mini|Das Jüngste Gericht. Aus der Bamberger Apokalypse, um 1000. Auftraggeber der Handschrift war entweder Otto III. oder Heinrich II. mini|Barockes Epitaph an der Dorfkirche in Nebel (Amrum) mit Memento-Mori-Inschrift aus dem Jahr 1645 – Übersetzung: oben „Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst“ / unten „Gestern mir, heute dir“

Der Ausdruck Memento mori ist ein Symbol der Vergänglichkeit (Vanitas) aus dem antiken Rom, das bis heute verwendet wird. Er entstammt dem Lateinischen und bedeutet sinngemäß „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“ oder „Bedenke, dass du sterben musst“.Erklärung der lateinischen Formen:  = Imperativ (Befehlsform, „erinnere dich, sei dir bewusst“) von  = Infinitiv Passiv, Deponens („sterben“). Nach einer anderen Erklärung wäre die Kurzform von (mit dem Gerundivum): „Bedenke, dass du sterben musst.“

Ein solcher Ausdruck ist typisch für die Philosophie der Antike. Vielen antiken Philosophen galt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod als sehr wichtig, bspw. Demokrit, Plato und den Stoikern. Der Ausdruck in der konkreten Formulierung „memento mori“ verbreitete sich aufgrund der Verwendung bei einem Ritual bei Triumphzügen im antiken Rom. Bei diesem Ritual stand oder ging hinter oder nahe dem siegreichen Feldherrn ein Begleiter, häufig ein Sklave. Manchmal hielt er einen Gold- oder Lorbeerkranz über den Kopf des Siegreichen. Er mahnte ihn ununterbrochen mit Worten wie „“ oder auch „“ („Bedenke, dass du ein Mensch bist“) bzw. „“ („Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist“).

Historischer und geistesgeschichtlicher Hintergrund mini|Ausschnitt aus dem Holzstich Totentanz (Hans Holbein der Jüngere, 1538). Holbein zeigt hier, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte. mini|hochkant| (Leipziger Neues Rathaus)

Nachdem gegen Ende des Frankenreichs während des sogenannten „Dunklen Jahrhunderts“ 882–962 das kirchliche Leben moralisch auf einen Tiefpunkt gesunken war und sich schwere Missstände entwickelt hatten,Rudolf Fischer-Wolpert: Lexikon der Päpste. Marix Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-937715-68-1, S. 175. führte in einer Gegenbewegung zu Beginn des Hochmittelalters vor allem die cluniazensische Reform zu einer gesteigerten Askese und Reinigung von allem Weltlichen innerhalb der Kirche, insbesondere in den Klöstern, mit einer zunehmenden Mystik (am bekanntesten ist die Benediktinerin Hildegard von Bingen).Herbert A. Frenzel, Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Bd. I. 4. Aufl. dtv, München 1967, S. 17. Um die 150 Reformklöster wurden damals allein in Deutschland gegründet (europaweit waren es um die 2000), darunter vor allem im süddeutschen und österreichischen Raum St. Blasien, Hirsau als Zentrum der Hirsauer Reform, Melk und Zwiefalten. Zentral war dabei vor allem der Gedanke der Vanitas, aus dem zwangsläufig gefolgert wurde, es sei im Leben am wichtigsten, sich auf den Tod vorzubereiten und auf das darauf folgende Letzte Gericht, um so das eigene Seelenheil zu gewährleisten. Ähnliche Ideen hat es auch später und in anderen Religionen immer wieder gegeben, doch selten in dieser absoluten Konsequenz.

Eine weitere Folge der cluniazensischen Reform, als diese an Kraft verlor und Cluny zu einer sehr reichen Abtei geworden war mit den damit einhergehenden Dekadenzerscheinungen, war die Gründung des kontemplativ orientierten Zisterzienserordens ab 1112 mit dem Ziel, wieder streng nach der Benediktinerregel in Armut und nach dem allerdings erst im späten Mittelalter formulierten Grundsatz zu leben. Entscheidend für das Aufblühen und die Expansion der Zisterzienser war Bernhard von Clairvaux. Mehrere Päpste unterstützten die Reform, vor allem Leo IX., Gregor VII., Urban II. und Paschalis II., indes der Investiturstreit mit dem deutschen König und späteren römischen Kaiser Heinrich IV. tobte und politische Wirren mit mehreren Gegenpäpsten den Heiligen Stuhl erschütterten. Die drei letzten Päpste waren zuvor Mönche in der Abtei Cluny gewesen.Fischer-Wollpert, S. 65–71, 175f., 204ff.

