mini|Capoeira-Vorführung beim Helsinki Samba Carnaval 2015
Capoeira ist eine afro-brasilianische Kampfkunst bzw. ein Kampftanz, dessen Ursprung unter anderem auf den afrikanischen NíGolo („Zebratanz“) zurückgeführt wird. Capoeira wurde während der Kolonialzeit in Brasilien von Sklaven aus Afrika entwickelt.
Das zentrale Ritual der Capoeira, die Capoeira-Roda („Capoeira-Kreis“), in der Capoeira zu Musik praktiziert wird, wurde von der UNESCO 2014 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Charakterisierung Es wird zwischen einer als „ursprünglich“ charakterisierten Capoeira Angola und der Capoeira Regional unterschieden, die seit den späten 1930ern Einflüsse anderer, japanischer Kampfsportarten, vor allem Jiu Jitsu, aufgenommen hat. Beide Stile werden von einigen Akteuren in der Capoeira Contemporânea zusammengeführt.
Inhaltlich ist Capoeira von drei Ebenen geprägt: dem vorgetäuschten Kampf (engl. „mock fight“), der Musik und der „Roda“ (portugiesisch „Kreis“) als sozialem Rahmen, in dem das Spiel („jogo da Capoeira“) stattfindet. Die Körpertechniken selbst zeichnen sich durch fließende, runde Bewegungen, Improvisation und Flexibilität aus; für offensive Techniken kommen vorrangig Tritte zum Einsatz, diese sind vergleichsweise häufig gedrehte oder eingesprunge Tritte und mit akrobatischen Bewegungen kombiniert. In der Capoeira-Roda wird zu den Kämpfen Musik gespielt. Diese folgt einem Endlos-Rhythmus in verschiedenen Variationen; dazu werden zumeist inhaltlich passende, häufig noch aus der Zeit der Sklaverei stammende Lieder gesungen, die den sozialen Rahmen des Spiels konnotieren. Ablauf und Inhalt der Roda sind soziokulturell komplex. Sie besteht aus einem Kreis von Capoeiraspielern (Capoeiristas), den Musikern und ggf. Zuschauern. Immer zwei Capoeiristas spielen im Kreis. Die Roda ist eine vielschichtige Kulturtechnik und ist je nach Kontext und Situation in den soziokulturellen Alltag der Capoeiristas eingebettet.
Geschichte mini|„Negerkampf, Brasilien“. Aquarell von Augustus Earle, das eine Art Capoeira zeigt. Um 1820 Belegt ist die Existenz der Capoeira seit dem 18. Jahrhundert. Die Literatur geht davon aus, dass sie in Brasilien aus einer Vermischung verschiedenster afrikanischer Tänze und Kulte entstand. Auch in anderen Regionen, in welche afrikanische Sklaven verschleppt wurden, entstanden der Capoeira ähnliche Kampftänze, wie dem Maní auf Kuba.
Vorläufer der Capoeira waren mutmaßlich diverse Kampfspiele und Tänze Afrikas und indigener Gruppen Brasiliens. Zu nennen wären hierbei vor allem Batuque, Luta do Bode, Bassula, Kamangula, NíGolo und das indianische Quarupe.
Der Korpus oraler Überlieferungen der Capoeira ist groß und bis heute nicht vollständig dokumentiert. Die schriftliche historische Quellenlage ist aufgrund eines zentralen abgebrannten Archivs sehr schlecht. Dementsprechend sind genauer Ursprung, Namensgebung und viele Geschichten einzelner handelnder Personen bis heute nicht genau geklärt. Als Beispiel kann der Mythos dienen, dass sich die Capoeira durch Siedlungen entflohener Sklaven, Quilombos genannt, weiterentwickelte und dass Capoeira auch im Kampf gegen die mit Schusswaffen bewaffneten Sklavenjäger eingesetzt wurde.
Historisch besser dokumentiert ist die unterschiedliche Entwicklung der Capoeira in den verschiedenen Großstädten, hier ist sie vielmehr als eine Art Straßenkampftechnik zu begreifen. Capoeiristas taten sich unter anderem in Banden zusammen, den Maltas, und beherrschten ganze Straßenviertel. Dabei kämpften sie gegen rivalisierende Maltas und die Obrigkeitskräfte. Diese Form der Capoeira war besonders in den Hafenstädten Rio de Janeiro, Recife und Salvador da Bahia verbreitet, die auch gemeinhin als die Brutstätten der Capoeira angesehen werden. Die Capoeira ist dementsprechend vor allem eine urbane Erscheinung.
