Hans Elias (* 28. Juni 1907 in Darmstadt; † 11. April 1985 in San Francisco) war ein deutschamerikanischer Wissenschaftler und Künstler, der 1935 zunächst nach Italien und dann in die USA emigrieren musste. Der äußerst vielseitige Elias, der unter anderem als Anatom, Morphologe, Erzieher, Mathematiker, Kameramann, Maler und Bildhauer bekannt geworden ist, gilt zudem als einer der Väter der Stereologie und der wissenschaftlichen Kinematographie.

Herkunft und Ausbildung Hans Elias ist der Sohn des Schuldirektors Michael Elias (* 1867 in Gudensberg, † 1926 in Darmstadt) und seiner Frau Anna (* 17. April 1876 in Darmstadt, † 31. Oktober 1960 in Chikago). Michael Elias war der Gründer und Leiter des seit dem 1. Juli 1897 bestehenden Darmstädter Pädagogiums, einer höheren Privatschule im Darmstädter Paulusviertel.Diese Schule darf nicht verwechselt werden mit dem auch als Pädagogium bezeichneten Pädagog, aus dem später das Ludwig-Georgs-Gymnasium hervorging. Die Schule war eine Vorbereitungsanstalt auf Mittlere Reife und Abitur. Zielgruppe des Pädagogiums waren „Schüler, die dem Unterricht in großen Klassen der öffentlichen Schulen nicht folgen können, sondern eingehender, individueller Behandlung bedürfen, oder die durch Krankheit längere Zeit von der Schule fernbleiben mussten. […] Außerdem bietet es jungen Leuten, die vorzeitig die öffentliche Schule verlassen haben oder die früher keine Gelegenheit zum Besuch einer höheren Lehranstalt hatten, die Möglichkeit, sich in kürzester Zeit zum Einjährigen-, Primaner-, Fähnrichs- oder Abiturientenexamen vorzubereiten.“Anzeige des Darmstädter Pädagogiums aus dem Jahre 1911, abgedruckt bei Hans Karl Stürz: Anna Elias geb. Oppenheimer (1876-1960), in: Eckhart G. Franz (Hg.): Juden als Darmstädter Bürger, Eduard Roether Verlag, Darmstadt, 1994, ISBN 3-7929-0139-0, S. 261–264

Anna Elias war die Tochter von Heinrich Oppenheimer, dem langjährigen Vorsänger der liberalen jüdischen Religionsgemeinde in Darmstadt. Sie war Schülerin der Malerin Anna BeyerKarl Stürz: Anna Elias geb. Oppenheimer (1876-1960), in: Eckhart G. Franz (Hg.): Juden als Darmstädter Bürger, Eduard Roether Verlag, Darmstadt, 1994, ISBN 3-7929-0139-0, S. 261–264, der Ehefrau von Adolf Beyer, bei dem später ihr Sohn Hans ausgebildet wurde. Sie selber war Lehrerin, Malerin und Bildhauerin, von der unter anderem auch eine Plastik des Datterichs stammt. Die Asche der in Chicago verstorbenen Anna Elias wurde am 29. März 1961 auf dem Darmstädter Jüdischen Friedhof beigesetzt.

Hans Elias und seine Schwester Magda wuchsen in einem liberal-demokratischen Elternhaus von weitgehend assimilierten Juden auf.Auf der Basis der unten aufgeführten Archivunterlagen (Nachlässe) hat Sabine Hildebrandt die Lebensgeschichte von Hans Elias sehr detailliert aufgearbeitet. Da auf ihren Aufsatz The Anatomist Hans Elias: A Jewish German in Exile nachfolgend immer wieder zurückgegriffen wird, soll sie selbst hier kurz vorgestellt werden, und zwar im Rückgriff auf ihr Kurzporträt auf der Website der Harvard Medical School. Hildebrandt an der Philipps-Universität Marburg in Medizin promoviert und absolvierte eine Ausbildung in Immunologie und experimenteller Rheumatologie. Später begann sie, sich mit Anatomie zu beschäftigten und unterrichtete dies dann 11 Jahre lang an der medizinischen Fakultät der University of Michigan, bevor sie 2013 an die Harvard Medical School kam. Neben ihrem Hauptgebiet, der Anatomie, begann sie mit Archivrecherchen in Berlin. Sie wollte damit das Wissen über die Biografien einiger Opfer von NS-Experimenten vertiefen und zugleich das Wissen über die Nachkriegsgeschichte der Anatomie in Deutschland erweitern. Auf diese Weise wurde sie zu einer Expertin über die Geschichte und Ethik der Anatomie im Dritten Reich. In diesem Hintergrund ist auch ihre Arbeit über Hans Elias verortet. (About Sabine Hildebrandt) Hans Elias verfügte schon als kleiner Junge über eine große zeichnerische Begabung, was seine Eltern bewog, ihn im Alter von 15 Jahren auf die Werkkunstschule Darmstadt zu schicken, wo er als Schüler von Adolf Beyer das Zeichnen und Modellieren lernte.

