mini|hochkant|Wappen des Deutschen Ordens mini|400px| Der Deutschordensstaat, Preußen, die Fürstbistümer und die übrigen Staaten in Livland (1410): Im Frieden von Melnosee von 1422 wurde ein Küstenabschnitt von 35 km Breite 20 km nördlich von Memel endgültig Litauen zugesprochen und der Ordensstaat zerfiel in zwei Teile. mini|100px|Flagge des Deutschen Ordens
Der Deutschordensstaat oder Staat des Deutschen Ordens war das Territorium des Deutschen Ordens in der Zeit von 1230 bis 1561. Der Staat umfasste im Kern etwa das Gebiet Alt-Preußens (das spätere Ostpreußen einschließlich dem späteren Regierungsbezirk Westpreußen) und das Kulmerland zwischen Weichsel und Memel, 1308–1466 auch das Gebiet Pommerellens westlich der Weichsel, sowie 1237–1561 als eigenständiges Meistertum Livland im Baltikum etwa das heutige Estland und Lettland. Auch die Balleien im Heiligen Römischen Reich, die dem Hochmeister direkt unterstellt waren, können dem Ordensstaat zugerechnet werden.
Im Gegensatz zu den gescheiterten Versuchen der anderen großen Ritterorden, dauerhaft und staatstragend oder staatsbildend im Heiligen Land Fuß zu fassen, schlug der relativ spät gegründete Deutsche Orden einen anderen Weg ein. In seinen Intentionen und Handlungen zunächst vollständig in der Tradition der Templer und Johanniter stehend, begann sein eigentlicher Aufstieg erst mit dem Niedergang der Kreuzfahrerstaaten. Durch frühzeitige Verlagerung seines Handlungsschwerpunktes nach Nordosteuropa wuchs dem Orden bei der Christianisierung und Kolonisierung dieses Raumes eine Hauptrolle zu. Unter Führung des Ordens wurde ein aus heutiger Sicht im Vergleich zu zeitgenössischen Territorialstaatsbildungen modern anmutendes Staatswesen errichtet.Jürgen Sarnowsky: „Insgesamt lassen sich so viele Elemente in der Landesherrschaft des Deutschen Ordens in Preußen auf die grundlegenden Strukturen eines geistlichen Ritterordens zurückführen. Dies erklärt die scheinbare ‚Modernität‘ seiner Verwaltung. Die besondere Leistung des Ordens lag damit nicht in einer ‚Vorwegnahme‘ neuzeitlicher Administrationsformen, sie bestand vielmehr in der erfolgreichen Adaption der Ordensstrukturen für den Aufbau eines eigenen Territoriums.“ In: Der Deutsche Orden – Entwicklung und Strukturen im Mittelalter; Veröffentlicht als: Der Deutsche Orden: Entwicklung und Strukturen im Mittelalter (Vortrag auf der Jahrestagung der Gesellschaft der Freunde der Technischen Hochschule Danzig in Wernigerode, 6. Oktober 1993), o. O., o. J. , 18 S. Dessen kulturelle und zivilisatorische Errungenschaften wirkten sich mittelbar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts aus und bildeten eine der Grundlagen des späteren Staates Preußen.
Der Ordensstaat selbst stellte keine vollständig neuartige staatliche Struktur dar, sondern ähnelte in seiner Organisation einer klösterlichen Gemeinschaft größeren Ausmaßes. Ergänzt wurde dies durch die Erfahrungen des in Syrien und Palästina ausgeprägten Beamtenapparates. Hinzu kam die Nutzung administrativer Erfahrungen aus dem normannischen Königreich Sizilien.
Ethnien mini|hochkant=1.5|Baltische Stämme im 12. Jahrhundert
Der größte Teil des Ordensgebietes war Siedlungsraum baltischer Volksstämme, beispielsweise der Prußen, Litauer, Letten und Semgallen. Das nördliche Baltikum war von den finno-ugrischen Völkern der Esten und Liven bewohnt. Im gesamten Küstenraum des Baltikums gab es punktuelle Ansiedlungen von Schweden und Dänen, hauptsächlich in Estland. In sämtlichen Städten dominierte der deutsche Bevölkerungsanteil. Massive bäuerliche deutsche Siedlungstätigkeit fand in Preußen statt, hier vor allem im westlichen Teil. In Pommerellen siedelten die zu den Elbe-Oder-Slawen gehörenden Pommern (Kaschuben) Polnische Bevölkerungsanteile fanden sich in Pommerellen und im Kulmer Land, durch Einwanderung seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch im südlichen Ostpreußen (Masuren und Südermland).
