mini|Gebiet der Thraker im 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. mini|Südosteuropa zu Zeiten der Römer Thrakien oder Thrazien ( [ionisch , episch kontrahiert auch ], , , ) ist eine Landschaft auf der östlichen Balkanhalbinsel, die heute zu den Staaten Bulgarien, Griechenland und Türkei gehört. Das östliche Thrakien befindet sich im europäischen Teil der Türkei. Der Name der Landschaft leitet sich wahrscheinlich von ihren Bewohnern, dem Volk der Thraker, ab.Peter Soustal: Thrakien (Thrake, Rhodope und Haimimontos). S. 58–60.
Die Begriffe von Volk und Land der Thraker sind von schwankender Ausdehnung und können sowohl ethnisch als auch territorial nicht immer klar definiert werden. Der Volks- und Landesname ist bei Homer in ionischer Form überliefert: das Volk als , das Land als und das entsprechende Adjektiv lautet .
Als Ost- und Südgrenze Thrakiens stehen seit der Antike die Küsten des Schwarzen Meers, Marmarameers und der Ägäis fest. Die Nordgrenze wurde vom Istros (untere Donau) oder aber später wie heute vom Hauptkamm des Haimos (Balkangebirge) gebildet. Als Grenze zu der im Westen gelegenen Landschaft Makedonien werden seit der Antike die Flüsse Vardar oder Struma oder Mesta genannt. Daraus ergibt sich eine beträchtliche Schwankung in der Ausdehnung Thrakiens in nördlicher und westlicher Richtung.
Geographie
mini|Die ungefähren Grenzen Thrakiens heute
Heute liegen ca. 57 % (42.161 km²) thrakischen Landes in Bulgarien, ca. 31 % (23.384 km²) in der Türkei (der gesamte europäische Teil der Türkei) und ca. 12 % (8.586 km²) in Griechenland.
Thrakien ist in verschiedene Landschaften gegliedert und von drei Meeren (Schwarzes Meer, Thrakisches Meer der nördlichen Ägäis und Marmarameer/Dardanellen) umgeben. Im Westen liegen das Rhodopengebirge und im Osten das Strandscha- und Sakargebirge. Der Fluss Mariza durchfließt fast die gesamte Landschaft und trennt mit seinem Unterlauf das griechische Westthrakien vom türkischen Ostthrakien. Er bildet dort großenteils die natürliche Grenze zwischen Griechenland und der Türkei.
Die Grenze Thrakiens beginnt am Kap Emine an der bulgarischen Schwarzmeerküste und führt nach Westen weiter entlang der Linie Golubec, Ichtimanska Sredna Gora und Schumnatica bis zum Berg Musala im Rila-Gebirge. Vom Musala führt sie nach Osten über die Rhodopen (Videnica) zur bulgarisch-griechischen Grenze bei Kaintschal. Von hier verläuft sie nach Süden nach Nestos in Griechenland und weiter zur Ägäis.
Die Oberthrakische Tiefebene (bulgarisch Горнотракийска низина) befindet sich in Bulgarien und ist dort die größte Tiefebene des Landes. Sie wird im Norden durch das Gebirge Sredna Gora (Средна Гора) begrenzt (einem niedrigen Vorgebirge des Balkangebirges) und im Süden durch die Rhodopen (Родопите). Die Tiefebene ist 180 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und im Mittel 168 Meter hoch und umfasst ein Gebiet von 6.000 km². Durch sie fließt der Fluss Mariza (Evros). Insgesamt ist das Relief flach mit Ausnahme von kleinen Hügeln in der Nähe von Plowdiw und Tschirpan.
Damit gehören zu Thrakien:
die bulgarischen Verwaltungsgebiete: Burgas, Sliwen, Jambol, Stara Sagora, Chaskowo, Plowdiw, Kardschali, Pasardschik und Smoljan (Nordthrakien) die griechischen Regionalbezirke Xanthi, Rodopi und Evros (Westthrakien) die türkischen Provinzen: Kırklareli, Tekirdağ, Edirne, sowie die europäischen Teile von Istanbul und Çanakkale (Ostthrakien)
Zu Thrakien gehören auch die Ägäis-Inseln Samothraki als Teil der griechischen Präfektur Evros sowie Imbros, die Teil des türkischen Canakkale ist. Auch die bulgarischen Schwarzmeerinseln (Sweti Iwan, Sweta Anastasia und weitere) werden zu Thrakien gezählt.
An der Schwarzmeerküste, an der Marmarameerküste und an den Dardanellen findet man sehr unterschiedliche Landschaften und Klimazonen, hügelige Landschaften mit Sonnenblumen und Weizenfeldern. An der türkischen Schwarzmeerküste gibt es nur einige kleine Siedlungen, während die Marmarameerküste von Istanbul bis Tekirdağ stark bebaut ist.
Die Saros-Bucht zwischen Griechenland und der Türkei zählt zu den saubersten Tauchplätzen im Mittelmeer, weil es dort keine Industrie und Städte gibt.
Spuren von Bergbau lassen sich in Thrakien archäologisch bis in prähistorische Zeit zurückverfolgen. Darstellungen auf Münzen der Stadt Philippopolis weisen auf Bergbau im Rhodopen-Gebirge hin. Bedeutsam waren Bergbau und Metallverarbeitung im Strandscha-Gebirge. Bei den heutigen Orten Sabernowo, Malko Tarnowo und Gramatikowo wurde seit der Antike Erz gewonnen. Bei Malko Tarnowo wurde jedoch, wie bei Sosopol und Burgas, vorwiegend Kupfer gewonnen. Entsprechende Schmelzöfen wurden in dessen Nähe lokalisiert. In einem Apollon-Tempel bei Malko Tarnowo wurde eine Weihinschrift (von 155/156 n. Chr.) entdeckt, die Straton, Leiter einer Gruppe Eisenbergwerke errichten ließ. Die Inschrift stammt vielleicht von Leuten, die in den Eisenbergwerken bei Demirköy (Malak Samokov) tätig waren.Peter Soustal: Thrakien (Thrake, Rhodope und Haimimontos). S. 151.
Geschichte mini|Odrysischer Staat im 4. Jahrhundert v. Chr.
Unter Thrakien verstand man in der Antike das Gebiet, das nördlich von Griechenland bis zu den Skythen lag, östlich von Makedonien und der Region Epirus bis ans Schwarze Meer reichte und vom Volk der Thraker besiedelt war, jedoch nicht das nördlich gelegene Dakien und die Geten mit einschloss. Der Sage nach war Thrakien Heimat des Orpheus, Dionysos und des Apollon.
513 v. Chr. wurde Thrakien von den Persern unter Dareios I. durchquert und somit erobert, dabei heiratete Dareios eine Tochter des Getenkönigs. Das Volk der Thraker bildete um 450 v. Chr. ein gemeinsames Reich. Die südlichen Teile davon standen im Spannungsfeld der griechisch-persischen Kriege unter persischer Herrschaft. In dieser Zeit zerfielen die Thraker in viele Völkerstämme. Unter ihnen spielten die Odrysen die führende Rolle, die oft mit Athen verbündet waren. Im 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden in Thrakien lokale Zentren. Im Jahr 341 v. Chr. mussten die Thraker die makedonische Vorherrschaft durch König Philipp II., Vater Alexanders des Großen, anerkennen. Nach dem Tode Alexanders fiel das Gebiet an Lysimachos, der 306/5 v. Chr. zum König von Thrakien gekrönt wurde. Im 3. Jahrhundert v. Chr. kam es zum Einfall keltischer Stämme, die jedoch besiegt werden konnten. Ein Teil der verbliebenen keltischen Krieger gründete um die Stadt Tylis ein Fürstentum in Thrakien und ein anderer Teil wanderte nach Anatolien ein (Galater).
mini|Die römischen Provinzen unter Trajan (117 n. Chr.)
Im Jahr 44 n. Chr. wurde die römische Provinz Thrakien () eingerichtet. Die Bedeutung, die Thrakien für die griechische Welt besessen hatte, behielt das Land auch in der römischen Epoche bei. In römischer Zeit wurden für das Gebiet von Makedonien, Illyrien, Mösien und Kleinasien begrenzt.
Mit der Reichsteilung von 395 wurde Thrakien als Umland der Hauptstadt Konstantinopel das Zentrum des Oströmischen oder Byzantinischen Reiches. Westlich Konstantinopels wurde zur Abwehr der Bulgaren das Thema Thrakien eingerichtet (erstmals 687 erwähnt). Vor der Eroberung der Stadt im Jahre 1453 ließ Sultan Mehmet der Eroberer dort seine schlagkräftigsten Kriegsmaschinen herstellen.
1878 wurde nach dem Berliner Kongress aus Nordthrakien die autonome Provinz Ostrumelien innerhalb des Osmanischen Reiches konzipiert, die einen großen Teil Thrakiens einnahm. Diese konnte sich nach einem Staatsstreich 1885 mit dem Fürstentum Bulgarien vereinen. In den Balkankriegen 1912–1913 eroberte Bulgarien auch Westthrakien. 1914 ordnete die osmanische Regierung die Ausweisung der Griechen aus Ostthrakien an, begleitet wurde die Umsetzung von Plünderungen. Im April 1917 wurden schließlich auch die letzten verbliebenen Griechen in die asiatische Türkei deportiert.Tessa Hofmann: Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7823-6, S. 136. Im Vertrag von Sèvres 1920 musste Bulgarien Westthrakien endgültig an Griechenland abtreten. Muslime verschiedener Ethnien aus dem Balkan, die vor allem aus Bulgarien und Griechenland vertrieben wurden, siedelten sich in Ost-Thrakien an.
Die Landschaft ist seit 2010 Namensgeber für die Trakiya Heights, ein Gebirge im Grahamland auf der Antarktischen Halbinsel.
Zeittafel