mini|hochkant|Fingerabdruck
Der Fingerabdruck oder das Daktylogramm ( „Finger“) ist ein Abdruck der Papillarleisten auf der Unterseite der Fingerkuppe (Endglied eines Fingers, auch Fingerbeere). Für die von den Papillarleisten gebildeten Muster stehen die Bezeichnungen Handmarke, Tastrosette, Tastfigur (lateinisch Figura tactilisDetlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden (= Exa-Med. Band 4b). Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 72.) oder Tastwärzchenlinie.
Bisher sind keine zwei Menschen mit dem gleichen Fingerabdruck bekannt, und man geht von der Einzigartigkeit des Fingerabdrucks aus. Selbst eineiige Zwillinge haben unterschiedliche Fingerabdrücke, denn die Entwicklung der Papillarleisten ist ein embryonaler Prozess beim Wachstum der Finger, der von vielen Faktoren beeinflusst wird und jeweils zu anderen Ergebnissen führt.
In sehr seltenen Fällen fehlen den Fingern infolge eines genetischen Defekts die Papillarleisten, so dass sie keinen Fingerabdruck hinterlassen (Adermatoglyphie).
Geschichte mini|Fingerabdrücke auf einem Tonklumpen aus der Bronzezeit mini|Fingerabdruck auf einem Stück Ton aus römischer Zeit (zwischen 43 und 410 n. Chr.) mini|Abdruck des rechten Daumens von Francisca Rojas, die 1892 als erste Person durch einen Fingerabdruck eines Verbrechens überführt wurde
Bereits aus der Bronzezeit sind vermutlich von Töpfern stammende Fingerabdrücke auf Tonklumpen überliefert. In Ninive im Assyrischen Reich wurden Keilschrifttafeln gefunden, bei welchen nicht nur der Name des Autors vermerkt war, sondern auch ein Abdruck der Fingerkuppe bis zum Fingernagel. Fedpol, 2013; abgerufen am 14. März 2020 Weitere Fingerabdrücke konnten mit dem GigaMesh Software Framework von Tontafeln der Uruk-Warka-Sammlung Heidelberg aus hoch-aufgelösten 3D-Modellen extrahiert werden. Auch aus der Zeit des Römischen Reichs sind Tonstücke mit Fingerabdrücken bekannt. Im Kaiserreich China sowie orientalischen Ländern dienten Fingerabdrücke schon früh zum Unterzeichnen von Pässen, Schuldscheinen und ähnlichen Urkunden. In China ist die Verwendung spätestens seit dem 7. Jahrhundert durch das Gesetzbuch des Yung-Hwui nachgewiesen. In Deutschland beschäftigte sich als erster der Anthropologe H. Welker aus Gießen im Jahre 1856 mit Fingerabdrücken; er stellte Bilder der Papillarlinien her, indem er die Hand einfärbte und auf Papier abdrückte.
Als Erfinder der Identifizierung von Personen durch Fingerabdrücke bei der Aufklärung von Kriminalfällen gelten der englische Naturwissenschaftler Francis Galton und der kroatische Kriminologe Juan Vucetich. Die Sicherung von Fingerabdrücken mit Hilfe der sogenannten „Lackfilm-Methode“ geht auf den Geologen Ehrhard Voigt zurück, der sie um 1930 erfand, um Boden- und Sedimentprofile zu konservieren.
1892 wurde in Argentinien erstmals ein Mord, ein doppelter Kindsmord durch die Mutter, rein aufgrund eines Fingerabdrucks aufgeklärt. Zehn Jahre später gelang es in Frankreich erstmals in Europa, einen Mord dank Fingerabdrücken aufzuklären, ausgerechnet von einem Gegner der neuen Methode der Daktyloskopie, Alphonse Bertillon.
Beim Diebstahl der Mona Lisa 1911, bei dem ein am Schutzglaskasten des Bildes gesicherter linker Daumenabdruck nicht mit der vorhandenen anthropometrischen Karte des Täters abgeglichen worden war, wäre eine Aufklärung rasch möglich gewesen, aber möglicherweise auch darum nicht gemacht worden, weil der Polizeipräsident immer noch Alphonse Bertillon war. In der Schweiz wurde 1912 ein erster Straftäter rein aufgrund seiner Abdrücke überführt.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges umfasste die Kartei des FBI 100 Millionen Karten, da nicht nur Verbrecher, sondern auch Angestellte der Verteidigungsindustrie sowie weitere Militär- und Zivilpersonen nebst Ausländern erfasst worden waren. Viele Menschen gaben ihre Fingerabdrücke freiwillig, und bis 1960 waren es so 160 Millionen Zehnfinger-Abdruckblätter, bis 1964 172 Millionen. In der Sammlung des Bundeskriminalamts in Wiesbaden fanden sich hingegen im Jahr 1960 nur 1,1 Millionen Personen.