Das katastrophale epidemische Auftreten der Pest in Europa ab Mitte des 14. Jahrhunderts führte erneut zu einer Verstärkung des Memento-mori-Gedankens (dazu Geschichte der Pest). Auch in der bildenden Kunst finden sich vor allem an und in Kirchen- und Klosterbauten jener Zeit auffallend häufig Darstellungen des Memento mori. Typisch sind Totentanz-Darstellungen und später Pestsäulen.

Gebräuchlich ist auch („Gedenke des Todes“). Mit dem Motiv in Zusammenhang stehen Sinnsprüche wie („Mitten im Leben sind wir im Tode“) oder („Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“), beispielsweise auf der Rathausuhr in Leipzig (um 1900). Allerdings zeigt sich hier wie auch in anderen Formen bereits eine nachcluniazensische Verflachung des ursprünglich tiefen philosophisch-theologischen Konzeptes der cluniazensischen Reform zugunsten einer nur noch dekorativen Funktion.

Mittelalterliche Literatur Bereits in der Zeit der Karolinger hatte es hier und da Dichtungen mit vergleichbarer Thematik gegeben, die sich mitunter auch schon des Endreimes statt des alten Stabreimes bedienten.Helmut de Boor: Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung. Bd. 1. 4. Aufl. C.H. Beck, München 1949, S. 74ff. Doch erst im beginnenden Hochmittelalter wurde Memento mori mit der cluniazensischen Reformbewegung für etwa 100 Jahre zur bestimmenden Grundidee. Zentral war innerhalb der cluniazensischen Reform, dass die Kirche nun auch in der Sprache der Laien zu reden begann, also in Deutsch, nicht mehr in Latein. Entsprechend setzte nun eine frühmittelhochdeutsche Literatur ein, in deren Zentrum religiöse Texte standen und die von 1060 bis 1170 dauerte. De Boor schreibt: Die entsprechende Literatur wird daher auch „cluniazensisch“ genannt und eine ihrer wesentlichen Formen war die Reimpredigt.De Boor, S. 136ff. Insgesamt sechs dieser großen, teils auch in Beichtform verfassten Reimpredigten sind uns erhalten: das Ezzolied, das zusammen mit dem Memento mori in derselben Ochsenhausener Handschrift überliefert ist, Himmel und Hölle (es enthält die berühmte Klage: „“), die Wiener Genesis, das Annolied – dem Stil nach eine Heiligenvita – und zuletzt das Merigarto, Rest eines Schöpfungsberichts mit der frühesten Darstellung Irlands.De Boor, S. 143–154.

Die Reimpredigt „Memento mori“ mini|Die Qualen des 8. Höllenkreises im 18. Gesang der Göttlichen Komödie Dantes, dargestellt von Sandro Botticelli. Die dargestellten Strafen wie Verbrennen und Zerhacken wurden im Mittelalter durchaus wörtlich verstanden, und man versuchte dem durch Frömmigkeit möglichst zu entgehen.

Die Reimpredigt „Memento mori“ ist wie die Fassung S des Ezzoliedes in der Ochsenhausener Handschrift überliefert und wurde um 1070 im Reformkloster Hirsau im frühmittelhochdeutschen alemannischen Dialekt verfasst, der mitunter, etwa von Braune, aber auch noch dem Althochdeutschen zugerechnet wird, da er eine Übergangsform darstellt. Das Gedicht ist fortlaufend geschrieben, jedoch in Strophen mit Reimpaaren gegliedert.Wilhelm Braune: Althochdeutsches Lesebuch. 13. Aufl. bearb. v. Karl Helm. Max Niemeyer Verl., Tübingen 1958, S. 174.

