mini|Jesus, meine Zuversicht in der Praxis Pietatis melica 1653 Jesus, meine Zuversicht ist ein deutsches evangelisches Kirchenlied. Eigentlich ein Osterlied, entwickelte es sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einem der beliebtesten und heute auch ökumenisch verwendeten Lieder zur Bestattung.
Entstehung und Aufbau Erstmals – heute nachweisbar – veröffentlicht wurde das Lied im Jahr 1653 in dem Gesangbuch für die Reformierten in der Mark Brandenburg des Berliner Verlegers Christoph Runge: Geistliche Lieder und Psalmen,D. M. Luthers Und anderer vornehmen geistreichen und gelehrten Männer Geistliche Lieder vnd Psalmen, Auf sonderbarem Ihrer Churfürstl. Durchlaucht, zu Brandenburg,. . Gnädigstem Befehl. . Zu Berlin, Gedruckt und verleget von Christoff Runge, Im 1653. Jahre. als Nr. 140 und im selben Jahr in der fünften Auflage von Johann Crügers Gesangbuch Praxis Pietatis Melica.Johann Crüger: Praxis Pietatis Melica. Das ist: Übung der Gottseligkeit in Christlichen und trostreichen Gesängen. Editio V. Runge, Berlin 1653 (Notendrucke der Bayerischen Staatsbibliothek), Nr. 175, S. 340. In beiden Gesangbüchern steht es im Abschnitt Von Jesu Christi Auferstehung als ein Osterlied. Es umfasst zehn Strophen statt der heute gebräuchlichen sieben.
mini|hochkant|links|Prinzessin Luise Henriette von Oranien mini|hochkant|Otto von Schwerin
Durch einen Hinweis in der Vorrede von Christoph Runge, in der er mitteilt, dass Kurfürstin Luise Henriette „solches Buch mit dero eigenen Liedern“, darunter Jesus, meine Zuversicht, „vermehren und zieren“ wollte, hat man seit Ende des 18. Jahrhunderts geschlossen, sie sei auch die Verfasserin des Texts gewesen. Sehr bald kamen Zweifel daran auf, insbesondere wegen der mangelnden Deutschkenntnisse von Luise Henriette. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass „eigene“ zu dieser Zeit als Lieblingslieder bzw. als Lieder, die sie sich zu eigen gemacht habe, zu verstehen sei. Nach einer Zeit „völlige[r] Ratlosigkeit“ hinsichtlich des Verfassers hat sich heute die schon im 19. Jahrhundert behauptete und 1977 von Siegfried Fornaçon argumentativ untermauerte These durchgesetzt, der Autor sei Otto von Schwerin, Luise Henriettes Hofmeister und späterer Erster Minister des Kurfürstentums Brandenburg.Siegfried Fornaçon: Jesus meine Zuversicht. In: Musik und Gottesdienst, 31 (1977), S. 109–120, . So wird von Schwerin auch heute im Evangelischen Gesangbuch (EG 526) als Verfasser angegeben. Neben sprachlichen Gründen führt Fornaçon an, dass Ludwig Erk in seinem Deutschen Liederhort einen (heute verschollenen?) Druck aus dem Jahr 1644 erwähnt.Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme (Hrsg.): Deutscher Liederhort, Band 3. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1893, S. 865, Nr. 2169. Zu diesem Zeitpunkt war Luise Henriette siebzehn Jahre alt und lebte noch in den Niederlanden.
Der Text zieht aus der Auferstehung Jesu den Glauben und die Zuversicht an die eigene leibliche Auferstehung. In früh-pietistischen Formulierungen betont er die enge Verbindung des „Ich“ mit Jesus Christus. Das Bild von „dieser Haut“ (Strophe 5) und „ich, kein anderer nicht“ (Strophe 6) gehen auf die damalige Übersetzung der Lutherbibel von zurück. Die Stelle aus dem 19. Kapitel des Buches Ijob findet sich in der christlichen Auslegungstradition auf zahlreichen Grabmonumenten und auch in Händels Oratorium Der Messias, wo die Sopranarie I know that my Redeemer liveth / Ich weiß, dass mein Erlöser lebt den dritten Teil eröffnet. Sie ist auch die biblische Grundlage für Paul Gerhardts Lied Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. In heutigen Gesangbüchern ist die 5. Strophe gestrichen, weil die Lutherübersetzung in einer Revision stärker dem hebräischen Urtext angeglichen wurde.Johannes Kulp (hrsg. von Arno Büchner und Siegfried Fornaçon): Die Lieder unserer Kirche. Eine Handreichung zum Evangelischen Kirchengesangbuch (= Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Sonderband). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958, S. 517. Auch die letzten beiden moralisierenden Strophen, die sich nach Fornaçon ebenso wie Strophe 8 an das Lehrgedicht Apotheosis des spätantiken Dichters Prudentius anlehnen, finden sich heute nicht mehr in Gesangbüchern.Siegfried Fornaçon: Jesus meine Zuversicht. In: Musik und Gottesdienst 31 (1977), S. 117. Strophe 7 (heute 6) hat Anklänge an .
