Das Nordsee-Pädagogium in Wyk auf Föhr war eine schulische Einrichtung, die parallel zur Gründung des Nordseesanatoriums entstand. Gründer beider Einrichtungen war der Arzt Carl Gmelin, der die Schule als reformpädagogisches Landerziehungsheim in der Tradition von Hermann Lietz und Paul Geheeb sowie in Anlehnung an das Pädagogium Godesberg konzipierte. Nach anfänglichem Betrieb als Sanatoriumsschule erfolgte 1908 die eigentliche Gründung des Nordsee-Pädagogiums, das bis 1940 bestand.
Geschichte Die Sanatoriumsschule Die Gründung einer Schule für die in seinem Sanatorium weilenden Kinder und Jugendlichen war von Anfang an Bestandteil von Gmelins Plan zur Errichtung seines Sanatoriums. Gmelin plante eine Einrichtung für 40 bis 50 Gäste und ging davon aus, dass die Hälfte davon Kinder sein würden. Denen sollte begleitend zu den Kuranwendungen ein schulisches Angebot unterbreitet werden, um „die Angewöhnung des Müßiggangs zu verhüten und den Nachteil der Unterbrechung des Schulbesuchs zu vermindern“. Gmelin verband damit kein traditionelles Schulkonzept, sondern setzte auf reformpädagogische Ansätze, die „Wert legen auf anregende und erzieherische Gestaltung des Unterrichts und Ausbildung körperlicher Kraft und Geschicklichkeit“ unter „Berücksichtigung des individuellen körperlichen Befindens“.Carl Gmelin, zitiert nach Heinz Lorenzen: Das Nordsee-Pädagogium, S. 8
Gmelins Überlegungen resultierten unter anderem aus seiner Auseinandersetzung mit den Ideen von Hermann Lietz, und er konnte den noch jungen Paul Geheeb dafür gewinnen, „die Kinder und Jugendlichen, die über mehrere Wochen und Monate zur Kur am Föhrer Südstrand verweilen sollten, zu unterrichten und zu erziehen“.Heinz Lorenzen: Das Nordsee-Pädagogium Der im Frühsommer 1899 in Föhr eintreffende Geheeb vermittelte im Dezember 1900 in einem Brief an einen Freund einen Eindruck vom Schulbetrieb.
Geheeb verfolgt allerdings weitergehende Pläne und hatte bereits im Frühjahr 1900 auf die Einstellung eines weiteren Kollegen und auf die Entflechtung des Erzeihungsheimes vom Erwachsenen-Sanatarium gedrängt. Beide Bedingungen wurden von Gmelin erfüllt, es kam Karl WiesnerEs gab später an der Lichtwarkschule einen Lehrer Wiesner, dessen Vornamen aber nach den dortigen Quellen sowohl Fritz als auch Karl gelautet haben könnte. Er soll zuvor an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf gearbeitet haben. Ob er mit dem hier erwähnten Karl Wiesener identisch ist, ließ sich nicht klären., und abseits des Hauptgebäudes des Sanatoriums wurden drei Holzfertighäuser aus Norwegen errichtet: die Villa Ludwig für die Mädchen, die Villa Konrad für die Jungen und die Villa Einsiedel als Schulhaus. Gmelin selber besuchte in dieser Zeit Hermann Lietz in dessen Landerziehungsheim in Ilsenburg (Harz).
Die Zusammenarbeit zwischen Gmelin und den Pädagogen Geheeb und Wiesner endete allerdings im Oktober 1900. Beide wechselten zu Hermann Lietz nach Ilsenburg, und ihr Nachfolger als Leiter der Sanatoriumsschule wurde 1901 Gmelins Schwager Otto Mensendieck. Der Zuspruch zur Schule hielt weiter an, weshalb 1902 ein neues Schulgebäude, das Haus Alice, entstand und auch Neubauten für die Unterbringung der Kinder.
Im Herbst 1906 beendete auch Mensendieck seine Zusammenarbeit mit Gmelin nach vorangegangenen Differenzen über die räumliche und personelle Ausstattung der Schule. Mensendieck beklagte, dass im Sommer 1906 für etwa 50 Kinder nur ein für Schulzwecke geeigneter Raum zur Verfügung gestanden und der Unterricht in den Händen ständig wechselnder Kandidaten und Studenten gelegen habe. Gmelin habe trotz seines Drängens nicht für eine Verbesserung der Situation gesorgt, er sei ein „Mann der schönen Phrase, […] aber nicht der Tat u. der Wirklichkeit“.Otto Mensendieck in einem Brief an Paul Geheeb, zitiert nach Heinz Lorenzen: Das Nordsee-Pädagogium, S. 14 Gmelins anschließende Versuche, Paul Geheeb und Gustav Wyneken für seine Schule zu gewinnen, führten nicht zum Erfolg.
Von der Sanatoriumsschule zum Nordsee-Pädagogium Gmelin stand unter doppeltem Druck: Er hatte Schwierigkeiten, geeignetes Lehrpersonal zu finden, das zu einer längeren Zusammenarbeit bereit war, und er musste den Erwartungen der Eltern nachkommen, die eine – laut Sanatoriums.Prospekt versprochene – qualifizierte Ausbildung für ihre Kinder einforderten. In dieser Situation entstand die Idee einer eigenständigen Schulgründung, die auch von Otto Mensendieck unterstützt wurde, der 1908 wieder als Lehrer an die Sanatoriumsschule zurückgekehrt war. Die neue Schule sollte zudem auch den Inselkindern zugänglich sein und deren Abwanderung aufs Festland oder gar nach Amerika entgegenwirken.
1883 gründete der evangelische Pfarrer Julius Axenfeld in Bad Godesberg das Pädagogium Godesberg. An ihm wurde 1887 Otto Kühne als Lehrer und Internatsleiter angestellt und übernahm wenig später die Schule, die bis heute seinen Namen trägt. Wie es zur Zusammenarbeit zwischen Kühne und Gmelin kam, ist nicht belegt, doch Anfang 1908 hieß es auf einem Werbeblatt:
Am 28. April 1908 öffnete das Nordsee-Pädagogium seine Türen. Für das Unterrichten der 38 einheimischen (Inselkinder) und 27 auswärtigen (Sanatoriumskinder) Schülerinnen und Schüler standen 11 Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung. Ostern 1909 bestand der erste Absolvent der neuen Schule die Abschlussprüfung an der Oberrealschule in Heide. Unter der Leitung des von Godesberg gekommenen Schulleiters Emil Endemann erlebte die Schule einen raschen Aufschwung. Im Schuljahr 1908/09 besuchten die Schule bereits über 75 Schüler (darunter 34 einheimische), und im Sommer 1909 lag die Schülerzahl bei über 100. Gmelin kaufte eine große benachbarte Fläche hinzu, auf der ein gut ausgestatteter Sport- und Spielplatz entstand und im August 1908 das erste Turnfest gefeiert wurde. Parallel dazu erfolgte der Bau eines neuen Schulgebäudes, das am 1. April 1910 eingeweiht wurde. Eine Erziehung im Sinne der pädagogischen Reformbewegung blieb nach Lorenz weiterhin das Leitbild, wobei „besonderes Augenmerk auf das Gemeinschaftsleben in gesunder Umgebung, Gymnastik, Förderung der Eigeninitiative, Hinführung zu Kunst und Laienspiel, Unterricht in Gruppen und Arbeitsgemeinschaften gelegt [wird]. Unterrichtsstunden in Waldklassen auf dem großen Pädagogiumsgelände finden ebenso statt wie Freiluftaufführungen, Arbeiten im Schulgarten, in der eigenen Werkstatt sowie Veranstaltungen im musischen Bereich“. Gmelin sei es nicht nur um eine Reform im pädagogischen Bereich gegangen, sondern um eine alle Bereiche umfassende Lebensreform, zu der auch eine entsprechende Ernährungsanpassung gehörte.
Eine besondere Rolle nahmen die sportlichen Aktivitäten ein, für die vor allem Kuno Meyer der Motor war. Meyer, der Lehrer und zeitweise Leiter des Pädagogiums war, etablierte die schulischen Sportfeste als Veranstaltungen für die gesamte Insel, absolvierte eine Ausbildung zum Ruderlehrer und nahm mit Schüler- und Lehrermannschaften an Regatten in Wyk teil. In den Sommerferien organisierte er Ruderwanderfahrten, die teilweise über mehrere Hundert Kilometer hinweg führten.
Die Zusammenarbeit mit dem Pädagogium Godesberg hat diese Anfangsjahre nicht überdauert. Nach „Misshelligkeiten mit Gmelin“ verließ Emil Endemann im Frühjahr 1911 das Nordsee-Pädagogium und Otto Kühne zog sich ebenfalls aus der Zusammenarbeit zurück, da.Endemanns Nachfolger Gerhard Heine „unsere Godesberger Art nicht kannte und unmöglich sich nach ihr richten konnte“. Heines dreijähriges Wirken als Schulleiter ist eng verbunden mit dem Kampf um die Berechtigung, an der Schule Einjährigen-Zeugnisse erteilen zu dürfen, die in Preußen den Zugang als Einjährig-Freiwilliger zum Militärdienst ermöglichten. Diese Prüfung konnte bislang nur als Externen-Prüfung auf dem Festland abgelegt werden, was für die Schüler des Pädagogiums mit zusätzlichen physischen und psychischen Belastungen verbunden war und andererseits Inselbewohner davon abhielt, ihre Kinder überhaupt das Pädagogium besuchen zu lassen. Die Einjährigen-Prüfung hätte also die Chance geboten, mehr Inselkinder für die Schule gewinnen zu können. Die Berechtigung dazu wurde 1914 erteilt, und fünf Schüler bestanden erfolgreich die Prüfung.
