mini|hochkant|Wahrscheinlich Dieterich Buxtehude als Gambist; Musizierende Gesellschaft von Johannes Voorhout, 1674, Ausschnitt Dieterich Buxtehude (* um 1637 wahrscheinlich in Helsingborg; † 9. Mai 1707 in Lübeck) war ein dänisch-deutscher Organist und Komponist des Barock und gilt als Hauptvertreter der Norddeutschen Orgelschule. Sein Vorname ist auch in der Form Dietrich geläufig.

Buxtehudes Lebenslauf ist nur bruchstückhaft überliefert. Als Sohn eines Organisten wirkte er in derselben Funktion in Helsingborg und Helsingør, sowie schließlich ab 1668 an St. Marien in Lübeck. Dort führte er die von seinem Vorgänger Franz Tunder eingeführte außerliturgische Veranstaltungsreihe der „Abendmusiken“ zu großem Erfolg. Johann Sebastian Bach unternahm 1705 eine lange Studienreise nach Lübeck, um den Organisten und seine Konzerttätigkeit kennenzulernen.

Obwohl Buxtehude nicht zur Komposition von Vokalmusik verpflichtet war, macht diese den größten Teil des erhaltenen Werks aus, vor allem überliefert in der Sammlung des Stockholmer Hofkapellmeisters Gustav Düben. Die umfangreichsten Veröffentlichungen zu Lebzeiten galten der Streicher-Kammermusik mit Triosonaten im abwechslungsreichen und mitunter wie improvisiert wirkenden Stylus phantasticus. Der Ruhm Buxtehudes gründet jedoch vor allem auf seinen Orgelwerken. Die meist „Praeludien“ genannten Toccaten verbinden auf virtuose Weise frei komponierte Abschnitte mit Fugen. Choralfantasien kombinieren verschiedene Arten, den Choral auf der Orgel zu bearbeiten. Seine drei Ostinato-Kompositionen sind in der norddeutschen Orgelmusik ein Novum und wirkten auf Bach und Johannes Brahms.

Buxtehude war immer hoch geschätzt, stand aber stets im Schatten Bachs, und so ist auch die erste gründlichere musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk ein langer Exkurs in der Bach-Biographie von Philipp Spitta. Einem größeren Publikum hat sein Werk die „historisch informierte Aufführungspraxis“ im späten 20. Jahrhundert nähergebracht.

Leben Dänemark Dieterich Buxtehude wurde um 1637 als Sohn des Organisten Johannes Buxtehude (Hans Jensen Buxtehude, 1601/02–1674) geboren, auf dem Taufeintrag des Bruders Peter von 1645 ist als Mutter Helle Jespers Daater verzeichnet. Das wahrscheinliche Geburtsjahr ergibt sich aus der ungefähren Altersangabe in einem noch im Todesjahr veröffentlichten Nachruf. Der Geburtsort war wohl das damals dänische Helsingborg, wo der Vater 1641 Organist war, was eine von ihm selbst verfertigte Inschrift auf einer inzwischen translozierten Orgel besagt. Diese gibt zudem Oldesloe in Holstein als Herkunftsort des Vaters an. Der Nachruf auf Johannes verortet ihn als Organisten der St.-Olai-Kirche in Helsingør, ohne das Datum der Einsetzung ins Amt zu offenbaren. Der erste Beleg für seinen Aufenthalt dort ist der bereits genannte Taufeintrag seines Sohnes Peter. Weitere Geschwister Dieterichs waren die vermutlich älteren Anna und Cathrine.

In Helsingør absolvierte Dieterich Buxtehude vermutlich die Lateinschule. Dort machte er die Bekanntschaft mit älterem und aktuellem kirchenmusikalischem Repertoire, wobei ein Schwerpunkt auf Andreas Hammerschmidt ausgemacht werden kann; der heute wesentlich berühmtere Heinrich Schütz ist in dänischen Schulinventaren nicht nachzuweisen.

Für eine etwaige Studienreise Buxtehudes fehlen Belege. Spekuliert wurde über einen Studienaufenthalt etwa von 1654 bis 1657 in Hamburg oder in Lübeck, auch Dänemark käme in Frage. Die Ähnlichkeit von Buxtehudes frühen Choralbearbeitungen, der Formbildung von Arien und der Notation legen ein Studium bei Heinrich Scheidemann nahe.

