mini|Gebohrte Trepanationslöcher in einem menschlichen Schädel (Museo del Sitio von Monte Albán) mini|Trepanierbohrer aus den 1950er Jahren mini|Amulette (Schädelrondeln) aus Rundstücken menschlichen Schädelknochens, die durch eine Trepanation entstanden (Museum Quintana. Urnenfelder-Kultur, 9. Jh. v. Chr.) mini|Trepanationsbesteck (18. Jh., Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Trepanation (über mittellateinisch „operative Öffnung der Schädeldecke durch Bohren“ aus mittellateinisch „Bohrer“ von „Bohrer“) beschreibt operative Verfahren, bei denen eine knöchern oder auf andere Weise fest umschlossene Körperhöhle mechanisch, meist durch Anbohren, eröffnet wird.

Medizin Schädelchirurgie In der Neurochirurgie bezeichnet Trepanation die SchädeltrepanationVgl. A. Obalinski: Zur Technik der Schädeltrepanation. In: Zentralblatt für Chirurgie. Band 24, 1897, S. 852 ff.; Martin Kirschner: Die Technik der modernen Schädeltrepanation. In: Ergebnisse der Chirurgie und Orthopädie. Band 4, 1912, S. 202 ff. (Kraniotomie oder Schädelöffnung), also die operative Öffnung des Schädels, entweder um operative Eingriffe im Schädelinnern vorzunehmen,Max Kappis: Die Chirurgie des Sympathicus. In: Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde. Springer, Berlin/Heidelberg 1924, S. 562–694. um AbszesseE. Braun: Fall von Schwartze. Die Erfolge der Trepanation beim otitischen Hirnabszess. In: Archiv für Ohrenheilkunde. Band 29, 1890, S. 161 ff. zu behandeln, eingedrungene Projektile zu entfernen,H. Billet: Treatment of Head Wounds Made by Small Projectiles. Paris Letter – The Twenty-Sixth Annual Meeting of French Surgeons. In: JAMA. Band 310, Nr. 5, 2013, S. 540, doi:10.1001/jama.2013.5237. oder zur Senkung des Schädelinnendrucks (Entlastungstrepanation, Dekompressionstrepanation).

Die Öffnung des Schädels, teilweise einschließlich der Hirnhäute, kann entweder in Form einer Bohrung (Trepanation) oder auch der temporären Entfernung eines Teiles des Schädelknochens (dekompressive Kraniektomie oder Schädelresektion) geschehen. Bis zum Wiedereinsetzen des Knochenstücks wird dieses entweder im Bauchraum des Patienten zwischengelagert, oder bei −80 °C kryokonserviert. Bei der Trepanation des Schädels kommen zwei verschiedene Operationsverfahren zur Anwendung: Bei der osteoplastischen Trepanation wird das aus dem Schädel entnommene Knochenstück wieder zum Verschluss der Operationswunde verwendet; bei der moderneren osteoklastischen Trepanation wird die entstandene Wunde auf andere Art geschlossen, beispielsweise durch Implantate aus Metall oder Kunststoff.

Die Trepanation ist ein Standardeingriff mit kurzer OP-Dauer, oft weniger als einer Stunde. Über das Schädelloch können Katheter und Drainagen eingelegt werden, beispielsweise zur Entlastung eines raumfordernden Hämatoms oder bei erhöhtem Hirndruck als Liquordrainage zum Abfluss des Hirnwassers (Liquor).

Augenheilkunde Die Elliot-Trepanation in der Augenheilkunde ist ein Verfahren zur Therapie des Glaukoms, bei dem der Augapfel operativ eröffnet und ein künstlicher Abfluss für das Kammerwasser unter die Bindehaut geschaffen wird. Der Eingriff ist heute nahezu vollständig von der gedeckten Goniotrepanation nach Elliot & Fronimopoulos verdrängt worden.

Zahnheilkunde In der Zahnmedizin bezeichnet man die Eröffnung der Pulpahöhle (Hohlraum im Inneren eines Zahnes, der den „Zahnnerv“ enthält) als Trepanation. Diese wird z. B. vor einer Wurzelkanalbehandlung nötig, um die Eingänge der Wurzelkanäle darzustellen, welche dann mit Wurzelkanalinstrumenten gereinigt, desinfiziert und möglichst vollständig gefüllt werden können.Herbert F. Wolf et al.: Trepanation. In: Farbatlanten der Zahnmedizin. Band 7: Endodontologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2008, S. 109. Daneben wird selten die Trepanation des Kieferknochens (Schrödersche Lüftung) durchgeführt, um bei einer akuten apikalen Parodontitis einen Abfluss für das Sekret (Eiter) zu schaffen.Christian Deindl: Manual Ambulantes Operieren: Techniken, perioperative Verfahren und Management. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2016 ISBN 978-3-11037928-0, S. 428.

