mini|Élisabeth Badinter (2025) Élisabeth Badinter (* 5. März 1944 als Élisabeth Bleustein-Blanchet in Boulogne-Billancourt bei Paris) ist eine französische Philosophin, Autorin und Professorin an der Eliteuniversität École polytechnique in Paris.
Biografie Badinter stammt aus einer jüdisch-französischen Familie aus Paris und studierte Philosophie und Soziologie an der Sorbonne. Die Lehrbefähigung für Philosophie an höheren Schulen erwarb sie 1973.
Neben ihrer Professur hat Badinter seit 1987 einen Sitz im Aufsichtsrat der von ihrem Vater Marcel Bleustein-Blanchet gegründeten internationalen Kommunikationsfirma Publicis; von 1996 bis 2017 war sie Aufsichtsratspräsidentin.Elisabeth Badinter et sa famille 2004 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Lüttich.Mit 22 Jahren heiratete sie den Rechtsanwalt und Politiker Robert Badinter (1928–2024). Ihre drei Kinder bekam sie innerhalb von dreieinhalb Jahren während ihrer Abschlussexamen an der Universität.
Schon sehr früh in ihrer Jugend beschäftigte sie sich mit dem Beauvoir’schen Feminismus. Sie beschreibt ihr Elternhaus als offen; die gleichberechtigte, gebildete, aktive Frau war für die Familie eine Selbstverständlichkeit. Während Anfang der 1970er der Feminismus in Frankreich laut zu werden begann, entdeckte Élisabeth Badinter die Kompliziertheit des häuslichen Lebens als Mutter.Paula E. Hyman: Elisabeth Badinter. In: Jewish Women's Archives
Badinters Philosophie und gesellschaftspolitische Auffassungen In ihren zahlreichen Essays und Büchern beschäftigt sich Élisabeth Badinter u. a. mit Geschichte, Philosophie und Soziologie der Frau in ihrem historischen Umfeld; Badinters besondere Passion ist das Zeitalter der Aufklärung.
Badinter vertritt jene Richtung des Feminismus, die die Gleichheit der Geschlechter und den Universalismus betont. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte für Frauen und Männer und gegen die rechtliche, ökonomische und soziale Benachteiligung von Frauen. Die Vertreterinnen des Differenzdenkens unterstreichen einen grundlegenden Unterschied der Geschlechter. Frauenrechte müssten besonders betont werden, weil die universalistische Theorie Frauen schon immer benachteiligt habe, indem sie den Mann mit dem Menschen gleichsetze. Frauen bedürfen nach dieser Ansicht eines besonderen Schutzes und aktiven Kampfes gegen ihre Unterdrückung. Die amerikanischen Feministinnen kämpfen seit den 1980er Jahren gegen Gewalt an Frauen und schürten dadurch, nach Badinters Ansicht, das Misstrauen gegenüber den Männern.
Sie befürwortet das Abtreibungsrecht und ein Gesetz zur Gleichstellung von Frau und Mann im Arbeitsumfeld und in der Familie. 1992 wurde in Frankreich ein erstes Gesetz gegen sexuelle Belästigung erlassen. Sie bedauert daran, dass es nur den Missbrauch von Macht ahndet und damit den Frauen wieder eine untergeordnete hierarchische Position zuweist. Viele Feministinnen und NGOs begannen damals einen Kampf für einen weiteren Geltungsbereich, der sich auch auf Belästigung unter Kolleginnen und Kollegen oder im öffentlichen Raum erstreckt. Nach Ansicht Badinters hat sich der Feminismus in jenen Jahren geteilt – in einen akademisch-theoretischen Zweig, dem auch sie angehört, und in eine aktive kämpferische Richtung. Badinter bedauert den zunehmenden Einfluss des angelsächsischen Radikalismus in Europa und ist der Meinung, dass hasserfüllte Parolen der falsche Weg (Fausse Routedeutsch: Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer, 2004, so der französische Titel) sind.
