Igemfe (IsiZulu, Plural amagemfe), auch igekle, igenkle, igenxe, igerre und igexhle, bezeichnet zwei Flötentypen der Zulu in Südafrika, die beide im 21. Jahrhundert obsolet sind: hauptsächlich eine fingerlochlose, einfache Form einer Kernspaltflöte, die von Jungen und stets paarweise gespielt wurde, sowie ferner eine bereits in den 1930er Jahren seltene kleine Querflöte mit zwei bis vier Fingerlöchern. Die ungewöhnliche frühe Entwicklungsstufe einer Kernspaltflöte besteht aus einer dickeren Pflanzenröhre, in die eingeblasen wird, und aus einer mit ihr fest verbundenen dünneren Röhre, die an beiden Enden offen ist. Sie produziert zwei Töne. Der ungefähr um eine Quarte tiefere Ton entsteht, wenn das untere Ende mit dem Finger geschlossen wird.
Herkunft und Verbreitung Das einfachste Blasinstrument der Zulu und Xhosa ist eine aus einem Pflanzenrohr angefertigte kleine Pfeife (impepe, Plural izimpepe), die am oberen Ende gerade abgeschnitten und am unteren Ende durch einen Fruchtknoten geschlossen ist. Der Ton wird erzeugt, indem der Spieler das Rohrende an die aufgebogene Zungenspitze legt und schräg über die obere Kante bläst. Die von Jungen als Spielzeug verwendete impepe produziert einen hohen Grundton und nur bei etwas längeren Instrumenten gelegentlich den ersten Oberton eine Duodezime höher. In einem Wörterbuch von 1878 wird die impepe als Knochenflöte gelistet.J. W. Colenso: Zulu-English Dictionary. (1878) 4. Auflage: Munro Bros., Pietermaritzburg 1905, S. 352 Eine Flöte aus Schafs- oder Ziegenknochen bei den Zulu erwähnt bereits der britische Missionar Allen Gardiner (1836). Die in das dünnere Ende geblasene, am unteren Ende vermutlich geschlossene Flöte erzeugte einen derart schrillen Ton, dass sich Gardiner, als er ihr Spiel zur Begleitung aller Arten von Tänzen hörte, jedes Mal auf die gegenüberliegende Seite des Tanzkreises begeben musste.Allen F. Gardiner: Narrative of a Journey to the Zoolu Country, in South Africa. William Crofts, London 1836, S. 104 Ein Wörterbuch von 1923 erwähnt mit dem Namen mpempe eine Flöte aus einem Federkiel. Jungen der Pedi nennen kleine Rohrflöten, die üblicherweise nur den Grundton hervorbringen, naka ya lethlaka.Naka ya lethlaka. Percival Kirby Musical Instruments Collection, University of Cape Town (Abbildung)
In ähnlicher Weise wie die Rohrflöten wurden diverse Tierhörner vom offenen Ende gegen die geschlossene Spitze angeblasen und unter anderem von San und Damara als Signalinstrumente bei der Jagd verwendet. Die Herero bliesen solche Eintonflöten aus dem Horn eines Springbocks bei freudigen Festlichkeiten; im ganzen Land gab es Pfeifen aus den Hörnern kleiner Antilopenarten wie Springbock oder Duiker, die für unterschiedliche Zwecke verwendet wurden, etwa bei den Swazi und Venda, um Hunde herzuholen.Percival R. Kirby, 1965, S. 88–92
Zu den Knochenflöten gehörten ferner eine Signalpfeife aus dem Schienbeinknochen eines Springbocks bei den Koranna im südwestlichen Transvaal. Neben den wie in diesem Fall am oberen Ende rechtwinklig abgeschnittenen und am unteren Ende natürlich geschlossenen Knochenflöten gibt oder gab es andere Flöten mit einem offenen unteren Ende, das durch einen Pfropf verschlossen wird. Hierzu gehört die aus einem Ziegen- oder Schafknochen bestehende lengwane, die Pedi-Jungen blasen. Das Instrument wird sorgfältig mit einer V-förmigen Anblasöffnung am dickeren Ende und einem mit Bienenwachs verschlossenen dünneren fernen Ende hergestellt.Laurie Levine: The Drumcafé's Traditional Music of South Africa. Jacana Media, Johannesburg 2005, S. 145 Eine mit einem Stopfen verschlossene Pfeife ist auch die aus dem Schienbeinknochen des Sekretär-Vogels gefertigte naka der Balete, die eine Untergruppe