Die Syrisch-Maronitische Kirche von Antiochien (, auch maronitisch-katholische Kirche) ist eine mit Rom unierte Kirche, die den Papst als Oberhaupt anerkennt, deren Liturgie und geistliches Leben aber dem antiochenischen (westsyrischen) Ritus folgen. Die Mitglieder der Kirche werden Maroniten (, ) genannt.
Das Zentrum der Maronitischen Kirche befindet sich seit dem Mittelalter im Libanon, wo die Maroniten die größte christliche Konfession und rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung stellen. In ihrem Ursprungsland Syrien ist die Zahl der maronitischen Christen stark zurückgegangen. Viele Maroniten leben infolge von Emigration in der Diaspora in Nord- und Südamerika, Europa und Australien.
Ihre Kirchensprache ist ursprünglich das westsyrische Aramäisch, heute für Bibelübersetzungen, Predigten und Teile der Liturgie auch Arabisch, das schon seit dem Mittelalter die Alltagssprache der Maroniten wurde.
Die Gründung und den Namen ihrer Kirche führen die Maroniten auf den heiligen Maron, einen syrisch-aramäischen Mönch, zurück. Sie sehen sich durch das Patriarchat von Antiochien in apostolischer Sukzession.
Geschichte der Maroniten mini|hochkant|Traditionelle Trachten: ein Maronit aus dem Libanon (links) neben einem Bewohner des Dschebel und einer christlichen Frau aus dem Libanon aus dem späten 19. Jh. (Illustration aus Zur Geschichte der Kostüme von Braun & Schneider, 1861–1880 München) mini|Ludovico Wolfgang Hart: Maronitin aus Zūq al Kabīr bei Aleppo, 1865
Mittelalter Die Maroniten sprachen ursprünglich Syrisch-Aramäisch. Ihre Glaubensgemeinschaft entstand im 7. Jahrhundert als eine Abspaltung der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien. Ihr Name geht auf Maron von Beit (, lat. Maro, syrisch Maron) zurück, der um 400 als Mönch am unteren Orontes (heute Syrien) lebte.
Als Anhänger des Monotheletismus wurden die Maroniten 681 nach dem Dritten Konzil von Konstantinopel als Ketzer exkommuniziert. Der Monotheletismus besagt, dass Jesus Christus zwar eine göttliche und eine menschliche Natur, aber nur einen göttlichen Willen besitze; damit stand er theologisch zwischen dem Monophysitismus und der auf dem Konzil von Chalcedon festgelegten Zweinaturenlehre, dem traditionellen Bekenntnis der oströmischen Reichskirche (und zugleich dem der heutigen katholischen, orthodoxen und reformatorischen Kirchen) und sollte nach erfolglosen Versuchen Kaiser Herakleios’ die Wiedereingliederung der monophysitischen Kirchen der Armenier, Syrer und Kopten in die Reichskirche bewirken. Seit der Annäherung der Maroniten an die römisch-katholische Kirche im 12. Jahrhundert haben die Maroniten die monotheletische Doktrin aufgegeben.
Der oströmische Kaiser Justinian II. unterlag 694 im Kampf gegen die Maroniten, die dadurch ihre Eigenständigkeit bewahrten. In Auseinandersetzungen mit dem islamischen Kalifen al-Walid I. im Jahr 707 wurden sie in die Berggebiete vertrieben und mussten 759 eine Niederlage gegen die abbasidischen Besatzer hinnehmen.
Nach der Zerstörung des Klosters des heiligen Maron durch syrische Muslime flüchteten sie im 10. Jahrhundert unter Führung ihres Patriarchen, Johannes Maroun I., in den Libanon, wo sich das maronitische Christentum festigte und unter der lokalen Bevölkerung ausbreitete. Das Libanongebirge zwischen Tripoli und Beirut und die vorgelagerten Ortschaften und Städte am Mittelmeer bilden heute das einzige zusammenhängende Gebiet der arabischen Welt, in der sich eine fast ausschließlich christliche Bevölkerung hält.
Im 12. Jahrhundert stellten sich die Maroniten unter den Schutz der christlichen Kreuzritter. Aus dieser Begegnung stammt ihre Bindung an die römisch-katholische Kirche seit 1182. Die Allianz mit den Kreuzrittern wurde nach deren Abzug von den Mameluken geahndet: Maroniten, aber auch Drusen und Schiiten erlebten eine Zeit militärischer Verfolgung. Dennoch erhielten die Maroniten ihre Bindung an die katholische Kirche aufrecht und festigten sie. Im Jahr 1445 bekräftigten sie auf dem Konzil von Florenz ihren Anschluss und gelten seitdem offiziell als mit Rom unierte Ostkirche. Sie bilden die einzige Kirche ihres Zweiges, die sich als Ganze dem Papst unterstellt hat.
