mini|Gerhard von Scharnhorst, Gemälde von Friedrich Bury, vor 1813. Scharnhorsts Unterschrift: rahmenlos|klasse=skin-invert-image Gerhard Johann David Scharnhorst, ab 1802 von Scharnhorst (* 12. November 1755 in Bordenau bei Hannover; † 28. Juni 1813 in Prag), war ein preußischer General, Heeresreformer und Befreiungskämpfer. Während der Stein-Hardenbergschen Reformen modernisierte er zusammen mit August Neidhardt von Gneisenau die Preußische Armee im Sinne der Aufklärung, schaffte die alten Adelsvorrechte ab und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. In der Schlacht bei Großgörschen 1813 wurde er schwer verwundet und starb an den Folgen in Prag, wo er den Eintritt Österreichs in die Koalition gegen Napoleon erreichen wollte.Wissen/Lexikon. Scharnhorst gehörte zu den bedeutendsten Heeresreformern des 19. Jahrhunderts. Sein Erbe ist eine der drei Traditionssäulen der Bundeswehr.
Leben mini|Scharnhorst-Geburtshaus in Bordenau. mini|Scharnhorst-Denkmal in Bordenau. mini|Scharnhorst-Denkmal (1822) von Christian Daniel Rauch in Berlin. mini|Scharnhorst (5. von links) als Vorsitzender der Heeres-Reorganisationskommission.
Bäuerliche Herkunft Gerhard Johann David Scharnhorst wurde am 12. November 1755 in Bordenau bei Hannover als Sohn des Quartiermeisters Ernst Wilhelm Scharnhorst (1723–1782) geboren, der wiederum aus einer alteingesessenen Bordenauer Brinksitzer-, das heißt Kleinbauernfamilie stammte, und dessen Ehefrau Wilhelmine Tegtmeyer (1728–1796), Tochter des Besitzers eines landschaftsfähigen Gutes in Bordenau. Die früheren Besitzer des Gutes, das Ernst Wilhelm Scharnhorst nach einem Rechtsstreit erbte, waren Mitglieder der machtvollen Ständevertretung, genannt die Calenberg-Grubenhagensche Landschaft. Dies setzte noch im 17. Jahrhundert eigentlich Zugehörigkeit zum Adel voraus; später hing aber die „Landstandschaft“ nicht mehr am Adelsprädikat, sondern am Gutsbesitz. Bordenau war nur ein kleines Gut, das nie lohnenden Ertrag abwarf und aus der Sicht der preußischen Gardeoffiziere, die sich später über Scharnhorsts Herkunft mokierten (geadelt erst 1802)Maximilian Gritzner: Chronologische Matrikel der Brandenburgisch-Preußischen Standeserhöhungen und Gnadenacte von 1600–1873. Mitscher & Roestell, Berlin 1874, S. 69. Digitalisat, nur eine „Klitsche“ war. Das Dorf Bordenau gehörte damals zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, das auch Kurfürstentum Hannover genannt wird.
Militärische Laufbahn Von 1772 bis 1776 besuchte Scharnhorst die vom Grafen Schaumburg-Lippe errichtete Militärschule auf dem WilhelmsteinRoswitha Sommer: Ein Gang durch das Schaumburg-Lippische Landesmuseum in Bückeburg. In: Niedersächsisches Innenministerium (Hrsg.): Niedersachsenbuch '99. Bückeburg. CW Niemeyer-Druck, Hameln 1999, ISSN 0946-5588, S. 46. und trat 1778 als Fähnrich in das kurhannoversche Reuterregiment „Estorff“ des Generals von Estorff ein. In dieser Zeit war er in Northeim (damals Nordheim) bei Göttingen stationiert. 1779 wurde Scharnhorst ein Mitglied im Bund der Freimaurer, seine Loge Zum goldenen Zirkel war in Göttingen ansässig.Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1932, München 2003, ISBN 3-7766-2161-3.