der Batswana in Botswana bilden. Die naka gehört zu den Gerätschaften des Naturheilers, der bei herannahendem Donner und Blitz hinausgeht, um das Dorf vor Unheil zu bewahren und sie als Hilfsmittel bei der Wahrsagung benutzt. Zu diesem Zweck verwenden die Naturheiler der Pedi eine tsula genannte Flöte aus dem Schienbein eines Adlers oder einer südafrikanischen Wildkatzenart (Felis lybica cafra). Ähnliche Säugetier- und Vogelknochenflöten setzen auch die Naturheiler anderen Ethnien für magische Zwecke ein. Der schweizerische Missionar Henri-Alexandre Junod (1913) beschreibt eine der tsula entsprechende Knochenflöte bei den Heilern der Tsonga, die mit der sogenannten „Himmelflöte“ Blitze fernhalten wollten. Die gesamte, etwa acht Zentimeter lange, an ihrem unteren Ende verdickte Flöte war mit Eidechsenhaut überzogen. Die gewissen Substanzen, die mit dem Wachspfropfen vermischt waren, sollten den Ton bis zum Himmel hinauf hörbar machen, wenn der Flötenbläser bei einem sich nähernden Gewitter von einer Anhöhe sein Instrument ertönen ließ.Henri-Alexandre Junod: The Life of a South African Tribe. Band 2: The Psychic Life. Attinger Freres, Neuchatel 1913, S. 291f Bei den Venda heißt die magische Vogelknochenflöte nanga ya danga.Percival R. Kirby, 1965, S. 94–101
Manche Flöten wie die naka ya pathola der Pedi waren mit magischen Substanzen präpariert, weil sie von Kriegern mitgeführt wurden und ihnen Schutz verleihen sollten. Falls der Besitzer der Flöte im Kampf getötet wurde, übernahm ein anderer aus seiner Truppe die Flöte, um sie an seiner Stelle zu blasen. Ein Junge spielte die seiner Altersgruppe gemäßen Flöten und übte erst anschließend die schwieriger zu spielende Flöte des Vaters, die er dann bei dessen Tod erhielt.Percival R. Kirby, 1965, S. 104f
Die imbande der Zulu war eine etwa 13 Zentimeter lange Vogelknochenflöte mit einem – ähnlich wie bei der igemfe – von zwei Seiten zugespitzten oberen Ende, das gegen die Unterlippe gehalten wird.David K. Rycroft, Andrew Tracey: Imbande. In: Grove Music Online, 26. Oktober 2011 Das gerade abgeschnittene untere Ende wurde mit einem Finger abgedeckt, um wie bei der dzhio der Venda zwei schrille hohe Töne im ungefähren Abstand einer Terz zu erzeugen. Berichte aus dem 19. Jahrhundert beschreiben die imbande als Flöte aus dem Schienbeinknochen einer Ziege oder eines Großriedbocks, die vermutlich von den San übernommen wurde. Auf diese Herkunft deutet der Name umbaendi hin, der für eine Pfeife, die San um den Hals trugen, überliefert ist.Percival R. Kirby, 1965, S. 107f
Eine Flöte konnte in Ermangelung eines Tierhorns auch aus Holz nachgeahmt werden, ebenso wie das Naturhorn phalaphala gelegentlich durch eine Holzimitation ersetzt wurde. Die luveve der Swazi bestand aus einem Stück Hartholz, das in die Form eines kleinen Antilopenhorns gebracht wurde. Dieses teilte man längs in der Mitte, höhlte beide Hälften aus, legte sie passgenau wieder zusammen und umwickelte sie mit der nassen Haut eines Ochsenschwanzes. Die Flöte wurde mit einem Riemen um die Schulter gehängt. Damit sendeten die Swazi Signale bei der Jagd und in Gefechten; ein Heiler rief mit ihnen bei magischen Handlungen jenseitige Geister herbei. Die entsprechende Flöte der Zulu hieß uveve. Der methodistische Missionar und Historiker William Clifford Holden (1866) berichtet über die Verwendung dieser schrillen und durchdringenden Flöte bei der Antilopenjagd.William Clifford Holden: The Past and Future of the Kaffir Races. London 1866, S. 277