Die Schule in der Weimarer Republik Durch den Ersten Weltkrieg war die Schule aufgrund geringer Schülerzahlen und der allgemeinen materiellen Not in ihrer Existenz gefährdet, musste aber nicht geschlossen werden. 1915 wurde Kuno Meyer Nachfolger von Gerhard Heine als Schulleiter. Er und Gmelin, die beide der Gemeindevertretung von Boldixum angehörten, bemühten sich um kommunale und staatliche Zuschüsse für die Schule, allerdings ohne wirklichen Erfolg. Und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erwächst der Schule auch noch eine Konkurrenz. In Wyk wird 1920 die ebenfalls private Nordseeschule gegründet, die den Wyker Kindern einerseits den langen Fußweg zum Nordsee-Pädagogium ersparen soll, andererseits auch mit geringerem Schulgeld aufwartete.
In dieser Umbruchssituation wurde 1919 Otto Mensendieck abermals die Leitung des Pädagogiums übertragen. Kurze Zeit später übernahm sein Bruder, Carl Mensendieck, die kaufmännische Leitung des Sanatoriums. Otto, der auf eine gute Zusammenarbeit mit seinem Bruder gehofft hatte, wurde jedoch enttäuscht. Carl Mensendieck, dem das um seine Existenz ringende Pädagogium wenig bedeutete, plante dessen Verkauf, und Otto Mensendieck verließ daraufhin 1924 die Schule und die Insel. Die Sanatorium-AG erwog unterdessen auch eine Verschmelzung des Pädagogiums mit der Wyker Nordseeschule, was aber im Januar 1925 von den Wyker Stadtverordneten abgelehnt wurde. Kuno Meyer, inzwischen Wyker Bürgermeister, versuchte seinerseits, aber ebenfalls ohne Erfolg, Otto Kühne zu einem abermaligen Einstieg zu bewegen.
Am 1. September 1924 war Hermann Harless Leiter des Pädagogiums geworden. Er entwickelte ein eigenes Sanierungskonzept, das die Gründung einer wirtschaftlich selbständigen GmbH als Träger des Pädagogiums vorsah. Auch dieser Plan kam nicht zum Tragen, aber dank steigender Schülerzahlen (1928 wurden 160 Schülerinnen und Schüler von 16 Lehrkräften betreut) konnte das Pädagogium wieder zur Minderung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sanatorium-AG beitragen. Harless bemühte sich darum, die Konkurrenz zur Norseeschule zu entschärfen und erwirkte behördliche Regelungen, die den Status des Pädagogiums nach außen hin verbesserten. Durch ministerielle Verfügung wurde 1926 sichergestellt, dass die Heimatschulen der Schüler deren Schulbesuch am Pädagogium ohne erneute Aufnahmeprüfung anerkennen müssen. Die Rückkehrer wurden danach wieder in ihre alten Klassen aufgenommen, auch wenn diese inzwischen schon in eine neue Jahrgangsstufe versetzt worden waren. Nicht erfolgreich war Harless dagegen mit dem Versuch, als Ersatz für die 1919 weggefallene Einjährigen-Prüfung dem Pädagogium die Berechtigung zum Erteilen von Abschlusszeugnissen nach Ende der Untersekunda zu gewähren. Die Prüfung für die Obersekunda-Reife musste weiterhin auf dem Festland abgelegt werden. Das Recht, eine private Grundschule zu führen, das der Weimarer Schulkompromiss eigentlich verbot, blieb dem Pädagogium erhalten, allerdings nur für seine internen Schüler, das heißt für diejenigen, die sich aus gesundheitlichen Gründen im Sanatorium aufhalten. Alle anderen mussten die Wyker Nordseeschule besuchen.
Carl Mensendieck erkannte im Sport eine Möglichkeit, die Attraktion des Sanatoriums zu steigern. 1925 entstand deshalb eine neue Sportanlage, 1926 ein Golfplatz und 1927 eine Turnhalle. Diese Einrichtungen kamen auch dem Pädagogium zugute, das 1926 die Tradition der Inselspielfeste wieder aufleben ließ. Der Reitunterricht wurde 1932 durch den Bau einer neuen Reitbahn gefördert. Daneben versuchte das Pädagogium auch im musisch-künstlerischen Bereich Außenwirkung zu erzielen.