Text Praxis Pietatis Melica (1653) Heute üblicher Text (EG 526)Textfassung nach: Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen. 2. Auflage. Evangelischer Presseverband für Bayern, München 1995, ISBN 3-583-12100-7, Nr. 5261. JEsus meine zuversicht Und mein Heyland ist im leben: Dieses weiß ich / sol ich nicht Darumb mich zufrieden geben / Was die lange todesnacht Mir auch für gedancken macht.
2. JEsus / er mein Heyland / lebt Ich werd auch das leben schauen Seyn / wo mein erlöser schwebt / Warumb solte mir dann grauen? Lässet auch ein haupt sein glied / Welches es nicht nach sich zieht.
3. Ich bin durch der hoffnung band Zu genau mit ihm verbunden / Meine starcke glaubenshand / Wird in ihm gelegt befunden / Daß mich auch kein todesbann Ewig von ihm trennen kan.
4. Ich bin fleisch / und muß daher / Auch einmal zu asche werden / Das gesteh ich / doch wird er Mich erwecken aus der erden / Daß ich in der herrlichkeit / Umb ihn seyn mög allezeit.
5. Dann wird eben diese haut Mich umbgeben / wie ich gläube / GOtt wird werden angeschaut Dann von mir in diesem leibe / Und in diesem fleisch werd ich Jesum sehen ewiglich.
6. Dieser meiner augen liecht Wird ihn meinen Heyland kennen / Ich / ich selbst / ein frembder nicht / Werd in seiner liebe brennen / Nur die schwachheit umb und an / Wird von mir seyn abgethan.
7. Was hie krancket / seuftzt und fleht / Wird dort frisch und herrlich gehen / Irdisch werd ich außgesät / Himmlisch werd ich auferstehen. Hier geh ich natürlich ein / Nachmals werd ich geistlich seyn.
8. Seyd getrost und hoch erfreut / Jesus trägt euch meine glieder / Gebt nicht stat der traurigkeit / Sterbt ihr / Christus ruft euch wieder / Wann die letzte trompt erklingt / Die auch durch die gräber dringt.
9. Lacht der finstern erdenklufft / Lacht des todes und der höllen / Dann ihr sollt euch durch die lufft Eurem Heyland zugesellen / Dann wird schwachheit und verdruß Ligen unter eurem Fuß.
10. Nur daß ihr den Geist erhebt Von den lüsten dieser erden / Und euch dem schon itzt ergebt / Dem ihr beygefügt wolt werden: Schickt das hertze da hinein / Wo ihr ewig wündscht zu seyn.1. Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben. Dieses weiß ich; sollt ich nicht darum mich zufrieden geben, was die lange Todesnacht mir auch für Gedanken macht?
2. Jesus, er mein Heiland, lebt; ich werd auch das Leben schauen, sein, wo mein Erlöser schwebt; warum sollte mir denn grauen? Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht?
3. Ich bin durch der Hoffnung Band zu genau mit ihm verbunden, meine starke Glaubenshand wird in ihn gelegt befunden, dass mich auch kein Todesbann ewig von ihm trennen kann.
4. Ich bin Fleisch und muss daher auch einmal zu Asche werden; das gesteh ich, doch wird er mich erwecken aus der Erden, dass ich in der Herrlichkeit um ihn sein mög allezeit.
5. Dieser meiner Augen Licht wird ihn, meinen Heiland, kennen, ich, ich selbst, ein Fremder nicht, werd in seiner Liebe brennen; nur die Schwachheit um und an wird von mir sein abgetan.
6. Was hier kranket, seufzt und fleht, wird dort frisch und herrlich gehen; irdisch werd ich ausgesät, himmlisch werd ich auferstehen. Alle Schwachheit, Angst und Pein wird von mir genommen sein.
7. Seid getrost und hocherfreut, Jesus trägt euch, seine Glieder. Gebt nicht statt der Traurigkeit: Sterbt ihr, Christus ruft euch wieder, wenn die letzt Posaun erklingt, die auch durch die Gräber dringt.