1782 wurde Scharnhorst Leutnant in der Artillerie und auf eigenen WunschDietmar Schössler: Clausewitz – Engels – Mahan: Grundriss einer Ideengeschichte militärischen Denkens. in der Reihe Politik/Forschung und Wissenschaft. Band 27, Lit, Münster/Berlin 2009, ISBN 978-3-8258-0220-2, S. 44. Teil-Digitalisat-Titel. an die Kriegsschule in Hannover berufen,Karl Gustav von Berneck: Ein Lebensbild Scharnhorsts. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Jahrgang 1861, Erster Band, Januar bis Juni (enthaltend: Nr. 1–26.), F. A. Brockhaus, Leipzig 1861, S. 112. Digitalisat wo er in der im selben Jahr gegründeten ArtillerieschuleLouis Heinrich Friedrich von Sichart: Geschichte der königlich-hannoverschen Armee. Vierter Band, Fünfter Zeitraum, 1789 bis 1803. Hahn’sche Hofbuchhandlung, Hannover 1871, S. 134 ff. Digitalisat einer ihrer ersten LehrerHeinz Stübig: Gerhard von Scharnhorst – preußischer General und Heeresreformer. Studien zu seiner Biographie und Rezeption. Beiträge teilweise in Deutsch und Lateinisch, in der Reihe Geschichte/Forschung und Wissenschaft. Band 34, LIT, Berlin; Münster 2009, ISBN 978-3-643-10255-3, S. 97 u.ö., Teil-Digitalisat und leitender Bibliothekar wurde.Iris Becker: Funktion und Stellenwert von Militärbibliotheken im 18. und 19. Jahrhundert. In: Jutta Nowosadtko, Matthias Rogg (Hrsg.): Mars und die Musen. Das Wechselspiel von Militär, Krieg und Kunst in der Frühen Neuzeit. in der Reihe Herrschaft und soziale Systeme in der frühen Neuzeit. Band 5, Berlin; Münster: Lit, 2008, ISBN 978-3-8258-9809-0, S. 92; nach: Joachim Kiefert: Militärbibliotheken in Hannover. In: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge, 17 (1963), Hannover 1963, S. 292, Teil-Digitalisat 1783 unternahm er eine militärische Studienreise durch Bayern, Sachsen, Baden, Österreich und Preußen. Anschließend verfasste er Berichte über das Bayrische Militär, das in seinen Schriften nicht sehr gut abschnitt, bald darauf wurde er Lehrer an der Kriegsschule und 1792 Stabskapitän.
Während des Ersten Koalitionskrieges nahm er an der Spitze einer reitenden Batterie der Hannoverschen Armee in den Jahren 1793–1795 an den Feldzügen in Flandern und Holland teil und spielte besonders bei dem Rückzug aus Hondschoote und der Verteidigung Menens eine wichtige Rolle, weshalb er auf Betreiben von General Rudolf von Hammerstein zum Major befördert wurde. Seine Kriegserlebnisse schilderte der 38-jährige Scharnhorst am 24. Mai 1793 in einem Brief an seine Frau Clara:
Nach dem Krieg 1796 zum Oberstleutnant befördert, beschäftigte er sich mit literarisch-militärischen Arbeiten (wie für die allseits in Europa anerkannte Zeitschrift Neues Militärisches Journal), in denen er seine Erfahrungen aus den Feldzügen von 1793 bis 1795 verarbeitete. Zudem legte er seinen Vorgesetzten mehrere Denkschriften über Reformen, die seiner Meinung nach in der kurhannoverschen Armee nötig seien, vor. Weil seine Reformvorschläge in Hannover unbeachtet blieben, trat er 1801 als Oberstleutnant der Artillerie in den preußischen Dienst und wurde zum Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere ernannt, auf die sein Unterricht großen Einfluss ausübte. Einige Schüler wurden später seine Freunde und Mitarbeiter bei der Heeresreform, so wie Carl von Clausewitz, Hermann von Boyen, Karl von Grolman und Karl von Müffling.
1802 stiftete er die Militärische Gesellschaft in Berlin, der General Ernst von Rüchel als Präses vorstand. Die Gesellschaft gilt als Keimzelle der Heeresreform. 1802 wurde Scharnhorst in den Adelsstand erhoben; auf ihn geht das inzwischen erloschene preußische Adelsgeschlecht von Scharnhorst zurück. Im gleichen Jahr zum Obersten befördert, wurde er 1806 als Chef des Stabes zunächst dem General von Rüchel, später dem Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig zugeteilt. Ununterbrochen schrieb er auch in diesen Jahren Denkschriften über Reformen wie z. B. die Einführung einer Nationalmiliz und die Mobilmachung.
In der Schlacht bei Auerstedt führte Scharnhorst die ihm zugeteilten Truppen vortrefflich, wurde jedoch in der linken Seite verwundet und machte den Rückzug Blüchers nach Lübeck mit. In einem Brief an seine Tochter Julie am 22. November 1806 aus Rostock schreibt er:
Mit Blücher gefangen, aber – ebenso wie dieser – bald wieder ausgetauscht, wohnte er als Generalquartiermeister in L’Estocqs Korps der Schlacht bei Preußisch Eylau bei. Wegen seines tapferen und klugen Einsatzes in der Schlacht wurde er mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet.