Sprachen Da die Deutschen wie auch die Dänen und die Polen in diesem Land Eroberer und Einwanderer mit jeweils eigener Muttersprache waren, benutzte die Landbevölkerung weiterhin die althergebrachten Sprachen der Einheimischen: Prußisch, Livisch, Kurisch, Lettisch und Estnisch.
Deutsch – vor allem Mitteldeutsch und in den Küstenregionen Niederdeutsch – wurde in den von den deutschen Einwanderern gegründeten Städten gesprochen. Die deutsche Sprache breitete sich auf dem Lande in Preußen allmählich auf die prußische und litauische Bevölkerung sowie auf die aus Masowien geflüchteten Masuren aus, während sie im Baltikum auf die Städte und die Oberschicht begrenzt blieb.
Die höheren Amtsträger waren für gewöhnlich Deutsche. Doch kann man nicht von einer deutschen Amtssprache sprechen, da offizielle Dokumente zumeist in Lateinisch verfasst wurden. In den Dörfern der Einheimischen, also der Verwaltung auf lokaler Ebene, lag die Leitung zumeist bei den Einheimischen. Albrecht von Preußen ließ nach der Umwandlung des Ordensstaates in das Herzogtum Preußen 1525 den lutherischen Katechismus in die prußische Sprache übersetzen. hab.de
Geschichte Anfänge und Konsolidierung mini|hochkant=1.5|Erwerbungen des Deutschen Ordens in Preußen und des 1237 mit ihm vereinigten Schwertbrüderordens in Kurland und Livland bis 1260 Bei den schraffierten Gebieten handelt es sich um die umkämpften Territorien in Preußen und Schamaiten.
Die Idee einer Staatsgründung des Deutschen Ordens außerhalb des Heiligen Landes ist auf den 4. Hochmeister Hermann von Salza zurückzuführen.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden. S. 61. Dieser erfahrene Politiker und einflussreiche Berater Kaiser Friedrichs II. versuchte schon kurz nach seinem 1210 erfolgten Amtsantritt, ein vom Orden kontrolliertes Kerngebiet in Europa zu errichten. Der Versuch, im Siebenbürgen (Burzenland) im Königreich Ungarn staatsähnliche Strukturen zu errichten, scheiterte jedoch 1225 am Widerstand des örtlichen Klerus und des ungarischen Königtums.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden. S. 62.
Schaffung staatsrechtlicher Grundlagen Das Ersuchen des Herzogs Konrad von Masowien an den Deutschen Orden um Hilfe im Kampf gegen die heidnischen Prußen um 1225 bot Hermann von Salza neue Perspektiven. Konrad bot dem Orden das Kulmer Land als Ausgleich für militärische Hilfeleistung an.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden. S. 63. Bevor der Orden darauf einging, versuchte er sich – nach den schlechten Erfahrungen mit dem ungarischen König – rechtlich abzusichern. Der erste Schritt auf dem Wege dahin war die Bestätigung der Aufgaben in Preußen durch Kaiser Friedrich II. in der Goldenen Bulle von Rimini. Friedrich II. sicherte darin dem Orden alle Eroberungen im Land der Prußen zu. Dazu wurde der Hochmeister des Ordens in den Stand eines Reichsfürsten erhoben. Diese Verbriefung bildete eine wesentliche Grundlage des späteren Ordensstaates. Nach neusten Forschungen des polnischen Historikers Tomasz Jasiński datiert die Goldene Bulle von Rimini nicht vor 1235, sodass er die obenstehende temporär-ablaufende Legitimierung in Frage stellt.
1230 ließ sich der Orden im Vertrag von Kruschwitz von Konrad von Masowien das Eigentum an dem zu erobernden Gebiete bestätigen. Die Echtheit der Urkunde ist wissenschaftlich umstritten.Anm.: Während die deutsche Forschung den Vertrag seit der Untersuchung August Seraphims als unbezweifelbar echt ansieht, hält ihn die polnische Forschung, hierbei dem Historiker Max Perlbach folgend, für eine Fälschung. (Nach Hans-Jürgen Karp: Grenzen in Ostmitteleuropa während des Mittelalters – Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Grenzlinie aus dem Grenzsaum, Böhlau Verlag, 1972, Seite 31.)Andreas Kossert: Masuren – Ostpreußens vergessener Süden. Siedler Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-88680-696-0, S. 24. Nachdem ein großer Teil des Kulmer Landes bereits durch die Ordensritter besetzt worden war, bestätigte Papst Gregor IX. 1234 in der Bulle von Rieti den Landbesitz des Ordens und erklärte ihn zum Eigentum Patrimonii Petri, also der Kirche,Andreas Kossert: Masuren …, Berlin 2001, S. 24. wobei er sich auf Vereinbarungen des Ordens mit dem edlen Herzogs Conrad von Polens berief, der die Gegenden mit frommer Freigebigkeit geschenkt habe.
