mini|300px|Blick von St. Petri auf das Stadtzentrum von Nordhausen

Nordhausen (; auch Nordhausen am Harz; in nordthüringischer Mundart NordhusenHans-Joachim Graul: Nordhuse – Nordhausen. Nordhausen-Salza 2005, S. 46.) ist eine Mittelstadt im Landkreis Nordhausen (Thüringen) und ehemalige Reichsstadt. Die Kreisstadt nimmt als Hochschulstandort sowie als nordthüringisches Kultur- und Industriezentrum den Status eines Oberzentrums ein.MDR Thüringen: Drei neue Oberzentren in Thüringen festgelegt (), abgerufen am 9. Juli 2024. Die nach Einwohnern sechstgrößte Stadt in Thüringen liegt am Südrand des Harzes im Nordwesten der Goldenen Aue. Durch das Stadtgebiet fließt die Zorge.

Das 876. zum ersten Mal erwähnte Nordhusa wurde 927Urkunde Heinrichs I. Nr. 20 . als Nordhuse in einer Schenkungsurkunde Heinrichs I. an seine Frau Königin Mathilde genannt, die hier 961 ein Damenstift einrichtete. Nordhausen war ab 1220 neben Mühlhausen eine von zwei freien Reichsstädten in Thüringen, bis es 1803 infolge des Reichsdeputationshauptschlusses an Preußen fiel. Zudem gehörte sie mit der heutigen Landeshauptstadt Erfurt und Mühlhausen dem Thüringer Dreistädtebund an. Der Nordhäuser Roland als Wahrzeichen der Stadt symbolisierte die Reichsfreiheit. Im 15. Jahrhundert war die Stadt Mitglied der Hanse. Von 1943 bis 1945 produzierte das Rüstungszentrum Mittelwerk GmbH am Kohnstein zunächst im Buchenwalder Außenlager Dora, ab 1944 im verselbstständigten Konzentrationslager Mittelbau, in das weitere KZ-Außenlager in der Region eingegliedert wurden, unterirdisch die V2-Waffe und andere Rüstungsgüter. Anfang April 1945 wurde die von Fachwerkhäusern geprägte Stadt durch zwei Luftangriffe der Royal Air Force zu drei Vierteln zerstört; über 8800 Menschen starben, Zehntausende wurden obdachlos.

Das Nordhäuser Stadtbild ist von vielen Anhöhen, Grünanlagen, einer lockeren urbanen Bebauung mit Nachkriegsbauten, verschiedenen Baudenkmälern und Kirchbauten geprägt. Bedeutendstes Bauwerk ist der romanisch-gotische Dom zum Heiligen Kreuz mit der zu 25 % erhaltenen Altstadt um ihn herum.https://www.staedtebaufoerderung.info/SharedDocs/praxisbeispiele/DE/wachstum_nachhaltige_erneuerung/TH_Nordhausen.html Anlässlich der Landesgartenschau 2004 wurden Teile der Stadt modernisiert. Überregional bekannt ist die Stadt für ihre Spirituosenherstellung, besonders den Nordhäuser Doppelkorn. Der Nordhäuser Bahnhof verknüpft die Harzquerbahn am Beginn der Süd-Nord-Achse der Harzer Schmalspurbahnen mit der West-Ost-Achse der Bahnstrecke Kassel–Halle sowie vor Ort mit der Straßenbahn Nordhausen.

Geographie Ortslage mini|Zorge

Nordhausen ist eine Mittelstadt und liegt eingebettet zwischen den Vorhöhen des Harzes im Norden, der fruchtbaren Goldenen Aue im Südosten und der Rüdigsdorfer Schweiz im Nordosten. Nördlich angrenzend liegt der Naturpark Südharz. Die Umgebung von Nordhausen gehört der Schichtstufenlandschaft an, welche als südliches Vorland des Harzes den Raum zwischen dem Gebirgsrand und der Hainleite einnimmt. Dieses Vorland weist neben breiten und flachen, zuweilen beckenartig erweiterten Talniederungen eine Anzahl Höhenzüge von geringer Erhebung auf. Den Baugrund bilden diluviale Schotter über Oberem Buntsandstein.

Durch die Stadt fließen die Zorge – ein Nebenfluss der Helme – und die Salza, die der größten Quelle Thüringens, dem Salzaspring, entspringt. Südöstlich von Nordhausen befinden sich sechs Baggerseen, die durch Kiesabbau ab den 1960er Jahren entstanden und allgemein mit „Kiesschacht“ oder „Bielener Kiesseen“ zusammengefasst werden: Auesee, Bielener See, Forellensee, Möwensee, Sundhäuser See und Tauchersee.