Heeresreform Nach dem Frieden von Tilsit wurde er am 17. Juli 1807 zum damals jüngsten Generalmajor der preußischen Armee befördert. Kurz darauf, am 25. Juli 1807, ernannte ihn der König zum Chef des Kriegsdepartements (Kriegsministerium), zum Chef des Generalstabes und außerdem zum Vorsitzenden der Militär-Reorganisationskommission. Zu deren wichtigsten Mitgliedern zählten Gneisenau, Grolman, Boyen und Clausewitz. In dieser Stellung reorganisierte er das Heer von Grund auf, indem er Qualifikationsvoraussetzungen für den Offizierstand einführte, das Werbesystem beseitigte und durch möglichst rasche Ausbildung der Rekruten (das Krümpersystem) eine starke Reserve schuf sowie dem Soldatenstand zu besserem Ansehen verhalf: durch die Abschaffung der entwürdigenden Prügelstrafe und Verbesserung der Bildung, insbesondere für Offiziere. Zudem reformierte er das gesamte Heereswesen im Sinne der Aufklärung und des Humanismus, schaffte die alten Adelsvorrechte ab und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Er wandelte die preußische Armee in ein stehendes Volksheer um und bereitete so die Organisation der Landwehr und die Befreiung Deutschlands vor. Mit seiner Heeresreform nahm Scharnhorst das Konzept des Staatsbürgers in Uniform vorweg:
Im Juni 1810 musste er aufgrund französischen Drucks „der Form halber“ vom Amt des preußischen Kriegsministers zurücktreten, blieb jedoch Chef des Generalstabes und nutzte die gewonnene Zeit als neuer Chef des Ingenieurkorps zu dessen Aufbau. Während dieser Zeit arbeitete er eng mit dem Oberst Gustav von Rauch zusammen, der als Chef des Ingenieurkorps sein Nachfolger wurde.
Befreiungskriege Als die Russen Anfang 1813 an der Grenze Schlesiens erschienen, betrieb Scharnhorst mit Eifer die Erhebung Preußens und den Abschluss des Traktats von Kalisch mit Russland (28. Februar). Mit Sicherheit hat Scharnhorst das Militärbündnis von Kalisch und die Stiftung des Eisernen Kreuzes dringend befürwortet. Entscheidender für den Abschluss des Vertrages von Kalisch war jedoch der Kanzler Hardenberg. Nach Ausbruch der Kämpfe wurde Scharnhorst im Februar als Chef des Generalstabs der Schlesischen Armee des preußischen Oberbefehlshabers Blücher zugeteilt, mit dem er gemeinsam – jedoch vergeblich – eine energischere Kriegführung forderte. Am 11. März 1813 erfolgte die Beförderung zum Generalleutnant.Berliner Morgenpost (Hrsg.): Sie prägten Preussen. Lebensbilder einer grossen Geschichte. Ullstein Verlag, Berlin 1981, S. 69.
In der Schlacht bei Großgörschen (2. Mai 1813) erlitt er eine Schussverletzung am linken Knie, am selben Tage wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Wenige Wochen später, am 28. Juni 1813, starb Scharnhorst in Prag infolge unzureichender Behandlung der Knieverletzung, als er auf dem Weg nach Wien war, um Österreich zum Anschluss an die Koalition zu bewegen.
Grabstätte mini|Scharnhorst-Grabstätte von Karl Friedrich Schinkel auf dem Invalidenfriedhof in Berlin.
Scharnhorst wurde auf dem Invalidenfriedhof in Berlin im Feld C, G1 beigesetzt, wo sein Grab durch ein von Karl Friedrich Schinkel gestaltetes Monument ausgezeichnet ist, mit einem Relief von Friedrich Tieck und der Bronzeplastik eines Schlafenden Löwen von Theodor Kalide. Neben ihm wurden seine Söhne August und Wilhelm, seine Tochter Julie mit ihrem Ehemann, dem Generalfeldmarschall Friedrich zu Dohna-Schlobitten, und zwei Enkelsöhne bestattet. Die Grabstätte ist ein Ehrengrab der Stadt Berlin. In unmittelbarer Nähe zu Scharnhorst wurden einstige Mitstreiter beigesetzt: 1841 Gustav von Rauch und 1848 Hermann von Boyen. Dieses Ensemble von Grabmalen blieb trotz seiner unmittelbaren Nähe zur Berliner Mauer, die den Invalidenfriedhof durchtrennte, erhalten und wurde nach der deutschen Wiedervereinigung umfassend restauriert.
Nachkommen Scharnhorst hatte sich am 24. April 1785 in Bordenau mit Klara Schmalz (1762–1803) verheiratet. Aus der Ehe gingen folgende Kinder hervor: