mini|Porträt Niccolò Paganinis nach Paul Pommayrac 1838rahmenlos|class=notpageimage|200px Niccolò Paganini, auch Nicolò Paganini (* 27. Oktober 1782 in Genua, Republik Genua, heute Italien; † 27. Mai 1840 in Nizza, Königreich Sardinien, heute Frankreich), war ein italienischer Violinist, Bratschist, Gitarrist und Komponist. Zu seiner Zeit war er der führende und berühmteste Geigenvirtuose. Sein äußeres Erscheinungsbild und seine brillante Spieltechnik machten ihn bereits zu Lebzeiten zu einer Legende. Auch das Gitarrenspiel beherrschte er virtuos.

Leben Genua Niccolò Paganini wurde nachweislich 1782 in Genua geboren. Er veranlasste 1821 seinen Freund, den Anwalt Luigi Germi, das Geburtsdatum zu fälschen und von 1782 auf 1784 zu legen. 1828 diktierte er Peter Lichtenthal für eine erste biographische Notiz, die 1830 in der Leipziger Musik-Gazette und 1853 in Mailand auf Italienisch erschien, ebenfalls 1784 als sein Geburtsjahr.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 14 u. 24 f. Auch Julius Max Schottky erhielt diese Angabe von Paganini persönlich für Paganini’s Leben und Treiben als Künstler und als Mensch: mit unparteiischer Berücksichtigung d. Meinungen seiner Anhänger u. Gegner. Daher galt das ganze 19. Jahrhundert hindurch 1784 als richtige Angabe. Paganinis Angaben zu seiner Kindheit und zur Rolle seines Vaters, die bei Schottky zu lesen sind,Julius Max Schottky, Vaduz/Liechtenstein 1990, S. 250 f. müssen aus demselben Grund kritisch gesehen werden.

Nach eigener Aussage erhielt Paganini bereits in frühester Kindheit Violinunterricht, unter anderem von seinem Vater, Antonio Paganini, der ihn zum stundenlangen Üben verpflichtet habe. Bereits in dieser frühen Phase habe er aus eigenem Antrieb die klanglichen Möglichkeiten der Violine erprobt und „neue und sonst noch ungesehene“ Griffe erfunden, deren Zusammenklingen die Leute in Staunen versetzt habe. Zudem begann er als Kind, ebenfalls unterrichtet von seinem Vater, Gitarre zu spielen.Martin Rätz (Hrsg.): Klassiker der Gitarre. Studien- und Vortragsliteratur aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Band 2. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978; Lizenzauflage Schott, Mainz, S. 140 (Zu den Komponisten). Zwischen 1791 und 1795 nahm er Violinunterricht bei Giacomo Costa in Genua. Vermutlich war er jedoch größtenteils Autodidakt, beeinflusst von den Werken, der Spielweise und der „Schule“ Giuseppe Tartinis, Pietro Locatellis, Giovanni Battista Viottis, Rodolphe Kreutzers und Pierre Rodes.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 21.

Weitere Anregungen und Kenntnisse erlangte Paganini in Parma, wo er zusammen mit seinem Vater von Ende 1795 bis gegen Ende 1797 weilte. Er erhielt dort Kompositionsunterricht bei Gasparo Ghiretti und Ferdinando Paër, komponierte unter ihrer Aufsicht einige Werke, darunter zwei heute verlorene Violinkonzerte, die er im Gran Teatro zu Parma, in Colorno und Sala aufführte. Nach seiner Rückkehr nach Genua besetzten napoleonische Truppen die Stadt, und er entfloh, indem er Oberitalien bereiste und dort Konzerte gab. Die Programme seiner Auftritte in Modena im Dezember 1800 zeigen, dass er neben Eigenkompositionen auch Stücke von Rode und Kreutzer spielte. Ein Kabinettstück stellte sein Spanischer Fandango dar, in dem er die Stimmen verschiedener Vögel nachahmte und den er auch später im Ausland oft darbot.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 26–32. 1801 kehrte er nach Genua zurück und widmete sich nach eigenen Angaben der Landwirtschaft und dem Gitarrenspiel.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 31. Er komponierte für die Gitarre, und die Gitarre wurde ihm ein wichtiges Utensil für das harmonische Denken und das mehrstimmige Komponieren.

Lucca Erstmals ohne den Vater reiste Paganini 1801 nach Lucca. Dort bewarb er sich erfolgreich um die musikalische Teilnahme am Hochamt in der Kirche Santa Croce. Großen Anklang fand sein Konzert in Santa Croce am 14. September 1801. Es bescherte ihm Einladungen zu weiteren Auftritten.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 33 f.

Für die Jahre 1802 bis 1804 liegen keine gesicherten Informationen über Paganinis Tätigkeit vor. Möglicherweise bezieht sich Paganinis Geständnis jugendlicher Fehler wie der Leidenschaft für das Glücksspiel auf diese Zeitspanne:

Im Januar 1805 wurde Paganini zum Konzertmeister im Orchester der Republik Lucca ernannt. Nachdem Fürstin Elisa Baciocchi, eine Schwester Napoleons, Herrscherin Luccas geworden war, wurde er im September 1805 ihr Kammervirtuose und Operndirektor. 1808 schickte sie ihn zum Erfurter Fürstenkongress, wo er vor Napoleon und dem russischen Zaren spielte. Diese einzige feste Anstellung in Paganinis Laufbahn währte bis 1809. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Werke für Violine und Orchester sowie für Violine und Gitarre.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 36–49.

Konzertreisen mini|hochkant|Paganini 1819, Kohlezeichnung von Jean-Auguste-Dominique Ingres

Italien Ab 1810 war Paganini nahezu ständig auf Konzertreisen, zunächst zwei Jahre durch die Romagna und die Emilia, dann bis 1828 überaus erfolgreich durch das gesamte Land von Turin bis Palermo.

Bei Ricordi in Mailand wurden 1820 neben den Sonaten für Violine und Gitarre op. 2 und op. 3 sowie den Quartetten op. 4 und op. 5 die 24 Capricci op. 1 gedruckt. Die Capricci kursierten von da an – auch in Kopien und Abschriften sowie in nicht autorisierten, oft im Notentext veränderten Drucken – in ganz Europa und ließen es erstmals zu, Paganinis Kunst nicht nur zu hören, sondern auch an einem Notentext zu überprüfen und zu analysieren, wie es später beispielsweise Robert Schumann und Franz Liszt taten. Paganini allerdings spielte seine Capricci nie bei seinen Auftritten.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 107–110.

Im Jahr 1824 lernte Paganini bei einem Engagement am Teatro San Samuele in Venedig die Sängerin Antonia Bianchi kennen, in Palermo kam am 23. Juli 1825 der gemeinsame Sohn, Achille Ciro Alessandro, zur Welt. Bianchi reiste in den folgenden Jahren mit Paganini und trat in seinen Konzerten auf.jstor.org.

Wien und Prag mini|hochkant|Paganini, Lithographie von Josef Kriehuber, Wien 1828 Als Paganini 1828 nach Wien reiste,Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien – Erster Teil (1869) – Paganini 1828 in Wien – Seite 241 ff. eilten ihm viele Gerüchte und der Ruf voraus, ein überragender Virtuose zu sein, der seine Zuhörer durch seine „Zaubergeigerkünste“ verhexe. In Wien wurden seine Konzerte in allen Zeitungen besprochen, Korrespondentenberichte über seine Kunst gelangten bis nach Deutschland und Frankreich, Modezeitungen beschäftigten sich mit seinem Lebenswandel, Gastronomie und Kleidermode wurden à la Paganini gestaltet, Gebrauchsgegenstände trugen sein Porträt, Gedichte und Possen über ihn wurden veröffentlicht, Komponisten wählten für ihre Werke Melodien und Titel, die auf Paganini anspielten, und der österreichische Kaiser, Franz I., verlieh ihm den Ehrentitel „kaiserlicher Kammervirtuose“.Julius Max Schottky, Vaduz/Liechtenstein 1990, S. 5–55. In Wien trennte sich Paganini von Antonia Bianchi. Achille, ihr Sohn, blieb, vertraglich geregelt, bei Paganini und wurde von ihm mit Umsicht aufgezogen.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 203.

Wegen gesundheitlicher Probleme reiste Paganini im August 1828 nach Karlsbad, wo er Johann Nepomuk Hummel kennenlernte. Er gab dort zwei Konzerte, musste sich aber im Oktober wegen einer Unterkieferentzündung in Prag in Behandlung begeben und operieren lassen. Er gab einige Konzerte, komponierte einige Werke für Violine und Gitarre und bereitete sich auf eine seit langem geplante Reise nach Deutschland vor.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 205–212. Kurz vor der Abreise diktierte er Julius Max Schottky seine Biographie,Julius Max Schottky, Vaduz/Liechtenstein 1990. von der er sich eine Widerlegung der über ihn verbreiteten Gerüchte erhoffte.