Merkmale Biologisch gesehen ist eine Papillarleiste eine Erhöhung der Epidermis auf der palmaren oder plantaren Haut, also der Handfläche oder der Fußsohle. Innerhalb dieser werden verschiedene nach Henry-Klassifizierungssystem bestimmbare Merkmale des Fingerabdrucks unterschieden: Grundmuster grobe Merkmale: (linke und rechte) Schleife, (gespannter) Bogen, Wirbel feinere Merkmale: Minuzien Porenstruktur
mini|400px Als Minuzien (lat. minutus = „Kleinigkeit“) werden die Endungen und Verzweigungen der Papillarleisten des menschlichen Fingerabdrucks bezeichnet. Außerdem werden unterschieden. Anhand dieser Merkmale und ihrer Verteilung innerhalb eines Fingerabdrucks kann eine einzigartige Unterscheidbarkeit gewährleistet werden.
Forensik
mini|Sichtbarmachen von Fingerabdrücken mit einem schwarzen Puder
An Orten, wo im Kontext von Straftaten ermittelt wird, sichert die forensische Spurenkunde sowohl vorhandene Fingerabdrücke als auch Material, auf dem diese im Nachhinein sichtbar gemacht werden können (siehe hierzu: Daktyloskopie). Sichergestellte Fingerabdrücke werden mit einer Datenbank abgeglichen, um mögliche Verdächtige zu identifizieren. Das deutsche Bundeskriminalamt führt eine AFIS-Datenbank mit den Fingerabdrücken von über drei Millionen Personen. Der Abgleich von Fingerabdrücken mit großen Datenbeständen wurde erst durch das Aufkommen leistungsfähiger Computer und genauer mathematischer Beschreibungen der Eigenschaften eines Fingerabdrucks möglich.
Die Verwendung von Fingerabdrücken in der Kriminalistik ist zum Teil kontrovers. Da Fingerabdrücke in keiner Naturwissenschaft (Biologie, Anthropologie) eine direkte Anwendung finden, wurde die Verwendung von Fingerabdrücken schon früh von der Kriminalistik monopolisiert. Deshalb ist die Frage berechtigt, ob der Vergleich von Fingerabdrücken naturwissenschaftlichen Kriterien standhält.Patrick Imhasly: Spur unter Verdacht In: NZZ am Sonntag, 30. Mai 2010; Im Vergleich zu DNA-Profilen oder Spuren-Analysen mit Gaschromatographie-Geräten, wo die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschlusses bekannt ist, gibt es zur Zuverlässigkeit von Fingerabdruck-Vergleichen erst wenige Studien. Es sind fehlerhafte Zuordnungen von Fingerabdrücken bekannt geworden. Dies wird auf methodische Mängel zurückgeführt, wie z. B. einen Zirkelschluss von Merkmalen des Referenz-Abdrucks auf den Tatort-Fingerabdruck.Fingerprints on Trial. BBC Radio 4, 10. März 2011.
Die Entscheidungen von Fingerabdruck-Experten sind nicht immer wiederholgenau und können eventuell durch Begleitinformationen beeinflusst werden.
Seit 1923 gibt es in den USA den sogenannten „Frye-Standard“, mit dem geprüft wird, welche wissenschaftlichen Beweisführungen vor Gericht zulässig sind. Gemäß Frye muss eine Methode bloß im relevanten Fachgebiet (z. B. Kriminalistik) „generell akzeptiert“ sein, was zum Beispiel die Verwendung von Polygrafen-Ergebnissen in Strafverfahren ermöglichte.
Im Verfahren Daubert vs. Merrell Dow Pharmaceuticals (1993) vor dem U.S. Supreme Court wurde der Frye-Standard jedoch als ungenügend empfunden und durch den sogenannten „Daubert-Standard“ ersetzt. Dieser verlangt nicht nur die Anerkennung im betreffenden Fachgebiet, sondern unter anderem auch eine gefestigte Kenntnis darüber, wie hoch die Fehlerrate des betreffenden Verfahrens ist. Der Anteil falsch-positiver Ergebnisse bei Fingerabdruck-Vergleichen wird in dieser Hinsicht am wichtigsten sein. Wie der Daubert-Standard von den Gerichten umgesetzt wird, ist von Bedeutung für den Fingerabdruck als Beweismittel.
