Die Berliner Singakademie gehört mit derzeit fast 90 aktiven Sängerinnen und Sängern zu den größten und bedeutendsten Laienchören Berlins. Sie steht künstlerisch und konzeptionell in der Tradition der 1791 gegründeten Sing-Akademie zu Berlin. Das Repertoire des Chores umfasst Werke der Renaissance und Barockzeit, Klassik, Romantik bis hin zur zeitgenössischen Chormusik des 20. und 21. Jahrhunderts (Neue Musik). Die sorgfältige Pflege des Repertoires und Uraufführungen neuer Werke gehören zu ihrem Programm. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Chorsinfonik, aber es werden auch regelmäßig reine A-cappella-Programme aufgeführt. Die Berliner Singakademie steht seit Mitte 1989 unter der Leitung von Achim Zimmermann. Sie besteht aus einem großen Chor, aus dessen Mitgliedern sich ein Kammerchor und eine Madrigal­besetzung rekrutieren.Carolin Denz: 50 Jahre Berliner Singakademie 1963–2013. Masterarbeit im Fach Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, eingereicht im Juli 2012.

Geschichte Gründung Kulturpolitische Hintergründe Die Berliner Singakademie wurde 1963 in Ost-Berlin gegründet. Die Sing-Akademie zu Berlin, die im Westteil der Stadt ihren Sitz hatte, hatte durch den Bau der Berliner Mauer 1961 fast 100 im Osten der Stadt wohnende Mitglieder verloren. Sie konnte jedoch durch Mathieu Lange als Dirigent weiter geführt werden. Da in der DDR Kultur zur Staatsangelegenheit erhoben war,Lars Klingberg: Politisch fest in unseren Händen. Musikalische und musikwissenschaftliche Gesellschaften in der DDR. Dokumente und Analysen. (Musiksoziologie, Bd. 3). Bärenreiter, Kassel u. a. 1997, S. 57.Julia Feurich: Eine Gemeinschaft singender Idealisten – Der Philharmonische Chor Dresden. Zur Geschichte des DDR-Laienchorwesens im Rahmen des Künstlerischen Volksschaffens. Magisterarbeit. Freie Universität Berlin, 2006, S. 5. der sowohl innenpolitische („Kunst im Sozialismus ist Kunst für den Sozialismus“Zit. nach Horst Irrgang: Literatur und Repertoire. In: Siegfried Bimberg u. a. (Hrsg.): Handbuch der Chorleitung. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 185.) wie auch außenpolitische Funktion zugesprochen wurde, erfuhr auch die Chormusik eine politische Dimension (Chor als gemeinschaftsbildend im Sinne des Sozialismus)Ich möchte hier nur am Rande die massenwirksame Funktion des Singens im Dritten Reich erwähnen, welche eine „Führung und Verführung“ der Massen auf besonders intensive Weise ermöglichte. Zit. nach Hans-Jochen Gamm: Führung und Verführung. Pädagogik des Nationalsozialismus. List, München 1964. zum Aufbau einer „deutschen sozialistischen Nationalkultur“Walter Ulbricht: Über die Entwicklung einer volksverbundenen sozialistischen Nationalkultur. Rede auf der zweiten Bitterfelder Konferenz am 25. April 1964. Dietz, Berlin 1964, S. 5. im Sinne des sozialistischen Realismus und in der Tradition von Bach, Beethoven, Händel, Mendelssohn Bartholdy, an die es in „richtiger Weise“ musikalisch anzuknüpfen galt. Es kam zu einer extremen Gründungszunahme von Laienensembles, die sich Massenorganisationen z. B. als Betriebsensemble anzuschließen hattenVgl. Winfried Hoffmann: Fünfundzwanzig Jahre sozialistische Singebewegung. In: Forum Musik in der DDR. (Arbeitshefte, Deutsche Akademie der Künste zu Berlin, Bd. 9). Teil 2, Henschel, Berlin 1972, S. 62 und 63. Die Gründung von Singakademien erfolgte daher infolge einer allgemeinen Belebung künstlerischen Schaffens, sollte aber auch eine Art Gegenpol hinsichtlich ihrer künstlerischen Ausrichtung neben den Betriebsensembles bilden. Im Ostteil Berlins gab es neben den Berufschören (Rundfunkchor Berlin, Chor der Staatsoper Berlin und Chor der Komischen Oper Berlin) keinen Laienchor, der die Tradition der Chorsinfonik, insbesondere der religiösen Werke (abgesehen von Kirchenchören) pflegen und die Stadt repräsentieren konnte.Bericht des Vizedirektors Knothe über die Berliner Singakademie, Bundesarchiv Außenstelle Berlin-Lichterfelde Ministerium für Kultur, DR 1/234. Archiv wird im Folgenden abgekürzt als: Bundesarchiv.

Weichenstellungen Hans Pischner hatte zwischen 1954 und 1956 die Leitung der Hauptabteilung Musik im Ministerium für Kultur und von 1956 bis 1963 die Position als Stellvertreter des Ministeriums für Kultur inne. Aus dieser Position heraus war es möglich, die Gründung der Berliner Singakademie voranzutreiben. So fand 1962 eine Beratung „betreffs [der] Bildung einer Singakademie“ statt.Notizzettel, Landesarchiv Berlin, Magistrat von Berlin, Abteilung Kultur, C Rep. 121/107. Durch den Wechsel Pischners an die „Deutsche Staatsoper Berlin“ (heute „Staatsoper Unter den Linden“), deren Intendanz er von 1963 bis 1984 innehatte, konnte die Gründung auf eine finanzielle und logistische Basis durch Angliederung an den Chor der Staatsoper gestellt werden (Probenraum, Orchester für chorsinfonische Werken). Weiterhin konnte eine gemeinsame Traditionslinie zwischen Staatskapelle und Singakademie fortgesetzt werden.Hans Pischner: Rede zum 20-jährigen Jubiläum. Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Hans-Pischner-Archiv, 814. Als Künstlerischer Leiter wurde Helmut Koch bestellt, der sich intensiv für den Aufbau einer sozialistischen Musikkultur einsetzte und der in der Gründung der Berliner Singakademie die Möglichkeit sah, seine Ideale zu verwirklichen und eine Vorreiterrolle für die Gründung weiterer Singakademien zu schaffen. Die These, dass die Gründung der Berliner Singakademie auf das Bestreben des Zentralkomitees der SEDGottfried Eberle: Unteilbare Tradition. Zwei Chöre begingen den 200. Jahrestag der Gründung der »Singe-Academie zu Berlin«. In: Neue Berlinische Musikzeitung. 2/1991; Regina Leistner: Die Sing-Akademie im Wandel der Zeit – Fortsetzung des Berichts. Mit großem Festakt ins dritte Jahrhundert. In: Berliner Morgenpost. 23. Mai 1991.Tanya Lieske: Vom Bitterfelder Weg zurückgekehrt. Berliner Chöre: Die Berliner Singakademie ist ein Laienchor mit professionellem Anspruch. In: Tagesspiegel. 17. November 1995Eleonore Büning: Es enthob sich ein Streit. Zelters Erben haben Zoff: Die Sing-Akademie zu Berlin und die Berliner Singakademie können zusammen nicht kommen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Juli 2003. zurückgeht, ist durch nichts zu belegen, zumal der Magistrat von Ost-Berlin dem Entstehen einer Singakademie eher ablehnend gegenüberstand.

Entstehung der Berliner Singakademie

Bei der Gründung der Berliner Singakademie wurde großer Wert auf die Leistungsfähigkeit des Chores gelegt. „Singakademien und philharmonische Chöre sind leistungsstarke Kollektive des künstlerischen Volksschaffens. […] Ihre Tätigkeit ist so zu sichern, dass eine kontinuierliche Entwicklung dieser Klangkörper dauerhaft gewährleistet ist.“Betr. Richtlinie zur Entwicklung der Singakademien und philharmonischen Chöre der DDR sowie zur Sicherung der materiellen und finanziellen Grundlage ihrer Arbeit, SAPMO, Nr. 136 (1955). Daher mussten interessierte Sänger eine musikalische Aufnahmeprüfung bestehen sowie Stimmbildung und Unterricht in Musiktheorie und Musikgeschichte wahrnehmen. Neben der Aufnahme herausragender Laiensänger sollte die Einbindung ausgebildeter Berufssänger als Garant für ein musikalisch hohes Niveau dienen.

„Neugründung der Berliner Singakademie. Vor etwa 170 Jahren ist die später unter Zelter und Mendelssohn-Bartholdy berühmtgewordene Berliner Singakademie, die sich aus musikliebenden Laien zusammensetzte, gegründet worden. Im April 1963 wird diese traditionsreiche Chorvereinigung, an deren Tätigkeit einst auch Goethe regen Anteil genommen hatte, wieder ins Leben gerufen. Der Intendant der Deutschen Staatsoper, NPT [Nationalpreisträger] Hans Pischner hat als künstlerischen Leiter NPT Helmut Koch und als weiteren Dirigenten Staatspreisträger Heinrich Moser berufen. Neben A-cappella-Konzerten wird die Singakademie vor allem Oratorienaufführungen veranstalten. Sämtliche Mitglieder der Singakademie haben außerdem die Möglichkeit, in den Opernaufführungen der Deutschen Staatsoper mitzuwirken. Die Mitglieder der Singakademie erhalten eine kostenlose Ausbildung bzw. Weiterentwicklung auf gesanglichem, musiktheoretischem und musikhistorischem Gebiet. Anmeldungen zu richten an die Deutsche Staatsoper – Dramaturgie – […].“Neugründung der Berliner Singakademie, Archiv der BSA. Etwa 300 Interessenten folgten dem Aufruf, so dass der Auswahlprozess sehr lange dauerte und der offizielle Beginn der Probenarbeit erst Mitte September 1963 mit ca. 200 SängernIm Jahre 1963 berichteten zehn Zeitungen über eine Mitgliederanzahl. zwischen 25 und 30 Jahren zwei Mal wöchentlich erfolgen konnte.Schreiben vom Sekretariat der Berliner Singakademie am 5. Juli 1963, Archiv der BSA. Die soziale Struktur spiegelte laut Pischner „alle Schichten und Berufe [wider], vornehmlich junge, aus der Arbeiterklasse kommende Intelligenz, Angestellte, Arbeiter, Studenten, Schüler und Angehörige der Volksarmee.“Hans Pischner: Diskussionsbeitrag für die Bitterfelder Konferenz. Zum Thema Berliner Singakademie. Bundesarchiv, DR 1/8679, S. 1. Die feierliche Gründung der Berliner Singakademie erfolgte am 22. September 1963. Das Presseecho war groß, im Ostteil der Stadt überschwänglich, im Westteil negativ.Brief von Werner Rackwitz an den Magistrat von Groß-Berlin am 10. Oktober 1963, Bundesarchiv, DR 1/232.Liesel Markowski: Das Alte pflegen und dem Neuen den Weg weisen. Neugründung der Berliner Singakademie. In: Musik und Gesellschaft. 13 (1963), S. 375. So wurde 1964 in der Welt am Sonntag kolportiert, die Gründung der Berliner Singakademie diene lediglich der „Kulturpropaganda für die SED“Falsche Töne aus Ostberlin. Konkurrenz für traditionsreiche Sing-Akademie. In: Die Welt. 3. Mai 1963.Friedrich Forrer: Singakademie ist in Gefahr. In: Die Welt am Sonntag. 23. Februar 1964. und stelle eine existenzielle Bedrohung der Westberliner Sing-Akademie dar.

Helmut Koch 1963 bis 1975 Bereits zu Beginn gab es durchaus zwar staatlich geforderte Auftritte des Chores, aber bereits hier überwogen selbst organisierte Konzerte. Seit 1966 gibt es darüber hinaus gemeinsame Konzerte mit dem „Berliner Sinfonie-Orchester“ (heute „Konzerthausorchester“) und dem „Kammerorchester Berlin“. Als bedeutende Dirigenten neben Koch und Moser wären Kurt Sanderling, Chefdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters, und Heinz Rögner, Dirigent der Staatskapelle, zu nennen. Des Weiteren arbeitete die Singakademie mehrmalig mit Peter Gülke und Peter Schreier zusammen und Otmar Suitner (ab 1964 Chefdirigent der Staatskapelle).

Die Repertoiregestaltung hing maßgeblich vom Anknüpfen an die Tradition der zelterschen Singakademie (Klassiker) sowie der Neuerschließung der Werke zeitgenössischen ChorschaffensChorordnung der Berliner Singakademie, Bundesarchiv, DR 1/232, S. 1. ab, was in künstlerischer Hinsicht sowohl chorsinfonische Werke als auch A-cappella-Literatur einschloss.Helmut Koch: II. Das Repertoire unserer Chöre. In: Perspektivplan der Chor- und Singebewegung. Bundesarchiv, DR 1/234, S. 6. Im Zuge der Arbeiterfestspiele 1965 wurden zwei Werke in Auftrag gegeben: Ruth Zechlins Shakespeare-Sonette und Kurt Schwaens Shakespeare-Szene.

Dietrich Knothe: 1975 bis 1989