Nach drei Jahren Werkkunstschule drängten ihn seine Eltern, das Abitur nachzuholen. Danach bewarb er sich 1926 an der staatlichen Kunsthochschule in BerlinEs ist zu vermuten, dass Baron mit dieser „staatlichen Kunsthochschule“ die Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Berlin meinte. für eine Ausbildung zum Kunstlehrer, erhielt aber keinen Studienplatz. Aufgrund dieser Absage beginnt er an der Technischen Hochschule in Darmstadt das Studium in den Fächern Mathematik, Zoologie und Physik. 1931 legt er das Staatsexamen ab und wird kurz danach in Gießen promoviert. Seine Dissertation trägt den Titel Die Entwicklung des Farbkleides des Wasserfrosches (Rana esculenta) und enthält auch viele von ihm selbst gezeichnete Illustrationen. Hildebrandt sieht sogar noch ein erweitertes Spektrum seiner Studienfächer (Hauptfächer Biologie und Mathematik, Nebenfächer Physik und Erziehungswissenschaften) und nennt auch Berlin als weiteren Studienort. Aus all dem folgert sie: „Die Studienauswahl spiegelt die breite Palette von Elias’ Interessen, so wie er sich selbst auch sein Leben lang in erster Linie als ein Lehrer, und danach auch als Wissenschaftler und Künstler sah.“„The choice of studies mirrors the wide range of Elias’ interests, as he saw himself throughout his life as foremost a teacher, and then also as a scientist and artist.“ (Sabine Hildebrandt: The Anatomist Hans Elias)

Die Jahre vor der ersten Emigration Über die unmittelbar nachfolgenden Tätigkeiten von Hans Elias gibt es leicht abweichende Darstellungen. Baron spricht von Zwischenstationen als Lehrer an der elterlichen Schule in Darmstadt und in Frankfurt am Main, Hildebrandt spricht von einer begonnenen Lehrerausbildung an einer Frankfurter höheren Schule, die er aufgrund familiärer finanzieller Probleme habe abbrechen müssen. Beide stimmen aber darüber überein, dass Elias dann eine Anstellung an der Israelitischen Taubstummenanstalt in Berlin-Weißensee gefunden habe. In seinen Erinnerungen habe Elias die Übersiedelung nach Berlin als „Expatriierung“ bezeichnet, bei der er sich auf dem Weg nach Sibirien fühlte. Dass er damals Darmstadt habe verlassen müssen, sei der härteste Schritt in seiner Emigrationsgeschichte gewesen. Das Ende seiner Tätigkeit in Berlin-Weißensee schildert Hildebrandt: Der 1. April 1933, der Tag des von den Nationalsozialisten initiierten Judenboykotts, veranlasste Hans Elias, seine Mutter und seine Schwester zur Emigration zu drängen. Die beiden reisten nach Mailand, wo sie eine Beschäftigung in der Kinderpflege fanden. E selber wollte noch in Deutschland bleiben, weil er sich moralisch verpflichtet fühlte, junge Juden in Deutschland zu unterstützen. Er fand eine Stelle als Lehrer am Jüdischen Landschulheim Herrlingen und unterrichtete hier Mathematik, Naturwissenschaften, Zeichnen, Werkunterricht und Erdkunde. Jenny Heymann, eine Herrlinger Kollegin, beschreibt ihn als einen begabten jungen „Lehrer, mit ausgezeichneten naturwissenschaftlichen Kenntnissen, der jedoch sehr bald nach seinem Eintritt ins Herrlinger Lehrerkollegium nach Amerika auswanderte“.Jenny Heymann: Beiträge zur Gestaltung des Landschulheims, in: Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand: Das jüdische Landschulheim Herrlingen 1933–1939, dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-7638-0509-5, S. 123 Heymann liegt falsch mit dem von Elias 1934 gewählten Auswanderungsziel, und sie sagt auch nichts über die Gründe, die ihn nach nur einem knappen Jahr in Herrlingen bewogen, die Schule zu verlassen. Nach Hildebrandt resignierte er, nachdem er offenbar erfolglos die aus seiner Sicht zu liberalen pädagogischen Methoden seines Vorgesetzten, Hugo Rosenthal, kritisiert hatte. Er sei 1934 zu dem Schluss gekommen, dass er nicht in der Lage wäre seinen Traum von der Erziehung jüdischer Schüler in Deutschland weiter zu verfolgen. Das habe an seiner „Arbeitsunfähigkeit“ („unemployability“) innerhalb des öffentlichen Dienstes in Deutschland gelegen und an seinen fehlenden Finanzen für eine eigene private Einrichtung.

