mini|Logo für Transhumanismus (oft als H+ oder h+ abgekürzt)
Transhumanismus (von ‚jenseits, über … hinaus‘ und ‚menschlich‘) ist eine philosophische Strömung und politische Ideologie, deren Anhänger die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, sei es intellektuell, physisch oder psychisch, durch den Einsatz technologischer Mittel erweitern wollen. Die Interessen und Werte der Menschheit werden als Verpflichtung zum Fortschritt angesehen.
Die Vertreter des Transhumanismus finden sich vor allem im angelsächsischen Raum. Es handelt sich dabei um eine lose und heterogene Verbindung von Vertretern unterschiedlicher soziokultureller Hintergründe und unterschiedlicher Disziplinen.
Geschichte Nick Bostrom zufolge reichen die transzendentalistischen Impulse mindestens bis zur Suche nach Unsterblichkeit im Gilgamesch-Epos zurück, ebenso wie die historische Suche nach dem Jungbrunnen, dem Lebenselixier und anderen Bemühungen, Alterung und Tod zu verhindern. In seiner Göttlichen Komödie prägte Dante Alighieri im ersten Canto del Paradiso das Wort „trasumanar“.
Einer der frühen Vorläufer der transhumanistischen Ideen ist der Diskurs über die Methode (1637) von René Descartes (1596–1650). In diesem Diskurs stellte Descartes eine neue Art von Medizin vor, die sowohl körperliche Unsterblichkeit als auch einen stärkeren Geist gewähren könnte.R. Mirkes: Transhumanist Medicine: Can We Direct Its Power to the Service of Human Dignity? In: The Linacre quarterly. Band 86, Nummer 1, Februar 2019, S. 115–126, doi:10.1177/0024363919838134, PMID 32431394, .
Transhumanisten sehen die Wurzeln ihrer Philosophie im Renaissance-Humanismus und dem Zeitalter der Aufklärung angelegt. Es wird von Transhumanisten intensiv diskutiert, ob und inwiefern Friedrich Nietzsche (1844–1900) als Ahnherr des Transhumanismus angesehen werden kann und sollte. Die transhumanistischen Philosophien von Max More und Stefan Lorenz Sorgner sind stark vom Denken Nietzsches beeinflusst. mini|Julian Huxley (1964) Der Biologe und Eugeniker Julian Huxley, der auch den Begriff des evolutionären Humanismus prägte, definierte 1957 in seinem Buch New Bottles for New Wine den Begriff Transhumanismus im gleichnamigen Kapitel wie folgt:
Der Begriff kam anschließend in Abraham Maslows Toward a Psychology of Being (Psychologie des Seins, 1968) und Robert Ettingers Man into Superman (1972) vor. Wie Maslow und Ettinger benutzte auch der iranisch-amerikanische Futurist FM-2030 (geborener F.M. Esfandiary, Namensänderung Mitte der 1970er) den Begriff in seinen Schriften aus den 1970er Jahren in Bezug auf Personen, die sich neue Technologien, Lebensweisen und Weltbilder zu eigen machen, die einen Übergang zum Posthumanen erkennen lassen. In seinem Buch Are You Transhuman? von 1989 schreibt der transhumanistische Philosoph FM-2030:
Eine moderne Definition des Transhumanismus geht auf Max More zurück:
Die Universität von Kalifornien, Los Angeles wurde eine zentrale Anlaufstelle für Transhumanisten. John Spencer von der Gesellschaft für Weltraumtourismus organisierte viele transhumanistische Veranstaltungen zum Thema Weltraum. Natasha Vita-More (früher Nancie Clark) stellte „Breaking Away“ bei EZTV-Media aus, einem Treffpunkt für Transhumanisten und andere Futuristen. FM-2030, Spencer und Vita-More lernten sich kennen und organisierten gemeinsam Treffen für Transhumanisten in Los Angeles.
In Australien schrieb der Science-Fiction-Autor Damien Broderick (1944–2025) das Judas Mandala. 1982 verfasste Vita-More das Transhumanistische Künstlermanifest und produzierte später die erfolgreiche Fernseh-Show TransCentury Update zum Thema Transhumanität.
1986 wurde Eric Drexlers bekanntes Buch zur Nanotechnologie Engines of Creation veröffentlicht.