Nordhausen ist nach Erfurt, Jena, Gera, Weimar und Gotha die nach Einwohnern sechstgrößte Stadt in Thüringen, vor Eisenach. Die nächstgelegenen Großstädte sind Göttingen (etwa 60 km westlich), Erfurt (etwa 61 km südlich), Halle (Saale) (etwa 81 km östlich), Braunschweig (etwa 87 km nördlich) und Magdeburg (etwa 91 km nordöstlich).

Das ursprüngliche Stadtgebiet (die heutige Altstadt) liegt auf einer westlich und südlich abfallenden Anhöhe. Die Höhenlage der Stadt schwankt zwischen 180 und 250 Meter (NHN). Daher rühren die charakteristischen Bezeichnungen Ober- und Unterstadt.

Die Fläche der Stadt beträgt 105,62 km² (2019), was 14,8 Prozent der Fläche des Landkreises ausmacht., nordhausen.de, abgerufen am 27. April 2019. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 12,8 km und die Ost-West-Ausdehnung 19,0 km. Der niedrigste Punkt des Stadtgebietes ist 165 m über HN und der höchste 360 m.

Ursprünglich besaß Nordhausen wenig Ländereien rund um das Stadtgebiet. Im Jahr 1315 erfolgte der Ankauf hohnsteinischer Gebiete rings um die Stadt. 1365 wurde das Neustadtgebiet eingemeindet, und es gab weiterhin das Bestreben, durch Kauf Land im Westen und Süden über die Zorge hinaus bis zu Helme und Salza zu gewinnen (1368, 1370, 1559, 1578). 1950 wurden die Dörfer Krimderode und Salza eingemeindet, ab den 1990er Jahren folgten insgesamt zwölf weitere Eingemeindungen, wodurch die Stadtfläche von 79,14 km² (1994) auf 105,62 km² (2019) anwuchs.

Stadtgliederung

Stadt- und Ortsteile: Bielen, etwa 1370 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994 Buchholz, etwa 210 Einwohner, eingemeindet am 6. Juli 2018 Herreden, etwa 400 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994 Hesserode, etwa 630 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1997 Hochstedt, etwa 80 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1950 Hörningen, etwa 350 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994 (am 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Herreden, am 1. Januar 1963 Ausgliederung aus Herreden) Krimderode (Stadtteil), eingemeindet am 1. Juli 1950 Leimbach mit Himmelgarten, etwa 900 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994 Petersdorf, etwa 390 Einwohner, eingemeindet am 1. Dezember 2007 Rodishain, etwa 320 Einwohner, eingemeindet am 1. Dezember 2007 Rüdigsdorf, eingemeindet am 23. März 1993 Salza (Stadtteil mit Siedlung Obersalza), eingemeindet am 1. Juli 1950 Steigerthal, etwa 400 Einwohner, eingemeindet am 1. April 1999 Steinbrücken, etwa 240 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994 Stempeda, etwa 300 Einwohner, eingemeindet am 1. Dezember 2007 Sundhausen, etwa 1200 Einwohner, eingemeindet am 1. Juli 1994

Geologie Nordhausen liegt im Nordthüringer Hügelland, welches durchweg aus Buntsandstein besteht. Die beckenartige Hügellandschaft wird überwiegend landwirtschaftlich genutzt. In den Tälern gibt es Ablagerungen von Löss und anderem Lockergestein und durch unterirdische Auslaugungen zahlreiche Erdfälle.

Klima Die Umgebung von Nordhausen wird zum sogenannten Bördeklima gerechnet, das sich durch Julimittel von über 17 °C, einem milden Winter (Januar nicht unter −1 °C) und gerade ausreichende Niederschläge mit 500–650 Millimetern auszeichnet. Buchenwald, Eiche und Hainbuche bilden sein Charakteristikum. Westlich und nördlich schließt sich das etwas rauere mitteldeutsche Berg- und Hügellandklima an, während der Oberharz mit dem Brocken eine Sonderstellung durch sein Mittelgebirgsklima mit kurzer Vegetationszeit, überreichlichen Niederschlägen und verhältnismäßig tiefen Temperaturen hat. Der Harz nimmt eine Schutzfunktion für Nordhausen ein; der Harzrumpf ist so hoch und breit, dass er die von Norden und Nordosten sich heranschiebenden Kaltluftmassen voll wirksam abstaut. Viel offener liegt Nordhausen vor den Westwinden. In den Frühjahrs- und Herbstmonaten kann eine kräftige Bodennebelentwicklung auftreten. Die Stadtchronik berichtet von etlichen Jahren, in denen die Mühlen aufgrund des Ausbleibens der sommerlichen Niederschläge nicht mahlen konnten.