Als Organist der Marienkirche in Helsingborg wird Dieterich erstmals 1658 in den Akten genannt, eine rückwirkende Pachtzahlung legt seinen Aufenthalt dort auch für 1657 nahe. Die Vergütung für den Organistendienst war deutlich geringer als die seines Vaters. Briefe der beiden belegen, dass die Familie auch dänisch miteinander kommunizierte, sowie dass als Anrede des Sohnes auch „Diderich“, „Diederich“ und „Dietericus“ verwendet wurde. „Dietrich“ findet sich erst in den Kurzbiographien des frühen 18. Jahrhunderts. 1660 bis 1668 wirkte er an der Marienkirche in Helsingør, wo er etwa das dreifache Gehalt erhielt und nach der Aufgabe Helsingborgs an Schweden vermutlich in größerer Sicherheit leben konnte. Der Pastor der Marienkirche war Deutscher, auch der Kantor, für dessen Sohn Buxtehude Taufpate war, ebenso für Kinder weiterer angesehener Familien. 1662 begutachtete Buxtehude die renovierte Orgel der Marienkirche in Helsingborg, im selben Jahr und im Folgejahr wurde die Orgel in St. Marien Helsingør durch den Dresdener Hans Christoph Frietzsch erweitert. 1666 besuchte Buxtehude Kopenhagen, was durch einen Eintrag im Copenhagisch Guarnisons=Journal de Anno 1666 belegt ist.

Lübeck mini|St. Marien in Lübeck (1998) Nach dem Tode Franz Tunders am 5. November 1667 wurde nach mehreren erfolglosen Probespielen anderer Organisten schließlich am 11. April 1668 Buxtehude dessen Nachfolger an St. Marien in Lübeck, wo er als Werkmeister auch Verwaltungsaufgaben und die Rechnungsführung übernahm. Er heiratete Tunders jüngere Tochter Anna Margaretha am 3. August desselben Jahres. Das Ehepaar bekam sieben Töchter, von denen vier erwachsen wurden. 1673 zog Buxtehudes Vater zu ihm nach Lübeck und starb im Folgejahr.

Buxtehudes berufliche Pflichten umfassten das Orgelspiel beim Hauptgottesdienst am Sonntagvormittag, beim Nachmittagsgottesdienst an Sonn- und Festtagen und den Vespern am Nachmittag tags zuvor. Zum Vorspiel des Gemeindechorals und der Chormusik trat die Realisation der Musik zur Kommunion, die als Figuralmusik mit Instrumentalisten und Sängern dargeboten wurde. Für Lübeck war „die besondere Qualität“ der Ratsmusiker, die an besonderen Festtagen an St. Marien mitzuwirken hatten, „charakteristisch“. Als Kantoren waren Samuel Franck, dann ab 1679 Johann Jacob Pagendarm im Amt. Sie waren mit dem Chor der Schüler des Katharineums für die liturgische Chormusik zuständig. Obwohl das Verfassen von Vokalmusik nicht zu Buxtehudes Aufgaben gehörte, sind insgesamt mehr seiner Vokal- als Instrumentalwerke überliefert. St. Marien als Mittelpunkt der Kirchenmusik der Stadt bot Buxtehude nicht nur einen deutlich höheren Lohn als seine früheren Anstellungen, sondern auch weite Entfaltungsmöglichkeiten im Gottesdienst, in den „Abendmusiken“, bei Hochzeiten und Begräbnissen, dazu traten Aufträge des Stockholmer Hofkapellmeisters Gustav Düben. Eine mitunter in der Forschung angenommene Unterscheidung „von liturgischer, chorischer und stilistisch traditioneller Kantorenmusik einerseits und nichtliturgischer, professionellen Aufführungsbedingungen unterworfener und stilistisch moderner ‚Organistenmusik‘ andererseits“ wird zunehmend in Zweifel gezogen.

In der Marienkirche stand Buxtehude eine spätgotische Orgel zur Verfügung, die zwischen 1516 und 1518 entstanden und seitdem immer wieder verändert worden war und zu Buxtehudes Zeit anderen großen Orgeln in den Hansestädten um nichts nachstand. Dennoch war Buxtehude nicht mit ihr zufrieden. 1687 reiste er nach Hamburg, um in St. Nikolai die Orgel von Arp Schnitger zu prüfen. Dieser vollendete gemeinsam mit Hans Hantelmann 1699 den Neubau einer Orgel im Lübecker Dom, der anschließend von Buxtehude geprüft wurde. 1704 renovierte und erweiterte der ehemalige Geselle Schnitgers, Otto Diederich Richborn die große Orgel der Lübecker Marienkirche.