Nageltrepanation Bei stumpfen Traumata im Bereich der Fuß- oder Fingernägel kann es zu einem subungualen Hämatom kommen. Aufgrund der Blutansammlung unter dem Nagel als Widerlager wird auf das empfindliche Gewebe ein schmerzhafter Druck ausgeübt. Ferner kann es zur Anhebung des Nagels kommen. Zur Schmerzminderung wird der Nagel punktiert, bis Blut austritt. Im medizinischen Bereich wird hierfür meistens eine sterile Kanüle verwendet, welche rotierend als Bohrer wirkt. Im häuslichen Bereich kann auch eine glühend erhitzte Büroklammer als Notlösung eingesetzt werden.Dorothea Sauer, Steffen Herdtle, Daniel Kiefl: Klinische und akute Notfallmedizin. Elsevier Health Sciences, 2023, ISBN 978-3-43709895-6, S. E-126.

Geschichte der Schädeltrepanation Entdeckungsgeschichte früher Schädeleingriffe Ab etwa 1865 wurden weltweit Schädel mit Öffnungen gefunden, deren Zustandekommen nicht durch Kämpfe oder Unfälle erklärbar war.Michael Solka: Steinzeitliche Chirurgie. In: Borsuye. Zeitschrift für Medizin u. Kultur. 10, 39, 1998, S. 18 f. Eine erste Untersuchung zu Eingriffen am Schädel erschien 1867 durch Paul Broca (1824–1880),Paul Broca: La trépanation chez les Inca. In: Bull. de l’Acad. de méd. Paris. Band 32, 1866/1867, S. 866 ff. der einen peruanischen SchädelVgl. auch P. Weiss: La cirurgia del cranio entre las antiguos peruanos. Lima 1949. untersucht und festgestellt hatte, dass das Individuum den Eingriff längere Zeit überlebt hatte.Frank P. Saul, Julie Mather Saul: Trepanation: Old World and New World. In: Samuel H. Greenblatt, T. Forcht Dagi, Mel H. Epstein (Hrsg.): A History of Neurosurgery. In Its Scientific and Professional Contexts. Park Ridge 1997, S. 29–36, hier S. 29. Er bezieht sich in Anm. 22 auf Thomas Dale Stewart: Stone age skull surgery. A general review, with emphasis on the New World, Annual Report of the Smithsonian Institution, Washington 1958, S. 469–491. Der Anthropologe Broca entdeckte auch an einigen der 1873 gefundenen „vordiluvialen“ Schädel Anzeichen von Heilungsprozessen an den Knochenrändern, womit belegt war, dass erfolgreiche Schädelöffnungen an lebenden Menschen schon sehr früh durchgeführt worden waren. Diese Schädel hatte der französische Arzt Pierre-Barthélémy PrunièresVgl. auch Pierre-Barthélémy Prunières: Sur les crânes artificiellement perforés à l’époque des dolmes. In: Bull. et Mém. Soc. d’Anthropol. de Paris. Band 9, 1874, S. 185 ff. (1828–1893) im Département Lozère entdeckt. Damals nahm man an, dass die Knochenstücke nach dem Tod ausgeschnitten worden waren, um sie als Schmuck bzw. Amulett zu tragen.

Urgeschichte mini|links|hochkant=0.6|Frauenschädel mit T-förmiger Trepanationsnarbe aus Frankreich mini|links|hochkant=0.6|Trepanation aus der Höhle von Nogent-sur-Oise mini|245px|Trepanierter Schädel aus der Jungsteinzeit