Eine lange, dünne, an beiden Enden offene Flöte der Zulu war die fingerlochlose umtshingo (Plural imitshingo), auch ivenge, aus einem Pflanzenrohr und einem schräg zugeschnittenen Anblasloch. Der Spieler formte mit der Zunge einen Luftkanal und konnte mit dem geöffneten oder durch einen Finger geschlossenen unteren Ende zwei Obertonreihen von vierten bis zum zwölften Oberton hervorbringen.David K. Rycroft, Angela Impey, Gregory F. Barz, John Blacking, Jaco Kruger, C.T.D. Marivate, Caroline Mears, James May, David Coplan: South Africa, Republic of. I. Indigenous music. 1. Nguni music. (iii) Musical instruments. In: Grove Music Online, 9. November 2009 Diese Obertonflöte ist bei den Swazi als umtshingosi und bei den Basotho als lekolilo bekannt. Die umtshingo diente den Rinderhirten der Zulu als Signalinstrument und ihr Spiel sollte für die Rinder auf der Weide förderlich sein.Percival R. Kirby, 1965, S. 110, 113, 116f Die umtshingo stellt mit ihren tonalen Möglichkeiten einen deutlichen Entwicklungssprung gegenüber den zuvor genannten Knochenflöten dar.Percival R. Kirby, 1965, S. 111f
Als einen weiteren Schritt hin zu den Kerbflöten besitzt die aus einem Pflanzenrohr bestehende begu der Zulu ein U-förmig ausgeschnittenes Ende. Dies ermöglicht dem Spieler, seine Zunge in einer stabilen Position an die Unterseite des Anblaslochs zu legen, um so einen simplen Kernspalt zu bilden. Die begu wird stets paarweise gespielt. Die etwas längere, „männliche“ Flöte heißt indota und die kürzere, „weibliche“ umfazi. Die beiden, mit dem geschlossenen oder geöffneten unteren Ende produzierten Töne sind für das Spiel ausreichend, weitere, prinzipiell spielbare Obertöne werden nicht benötigt. Die begu wird überwiegend von jungen Kuhhirten geblasen. Die „weibliche“ Flöte übernimmt mit ihren beiden, abwechselnd gespielten Tönen die rhythmische Führung, während die „männliche“ Flöte denselben gleichbleibenden Rhythmus wiederholt.A. J. F. Veenstra: The Begu Zulu vertical flute. In: African Music: Journal of the International Library of African Music, Band 2, Nr. 1, 1958, S. 40–45
Bauform Die längs geblasene igemfe war abgesehen von der begu die einzige, paarweise gespielte Flöte in Südafrika. Sie besteht aus einem 30 bis 50 Zentimeter langen Schilfrohr ohne Fingerlöcher, das – äußerst ungewöhnlich – aus zwei Teilen zusammengesetzt ist. Der obere, wesentlich dickere Teil ist an einem Ende durch einen Fruchtknoten geschlossen und am anderen, offenen Ende knapp unterhalb des nächsten Fruchtknotens abgeschnitten. In das verschlossene Ende wird ein rundes Loch geschnitten, das exakt so groß ist wie das dünnere Rohr. Dieses an beiden Seiten offene Rohr wird am oberen Ende leicht ausgedünnt, damit es passgenau und luftdicht in das Loch des dickeren Rohrs gesteckt werden kann. Das offene Ende des dickeren Rohrs wird als Anblasöffnung präpariert und wie bei der begu beidseitig ungefähr in einem 45-Grad-Winkel U-förmig gerundet nach innen ausgeschnitten (englisch double-notched), wobei einer der Schnitte etwas größer ist als der andere. Die größere Schnittseite legt der Spieler gegen seine Unterlippe, während er die Flöte annähernd senkrecht nach unten hält, sodass über der Lippe ein Spalt als Einblasöffnung verbleibt und die Blasluft nach dem Prinzip der Kernspaltflöte gegen eine vom oberen Teil des Rohrendes gebildete Kante gelenkt wird.Percival R. Kirby, 1965, Tafel 42 B Dieses der Konstruktion der Schnabelflöte (Blockflöte) entwicklungsgeschichtlich vorausgehende Flötenende ist seit der Altsteinzeit bekannt.Percival R. Kirby, 1965, S. 274 Ein Fundstück mit entsprechendem oberen Ende ist die Gänsegeier-Knochenflöte aus der baden-württembergischen Höhle Hohler Fels, deren Alter auf mindestens 35.000 Jahre geschätzt wird und die somit zu den ältesten erhaltenen Flöten gehört.Michael Seifert: Früheste Musiktradition in Südwestdeutschland nachgewiesen. Eberhard Karls Universität Tübingen, 24. Juni 2009