New Hollywood bezeichnet US-amerikanische Filme, die von 1967 bis Ende der 1970er Jahre das traditionelle Hollywood-Kino modernisierten. Als Vorläufer des New Hollywood entstanden mit Die Reifeprüfung und Bonnie und Clyde noch zwei Filme im klassischen Studiosystem, die sich formal wie thematisch von den bis dato gängigen Hollywood-Produktionen unterschieden und damit sehr erfolgreich waren. Die Regisseure orientierten sich vor allem an François Truffaut und Ingmar Bergman.
Nahezu alle New-Hollywood-Filme zeichnen sich durch eine gesellschaftskritische Grundhaltung aus. Einige Regisseure modernisierten die klassischen Genres des Hollywood-Kinos (Western, Film noir etc.) oder dekonstruierten sie, indem sie absichtlich gegen Genre-Konventionen verstießen. Typisch für New Hollywood sind inhaltliche oder filmästhetische Experimente mit ambivalenten Außenseitern als Protagonisten, der Bruch mit traditionellen Erzählweisen und der Verzicht auf ein Happy End. Die relativ kurze New-Hollywood-Ära gilt als eine der künstlerisch bedeutendsten Phasen des US-amerikanischen Films.
Das alte Hollywood
Die „goldene Ära“ Bevor das New Hollywood erfolgreich war, gab es das klassische Hollywood-Kino – von vielen als „Golden Age“, als „goldene Ära“ bezeichnet. Unter dem Golden Age versteht man allgemein die Zeit zwischen den frühen 1930er und späten 1950er Jahren. Diese Hollywood-Ära wurde von den Produktionsstrukturen und den Genres geprägt, die sich bereits während der Stummfilmzeit herausgebildet hatten. Auch das Starsystem der Traumfabrik hatte sich bereits während der 1920er Jahre etabliert. Viele Filme des Golden Age können einem genau definierten Genre zugeordnet werden (Western, Komödie, Abenteuerfilm) und sind mit den dafür geeigneten Stars besetzt (Western – John Wayne; Komödie – Cary Grant; Abenteuerfilm – Errol Flynn). Während dieser Zeit hatten die großen Filmstudios jahrzehntelang die gesamte Produktions- und Verwertungskette unter Kontrolle – sie stellten die Filme also nicht nur her, sondern vertrieben sie auch über ihre eigenen Kinoketten.
Diese Produktionsstrukturen waren sowohl in kommerzieller wie künstlerischer Hinsicht ergiebig. Obwohl die Filmherstellung während des Golden Age sozusagen „automatisiert“ war, schufen Regisseure wie Frank Capra, Howard Hawks, John Ford, Alfred Hitchcock, John Huston, Fred Zinnemann oder Billy Wilder bedeutende Meisterwerke. Einige dieser Filme wirkten stilbildend und haben Maßstäbe gesetzt. Während des Golden Age arbeiteten viele der weltbesten Regisseure, Schauspieler, Autoren, Kameramänner oder Komponisten in Hollywood – nicht zuletzt wegen der sehr guten Verdienstmöglichkeiten. Die handwerkliche Grundqualität der Golden-Age-Filme ist deshalb in der Regel beachtlich.
Erfolgsrezepte wurden während des Golden Age jahrelang variiert (z. B. Tony Curtis als „Pretty Boy“, Rock Hudson und Doris Day als Traumpaar der romantischen Komödie), und als das Fernsehen aufkam und zu einer ernsthaften Bedrohung wurde, reagierte Hollywood mit erfolgreichen Monumentalepen wie Die zehn Gebote, Ben Hur oder Spartacus. Viele der alten Hollywood-Filme spielten in einer Traumwelt und bedienten die eskapistischen Bedürfnisse eines Publikums, das im Kino nicht mit den sozialen Realitäten konfrontiert werden wollte.
Gründe für eine beginnende Krise In den frühen 1960er Jahren gelangte die „Traumfabrik Hollywood“ mit ihren bewährten Rezepten an einen toten Punkt. Berühmte Regisseure wie Hitchcock oder Ford hatten ihr Hauptwerk abgeschlossen. Die legendären Golden-Age-Stars waren verstorben (Humphrey Bogart, Gary Cooper) oder alt geworden (Cary Grant, John Wayne). Die großen Studios wurden von alten Männern wie Jack L. Warner geleitet, die teils seit der Stummfilmzeit ihren Posten bekleideten und keinen Kontakt mehr mit der gesellschaftlichen Realität hatten. Immer mehr Filme wurden ohne Publikumsinteresse produziert, und beim Versuch, ihre Zuschauer zurückzugewinnen, investierten die Studios Mitte der 1960er Jahre hohe Summen in künstlerisch unbedeutende Monumentalfilme und Musicals, die nicht mehr das Publikum in Massen anzogen, wie es in der Vergangenheit der Fall gewesen war.