Deutschland mit einem Abstecher nach Polen mini|hochkant|Paganini, geehrt mit einem Lorbeerkranz, nach einem Konzert in München 1829 Zwischen Januar 1829 und Februar 1831 trat er in mehr als 40 Städten Deutschlands und Polens auf. Über Dresden und Leipzig gelangte er zunächst nach Berlin, wo er am 4. März 1829 im Beisein des königlichen Hofes ein erstes Konzert gab. Der wichtigste Berliner Kritiker, Ludwig Rellstab, schrieb in seiner Besprechung, die Berliner noch nie so erlebt zu haben: „[…] in einem Zustand des Überschwanges […], den ich selten in einem Theater und noch nie in einem Konzertsaal beobachten konnte.“ Paganini als Person war ihm nicht angenehm. Er habe etwas Dämonisches an sich. „Vielleicht hätte Goethes Mephisto die Violine so gespielt.“Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 215–218. Damit beschrieb er, wie Paganini besonders in Deutschland und Frankreich, wo die anerkannten Violinvirtuosen eine verhaltene Spielweise pflegten, gesehen wurde. Johann Wolfgang von Goethe dagegen beurteilte Paganinis Dämonie anders:

Beim deutschen Publikum trugen Paganinis schwarze Konzertkleidung, seine von Krankheit gezeichnete Gestalt sowie seine für die Zuhörer unerklärlichen musikalischen Fähigkeiten dazu bei, das Bild eines teuflisch-dämonischen Künstlergenies zu prägen.

Auch in Polen, wo er von Mai bis Juli 1829 elf Konzerte gab, hatte Paganini großen Erfolg. In Warschau spielte er anlässlich der Krönung von Zar Nikolaus I. zum polnischen König. Er traf dabei auf den ihm schon aus Piacenza bekannten polnischen Geiger Karol Lipiński, der ihm 1827 seine Drei Capricci für die Violine solo gewidmet hatte.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 222–224. Eines der Warschauer Konzerte besuchte Frédéric Chopin, der danach ein Souvenir de Paganini komponierte, das er jedoch nie veröffentlichte.Ernst Burger. Frédéric Chopin. München 1990, S. 48 f.

Besonders wohl fühlte sich Paganini in Frankfurt am Main, wo er im August und September 1829 auftrat. Dort mietete er eine Wohnung und konnte darin seinen Sohn während seiner weiteren Reisen in der Obhut einer Haushälterin zurücklassen.Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 225. In Frankfurt lernte er den Kapellmeister Carl Guhr kennen, der einen bedeutenden Traktat über Paganinis Spielweise verfasste.Carl Guhr: Ueber Paganini’s Kunst die Violine zu spielen. Mainz 1829 (hier Download möglich).

Anfang 1830 unterbrach Paganini in Frankfurt seine im Januar 1829 begonnene Serie von bis dahin 73 Konzerten, um sich einige Wochen auf das Komponieren zu konzentrieren. Im März 1830 nahm er seine Konzerttätigkeit wieder auf,Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 230 f. und am 11. April hörte ihn in Frankfurt Robert Schumann, der daraufhin seine eigenen Klavierstudien intensivierte. Von Oktober 1830 stammen Skizzen Schumanns zu Variationen über Paganinis La Campanella.Ernst Burger: Robert Schumann. München 1999, S. 98 f. Für ihn galt: „Paganini ist der Wendepunkt der Virtuosität.“Martin Kreisig (Hrsg.): Gesammelte Schriften über Musik und Musiker von Robert Schumann. Fünfte Auflage, Leipzig 1914, 1. Band, S. 27.

Doch nicht alle deutschen Berufsmusiker beurteilten Paganini durchweg positiv. Louis Spohr, der ihn 1816 getroffen hatte und auf dessen Anregung hin Paganini in Kassel konzertierte, schrieb am 5. Juni 1830 in einem Brief: „Seine linke Hand, die immer reine Intonation und seine G-Saite sind bewunderungswürdig. In seinen Kompositionen und seinem Vortrag ist aber eine so sonderbare Mischung von höchst Genialem und Kindischem und Geschmacklosem, weshalb man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlt. Der Totaleindruck, besonders nach öfterem Hören, ist bei mir nicht befriedigend gewesen […]“Edward Neill, München/Leipzig 1990, S. 232–233.