu der für den Platonismus kennzeichnenden Tendenz, dass es, da die wesentlichen Wahrheiten außerhalb der sinnlichen Welt liegen, für einen Weisen nicht besonders lohnend ist, sich allzu viel mit den niederen Phänomenen der natürlichen Welt abzugeben, wodurch platonische und neuplatonische Denker für empirische Forschung nichts als Verachtung übrig haben.
Im Gegensatz zu Platon war sein größter Schüler Aristoteles ein leidenschaftlicher Erforscher der natürlichen Welt. Nach seiner Philosophie ist jedes natürliche Ding eine Verbindung aus Form (eidos) und Materie (hyle), wobei die Formen aber in der Welt existieren und kein eigenes Ideenreich außerhalb von ihr bilden. Lebendige Dinge besitzen, im Gegensatz zu unbelebten, eine Seele, die in verschiedenen Stufen existiert: Die tiefste Stufe, die nährende Seele, kommt allen Lebewesen zu. Tiere besitzen zusätzlich eine sensitive Seele, die ihnen die Wahrnehmung von Sinneseindrücken und Beweglichkeit verleiht. Die höchste Stufe, die einsichtige Seele, kommt unter allen Wesen (zumindest unter dem Mond, sublunar) einzig dem Menschen zu. Zwischen verschiedenen Wesenheiten existieren zahlreiche Unterschiede, die teilweise durch Zweckursachen (teleologisch) erklärt werden können, wodurch jedes Lebewesen seine materiellen Bestandteile in jeweils optimaler, einzigartiger Weise einsetzt, um ohne Verschwendung eine optimale Lebensmöglichkeit in seiner Umwelt zu realisieren. Obwohl jedes Lebewesen dadurch einen harmonischen Platz in der Ordnung der Dinge besitzt, sind sie unterschiedlich vollkommen. Lebewesen erben nach Aristoteles ihre Form von ihren Vorfahren über Bewegungen und Eigenschaften ihres Blutes, wobei diejenigen mit „wärmerem“ Blut (wobei diese Wärme nicht als rein physikalische Temperatureigenschaft aufgefasst wird) vollkommener sind. Jede Art von Lebewesen besitzt danach ihren jeweils spezifischen Grad von Vollkommenheit, wobei die Übergänge fließend sind. In seinem Werk Historia animalium sagt er an einer, immer wieder zitierten, Stelle (588b4-589a9 nach der Bekker-Zählung): „Die Natur schreitet in so kleinen Schritten vom Unbelebten zu den Tieren, dass wir wegen der Kontinuität nicht erkennen, zu welcher Seite die Grenzen und die Mitte zwischen ihnen gehören. Denn nach den unbelebten Dingen kommt zuerst die Sorte der Pflanzen und innerhalb dieser unterscheidet sich eine von der anderen, indem sie mehr Leben zu haben scheint, aber die ganze Sorte erscheint im Vergleich zu anderen Gegenständen als mehr oder weniger belebt, während sie im Vergleich mit der Sorte der Tiere unbelebt erscheint“. In De partibus animalium (681a10) drückt er es so aus „Die Seescheiden unterscheiden sich nur wenig von den Pflanzen, haben aber mehr Tiernatur als die Schwämme, welche nicht viel mehr als Pflanzen sind. Denn die Natur schreitet von unbelebten Objekten bis zu den Tieren in einer ununterbrochenen Folge und ordnet dazwischen Wesen, die leben und doch keine Tiere sind, so dass kaum ein Unterschied zwischen benachbarten Gruppen erkennbar ist aufgrund von deren großer Nähe zueinander.“ Die unvollkommensten, am tiefsten stehenden Wesen erben ihre Form gar nicht von ihren Eltern, sondern entstehen durch Spontanzeugung unter dem Einfluss von Wärme direkt aus unbelebter Materie.
Theologie und christliche Philosophie Viele christliche Denker der Spätantike und des frühen Mittelalters, an erster Stelle der immens einflussreiche Kirchenlehrer Augustinus, aber zum Beispiel auch der anonyme, unter dem Namen des Dionysius Areopagita schreibende Autor, waren neben der Bibel durch neuplatonisches Gedankengut von Plotin und anderen geprägt und schufen eine Theologie, in der christliche und neuplatonische Vorstellungen miteinander verschmolzen. Über die Schriften der Kirchenväter wurde der Gedanke der Scala Naturae so zum Bestandteil des verbindlichen christlichen Weltbilds. Mit der Wiederentdeckung der Schriften des Aristoteles, in Folge der spanischen Reconquista und den Übersetzungen aus dem Arabischen von Schriften aus dem neu eroberten Toledo durch Michael Scotus, Gerhard von Cremona und die Übersetzerschule von Toledo, entstand im 11. Jahrhundert die Schule der Scholastik, die die mittelalterliche christliche Tradition mit der neu interpretierten Philosophie des Aristoteles verband.