In der Kaiserzeit war die Capoeira zwar nicht explizit verboten, die Capoeiristas wurden dennoch verfolgt und beispielsweise wegen Störung der öffentlichen Ordnung verhaftet. Zwischen 1865 und 1870 wurden viele Capoeiristas für den Krieg gegen Paraguay zwangsrekrutiert. Einerseits sollten Banden aufgelöst werden, andererseits wurden entlaufene Sklaven vor die Wahl gestellt, entweder dem Vaterland zu dienen oder zu sterben. Sie gingen als die „Voluntários da Pátria“ in die Geschichte ein.
In der Republik ab 1889 gab es schließlich einen Capoeira-Paragrafen, der die Ausübung der Capoeira mit Verbannung von sechs Monaten bis zwei Jahren bestrafte. Einer der Gründe für diese Behandlung liegt darin, dass die Capoeiristas als Monarchisten angesehen wurden, die sich aus Dankbarkeit für die Befreiung der Sklaven der Krone verpflichtet fühlten. Die Capoeira wurde in dieser Zeit stark in den Untergrund gedrängt und nur noch in Rio de Janeiro, Recife und Salvador da Bahia praktiziert.
Das Capoeira-Verbot wurde 1937 durch den nationalistischen Diktator Getúlio Vargas aufgehoben, der mit der Capoeira einen nationalen Sport etablieren wollte. Auf diese Idee kam er, nachdem er eine Vorführung von Mestre Bimba sah. Bimba wollte aus Elementen der Straßenkampftechnik Capoeira eine moderne Kampfkunst formen, welche er Luta Regional Baiana nannte. In dieser Form der Capoeira integrierte er Elemente des Batuque und asiatischer Kampfsportarten, um die Effizienz dieser Kampfsportart zu erhöhen. Er unterrichtete sie (noch während des Verbots) an seiner Akademie in der bahianischen Hauptstadt Salvador da Bahia – das Verbot war der Hauptgrund dafür, weshalb seine Schule nicht „Capoeira“ im Namen führte. Bimba (Capoeira Regional) und Pastinha (Capoeira Angola) ersannen ungefähr gleichzeitig eine systematische Methode, Capoeira zu vermitteln und in Schulen zu lehren; vorher wurden die Techniken durch Nachahmen erlernt.
Auch heute noch wird die Capoeira hauptsächlich in zwei Formen aufgeteilt: Capoeira Regional und Capoeira Angola. Aktuell ist allerdings ein Trend des sich gegenseitigen Annäherns zu spüren. Dieser Trend wird unter anderem durch Mestre Camisa und Mestre João Grande getragen und gerne als Capoeira Contemporânea bezeichnet.
Der Film Only the Strong mit Hauptdarsteller Mark Dacascos gibt einen Einblick in die Capoeira. Hier wird hauptsächlich Capoeira Regional gezeigt, die sich durch spektakulärere Bewegungen auszeichnet. Mark Dacascos selbst betreibt seit seiner Kindheit Kung Fu (sein Vater Al Dacascos besitzt mehrere Kampfsport-Schulen) und hat sich Capoeira speziell für diesen Film mithilfe einiger brasilianischer Mestres antrainiert. Der historische Aspekt wird im Film „Besouro“ stärker beleuchtet, aber mit mythischen und religiösen Aspekten des Candomblé vermischt.
Verbreitung Inzwischen ist Capoeira weltweit verbreitet. Es gibt verschiedene Schulen, die sich stark in Trainingsmethoden, Schwerpunkt und Stil unterscheiden. Dabei unterscheidet man zwischen Angola- oder Regional-Schulen – Capoeira Regional wird nach den Methoden von Mestre Bimba vermittelt, z. B. bei Capoeira União. Capoeira Angola beruft sich vor allem auf Mestre Pastinha und stellt traditionellere Bewegungen in den Vordergrund. Während in Regional durchaus auch Angola vermittelt wird, ist dies umgekehrt meistens nicht der Fall. Daneben setzt sich auch eine Art dritter Weg durch, diese Richtung wird als Capoeira Contemporânea bezeichnet, dies ist eher ein Sammelbegriff für viele verschiedene Stile und Richtungen der zeitgenössischen Capoeira (wie zum Beispiel Miudinho von der Gruppe Cordão de Ouro). Eine weitere Entwicklung ist das Austragen von Wettkämpfen, wie in anderen Kampfkünsten. Im Gegensatz zu denen zählt dabei aber nicht das Werten von Treffern oder Knockouts, sondern das Umsetzen der weiter unten unter Roda angesprochenen Dialoge. Dies macht jedoch eine objektive Beurteilung schwierig.