Emirat Libanonberg Im Osmanischen Reich konnten die Maroniten ihre Autonomie in den abgeschiedenen Gebirgsgegenden des Libanon bewahren, zum Teil in Kooperation mit drusischen Feudalherren wie dem Emir Fachr ad-Dīn II. Im Emirat Libanonberg erreichten Drusen und Maroniten 1585–1635 weitgehende Selbständigkeit im Libanongebirge (unter Ausschluss der Küstenstädte). Dank der hervorragenden Beziehungen der Maroniten zu Europa, vor allem zu Frankreich und Italien, erlebte der Libanon in dieser Zeit eine kulturelle Blüte. Unter anderem führten maronitische Mönche die ersten arabischen Druckerpressen ein, während im islamischen Raum bis 1729 Arabisch ausschließlich mit der Hand geschrieben wurde. Frankreich stellte bereits 1638 alle Katholiken des Osmanischen Reiches – und damit auch die Maroniten – unter seinen Schutz, ehe es im 19. Jahrhundert an politischem Einfluss in der Levante gewann und zur Schutzmacht des Libanon aufstieg.
Ab 1736 propagierte die Kirche die Gründung von konfessionellen Schulen mit dem Ziel, alle männlichen Maroniten zu beschulen. Dieses Bildungssystem brachte im nächsten Jahrhundert viele führende Köpfe der Nahda im Libanon hervor.Fawwaz Traboulsi: A History of Modern Lebanon. 2. Auflage, London, 2007, S. 60
Infolge von Napoleons Ägyptenfeldzug gelang es den Emiren des Libanon, erneut eine Autonomie zu erlangen, die bis in die 1840er Jahre bestand. Im 17. Jahrhundert hatte die Schihab-Dynastie das Emirat von der Familie der Maan geerbt; die Schihabs waren im 10. Jahrhundert in den Libanon gekommen und ursprünglich sunnitische Muslime vom Stamme der Koreischiten in Mekka gewesen. Emir Baschir Schihab II., der Anfang des 19. Jahrhunderts den Libanon von seiner prachtvollen Residenz, dem Palast Beit ed-Din, aus regierte, ließ sich und seine Familie heimlich maronitisch taufen. Von Baschir II. stammte auch Fuad Schihab ab, der Kommandeur der im Zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite kämpfenden libanesischen Streitkräfte und spätere Staatspräsident der Republik Libanon.
Die maronitische Kirche versuchte, die seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts von Briten und Amerikanern betriebene protestantische Mission im Libanon zu unterdrücken. Handel und Umgang mit den Protestanten wurde seitens der Kirche mit Exkommunikation bedroht. Der erste prominente maronitische Konvertit wurde 1820 inhaftiert und verstarb zehn Jahre später aufgrund der Haftbedingungen.
Mitte des 19. Jahrhunderts ging das Emirat Libanonberg im Konflikt zwischen Muhammad Ali Pascha und der osmanischen Führung unter und wurde der direkten Kontrolle der Hohen Pforte unterstellt. Frankreich und Großbritannien, die versuchten, die Schwächung des Osmanischen Reiches zu nutzen, um ihr eigenes Einflussgebiet auszudehnen, stachelten Maroniten und Drusen im Libanon gegeneinander auf. Diese Zeit wird eindrücklich im 1993 erschienenen Roman Der Felsen des Tanios von Amin Maalouf dargestellt, der in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.
Libanesische Selbstständigkeit und Erster Weltkrieg Anschließend an den Bürgerkrieg 1860, bei dem insgesamt 20.000 Christen in Syrien und dem Libanon ums Leben kamen, setzten Frankreich und Großbritannien die Autonomie der osmanischen Provinz (Mutesarriflik) Libanonberg durch. Infolgedessen wurde der Libanon von einem osmanischen Gouverneur verwaltet, der in der Regel Christ war, jedoch nicht aus dem Libanonberg selbst stammen durfte. Meist wurde das Amt von einem der osmanischen Führungsschicht in Konstantinopel angehörenden katholischen Armenier ausgeübt. Die Autonomie des Libanon wurde von einer europäischen Kommission überwacht. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde sie abgeschafft und der Libanon unter osmanische Militärverwaltung gestellt. Der letzte osmanische Zivilgouverneur wäre beinahe selbst Opfer des Völkermords an den Armeniern geworden und entkam in letzter Minute nach Italien.