Die frühesten Trepanationen (im Sinne von Schädelöffnungen) sind aus Marokko bekannt; sie wurden auf 12.000 bis 11.000 BP datiert.Pierpaolo Petrone, Massimo Niola, Pierpaolo Di Lorenzo, Mariano Paternoster, Vincenzo Graziano, Giuseppe Quaremba, Claudio Buccelli: Early Medical Skull Surgery for Treatment of Post-Traumatic Osteomyelitis 5,000 Years Ago. In: PLoS ONE. 10, 5, 2015, S. 1–22, hier: S. 1. Sie können ab etwa 10.000 v. Chr. bei europäischen Mesolithikern belegt werden (z. B. in der Ukraine und RusslandMaria Mednikova: Prehistoric Trepanations in Russia: Ritual or Surgical? In: Robert Arnott, Stanley Finger, Chris Smith (Hrsg.): Trepanation. CRC Press, 2005, ISBN 1-4822-8727-7, S. 163.), Asien (z. B. im Natufien bei Jericho (8350 bis 6000 v. Chr.)Frank P. Saul, Julie Mather Saul: Trepanation: Old World and New World. In: Samuel H. Greenblatt, T. Forcht Dagi, Mel H. Epstein (Hrsg.): A History of Neurosurgery. In Its Scientific and Professional Contexts. Park Ridge 1997, S. 29–36, hier S. 30. und AnatolienY. S. Erdal, Ö. D. Erdal: A review of trepanations in Anatolia with new cases. In: International Journal of Osteoarchaeology. Band 21, Nr. 5, 2011, S. 505–534, doi:10.1002/oa.1154.) und ab dem Neolithikum in Ostasien. (z. B. in ChinaHan Kangxin, Chen Xingcan: The archaeological evidence of trepanation in early China (PDF; 1,4 MB). In: Indo-Pacific Prehistoriy Association Bulletin. Band 27, 2007, 22–27.). Hingegen ließen sich Trepanationen in Südamerika lange Zeit erst ab 400 v. Chr. belegen. In Südamerika wurden etwa 3000 Trepanationen auf medizinische oder kulturelle Zusammenhänge hin betrachtet.Domingo Campillo: Neurosurgical pathology in prehistory. In: Acta Neurochirurgica, Band 70, Nr. 3–4, 1984, S. 275–290. doi:10.1007/BF01406656. Mehr als 100 neolithische Trepanationen aus Frankreich, die meisten aus der Seine-Oise-Marne-Kultur (Département Lozère), wurden anthropologisch untersucht. Die von Trägern der Walternienburg-Bernburger Kultur vorgenommenen Trepanationen sind – wie man an den verheilten Wundrändern erkennen kann – in den meisten Fällen überlebt worden.

Als ältester trepanierter Schädel West- und Mitteleuropas gilt ein zwischen 5200 und 4900 v. Chr. zu datierender Männerschädel, der 1996 in Ensisheim im Elsass gefunden wurde. Der älteste in Deutschland gefundene, ebenfalls zu einem Mann gehörige trepanierte Schädel stammt aus der mittleren Steinzeit und wurde in Jechtingen am Kaiserstuhl gefunden.Karl-Maria Heidecker: Schädeltrepanationen in der Antike. 2006, S. 113. Nach Untersuchungen zur Trepanationshäufigkeit und -technik in der Jungsteinzeit Mitteleuropas, publiziert 1999,J. Piek, G. Lidke, Thomas Terberger, U. von Smekal, M. R. Gaab: Stone age skull surgery in Mecklenburg-Vorpommern: a systematic study. In: Neurosurgery. 45, 1, 1999, S. 147–151. ergibt sich folgendes Bild: Von den 113 untersuchten Schädeln und acht Fragmenten wiesen sechs Trepanationsspuren (fünf vollendet) auf. Vier der Schädel waren männlich. In der Nekropole von St. Urnel en Plomeur im Département Finistère wurde in den 1950er Jahren eine Trepanation mit Heilungsspuren entdeckt, bei der fast die gesamte Scheiteldecke fehlt.

Trepanationsöffnungen der Steinzeit haben eine runde oder ovale Form, andere eine rechteckige, quadratische oder T-förmige (Ostfrankreich). Die zur Trepanation benutzten Werkzeuge sind unbekannt, die Benutzung von Muschelschalen konnte elektronenmikroskopisch an den Knochenrändern nachgewiesen werden.G. C. Stevens, J. Wakely: Diagnostic criteria for identification of seashell as a trephination implement. In: International Journal of Osteoarchaeology. Band 3, Nr. 3, September 1993, S. 167–176, doi:10.1002/oa.1390030303. Bei rechteckigen oder quadratischen Trepanationen sind in den Ecken der erhaltenen Schädelknochen zumeist Sägespuren erkennbar. Das Schädelrondell von Vanselow ist eine gelochte Scheibe aus entnommenem Knochenmaterial, das als Talisman etc. getragen wurde. Es handelt sich dabei um einen Einzelfund aus den Ablagerungen eines Spülfeldes, so dass es keine Anhaltspunkte für eine chronologische Einordnung gibt. Die fast runde Knochenscheibe hat einen Durchmesser von 4,05 bis 4,15 cm und ist auf der Oberfläche mit Punkten verziert. Eine radial verzierte und doppelt durchlochte, aus einer Schädelkalotte erstellte Scheibe fand sich in einem Frauengrab auf dem schnurkeramischen Gräberfeld „Wöllerspfad“ südlich von Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis. mini|Schädelamulett aus einer Trepanation, Archäologische Staatssammlung München; fotografiert im ehemaligen Niederbayerischen Archäologiemuseum Landau an der Isar.