Mutterliebe Bekannt wurde Badinter 1980 mit ihrem provokanten Buch L’Amour en plus (deutsch: Mutterliebe, 1981)Die Mutterliebe. Die Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. Piper, München 1981, in dem sie die überkommene Vorstellung eines angeborenen Mutterinstinkts radikal ablehnt. Frauen seien keineswegs ab dem Moment der Geburt die liebenden hingebungsvollen Mütter, die auf ihr eigenes Leben verzichten, um den Kindern ein schönes Leben zu bereiten, sondern hätten im Lauf der Geschichte – konkret betrachtet Badinter den Zeitraum vom 17. Jahrhundert bis heute in Frankreich – sich ziemlich wenig um ihre Nachkommen gekümmert und seien aus Not oder Lust ihrer eigenen Arbeit oder ihrem Vergnügen nachgegangen. Die heute so selbstverständlich scheinende herausragende Stellung des Kindes und die gesellschaftliche Verherrlichung der Mutterliebe und des Stillens seien Diskurse der Neuzeit. Mutterliebe sei demnach kein natürlicher, unabänderlicher Instinkt, kein Bestandteil der weiblichen Natur, sondern ein menschliches Gefühl, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden sein kann oder auch nicht. Mutterschaft habe sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, und der unterschiedliche Umgang der Menschen mit ihren Kindern in verschiedenen Epochen und Gesellschaften zeige, dass es vielfältige Lösungsmöglichkeiten für das Großziehen der Kinder gibt.
Gesellschaft ohne Liebe Badinter beschreibt, dass vor dem 18. Jahrhundert weder eheliche Liebe noch die Liebe zu den Kindern gesellschaftliche Werte waren. Beziehungen innerhalb der Familie waren von Angst bestimmt, nicht von Zärtlichkeit. Das aristotelische Erbe, die christliche Theologie, der politische Absolutismus, sie alle haben zu diesem Gesellschaftsbild beigetragen, in dem der Wert eines Menschenlebens – besonders der des jungen, welches damals noch viel fragiler war als heute – recht gering bemessen war. Kinder machten Angst oder sie waren eine Last, besonders in armen Schichten. Bestenfalls waren diese Kinder der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Weder kamen sie in der Literatur vor noch gab es vor dem Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Kinderheilkunde. Der Tod eines Kindes wurde nicht betrauert, er war zu selbstverständlich. Jedoch reicht diese Einstellung nicht zur Erklärung jener Gleichgültigkeit aus, denn viele Kinder wären nicht gestorben, wenn sich ihre Mütter mehr um sie gekümmert und sie gestillt hätten. Auch solche Grausamkeit ist ein Aspekt der Muttergefühle, auf die Badinter hinweist. Die Verweigerung des Stillens, die damals oft zum Tod des Babys führte, war der Anfang der Ablehnung der Kinder. Stillen galt im 17. Jahrhundert als unfein, einer Dame der höheren Gesellschaft nicht würdig, man glaubte – und glaubt teilweise bis heute –, dass Stillen die Brust verunstalte und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und ein Eheleben unmöglich mache. Die Ablehnung der Mutterschaft und der Ehe war Gegenstand der allerersten feministischen Bewegungen der Preziösen in Paris, die sich nach intellektueller Bildung und Freiheit für Frauen sehnten. 85 % der Frauen und 79 % der Männer waren damals in Frankreich Analphabeten. Kindern wurde im 17. und 18. Jahrhundert so wenig Aufmerksamkeit geschenkt, dass deren gängige Behandlung einer unbewussten Abtreibung oder gar Tötung entsprach. Gleich nach der Geburt kam das Kind für einige Jahre zu einer Amme aufs Land, wo ca. zwei Drittel der Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen umkamen. Jene, die überlebten, verbrachten einige Jahre im Elternhaus, bevor sie in ein Kloster oder Pensionat gesteckt wurden. Ungefähr 5 % der Kinder wurden ausgesetzt.