Durch die alliierte Seeblockade und Requirierungen von Lebensmitteln der im Libanon operierenden deutschen und osmanischen Heeresverbände kam es zu Hungersnöten und Seuchen, in denen rund 100.000 der damals im Libanon lebenden 450.000 Menschen, vor allem maronitische Christen, umkamen. Während des Ersten Weltkrieges sahen die mit dem Osmanischen Reich verbündeten deutschen Stellen dem Schicksal der libanesischen Christen weitgehend tatenlos zu; nur einzelne deutsche Politiker wie der katholische Zentrumspolitiker Matthias Erzberger traten für die Christen im Osmanischen Reich ein. Hingegen kam es vor allem in den USA zu Protestaktionen, die unter anderem von libanesischen Emigranten wie Khalil Gibran organisiert wurden. Viele Maroniten wanderten in dieser Zeit aus, vor allem in die USA, nach Kanada, Lateinamerika, Australien und Südafrika.
Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Frankreich das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon. Der Selbstverwaltung der Maroniten ab 1920 folgte 1943 ihre konstitutionell gesicherte Rolle im unabhängigen Libanon. Im anlässlich der Ausrufung der libanesischen Unabhängigkeit geschlossenen Nationalpakt, der 1989 im Abkommen von Taif modifiziert wurde, werden 23 der insgesamt 128 Sitze im Parlament den Maroniten zugewiesen; der Staatspräsident, der eine hauptsächlich repräsentative Funktion wahrnimmt, muss Maronit sein.
Entwicklung ab 1970 Im libanesischen Bürgerkrieg unterstützten die meisten maronitischen Familien das rechte von der Kata’ib angeführte pro-westliche Lager; einzelne „linke“ Maroniten, vor allem Mitglieder der kommunistischen Partei, kämpften in den ersten Bürgerkriegsjahren auf Seiten des linken Lagers und der PLO. Insbesondere nach der Ermordung des Drusenführers Kamal Dschumblat, der neben dem Palästinenser Jassir Arafat Kopf des Linken im libanesischen Bürgerkrieg war, wandelte sich der „politische“ zunehmend in einen „ethnisch-religiösen“ Krieg, in dessen Folge auch maronitische Familien, die bis dahin die Progressiv-Sozialistische Partei Dschumblats unterstützt hatten, von deren überwiegend drusischen Milizen aus dem Schuf vertrieben und zum Teil Opfer von Massakern wurden.
Ende der 1970er Jahre kam es darüber hinaus zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden maronitischen Clans, bei denen zum Teil ganze Familien, etwa die der Clanchefs Tony Frangieh und Dany Chamoun, von Rivalen ermordet wurden.
Speziell in der letzten Phase von 1985 bis 1990 wandelte sich der Bürgerkrieg zunehmend in einen Konflikt um den Einfluss Syriens, bei dem es nach dem Ende der Amtszeit des maronitischen Präsidenten Amin Gemayel zur endgültigen Spaltung des maronitischen Lagers kam, mit schweren Kämpfen zwischen den Armeeeinheiten des maronitischen Generals Michel Aoun und der aus der Kata’ib entstandenen und von Samir Geagea angeführten maronitischen Miliz Forces Libanaises, denen tausende Zivilisten in den christlichen Gebieten des Libanon zum Opfer fielen. Im Libanon ist diese schreckliche Phase der eigenen Geschichte bis heute weder historisch noch juristisch ausreichend aufgearbeitet worden.
Kirchliche Organisation und Patriarchat mini|hochkant|Maronitische Sankt-Elias-Kathedrale in Aleppo, Syrien
Das Kirchenoberhaupt der Maroniten, seit 2011 Béchara Pierre Raï, trägt den Titel Maronitischer Patriarch von Antiochien und des ganzen Orients. Sein Sitz ist in Bkerké im Libanon.
Die Bezeichnung Mar bedeutet „Herr“ auf Syrisch (vgl. französisch Monseigneur). In der gesamten christlich-syrischen Tradition wird sie auf das Kirchenoberhaupt ebenso wie auf Heilige angewandt. Der erste Patriarch war Johannes Maroun I. (687–707).
Alle maronitischen Patriarchen tragen seit dem Mittelalter zudem den Beinamen Boutros, der vom lateinischen Petrus abgeleitet ist, eine Reverenz an Simon Petrus, den Gründer der Kirche von Antiochien. Sie müssen nach ihrer Wahl vom Papst in Rom bestätigt werden.