Häufigere Besuche in Hamburg sind wegen der Freundschaft mit dem dortigen Organisten Johann Adam Reincken anzunehmen. Eine Freundschaft mit dem Komponisten Johann Theile wird wegen eines Gedichts für dessen Matthäuspassion und finanzieller Zuwendungen zur Veröffentlichung von Theiles Messen angenommen. Zudem war er mit der Familie Düben in Stockholm befreundet, so dass sich in deren Handschriftensammlung ein Großteil der überlieferten Vokalwerke Buxtehudes findet. Als Schüler Buxtehudes in Lübeck sind nachweisbar: 1681 Nicolaus Bruhns, 1684 Georg Dietrich Leyding und 1689 Friedrich Gottlieb Klingenberg. Johann Mattheson berichtete in seiner Ehren-Pforte, dass er im Jahr 1703 gemeinsam mit Georg Friedrich Händel Buxtehude in Lübeck aufsuchte, beide jedoch wegen der Verknüpfung des Amts mit der Ehelichung der Tochter des Vorgängers kein Interesse hatten, Buxtehude nachzufolgen.

Eine wichtige Rolle im Musikleben Lübecks spielte eine von Martini bis Weihnachten wöchentlich stattfindende Konzertreihe, für die ab 1673 die Bezeichnung „Abendmusik“ nachweisbar ist. Sie lässt sich bereits unter Buxtehudes Vorgänger Tunder ab 1646 als „Abendspielen“ nachweisen; ähnliche Traditionen regelmäßiger Orgelvorträge gab es auch in Hamburg, den Niederlanden und Dänemark. Tunder bereits erweiterte die Besetzung um Streichinstrumente und Gesang. 1669 wurden auf Betreiben Buxtehudes zu den vorhandenen vier Emporen zwei weitere im Mittelschiff erbaut, wodurch insgesamt Platz für bis zu 40 Sänger und Instrumentalisten geboten wurde. Die Abendmusiken waren so erfolgreich, dass ab 1682 die Stadtwache für Sicherheit sorgen musste. Für die Finanzierung war Buxtehude zuständig, wobei er sich auf größere private Spenden verlassen musste, da er für diese kirchliche Veranstaltungen kein Eintrittsgeld einheben durfte. Die Ratsmusiker und deren Anwärter waren zur Teilnahme ohne Entgelt verpflichtet, der Chor wurde von Schülern gestellt. Die an den Nachmittagsgottesdienst anschließenden Veranstaltungen hatten geistlichen Charakter. Mitunter wurden zyklische konzertante Kompositionen zur Aufführung gebracht, deren Teile auf die fünf Aufführungstage verteilt wurden. Überregionale Bedeutung hatten zwei Actus im Dezember 1705 zur Totenehrung Kaiser Leopolds I. und zur Huldigung des Nachfolgers Kaiser Joseph I., wofür die Kirche mit Kulissen ausgestattet wurde. Wohl zu diesem Anlass kam Johann Sebastian Bach zu Fuß von Arnstadt (Thüringen). So konnte er nicht nur den Lübecker Organisten, sondern auch „vollkommen andere Musizierpraktiken“ wie das mehrchörige Musizieren kennenlernen. Nach seiner Rückkunft musste er sich für den fast dreimonatigen Aufenthalt rechtfertigen. Bach gab an, dass die Reise der Fortbildung gedient hätte.

mini|Gedenktafel nahe der Grabstätte Buxtehudes Buxtehude starb am 9. Mai 1707 und wurde in der Lübecker Marienkirche neben seinem Vater und seinen Töchtern beigesetzt. Das Grab befand sich nahe der Lettnertreppe im nördlichen Chorumgang. Es wurde 1942 zerstört; in seiner Nähe befindet sich eine Gedenktafel.

Bildliche Darstellung mini|Musizierende Gesellschaft von Johannes Voorhout, 1674; am Cembalo sitzend Johann Adam Reincken, links daneben vermutlich Buxtehude an der Viola da gamba