Neben dem Gedanken an die Ehre und Weisheit des göttlichen Schöpfers war es charakteristisch für die mittelalterliche Tradition, dass der Mensch nicht, wie bei Aristoteles, die höchste Stufe der Leiter markierte, sondern bestenfalls irgendwo in der Mitte zu verorten wäre. Genau so, wie es unterhalb des Menschen zahllose „niedere“ Geschöpfe gab, war oberhalb von ihm, mit den Neun Chören der Engel, eine lückenlos ansteigende Folge vollkommenerer Geschöpfe vorhanden. Noch John Locke hielt es für wahrscheinlich „dass es viel mehr Arten von Wesen über, als unter uns gibt, da wir selbst von dem unendlichen Wesen Gottes weiter abstehen, als von der niedrigsten Art der Dinge, welche dem Nichts am nächsten kommt“.Arthur O. Lovejoy: Die große Kette der Wesen. Geschichte eines Gedankens. Suhrkamp Verlag, 3. Auflage 2015, ISBN 978-3-518-28704-0, Seite 229. Für mittelalterliche Naturphilosophen war der Gedanke der Scala Naturae durch diese Mittelstellung besonders attraktiv. Mit dem Menschen wurde so die übernatürliche, metaphysische Welt mit der natürlichen, physischen, verbunden. Der Mensch hatte die rationale Seele mit den Engeln und anderen höheren Wesen gemeinsam, während er über seine körperlichen Funktionen mit der unter ihm stehenden Natur verbunden war. In enzyklopädischen Werken wie den Bestiarien waren die Einträge oft nach ihrem Rang in der Skala geordnet.Richard Jones: The Medieval Natural World. Routledge, Oxford 2013, ISBN 978-1-317-86150-8, Seite 23. Die offensichtlichen Unvollkommenheiten, wie fehlende Zwischenformen, wurden oft dadurch erklärt, dass diese in den bisher unerforschten Regionen der Welt, wie den Antipoden, leben würden und bisher lediglich noch nicht entdeckt worden waren.John G. T. Anderson: Deep Things Out of Darkness: A History of Natural History. University of California Press, 2013, ISBN 978-0-520-27376-4.
mini|Im Liber de ascensu et decensu intellectus des Ramon Llull, geschrieben 1304, verbinden drei Stufenfolgen die Erde mit dem Reich Gottes. Der Mensch (homo) nimmt einen mittleren Platz ein.
Die große Kette der Wesen Auf den Gedanken ihrer Vorgänger aufbauend, entwickelten Denker und Naturphilosophen des 17. und vor allem des 18. Jahrhunderts ihre Vorstellung von der „großen Kette der Wesen“. Der Gedanke war verwurzelt in den, vor allem in England entwickelten, Vorstellungen des Deismus und der natürlichen Theologie. Ihnen zufolge war es ein Ausfluss von Gottes Güte, dass er jedem Wesen, das existieren kann, auch dem geringsten und niedersten unter ihnen, die Gnade der Existenz geschenkt hat. Jedes Wesen hat so seinen natürlichen Platz in der Ordnung der Dinge. Es kann diesen Platz nicht verändern, da es dann den Platz anderer Wesen einnehmen würde, und Leer- oder Zwischenräume zwischen ihnen undenkbar sind. Damit ist die Welt so vollkommen geordnet, wie es überhaupt möglich ist. John Law formulierte: „Wenn wir die Existenz einer Leiter von Wesen annehmen, die stufenweise von der Vollkommenheit zum Nichtsein hinabreicht, dann begreifen wir bald die Abwegigkeit von Fragen wie dieser: Warum wurde der Mensch nicht vollkommen geschaffen? Warum sind seine Fähigkeiten und Anlagen nicht denen der Engel gleich?, denn das läuft ja auf die Frage hinaus, warum er nicht in eine andere Klasse von Wesen hineingekommen ist, wo doch alle anderen Klassen schon als voll gelten müssen.“Arthur O. Lovejoy: Die große Kette der Wesen. Geschichte eines Gedankens. Suhrkamp Verlag, 3. Auflage 2015, ISBN 978-3-518-28704-0, Seite 260.
Biologisches Ordnungsprinzip mini|Die Scala Naturae im Traité d'insectologie des Charles Bonnet, 1745