Das New Hollywood setzt sich durch
Erste Erfolge Das künstlerische Vakuum, das Mitte der 1960er Jahre in Hollywood sichtbar wurde, ermöglichte es jungen Filmemachern, eine neue Art von Kino zu etablieren. Arthur Penn drehte mit Bonnie und Clyde (1967) einen erfolgreichen Gangsterfilm, dessen skeptische Anti-Establishment-Haltung – kombiniert mit einem lyrischen, modernen Erzählstil – haargenau den Zeitgeist traf. Ähnliches gelang Mike Nichols mit Die Reifeprüfung (1967), in dem Dustin Hoffman (dem mit dieser Rolle der Durchbruch gelang) als frustrierter College-Absolvent gegen die langweilige, moralisch korrupte Spießerwelt der Elterngeneration rebelliert.
Den ersten großen Erfolg verbuchte das New-Hollywood-Kino mit dem Road-Movie Easy Rider, den Regisseur Dennis Hopper 1969 zunächst unabhängig realisierte und der erst als fertiger Film von der Filmindustrie aufgekauft wurde. Die Hippie-Helden des Films – dargestellt von Dennis Hopper, Peter Fonda und Jack Nicholson – fallen mordlüsternen Hinterwäldlern zum Opfer. Der mit 400.000 Dollar billig produzierte Film wurde von der „Woodstock-Generation“ mit Begeisterung aufgenommen und weltweit zu einem großen Hit, der etwa 20 Mio. Dollar einspielte.
Der ehemalige Fernsehregisseur Robert Altman drehte mit M*A*S*H (1970) einen ätzend-satirischen Anti-Kriegsfilm über den Koreakrieg, dessen hippieske Helden (Donald Sutherland und Elliot Gould) soldatische Tugenden ad absurdum führen. Der ehemalige Filmeditor Hal Ashby realisierte mit Harold und Maude (1971) und Das letzte Kommando (1973) zwei New-Hollywood-Filme mit einem ganz eigenen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. John Cassavetes arbeitete als Schauspieler in kommerziellen Hollywood-Produktionen (z.B. Das dreckige Dutzend) und sezierte als Regisseur die Krisen und Neurosen von Durchschnittsamerikanern in mittleren Jahren (Husbands, 1970 und Eine Frau unter Einfluß, 1974).
Western
Hollywood-Veteran Sam Peckinpah realisierte in einem unverwechselbaren, kraftvoll-poetischen Stil pessimistische Spät-Western wie The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (1969) oder Pat Garrett jagt Billy the Kid (1973). Peckinpahs sympathische Outlaws scheiterten – wie auch die von Regisseur George Roy Hill als liebenswert interpretierten Wildwest-Ganoven im Kinoerfolg Zwei Banditen (1969) – an einer massiv aufmarschierten Staatsmacht, die sie gnadenlos niederschoss. Im von Arthur Penn gedrehten unterhaltsam-satirischen Anti-Western Little Big Man (1969) spielte Dustin Hoffman einen freundlichen Anti-Helden inmitten der Indianerkriege. Die im Unterschied zu den meisten vorausgehenden Western als sympathisch dargestellten Indianer werden von den Truppen des bis dahin als vermeintlicher Nationalheld geltenden General Custer – der sich im Film als Psychopath entpuppt – brutal abgeschlachtet.
Robert Altman verweigerte sich in McCabe & Mrs. Miller (1971) allen Regeln des Genres und zeigte illusionslose Glücksritter in einer verschlammten Western-Stadt. In Arthur Penns Duell am Missouri lieferte Marlon Brando 1975 als bizarrer Killer die Travestie eines Western-Schurken. Für Sydney Pollack spielte Robert Redford die Rolle eines jungen Trappers, der die Schönheit und Grausamkeit der Rocky Mountains kennenlernt (Jeremiah Johnson, 1971).
Komödien
Der ehemalige Bühnenkomiker Woody Allen begann Ende der 1960er Jahre damit, die (Sexual-)Neurosen des modernen urbanen Mannes in originellen Komödien wie Der Stadtneurotiker (1977) zu thematisieren. Der bebrillte, schmächtige, hibbelige Allen, der als sein eigener Hauptdarsteller agierte, war einer der typischen Anti-Helden der Ära. Allen schrieb die Drehbücher, führte Regie und war der Hauptdarsteller. United Artists als sein Stammfilmverleih der 1970er Jahre ermöglichte ihm diese Freiheit und profitierte auch von dessen künstlerischen und kommerziellen Erfolg beim Publikum.
