mini|Niccolò Machiavelli in einem Bildnis von Santi di Tito. rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert|Unterschrift von Machiavelli

Niccolò di Bernardo dei Machiavelli (* 3. Mai 1469 in Florenz, Republik Florenz; † 21. Juni 1527 ebenda) war ein italienischer Philosoph, Diplomat, Chronist, Schriftsteller und Dichter.

Vor allem aufgrund seiner beiden Werke Il Principe (Der Fürst) und I Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (Discorsi) gilt er als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. Machiavelli ging es in seinen Werken darum, Macht analytisch zu untersuchen und die Differenz zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, festzustellen. Er orientierte sich in seiner Analyse an dem, was er für empirisch feststellbar hielt.Herfried Münkler: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz. Frankfurt am Main 2004, S. 40. Der Fürst spielte eine wesentliche Rolle in den Debatten um den Machiavellismus. Der später geprägte Begriff Machiavellismus wird oft als abwertende Beschreibung eines Verhaltens gebraucht, das zwar raffiniert, aber ohne ethische Einflüsse von Moral und Sittlichkeit die eigene Macht und das eigene Wohl als Ziel sieht. Das für Machiavelli selbst sehr wichtige Werk Dell’arte della guerra (Über die Kriegskunst) wird dagegen weniger rezipiert.

mini|Die politische Landkarte Italiens um 1494. Sizilien, Sardinien und das Königreich Neapel gehörten zur Krone von Aragonien.

Leben Herkunft, Bildung, Name Niccolò Machiavelli entstammte einer angesehenen, jedoch verarmten Familie. Er wuchs zusammen mit drei Geschwistern Primavera, Margherita und Totto Machiavelli bei seinen Eltern Bernardo di Niccolò Machiavelli und dessen Frau Bartolomea di Stefano Nelli im Florentiner Stadtviertel Santo Spirito südlich des Arno auf. Über seine Mutter ist nur bekannt, dass sie belesen war und kleinere Schriften verfasste.Maurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli. 2000, ISBN 0-374-52800-4, S. 8. Der Vater arbeitete hauptsächlich als Anwalt, war aber in dem Beruf erfolglos und verarmte.

Der Vater unterhielt mit seinem geringen Gehalt eine kleine Bibliothek und ermöglichte seinem Sohn Niccolò eine umfassende humanistische Bildung. So lernte Machiavelli schon früh autodidaktisch die Werke antiker Klassiker kennen, unter anderem die Werke von Aristoteles, Boethius, Cicero (De officiis) und Claudius Ptolemäus. Er wurde von Privatlehrern in den Sieben Freien Künsten unterwiesen und lernte Grammatik und Latein früher als heute üblich.Dirk Hoeges: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein. München 2000, S. 132.

Zu Machiavellis Zeit war die Schreibweise seines Namens noch nicht festgelegt. Er selbst verwendete beim Unterschreiben seiner Briefe verschiedene Schreibweisen wie Niccolò, Nicolò, Nicholò und Machiavelli, Macchiavelli, Machiavegli, Macchiavegli.

Republikanischer Politiker und Florentiner Amtsträger mini|Girolamo Savonarola, Bildnis von Fra Bartolommeo, um 1498

Machiavellis Biograph Volker Reinhardt schreibt, dass er unter der Herrschaft der Medici eine tiefe Abneigung gegen diese mächtige Familie und deren politische Manipulationen entwickelte. Er erkannte früh das Wesen der politischen Macht als „Ringen von Interessen und sozialen Schichten“.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie, München 2012, S. 43.

Der Dominikanische Bußprediger Girolamo Savonarola errang 1494 die Herrschaft in Florenz, Piero di Lorenzo de’ Medici wurde vertrieben. Am 23. Mai 1498 wurde Savonarola als Ketzer verbrannt. Durch die anschließenden „Säuberungen“ wurde Machiavellis neue Stelle frei, was ihn gleich mit der harten Seite der Politik vertraut machte. Man wählte ihn am 15. Juni 1498Rudolf Zorn: Einleitung, S. XXV, In: Niccolò Machiavelli: Discorsi, Stuttgart 1977. unter vier Bewerbern zum Staatssekretär der Zweiten Kanzlei des Rats der „Dieci di pace e di libertà“ (Rat der Zehn, wörtlich: „Zehn von Frieden und Freiheit“) der Republik Florenz; er war bis 1512 als solcher für die Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Diese Wahl – für Maurizio Viroli aus dem NichtsMaurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli, S. 28. – war für Volker Reinhardt im Rückblick überraschend, da Machiavelli zuvor in öffentlichen Dokumenten nicht nachweisbar ist und gegen die starke Konkurrenz eines Professors für Beredsamkeit und zweier studierter Juristen zu bestehen hatte.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie, München 2012, S. 25. Am 19. Juni bestätigte der Große Rat von Florenz seine Ernennung. Reinhardt vermutet, dass er „gewichtige Fürsprecher“ haben musste, da die Strukturen der Politik von familiären Netzwerken geprägt waren.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie, München 2012, S. 26f. Maurizio Viroli benennt einige dieser Fürsprecher; Machiavelli wurde offenbar deshalb Zweiter Kanzler, weil er weder den vertriebenen Medici noch Savonarola nahestand. Viroli weist darauf hin, dass Machiavelli von Ricciardo Becchi, dem florentinischen Botschafter in Rom, den Auftrag erhalten hatte, eine Predigt Savonarolas am 1. und 2. März 1498 in San Marco zu besuchen. Machiavelli schrieb am 9. März einen Brief an Becchi, in dem Savonarola nicht gut wegkam.Maurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli, S. 29 f. Außerdem wurde Machiavelli nach Viroli vom Ersten Kanzler, Marcello Virgilio Adriani, unterstützt.Maurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli, S. 30.

Im Mai 1500 wurde Niccolò Machiavelli durch den Tod seines Vaters Bernardo Oberhaupt seines Familienzweiges. Im Sommer 1501 heiratete er Marietta Corsini, wie damals üblich nach sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 90. Mit ihr hatte er fünf Söhne und eine Tochter. Einer der Söhne seiner Tochter Bartolommea ordnete und veröffentlichte seinen Nachlass.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 145.

Diplomatische Missionen für die Republik mini|Caterina Sforza, Porträt von Lorenzo di Credi

Machiavellis erste Dienstreise führte ihn nach PiombinoVolker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 60. zu Jacopo IV. AppianoMaurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli, S. 33. und hatte mit dem Kampf um Pisa zu tun. Seine nächste Reise im Juli 1499 ging nach Forlì,Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 63. wo er mit Caterina Sforza über militärische Unterstützungszahlungen Florenz’ (für Condottiere) verhandelte. In seiner gesamten Amtszeit bis 1512 wurde er während seiner Abwesenheiten vom Büroleiter (coadiutore) Biagio Buonaccorsi über das Geschehen in Italien und über den „aktuellen Kanzleiklatsch“ unterrichtet.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 70.