Ein Wissenschaftsteam unter der Leitung von Gabe Guo von der Foundation School of Engineering and Applied Science fand 2024 mit Hilfe künstlicher Intelligenz und nach Auswertung von etwa 60.000 Fingerabdrücken heraus, dass sich die Fingerabdrücke der verschiedenen Finger einer Person (intrapersonale Fingerabdrücke) entgegen früherer Annahmen ähneln. Grundlage für die Berechnungen waren die Krümmungen der Wirbel in der Fingermitte.
Biometrie mini|Fingerabdruckscanner
Hersteller von biometrischen Systemen setzen den Fingerabdruck, der zumeist optisch oder elektrisch (z. B. kapazitiv) gelesen wird, ebenfalls zur Identifikation von Personen ein. Damit bei imitierten Fingerabdrücken der Zugang verweigert wird, können Temperatur- und Pulssensoren in die Erkennungsgeräte integriert werden, die prüfen, ob ein lebender Finger auf das Gerät aufgelegt wurde („Lebenderkennung“), was jedoch nur begrenzt wirksam ist. Da das Erfassen des Fingerabdrucks an eine hoheitliche Maßnahme erinnert, ist dieses System nicht bei allen Nutzern beliebt, weshalb oft alternative biometrische Erkennungssysteme zum Einsatz kommen.
Zur Extrahierung der Minuzien wird ein spezieller Algorithmus verwendet, durch den die Minuzien in eine mathematische Form gebracht werden. Aus dem vom Fingerabdruckscanner gelieferten Bild werden für jeden Fingerabdruck spezifische Daten gesammelt, die zum Einlernen oder späteren Vergleich mit bestehenden Fingerabdruckdaten ausreichen. Ein konkreter Fingerabdruck ist aus den Minuziendaten nicht mehr rekonstruierbar.
mini|Kopierter Fingerabdruck von Wolfgang Schäuble, Stempel vom FoeBuD auf der SIGINT-Konferenz des CCC.Chaos Computer Club konkretisiert Biometrie-Debatte an Schäubles Fingerabdruck CCC, 29. März 2008. Die Sicherheit von Fingerabdrucksystemen ist relativ gering, da ein Fingerabdruck leicht nachzumachen ist.Frank Rosengart: Wie kopiere ich einen Fingerabdruck?, CCC 2004. Die in mobilen Geräten verbauten Fingerabdrucksensoren bieten Komfortgewinn gegenüber der Passwort- oder Mustereingabe, aber nur bedingt Sicherheit. Die erste Biometriesperre eines Smartphones konnte Jan Krissler im Jahre 2014 wenige Tage nach Markteinführung überwinden.
Für die Authentifizierung werden mehrere Minuzien mit vorhandenen Referenzdaten verglichen. Mit dem biometrischen Fingerabdruckverfahren (Daktyloskopie) werden Fingerabdrücke verglichen, damit Personen eindeutig identifiziert werden können. Ein biometrischer Fingerabdruck kann als zusätzlicher Faktor für die Zwei-Faktor-Authentifizierung in Rechnernetzwerken verwendet werden, wie zum Beispiel im offenen UAF-Standard der FIDO-Allianz.
Datenschutz Europäisches Recht Seit 2007 werden in Deutschland digitale Fingerabdrücke in Reisepässen gespeichert. Der Europäische Gerichtshof erklärte diese Vorgehensweise 2013 zunächst für zulässig, obwohl die Speicherung einen Eingriff in die Privatsphäre und den Datenschutz bedeutet. Die Speicherung sei im Kampf gegen Betrug gerechtfertigt.Digitale Fingerabdrücke auf Pässen sind zulässig, spiegel.de vom 17. Oktober 2013.
In Frankreich wurde das System Oscar (Outil simplifié de contrôle des aides au retour – deutsch: vereinfachtes System zur Kontrolle der Hilfen zur Rückkehr) anhand einer Verordnung vom 26. Oktober 2009 eingerichtet, mit einer Datenbank, in der die Namen von Personen geführt werden, die im Rahmen organisierter Abschiebungen unter der aide au retour humanitaire (ARH) Beträge erhalten haben. Seit September 2010 werden dort zusätzlich Fingerabdrücke geführt.