Von 1900 bis 1950 betrug die Durchschnittstemperatur 8,1 °C, von 1956 bis 2005 betrug sie 8,6 °C.Josef Tauchmann: Das Klima des Südharzvorlandes. Köhler, Nordhausen 2006, S. 106. Im August 1998 wurde ein Temperaturmaximum von 38,6 °C gemessen, im Januar 1987 ein Temperaturminimum von −27,2 °C.

22 schwere Unwetter zwischen 1615 und 1781 verzeichnete der Historiker Friedrich Christian Lesser. Im 20. Jahrhundert wurden drei schwere Unwetter (1925, 1946, 1980) gezählt. Zum Jahreswechsel 1925/26 und im Januar 1946 verursachte Hochwasser große Schäden; die Sommer- und Winterhochwässer sind auf die spezifischen Abflussverhältnisse des Harzgebietes zurückzuführen.

Ein Orkan mit Windstärke 12 und Starkregen beschädigte am 15. Juni 1980 zahlreiche Häuser und entwurzelte Bäume. Im Stadtpark wurden 60 Prozent und im Gehege ein Drittel des Baumbestandes zerstört.Eduard Fritze, Gunter Görner: Naturhistorische Chronik. Rockstuhl, Bad Langensalza 2015. S. 347. Auch der wertvolle Baumbestand im Park Hohenrode wurde erheblich dezimiert. Besonders verheerend wütete der Orkan in den angrenzenden Forstrevieren, wo er 240.000 Festmeter Bruchholz verursachte; etwa 70 Prozent der getroffenen Bäume waren Buchen, der Rest Fichten. Viele Hänge wurden zu Kahlflächen.

Geschichte

Name der Stadt Frühe urkundliche Namensformen sind Nordhusa (876), Nordhuse (929), Northusun (965, 1075, 1105), Northuson (993, 1042,. 1105), Nordhusen (ab dem 12. Jahrhundert) und Northusia (1200, latinisiert).Pierre Fütterer: Wege und Herrschaft. Untersuchungen zu Raumerschließung und Raumerfassung in Ostsachsen und Thüringen im 10. und 11. Jahrhundert (= Palatium. Band 2). Schnell + Steiner, Regensburg 2016, ISBN 978-3-7954-3064-1, Bd. 1, S. 296–301. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert überwiegt in Chroniken und Statuten die Schreibweise Northusen, ab 1480 ist die Lautung Northausen beziehungsweise später Nordhausen mit frühneuhochdeutscher Diphthongierung bezeugt.Manfred Niemeyer (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-018908-7, S. 457. Laut germanistischer Namenforschung liegt eine Bildung aus „Nord“ und „-hausen“ (ursprünglich ein Dativ Plural, also „bei den Häusern“) vor; die Bedeutung des Ortsnamens ist demnach „bei der nordwärts gelegenen Ansiedlung“. Das namenkundliche Gegenstück bildet die Ortschaft Sundhausen, die etwa zur selben Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nordhausen gegründet wurde und deren Name „bei der südwärts gelegenen Ansiedlung“ bedeutet (sunt ist mittelhochdeutsch für Süden). Die Einwohner der Stadt heißen korrekt „Nordhäuser“ (in der Mundart „Nordhisser“).

Wegen seiner jahrhundertealten Tradition der Branntwein-Herstellung trägt Nordhausen auch den Ortsnecknamen „Branntwienpisser“ und „Schnapshausen“.Frauenprojekt an der Umweltakademie Nordthüringen e. V. (Hrsg.): Erfrischendes aus der Region. Spitznamen aus dem Landkreis Nordhausen. Auleben 1999. S. 19. Ein weiterer Spottname ist „Priemköppe“ wegen der ehemaligen Kautabakproduktion.

Vor- und frühgeschichtliche Besiedlung mini|Trepanation an einem neolithischen Schädel, Fundort: Nordhausen, Museum für Ur- und Frühgeschichte in Thüringen