Im Sommer 1499 setzte Florenz im Kampf um Pisa auf französische Hilfe, die aber auch keinen Erfolg brachte. Deshalb wurde Machiavelli unter der Führung von Luca degli AlbizziVolker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 79. dorthin geschickt. Aber Pisa wurde wieder nicht erobert. Daraufhin wurde Machiavelli unter der Führung des Patriziers Francesco della Casa im Juli 1500Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie, München 2012, S. 80. zum französischen Hof geschickt, um darüber mit Ludwig XII. zu verhandeln. Den wegen der grassierenden Pest von Schloss zu Schloss reisenden König trafen sie am 26. Juli in Lyon an.Maurizio Viroli: Niccolò’s Smile: A Biography of Machiavelli, S. 43. Machiavelli kam durch die Verhandlungen zum Schluss, dass man sich auf Ludwig XII. nicht verlassen konnte, da er „gierig, käuflich, verräterisch [und] opportunistisch“ sei.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 86. Laut Reinhardt lernte Machiavelli aus dieser Reise, dass Menschen, je näher sie der Macht kamen, desto stärker von Geiz (avarizia) beherrscht würden, gerade wenn man alles erreicht habe und nichts mehr zu gewinnen sei. Das habe Machiavelli auf Florenz übertragen: „Mit Wankelmut und Nachgiebigkeit erreichte man gar nichts.“Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie, München 2012, S. 88. Am 14. Januar 1501 traf Machiavelli wieder in Florenz ein.

mini|hochkant=0.8|Cesare Borgia als Herzog von Valentinois

Cesare Borgia, der Sohn des Papstes Alexander VI., eroberte 1501 Piombino; am 4. Juni begann Arezzo einen Aufstand gegen die Florentiner Herrschaft. Andere Orte folgten der Rebellion, in die Cesare Borgia wahrscheinlich verwickelt war. Um Näheres über ihn zu erfahren, schickte man Francesco Soderini, Bischof von Volterra, und Machiavelli am 22. Juni 1502 nach Urbino.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 95. Dort beschäftigte sich Machiavelli intensiv mit Cesare Borgia, der ihn später zu seinem Hauptwerk Der Fürst anregte. Nach gut drei Wochen trennte man sich ohne Vertragsabschluss.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 102. Nach der Rückkehr wurde Piero Soderini, der Bruder Francescos, zum Florentiner Staatsoberhaupt auf Lebenszeit gewählt.

Im Oktober 1502 sprach Machiavelli in Imola erstmals direkt mit Cesare Borgia.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 104. Am 23. Oktober beurteilte er ihn in einem Brief nach Florenz: „… Was seinen Staat betrifft, den ich aus der Nähe zu studieren Gelegenheit hatte, so ist er ausschließlich auf Glück (fortuna) aufgebaut. Das heißt, seine Macht beruht auf der sicheren Meinung, dass ihn der König von Frankreich mit Truppen unterstützt und der Papst mit Geld.“Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 110.

Am 31. Dezember lud Cesare Borgia seine Gegner unter dem Vorwand der Versöhnung nach Senigallia; alle kamen. Zwei ließ er sofort erwürgen, zwei behielt er als Geiseln und rief gleich darauf mitten in der Nacht Machiavelli zu sich, der sich vom „übermenschlichen Mut“ beeindruckt zeigte und das Geschehen später schriftstellerisch überhöht schilderte, wodurch es „Ewigkeitswert“ erhielt.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 111–113.

Am 18. August 1503 starb der Papst; die Macht seines Sohnes Cesare Borgia schrumpfte, obwohl er weiterhin von Frankreich unterstützt wurde. Der neu gewählte Papst Pius III. starb knapp vier Wochen nach seiner Ernennung. Daraufhin wurde Machiavelli Ende September von der Signoria nach Rom zur Papstwahl geschickt, wo er mit allen Mächtigen seiner Zeit Gespräche führte.Dirk Hoeges: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein. München 2000, S. 101. mini|Papst Julius II., Porträt von Raffael Am 1. November 1503 wurde Julius II. zum Papst gewählt, weil er nach Machiavellis Ansicht den „Wählern das Blaue vom Himmel herunter versprochen [hatte], und zwar jedem das, was er am meisten wünschte“; Cesare Borgia wurden die Romagna mit der Festung Ostia und die Leitung der Truppen des Papstes versprochen.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 119. Mitte November wurde Cesare Borgia dort gefangen genommen und erpresst, wie Machiavelli „[m]it unüberhörbarem Behagen“ berichtete.Volker Reinhardt: Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie. München 2012, S. 123.

mini|Ludwig XII.