Ein neuer Mythos entsteht: die Mutterliebe Erst Ende des 18. Jahrhunderts änderten sich in Frankreich die Einstellungen zum Kind; der Mythos vom Mutterinstinkt und von der spontanen Liebe jeder Mutter zu ihrem Kind entstand. Ärzte, Moralisten und Administratoren bemühten sich unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen darum, eine möglichst große Zahl an Staatsvolk zu erhalten. Damit wurde die Frau als Mutter aufgewertet, der Vater als Autorität verlor zusehends an Bedeutung. Die Frau war als Hauptverantwortliche für das Wohl und Gedeihen ihrer Kinder zuständig und sollte in dieser edlen Pflicht glücklich aufgehen. Die Philosophie der Aufklärung ersetzte die Theorie des natürlichen und göttlichen Ursprungs väterlicher Gewalt durch die Idee der Beschränkung dieser Macht durch die Bedürfnisse der Kinder und die Idee der Gleichheit von Mann und Frau in der Erziehung. Jean-Jacques Rousseau beschreibt in seinem Gesellschaftsvertrag die neue Familie. Die Eltern haben die moralische Verpflichtung, für ihre Kinder gut zu sorgen und sie zu selbständigen Menschen zu erziehen, die nach dem Erwachsenwerden keine Verpflichtungen mehr gegenüber ihren Eltern haben. In der Französischen Revolution wurde auch die Stellung der Ehefrau und Mutter erhöht, Liebesheiraten waren verbreitet. Durch das neue Streben nach Glück und Liebe in der Familie wurde die Gleichheit zwischen Mann und Frau zumindest im familiären Bereich deutlich vergrößert. Die Frau war nun nicht mehr – auf einer Stufe mit den Kindern – der Autorität des Mannes unterworfen, sondern als Gefährtin des Mannes Basis für die glückliche Familie.
Das 19. Jahrhundert war geprägt von Aufrufen, eine gute Mutter zu sein; erbarmungslos wurde die schlechte Mutter kritisiert. Langsam sickerte die Vorstellung, dass Fürsorge und Zärtlichkeit der Mutter für die Entwicklung und das Wohlbefinden des Babys unersetzlich sind, in das allgemeine Bewusstsein der Franzosen. Immer weniger Kinder wurden zu Ammen gegeben, das Stillen wurde stark propagiert. Das heute unvorstellbare Fesseln der Säuglinge durch das Wickelkissen wurde kaum noch angewandt. Durch die neue körperliche Freiheit der Babys wurden zärtlichere Beziehungen zur Mutter möglich, jedoch stieg der Arbeitsaufwand für die Mutter dadurch beträchtlich. Mit dem neuen Bild der fürsorglichen Mutter schlich sich auch das Schuldbewusstsein bei den Müttern ein, diesem Ideal nicht zu entsprechen – ein Druck, der auf den Frauen (und ihren Beziehungen zu ihren Kindern) bis heute lastet.
Die Frau als Hauptverantwortliche für das Glück der Kinder Die Psychoanalyse Sigmund Freuds machte die Frau zur Hauptverantwortlichen für das Glück ihres Kindes, sie übertrug ihr damit eine riesige Aufgabe, die Erwerbsarbeit praktisch ausschließt. Die Theorie des natürlichen weiblichen Masochismus stilisiert die ideale Mutter als unendlich leidensfähig. Die Mutter empfindet die körperlichen Schmerzen beim Gebären und Stillen als Lust und Freude. Durch Selbstaufopferung findet sie Erfüllung in ihren Kindern. Affektiv gestörte Kinder haben eine schlechte, unfähige Mutter, die durch psychische Störungen selbst ungeeignet zur Mutterschaft ist. Obwohl nicht moralisierend gemeint, wurden Angst- und Schuldgefühle hierdurch bei den Müttern weiter gesteigert.
Mutterliebe als wandelbares Gefühl Die feministischen Bewegungen der 1960er Jahre kritisierten das Freud’sche Mutterbild und wiesen auf die große Diskrepanz zwischen der Realität und der Vorstellung der normalen, passiven, masochistischen Frau hin. Der Mythos der natürlichen Mutterschaft wurde zerstört. Mutterliebe ist nichts Selbstverständliches mehr, mütterliche Fürsorge ist eine Arbeit, für die Bezahlung verlangt wird. Gefühle von Müttern hängen vom historischen und gesellschaftlichen Kontext ab, von Bildung und Einkommen. Mutterliebe ist ein wandelbares Gefühl, kein Instinkt. Die Väter nehmen mehr Anteil an ihren Kindern, sie werden mütterlicher, während die Frauen männlicher werden und eine distanzierte Auffassung zur Mutterschaft einnehmen.
Weiblicher Ehrgeiz