Italien-Schweiz-Italien 1934–1935 im Frühjahr 1934 (Baron meint 1935) folgt Hans Elias seiner Familie nach Mailand, wo diese bei italienischen Verwandten untergekommen war. Er übersiedelte aber bald nach Turin, weil er dort eine Anstellung als Hauslehrer bei einer wohlhabenden Familie gefunden hatte. Da er in diesem Job die Vormittage frei hatte, ermöglichte ihm dies, seine Froschforschungen am anatomischen Institut der Universität in Zusammenarbeit mit Giuseppe Levi fortzusetzen. Er musste diese Studien abbrechen, weil er mit seinen pädagogischen Vorstellungen bei der Familie, deren Kinder er nachmittags erziehen sollte, aneckte. Er verlor diesen Job und kehrte nach Mailand zurück. In Mailand nahm er die Arbeit an einem Filmprojekt über die embryonale Entwicklung des europäischen Baumfrosches auf. Er knüpfte dabei an frühere kinematographische Arbeiten an, die er zusammen mit Michael Evenari (Walter Schwarz) in Darmstadt und bei Richard Weissenberg in Berlin erprobt hatte. Er perfektionierte seine Techniken und erhielt 1935 ein Stipendium des Schweizer Hilfswerks für Deutsche Gelehrte. Aufgrund dieses Stipendiums konnte er in Zürich mit Ernst Rüst, Professor am Photographischen Institut der ETH ZürichAnita Gertiser: Domestizierung des bewegten Bildes. Vom dokumentarischen Film zum Lehrmedium zusammenarbeiten und einen Lehrfilm über die Entwicklung amphibischer Eizellen herstellen. Darüber hinaus kam es auch zu einer Zusammenarbeit mit den Anatomen Wilhelm von Möllendorff und Wolfgang Bargmann.

1936 reist Hans Elias nach Venedig, wo die 1933 aus Deutschland emigrierte Anneliese Buchthal (* 1904 in Witten an der Ruhr) als Physiotherapeutin arbeitete. Beide kannten sich seit 1933 und heirateten am 11. Oktober 1936 in Venedig. Elias arbeitete derweil als unbezahlter Forscher mit Tullio TerniTullio Terni (1888–1946) was a brilliant anatomist in the School of Medicine of Padova, Italy am anatomischen Institut der Universität Padua zusammen und verdiente sich Geld als Porträtmaler. Ein Bild von ihm wurde 1936 auf der Biennale di Venezia gezeigt.

Das Ehepaar Elias verlegte 1937 seinen Wohnsitz nach Rom, wo auf Hans Elias gleich zwei Aufgaben warteten: Er wurde Direktor des Labors für wissenschaftliche Kinematographie und Histologie des Consiglio Nazionale delle Ricerche und Berater am Internationalen Institut für den Pädagogischen FilmHistory of the International Educational Cinematographic Institute (IECI) der Vereinten Nationen. Baron legt nahe, dass diese Engagements Folge seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Ernst Rüst waren.