Malícia – Zentrale Kompetenz der Capoeira Capoeira umschließt einige zentrale Kompetenzen, die über den konkreten körpertechnischen Rahmen hinaus gehen. Ein zentrales Element ist Malícia. Malícia kann als „List“ oder „Verschlagenheit“ gedeutet werden, wird jedoch im Kontext der Capoeira positiv belegt. Sie steht neben anderen Aspekten wie Malandrágem („Bösartigkeit“), Mandinga („Zauberei“) und Manha („kindlicher Schläue“) und fokussiert das Capoeiraspiel auf soziale Aspekte der Interaktion über den Deutungsrahmen des eigentlichen Spiels hinaus.
In Liedern wird unter anderem die Malícia anschaulich beschrieben: Bildlich lässt sie sich gut am Beispiel einer Schlange erklären, die in ihrem Loch auf Beute wartet. Die Schlange ist vorbereitet und sobald die Beute eintrifft, wird sie ohne Gegenwehr erlegt (zum Beispiel „bote de cobra coral“ aus der Ladainha Uma Vez von Mestre Toni Vargas). Hier wird die schlaue Umkehr einer Bedrohungssituation als ein zentrales Motiv der Capoeira aufgegriffen: an anderer Stelle wäre die Schlange vielleicht unterlegen gewesen.
Die kluge Rahmung der Situation erschöpft sich nicht nur im körperlichen Fintieren, sondern betrifft vor allem in der Deutung der modernen Gründerväter der Capoeira grundsätzliche alltagspraktische Kompetenzen. Hier geht es unter anderem darum, im Kampf beim Gegner einen – falschen – Eindruck zu erwecken. So sollten bspw. die Capoeira-Schüler Bimbas und Pastinhas nicht zeigen, wie kräftig sie wirklich sind, wenn andere (potenzielle Gegner) dabei zusahen. Sie sollten eher den Eindruck von Schwächlingen erwecken. Dies konnte in einem Kampf entscheidend sein.
Malícia zieht sich in dieser Lesart wie ein roter Faden durch das Leben eines Capoeirista. Dabei wird sie weniger direkt gelehrt, sondern von den Schülern spielerisch ausprobiert. Durch die Malícia und die im Regelwerk angelegte Maßregelung wirklicher Krafteinwirkung ist der Ausgang eines jeden Kampfes ungewiss. Somit sind nicht Technik und Kondition ausschlaggebend, sondern der taktische Überblick über das Spiel. Es gibt Meister, die nur sehr wenige Techniken anwenden, diese jedoch mit Hilfe von Malícia, Malandragem, Mandinga und Manha sehr effizient einsetzen.
In der heutigen Zeit tritt die Malícia in den modernen Formen der Capoeira Regional häufig in den Hintergrund, da Geschwindigkeit sowie Kürze der Spiele einen Aufbau der notwendigen dramatischen Spannung und spielerischen Dynamik nicht ermöglichen. In der Capoeira Angola dagegen wird sie nach wie vor wichtigstes Element verstanden.
Kampf Bewegungsrepertoire (Auswahl) Es gibt in der Capoeira eine Vielzahl an Bewegungen und Bewegungskombinationen. Eine Auswahl an Bewegungen ist in der Tabelle niedergelegt. Wichtig ist dabei, dass die Namen nicht immer allgemein gültig sind und von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sein können.
Da die Capoeira kein orthopraktisches System darstellt, können Arten und Ausführungen der Techniken von Gruppe zu Gruppe sowie je nach eigenem Gusto differieren. Viele Bewegungen werden zudem gar nicht benannt und ein Großteil der eigentlichen Anmutung der Capoeira resultiert aus der Art und Weise, wie Techniken verbunden werden, nicht aus den Techniken selbst.
Alle Bewegungen können aus der Ginga (Grundbewegung der Capoeira) heraus ausgeführt werden und wieder in sie hinein münden. Je nach dramatischem Bogen des Spiels kann dies aber auch statisch geschehen oder aus anderen Situationen entwickelt werden.
Die folgende Klassifikation und Nomenklatur ist nicht allgemein gültig und beruht auf der schriftlichen Aufarbeitung Mestre Nestors, der hierzu ein Buch in deutscher Sprache veröffentlicht hat.