Die World Transhumanist Association wurde 1998 von Nick Bostrom und David Pearce gegründet. Sie wurde später in Humanity+ umbenannt.
Laut einer 2008 veröffentlichten Studie sehen sich fast 50 % der Transhumanisten als politisch links an, es sind aber auch viele weitere politische Strömungen verbreitet, die teilweise auch die klassische links-rechts Unterscheidung verneinen und durch up-down ersetzen.
Technologie und Moral mini|Der ehemalige südafrikanische Sprinter und Weltrekordhalter Oscar Pistorius mit Fußprothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (Juli 2007) Der Schwerpunkt der Transhumanismusbewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien; dazu zählen unter anderem: Prothetik: Verbesserung der menschlichen Funktionalität durch Prothesen Nano- und Biotechnologie mit Schwerpunkten in der Gentechnik und der regenerativen Medizin Gehirn-Computer-Schnittstellen, welche das Hochladen menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher ermöglichen sollen. Dieses Vorhaben teilen nicht alle Transhumanisten, es ist aber ein essenzieller Bestandteil des technologischen Posthumanismus. Entwicklung von Superintelligenz, Weiterentwicklung der Kryonik
Die Technologien sollen es jedem Menschen ermöglichen, seine Lebensqualität nach Wunsch zu verbessern, sein Aussehen sowie seine physikalischen und seelischen Möglichkeiten selbst bestimmen zu können; niemand solle dabei zu irgendeiner Veränderung gezwungen werden.
Transhumanistische Strömungen Innerhalb des transhumanistischen Denkens gibt es eine Vielzahl von Meinungen; viele der führenden transhumanistischen Denker vertreten Ansichten, die ständig überarbeitet und weiterentwickelt werden – dabei lassen sich Unterströmungen ausmachen, die in der Realität aber selten eindeutig voneinander abzugrenzen sind: Demokratischer Transhumanismus: Eine politische Philosophie, welche liberale Demokratie, Sozialdemokratie und Transhumanismus zusammenführt Extropianismus: Eine Richtung des Transhumanismus, welche sich bemüht, die weitere menschliche Evolution „proaktiv“ zu beschleunigen; sie wurde in den 1980er-Jahren von Max More und T. O. Morrow in Kalifornien begründet, wobei Extropie als Gegenbegriff zu Entropie fungiert und ein „measure of a system’s intelligence, information content, available energy, longevity, vitality, diversity, complexity, and capacity for growth“ (More 1993: 1) darstellt („Maß für die Intelligenz, den Informationsgehalt, die verfügbare Energie, Langlebigkeit, Vitalität, Vielfalt, Komplexität und Wachstumsfähigkeit eines Systems“) Kohlenstoff/Silizium-basiert: Stefan Lorenz Sorgner unterscheidet zwischen zwei Strömungen: solchen, die auf Kohlenstoff, also Dinge wie Genmanipulation setzen, und den auf Silizium basierenden Technologien, also Computer, um beispielsweise das Bewusstsein auf externe Speicher hochzuladen Libertarischer Transhumanismus: Eine politische Ideologie, die Libertarismus und Transhumanismus miteinander verbindet Post-Politik: Ein politischer Vorschlag, der darauf abzielt, eine „Postdemokratie“ zu schaffen, die auf Vernunft und freiem Zugang der Menschen zu Neuro-Enhancement-Technologien beruht. Singularitarianismus: Basiert auf dem Glauben, dass eine technologische Singularität möglich und sie herbeizuführen ist – die Erschaffung einer Superintelligenz; die entsprechende Phase wird als „Transzendenz der menschlichen Art“ gesehen
Eugenik Die Eugenik spielt im Transhumanismus eine zentrale Rolle. Man setzt dabei nicht auf Sterilisation Unerwünschter, sondern auf Genmanipulation, um für die Geburt eines gesunden Kindes zu sorgen. Dabei soll die menschliche Evolution künftig gesteuert werden. Diese Züchtung von Menschen soll nicht in staatlicher Hand liegen (wie etwa von der nationalsozialistischen Eugenik angestrebt), sondern in die Hände der einzelnen Eltern gelegt werden.
In Deutschland knüpfen ähnliche Diskussionen an Friedrich Nietzsches Begriff des Übermenschen an und sind damit nicht vornehmlich technisch orientiert, sondern immer auch von Gedanken einer kulturellen Weiterentwicklung durchdrungen.Vgl. etwa Ernst Benz (Hrsg.): Übermensch. Eine Diskussion. Stuttgart/Zürich 1961.