Beginn der Expansion Seit 1226 hielt sich in Masowien auf Burg Vogelsang der Ordensritter Konrad von Landsberg mit einem weiteren namentlich nicht überlieferten Ritter auf.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Orden, S. 108. Aufgrund der personellen Beanspruchung des Ordens infolge des 1227 avisierten Kreuzzuges des Kaisers erfolgte in den folgenden Jahren kein nennenswerter Zuzug. Erst 1230 erschien der bisherige Deutschmeister Hermann von Balk mit sieben OrdensritternNamentliche Nennung nach der Chronik des Nicolaus von Jeroschin in: Theodor Hirsch, Max Toeppen, Ernst Strehlke: Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergang der Ordensherrschaft. Band 1, S. 363. und etwa 700 Mann Gefolge und errichtete auf dem linken Weichselufer die Burg Nessau. Erst nach eindeutiger Klärung der künftigen Besitzverhältnisse im Vertrag von Kruschwitz überschritt Balk 1231 gemeinsam mit Truppen Konrads von Masowien unweit Nessaus die Weichsel.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Orden, S. 111 Unweit einer Quercz genannten Siedlung wurde ein erster Brückenkopf errichtet.Um den Namen Quercz entstand aufgrund einer späteren Fehlinterpretation des Chronisten Peter von Dusburg der Irrtum, die Ordensritter hätten auf einer Eiche (lat. Quercus) eine „Baumburg“ als erste Bastion im Kulmer Lande errichtet; in: Dieter Zimmerling: Der Deutsche Orden, S. 112. In erbitterten Kämpfen mit drei regionalen Anführern der Prußen wurden große Teile des Kulmer Landes erobert und militärisch gesichert.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Orden, S. 114.
Schon 1231 gründete der Orden mit Thorn seine erste Burg im Süden des Kulmer Landes. Nach 1233 verschärfte sich die „Kreuzzugspropaganda“ und den Kreuzfahrern wurden durch Papst Gregor IX. die gleichen für einen Kreuzzug ins Heilige Land üblichen Ablass, so eine umfassende Vergebung der Sündenstrafen und weitere Heilsversprechungen gewährt. So beteiligten sich neben deutschen Kreuzfahrern Konrad von Masowien, Herzog Heinrich II. von Breslau sowie die pommerschen Herzöge Swantopolk II. und Sambor II. Mit diesem Heer stieß der erste Landmeister von Preußen Balk 1234 nach Pomesanien vor.Dieter Zimmerling: Der Deutsche Orden, S. 115.
Der geförderte Zustrom niederdeutscher Siedler konsolidierte die Herrschaft der Ordensritter nachhaltig. Trotz diverser Rückschläge, wie des ersten Prußenaufstandes 1242, oder wie der allgemeinen Revolte infolge der vom Orden am 13. Juli 1261 geschlagenen und schließlich verlorenen Schlacht an der Durbe gegen die Litauer, konnte der Orden in den Jahren 1261 bis 1271 die Prußen in schweren Kämpfen endgültig unterwerfen.
Seit 1202 hatte der Schwertbrüderorden im Auftrag des Bischofs von Riga Livland unterworfen, dem damals politisch auch das südlich des Rigaer Meerbusens gelegene Kurland zugerechnet wurde. 1237 schloss er sich aus Personalnot als Livländischer Orden dem Deutschen Orden an,Beschreibung der Lage in Livland jedoch blieben das preußische Ordensland und Livland faktisch getrennte Herrschaftsgebiete.
Blütezeit mini|hochkant=1.5|Ordensgebiet um 1410
Auch in den Folgejahren wurde das Territorium des Deutschordensstaates durch weitere Gebiete – Pomerellen und Danzig (1308), Estland (1346) und Gotland (1398) – erweitert. Mit dem Erwerb der Neumark hatte das Deutschordensland im Jahre 1402 seine größte Ausdehnung erreicht.