Mel Brooks gelang eine Reihe origineller Genre-Parodien wie z. B. Frankenstein Junior (1974) oder Silent Movie (1976), in denen das klassische Hollywood respektlos, doch liebevoll verulkt wurde.
Horrorfilme
George A. Romero begründete mit dem aggressiven No-Budget-Streifen Die Nacht der lebenden Toten (1969) den modernen Horrorfilm. Die Bedrohung ging von zu Zombies mutierten Bürgern aus. John Carpenter drehte eine Reihe brillanter, niedrig budgetierter Thriller wie Assault – Anschlag bei Nacht (1976) und Halloween – Die Nacht des Grauens (1978), die sich durch ihre düstere, pessimistische Grundhaltung auszeichneten. Im Horror-Kultfilm Texas-Kettensägenmassaker (1974) von Tobe Hooper wurden friedliche Hippies in der US-Provinz von psychopathischen Farmern abgeschlachtet. In Rosemaries Baby (1968), Der Exorzist (1973) und Das Omen (1976) sorgten „Teufelskinder“ für Angst und Schrecken – alle drei Filme konnten auch als Allegorien auf den damals aktuellen Generationenkonflikt interpretiert werden.
Science Fiction
Der amerikanische Science-Fiction-Film dieser Ära zeichnet sich durch eine durchweg zivilisationskritische, pessimistische Stimmung aus. In Planet der Affen (1968) und Der Omega-Mann (1970) erlebt Charlton Heston in postapokalyptischen Welten beklemmende Abenteuer. … Jahr 2022 … die überleben wollen (1973; wieder mit Heston) zeigt die Endphase der westlichen Zivilisation, die von Smog, Umweltverschmutzung und einem neuen Kannibalismus geprägt ist. In Lautlos im Weltraum (1972) von Douglas Trumbull werden die letzten Wälder des Planeten Erde in einem Gewächshaus-Raumschiff gepflegt (das auf höheren Befehl gesprengt werden soll). In Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All (1971) von Regie-Veteran Robert Wise attackieren außerirdische Mikroorganismen ein Geheimlabor, in Crazies (1973) von George A. Romero lassen biologische Kampfstoffe friedliche Dorfbewohner zu Killern mutieren. 2001: Odyssee im Weltraum, 1968 von Stanley Kubrick in England gedreht, erzählt in vier Akten die Geschichte von Vormenschen in der afrikanischen Savanne zu einer Raumstation im Jahre 1999 und einer Reise zum Jupiter bis „hinter die Unendlichkeit“.
John Carpenter zeigte in Dark Star – Finsterer Stern (1974) die absurden Abenteuer einer Raumschiffbesatzung, die damit beauftragt ist, „instabile Planeten“ zu sprengen. In THX 1138 (1971) von George Lucas rebellieren die kahlgeschorenen Opfer einer aseptischen Zukunftsdiktatur gegen ihre Peiniger. Phase IV (1974) von Saul Bass zeigt ein Wissenschaftler-Team im vergeblichen Kampf gegen die überlegene Intelligenz eines Ameisen-Kollektivs. Ridley Scotts stilbildender Kultfilm Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1978) erzählte in alptraumhaften Bildern, wie eine Raumschiffbesatzung von einem unbesiegbaren Außerirdischen dezimiert wird. Eine totalitäre, post-apokalyptische Gesellschaft und deren Befreiung wird in Flucht ins 23. Jahrhundert (1976) von Michael Anderson gezeigt.
Musikfilme
Die populäre Musik der 1960er und 1970er Jahre wurde in vielen New-Hollywood-Filmen als Soundtrack eingesetzt. Parallel dazu entstanden auch reine Musikfilme wie Head (1968), in dem Regisseur Bob Rafelson (nach einem Drehbuch von Jack Nicholson) die überdreht-psychedelischen Abenteuer der Retortenband The Monkees schilderte (Vorbild waren die stilprägenden Beatles-Filme von Richard Lester). D. A. Pennebaker dokumentierte in Dont Look Back (1967) eine Bob-Dylan-Tournee und in Monterey Pop (1968) das gleichnamige Musikfestival. Michael Wadleighs Woodstock-Film (1970) wurde zu einem Zeitdokument der Flower-Power-Generation. Martin Scorsese dokumentierte in The Last Waltz (1978) das Abschiedskonzert der Rock-Band The Band.
Der Regisseur als auteur