Thema ist der ewige Gegensatz von Diesseits und Jenseits, Gott und Welt. Die Welt ist schlecht und voller Übel, sie ist vergänglich und durch den Tod bestimmt. Das gilt auch für alle Arten von weltlicher Ordnung mit arm und reich, edel oder niedrig. Der Mensch hat jedoch einen freien Willen, die , der ihm von Gott gegeben wurde. Damit muss er sich im irdischen Leben bewähren mit Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Verschenken des Reichtumes. Das bedeutet aber keine Erziehung zum christlichen Gemeinschaftsleben, wie das in Memento-mori-Predigten der cluniazensischen Spätzeit üblich wurde, sondern eine Form der Weltentsagung und Vorbereitung auf das Jüngste Gericht. Von Heilsgewissheit ist keine Rede mehr, was bleibt, ist nur die bange Furcht vor dem Schicksal nach dem Tod und der Endgültigkeit und Strenge des göttlichen Urteils, dem man sich zu unterwerfen hat.De Boor, S. 148.

mini|Friedhofsportal in Ramsau mit der Aufschrift: „Gedenk o Mensch, daß du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ Mit ursächlich für diese Haltung ist die theologische Inkonsequenz des Neuen Testamentes: hier Sündenvergebung durch Christi Tod am Kreuz etwa in den Römer-, Galater- und Korintherbriefen des Paulus, dort eschatologische Androhung schrecklichster Höllenstrafen etwa in der Offenbarung des Johannes,Kurt Hennig (Hrsg.): Jerusalemer Bibellexikon. 3. Aufl. Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1990, ISBN 3-7751-2367-9, S. 224f. wie sie vor allem von Dante Alighieri in der 1307 begonnenen Göttlichen Komödie so drastisch geschildert werden, in deren Zentrum der lange, mühevolle Weg einer Seele zum himmlischen Heil steht.Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Kindler Verlag, München; Komet Verlag, Frechen 1988/1998, ISBN 3-89836-214-0, Bd. 1 S. 316.

Der Memento-mori-Gedanke legt dabei die Betonung auf den nur durch enorme Anstrengungen des Menschen abzumildernden Strafcharakter und lässt den Erlösungsgedanken weitgehend unbeachtet. Während der Kirchengeschichte hat sich der Schwerpunkt zwischen diesen beiden Polen immer wieder einmal hin und her verschoben, doch selten so unerbittlich extrem wie hier. In der Reformation war etwa die bereits von Augustinus entworfene Rechtfertigungslehre das Zentrum der lutherischen Gnadenlehre, und damit stand der Erlösungsgedanke im Mittelpunkt.The New Encyclopedia Britannica. 15. Aufl. Encyclopedia Britannica Inc., Chicago 1993, ISBN 0-85229-571-5, Bd. 6. S. 662.

Nachwirkungen In der spätcluniazensischen Periode sind asketische Memento-mori-Bußpredigten vor allem neben einigen unbedeutenderen Dichtern vom „Armen Hartmann“ und insbesondere in vollkommenerer Form von Heinrich von Melk überliefert. Dabei entwickelt sich die Reimpredigt endgültig zu einer eigenen Gattung. Besonders Heinrich gibt dabei dem Gefühl einer Zeitenwende Ausdruck, in deren Verlauf die rein religiös bestimmte Lebenshaltung dem Aufziehen einer Kultur Platz macht, in der das Diesseits grundsätzlich bejaht wird: die höfische Kultur des Hochmittelalters, in deren Zentrum dann der sehr diesseitige, lebensbejahende Minnesang stand, der allerdings der Dichtung der cluniazensischen Periode formal viel verdankt (z. B. die Strophe und den Endreim). Heinrich führte das letzte Rückzugsgefecht der cluniazensischen Lebensrichtung gegen diesen von ihm als schlechte Sitte empfundene positive weltliche Sichtweise. Er wehrte sich vor allem gegen den erneuten Einbruch der drei Hauptlaster bei der Geistlichkeit: Habsucht, Simonie und üppigen Lebenswandel. In diesem Kampf, der ihn schließlich sogar zum Satiriker werden ließ, ersetzte er die rein aufs Jenseits zielende Memento-mori-Thematik immer mehr durch Sozialkritik, die bisher nur ein Seitenthema bei der Tadelung alles Weltlichen und dem Primat von Demut und Nächstenliebe gewesen war.De Boor, S. 179–187.

Die von Verdi und anderen kongenial vertonte hochmittelalterliche Sequenz in lateinischer Sprache ist eine der bedeutendsten künstlerischen Bearbeitungen des Memento mori der Folgezeit überhaupt und war bis 1970 liturgischer Teil der katholischen Totenmesse (Requiem). Als Autor gilt Thomas von Celano (* um 1190; † um 1260), Freund und Biograph von Franz von Assisi. Das vermutlich von Thomas von Kempen verfasste spätmittelalterliche entstammt wohl ebenfalls noch dieser nachwirkenden Geisteshaltung und zeigt Verwandtschaft mit dem Fortuna-Motiv.