mini|Mohammed Amin al-Husseini (1929)

Mohammed Amin al-Husseini ( oder al-Hussaini, englisch al-Husayni; * 1895, 1896 oder 1897 in Jerusalem; † 4. Juli 1974 in Beirut) war ein islamischer arabischer Nationalist aus einer einflussreichen Familie Jerusalems. Als von Großbritannien eingesetzter Mufti von Jerusalem wurde er ab 1921 zum Führer der islamischen Bevölkerung Palästinas. Er vertrat einen verschwörungsideologischen islamistischen Antisemitismus und verbreitete diesen nachhaltig unter Arabern. Von 1936 bis 1939 führte er den Arabischen Aufstand gegen jüdische Einwanderer und Briten in Palästina an. Ab 1933 unterstützte er das NS-Regime und arbeitete ab 1937 mit ihm zusammen. Von Oktober 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er in Deutschland und verbreitete die nationalsozialistische Propaganda im arabischen Raum. Er mobilisierte Muslime für die Waffen-SS auf dem Balkan und setzte sich für die Blockade von Fluchtwegen für Juden aus Osteuropa ein, die vor dem Holocaust fliehen wollten.

Nach dem Krieg wurde er als Kriegsverbrecher festgenommen, erhielt 1946 aber in Ägypten Asyl und förderte von dort aus den Palästinakrieg von 1948 gegen Israel. Nach der Niederlage der arabischen Angreifer und der Massenflucht und -vertreibung von Palästinensern (Nakba) verlor er seine politische Führungsstellung. Er war Lehrer und Förderer von Jassir Arafat, dem späteren Führer der PLO, die ihn als Vorbild verehrt. Al-Husseinis antisemitische Ideologie beeinflusste zudem indirekt auch die Hamas-Charta.

Familie und Ausbildung Amīn al-Husseini wurde in Jerusalem geboren; Angaben zum Geburtsjahr schwanken zwischen 1895 und 1897.Zvi Elpeleg: The Grand Mufti, London 1993, S. 1 Er stammte aus einer wohlhabenden arabisch-muslimischen Familie, die seit dem 19. Jahrhundert mit der Familie der al-Naschaschibis um Großgrundbesitz und Einfluss im südlichen Palästina konkurrierte. Mitglieder der al-Husseini-Familie hatten ab 1850 Führungsämter in Jerusalem inne, stellten oft den Bürgermeister und den Mufti, dem der Schutz des Tempelbergs und der heiligen Stätten des Islam dort oblag.Jochen Töpfer, Max Friedrich Bergmann: Jerusalem – Berlin – Sarajevo: Eine religionssoziologische Einordnung Amin al-Husseinis. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 3-658-24633-2, S. 22

Amins Vater Muḥammad Ṭāhir al-Husseini bekämpfte als Mufti von Jerusalem die Einwanderung von Juden in die osmanische Provinz Palästina. Seit 1891 wollte er jüdische Einwanderer zur Auswanderung drängen.Benny Morris: 1948 – A History of the First Arab-Israeli War. Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 0-300-14524-1, S. 6 Nach dem ersten Zionistenkongress 1897 bildete er eine Kommission, um Landkäufe von Zionisten in Palästina zu prüfen und zu unterbinden.Lawrence J. Epstein: The Dream of Zion: The Story of the First Zionist Congress. Rowman & Littlefield, London 2016, ISBN 1-4422-5467-X, S. 106 1899 beantragte er im Stadtrat Jerusalems, jüdische Einwanderer physisch anzugreifen und zu vertreiben. Dies wurde abgelehnt.Leslie Stein: The Hope Fulfilled: The Rise of Modern Israel. Praeger, 2003, ISBN 0-275-97141-4, S. 44

Amīn al-Husseini besuchte zunächst eine Koranschule, dann eine weiterführende osmanische und katholische Schule, wo er Türkisch und Französisch lernte.Gudrun Krämer: Geschichte Palastinas: Von der Osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel. 6. Auflage, Beck, München 2015, ISBN 3-406-67215-9, S. 224 Nach einem kurzen Studienaufenthalt an der Alliance Israélite UniverselleHenry Laurens: La Question de Palestine, Tome deuxieme: Une mission sacrée de civilisation. Paris 2002, S. 462 begann er islamisches Recht an der al-Azhar-Universität in Kairo zu studieren. Dort gründete er eine antizionistische palästinensische Studentenvereinigung mit. Einer seiner Lehrer und bis 1935 sein Mentor war Raschīd Ridā, einflussreicher Vordenker des Reformislam und Panarabismus. Zwei Jahre später brach al-Husseini dieses Studium ab.Gudrun Krämer: Geschichte Palastinas. Berlin 2011, S. 219

1913 pilgerte er mit seiner Mutter Zainab nach Mekka und erhielt den Ehrentitel eines Haddschi. Ab 1914 studierte er in Istanbul Verwaltungswissenschaften an einer modernisierten osmanischen Militärakademie.Weldon C. Matthews: Confronting an Empire, Constructing a Nation: Arab Nationalists and Popular Politics in Mandate Palestine. London 2006, S. 31 Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er in die Osmanische Armee einberufen und der 47. Brigade in İzmir als Artillerieoffizier zugeteilt. 1916 wurde er wegen einer Erkrankung vom Militärdienst freigestellt und zog wieder nach Jerusalem.Eve E. Grimm: Al-Husseini, Haj Amin. In: Paul R. Bartrop, Michael Dickerman: The Holocaust: An Encyclopedia and Document Collection. ABC–CLIO, Santa Barbara 2017, ISBN 1-4408-4083-0, S. 18

Politik 1916 bis 1933 Im Verlauf der Arabischen Revolte (1916–1918) eroberten die Briten 1917 Jerusalem. Al-Husseini bot ihnen seine Dienste an und rekrutierte Soldaten für die Armee des Scherifen. Deren Anführer Thomas Edward Lawrence beklagte sich jedoch bei ihm über die Unzuverlässigkeit der palästinensischen Araber in der Armee. Der spätere König Faisal I. erklärte ihm, er werde einem palästinensischen Araber nie ein politisches Amt geben. Bei einem Clan-Treffen warf al-Husseini Faisal seinerseits vor, willfähriger Diener der Briten zu sein und mit den Juden zusammenzuarbeiten. Die Araber müssten einen Keil zwischen ihre Gegner treiben, sonst würden die Briten mithilfe des in Palästina zentrierten Weltjudentums die Herrschaft über die arabische Welt erlangen.Isaiah Friedman: Palestine, a Twice-Promised Land? The British, the Arabs & Zionism 1915–1920. New Brunswick 2000, S. 192

Von da an trat al-Husseini als kompromissloser Gegner des Zionismus hervor, den er als langfristige Gefahr für ein arabisches Palästina ansah. Laut dem jüdischen Journalisten Abbady sagte er ihm damals, er habe nichts gegen in Palästina geborene Juden: „Aber jene fremden Invasoren, die Zionisten, werden wir massakrieren bis zum letzten Mann. Wir wollen keinen Fortschritt, keinen Wohlstand [durch jüdische Einwanderung]. Nichts anderes als das Schwert wird die Zukunft dieses Landes entscheiden.“Richard L. Rubenstein: Jihad and Genocide. Lanham 2010, ISBN 0-7425-6202-6, S. 60 Von 1920 an beanspruchte al-Husseini kontinuierlich ganz Palästina als arabischen Staat, lehnte Gebietszugeständnisse an Juden ab und akzeptierte nur Juden, die bis 1917 in diesem Gebiet geboren worden waren; alle übrigen wollte er vertreiben oder vernichten.Benny Morris: 1948 – A History of the First Arab-Israeli War. New Haven 2008, S. 8

Beim pansyrischen Kongress in Damaskus 1919 unterstützte er Faisal als zukünftigen König von Syrien. In jenem Jahr trat er dem arabischen Nationalistenverein an-Nādī al-ʿArabī in Jerusalem bei und wurde dessen Vorsitzender. Er schrieb Artikel für die erste in Palästina gegründete Zeitung, Sūriyya al-Ǧanūbiyya („Süd-Syrien“), die in Jerusalem von September 1919 bis April 1920 erschien. Wie sie strebte al-Husseini ein Großsyrien mit Palästina als Südprovinz und Damaskus als Hauptstadt an. Im Sykes-Picot-Abkommen vom Juli 1920 erhielt jedoch Frankreich das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon. Die französische Armee besetzte Damaskus, besiegte König Faisal und zerschlug Großsyrien. Danach wandte sich al-Husseini einem arabischen Nationalismus zu, in dessen Mittelpunkt für ihn Palästina mit Jerusalem stand.

Am 4. April 1920 lösten Reden arabischer Nationalisten um Amin al-Husseini und seinen Cousin Musa Kazim al-Husaini, den damaligen Bürgermeister Jerusalems, die dreitägigen blutigen Nabi-Musa-Unruhen in der Altstadt von Jerusalem aus. Die britische Militärverwaltung verurteilte al-Husseini dafür zu zehn Jahren Haft und machte seinen Rivalen Raghib an-Naschaschibi zum neuen Bürgermeister der Stadt.David Patterson: A Genealogy of Evil: Anti-Semitism from Nazism to Islamic Jihad. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 0-521-13261-4, S. 108f.; Joseph Croitoru: Al-Aqsa oder Tempelberg: Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten. Beck, München 2021, ISBN 3-406-76586-6, S. 99 und S. 112−117

Gemäß dem Völkerbundsmandat für Palästina löste dort 1921 eine zivile die bisherige militärische britische Verwaltung ab. Der erste britische Hochkommissar Herbert Samuel begnadigte al-Husseini und ernannte ihn trotz seiner mangelnden religiösen Ausbildung zum „Großmufti“ von Jerusalem. Er erhoffte sich davon einen Interessenausgleich mit den palästinensischen Arabern und eine Befriedung des Husseini-Clans, dessen Angehörige das Amt seit mehr als 100 Jahren oft innehatten.Tom Segev: Es war einmal ein Palästina – Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. 4. Auflage, München 2007, S. 174–176 Weil die Jungtürken das Amt des Scheichülislam 1920 faktisch abgeschafft hatten, setzten die Briten nun ein neues politisch-religiöses Oberhaupt unter ihrer Kontrolle ein. Al-Husseini gehörte nicht zu den Kandidaten der palästinensischen Muftis dafür, sondern erhielt das Amt nur, weil sein verstorbener Bruder Kamil al-Husseini der letzte Mufti Jerusalems gewesen war. Anders als in der osmanischen Tradition ernannte ihn kein Kalif, sondern der britische Hochkommissar, ein Jude.Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust: Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen. Edition Nautilus, Hamburg 2012, ISBN 3-96054-126-0, S. 191f.

Zudem wurde al-Husseini Präsident des 1922 gegründeten Obersten Muslimischen Rats (Supreme Moslem Council, abgekürzt SMC), der islamische Einrichtungen verwalten und so Muslimen der Region religiöse Selbstverwaltung ermöglichen sollte. Von da an galt er als der einflussreichste Araber in Palästina, der das höchste religiöse und politische Amt vereinte.Sönke Zankel: Der Jude als Anti-Muslim. Amin al-Husseini und die „Judenfrage“. In: Niklas Günther, Sönke Zankel (Hrsg.): Abrahams Enkel. Juden, Christen, Muslime und die Schoa. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08979-9, S. 42

Als solcher verbreitete er die Verschwörungstheorie, die Juden wollten die al-Aqsa-Moschee und den Felsendom auf dem Jerusalemer Tempelberg zerstören und auf deren Trümmern ihren dritten Tempel erbauen. Seine frei erfundene Parole „Al-Aqsa in Gefahr!“ sollte die Muslime weltweit gegen den Zionismus mobilisieren, da der Tempelberg im Islam als drittheiligste Stätte gilt.Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten, Leipzig 2019, S. 40f.; Nadav Shragai: The “Al-Aksa Is in Danger” Libel: The History of a Lie. Jerusalem Center for Public Affairs, Jerusalem 2012, ISBN 1-4763-3079-4, S. 20–30 (PDF) Dazu entsandte das SMC bis 1924 sechs Delegationen in andere Nahostländer und nach Indien. Als Beweis der angeblichen jüdischen Pläne ließ der Mufti gefälschte Fotografien verbreiten, etwa eine, die eine Jeschiwa auf dem Tempelberg mit einem Davidstern darüber zeigte,Daniel Rickenbacher: Der „jüdisch-westliche Krieg gegen den Islam“. In: Marc Grimm, Bodo Kahmann (Hrsg.): Antisemitismus im 21. Jahrhundert: Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus und Terror. De Gruyter / Oldenbourg, München 2018, ISBN 3-11-053471-1, S. 161 und eine weitere von einem angeblichen Brandanschlag auf die Al-Aqsa-Moschee.Jennie Lebel, Ženi Lebl: The Mufti of Jerusalem Haj-Amin El-Husseini and National-Socialism. Belgrad 2007, S. 25 Auch auf den islamischen Konferenzen in Jerusalem 1931 und Bludan 1937 propagierte er diesen Al-Aqsa-Mythos, um den Palästinakonflikt zu internationalisieren und sein Prestige unter Muslimen zu stärken.