Kritik und Kontroversen Der Begriff und die Aussicht auf menschliches Enhancement und damit zusammenhängende Fragen lösen in der Öffentlichkeit Kontroversen aus. Die Kritik am Transhumanismus und seinen Vorschlägen lässt sich in zwei Hauptformen unterteilen: zum einen in Einwände gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die transhumanistischen Ziele erreicht werden (praktische Kritik), und zum anderen in Einwände gegen die moralischen Grundsätze oder die Weltanschauung, die den transhumanistischen Vorschlägen oder dem Transhumanismus selbst zugrunde liegen (Bio- und neuroethische Kritik). Kritiker und Gegner sehen in den Zielen der Transhumanisten oft eine Bedrohung für die menschlichen Werte.
Die Frage, inwiefern transhumanistische Zukunftsprognosen über die technologische Entwicklung realistisch sind und welche ethischen und anthropologischen Konsequenzen sich gegebenenfalls daraus ergäben, wird kontrovers diskutiert. Der Transhumanismus wurde von Francis Fukuyama – einem ausgesprochenen Gegner – „eine der gefährlichsten Ideen“ genannt, während ein Befürworter (Ronald Bailey) dem entgegensetzte, dass „diese Bewegung das kühnste, mutigste, visionärste und idealistischste Bestreben der Menschheit sei“. Einige Autoren vertreten den Standpunkt, dass die Menschheit bereits transhuman sei, weil der medizinische Fortschritt in den letzten Jahrhunderten die Spezies signifikant verändert habe.
Praktische Kritik mini|Kevin Warwick, erster Mensch, der sich einen Computerchip (RFID-Chip) in den Arm implantieren ließ Der Genetiker und Wissenschaftsautor Steve Jones (* 1944) argumentiert, dass die Menschheit die Technologie nicht habe und nie haben werde, die die Befürworter des Transhumanismus suchen. Jones behauptet, dass Technologien wie die Gentechnik nie so leistungsfähig sein würden wie allgemein angenommen.
Obwohl Gregory Stock (* 1949), Professor für öffentliche Gesundheit, dem Transhumanismus generell positiv gegenübersteht, ist er skeptisch, was die technische Machbarkeit und die Massenattraktivität der von Raymond Kurzweil (* 1948), Hans Moravec (* 1948) und Kevin Warwick (* 1954) vorhergesagten Cyborgisierung der Menschheit angeht. Seiner Ansicht nach würden im 21. Jahrhundert viele Menschen tief in Maschinensysteme integriert sein, aber biologisch bleiben. Die primären Veränderungen ihrer eigenen Form und ihres Charakters würden nicht durch Cyberware, sondern durch die direkte Manipulation ihrer Genetik, ihres Stoffwechsels und ihrer Biochemie entstehen.
In seinem Buch Futurehype: Die Tyrannei der Prophezeiung zählt der Soziologe Max Dublin 1992 viele fehlgeschlagene Vorhersagen des vergangenen technologischen Fortschritts auf und postuliert, dass moderne futuristische Vorhersagen ähnlich ungenau ausfallen würden. Er tritt auch gegen das ein, was er als Fanatismus und Nihilismus in der Befürwortung transhumanistischer Zwecke sieht, und behauptet, dass historische Ähnlichkeiten zu religiösen und marxistischen Ideologien bestünden.Max Dublin: Futurehype. The Tyranny of Prophecy Plume. Plume New York 1992.
Ethische Kritik Dem Transhumanismus wird vorgeworfen, auf technologische Entwicklungen zu setzen, ohne die damit einhergehenden ethischen Aspekte hinreichend zu berücksichtigen.
Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama meint, dass der Transhumanismus die progressiven Ideale der liberalen Demokratie auf kritische Weise unterminieren könne. Dies geschehe durch eine fundamentale Veränderung der menschlichen Natur und der menschlichen Gleichheit. Die Technik- und Medienphilosophin Janina Loh kritisiert, dass die meisten Transhumanisten die gesellschaftlichen und philosophischen Fragen, die sich aus der Technologie ergeben, nur am Rande streifen.
Humanistische Kritik