Melodie mini|Melodie 1653 mini|Spätere Fassung Dem Lied ist bereits im Rungeschen Gesangbuch eine eigene Melodie ohne Verfasserangabe beigefügt. Johannes Zahn hielt es für möglich, dass Christoph Runge selbst ihr Komponist war.Die Melodien der deutschen evangelischen Kirchenlieder, Band 6. Bertelsmann, Gütersloh, 1893, S. 187, Nr. 3432a. Bei dieser Melodie sind die vier ersten Zeilen durchkomponiert. In Crügers Praxis Pietatis erscheint die Melodie umgebildet, und man kann diese Umarbeitung „wohl mit Sicherheit Crüger zuschreiben“.Elisabeth Fischer-Krückeberg: Johann Crügers Choralmelodien. In: Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte, 28 (1933), S. 31–95, hier S. 93, . Hier sind Zeile 3 und 4 des Originals durch eine Wiederholung der ersten zwei ersetzt; die Schlusszeilen bekamen einen für Crüger charakteristischen Schwung. Die Melodie erschien jedoch weiterhin ohne Namenskennzeichen; erst in den Ausgaben der Praxis pietatis durch Peter Sohr von 1668 und 1683 wurde sie Crüger zugeschrieben.
Schon bald wurde das Lied in einer rhythmisch vereinfachten, isometrischen Version gesungen. In dieser Form übernahm sie Christian Fürchtegott Gellert als Lehnmelodie für sein Osterlied Jesus lebt, mit ihm auch ich. Gellert ordnet sie im Anhang seiner geistlichen Liedersammlung ausdrücklich dem Text Jesus lebt, mit ihm auch ich zu; er hatte sie beim Verfassen sicher im Ohr. Es gab auch Alternativmelodien, darunter Meinen Jesum lass ich nicht und eine Hamburger Melodie von Georg Philipp Telemann, die sich aber nicht durchsetzten.Bachmann (Lit.), S. 78–80
Im 19. Jahrhundert war die Melodie von Jesus, meine Zuversicht ein häufig angeführtes klassisches Beispiel in der Debatte um die Wiederherstellung der rhythmischen Melodieformen im Gesangbuch.Siehe dazu z. B. Eduard Emil Koch: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs. Band 7: Die Dichter und Sänger. Stuttgart 3. Auflage, 1872, S. 427f. Die Befürworter der Wiederherstellung der rhythmischen Fassung beklagten die ihrer Meinung nach „matte Weise der metrischen Eintönigkeit“ und forderten für Jesus, meine Zuversicht, ebenso wie für Nun danket alle Gott und Ein feste Burg ist unser Gott den Abdruck im Gesangbuch „in der schwungvollen, begeisternden Urform neben der vorhandenen, nach Rhythmus und wahrscheinlich auch Harmonie entkräfteten und verkümmerten Form“.Siona: Monatschrift für Liturgie und Kirchenmusik 20 (1895), S. 143. Dennoch zeigte die isometrische Form durch ihre weite Verbreitung und einfachere Singweise eine hartnäckige Resistenz. Im Evangelischen Gesangbuch (EG 526) stehen heute beide Fassungen, neben der rhythmischen Fassung Crügers die isometrische als spätere Form. mini|Orgeleinspielung: EG 526 Jesus, meine Zuversicht II mini|Orgeleinspielung: EG 526 Jesus, meine Zuversicht I
Wirkungsgeschichte Die größte Wirkungsgeschichte entwickelte das Lied nicht wie ursprünglich als Osterlied, sondern anlässlich evangelischer Bestattungen. Es fand seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts „als Auferstehungslied am Grabe weiteste volkstümliche Verbreitung“.Johannes Kulp (hrsg. von Arno Büchner und Siegfried Fornaçon): Die Lieder unserer Kirche. Eine Handreichung zum Evangelischen Kirchengesangbuch (= Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Sonderband). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958; S. 517. Schon Gotthilf Heinrich von Schubert bemerkte: „Dieses Lied hat man gesungen, als mein Vater begraben wurde; es ist das Begräbnislied meiner Mutter gewesen, und als man meine selige Frau ins Grab senkte, hat man es auch gesungen.“Zitiert nach Emil Koch: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Band 8: Die Lieder und Weisen. Belser, Stuttgart, 3. Auflage, 1874, S. 74. Christoph Wilhelm Hufeland wünschte es sich für seinen Grabzug, und bei seiner Beerdigung 1836 wurde es von einer riesigen Trauergemeinde gesungen.