mini|Originalurkunde der Unabhängigkeitserklärung (Juli 1776) In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten (; offiziell: ) proklamierten die Dreizehn Kolonien in British America am 4. Juli 1776 – etwas über ein Jahr nach Ausbruch des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs – ihre Loslösung von Großbritannien und ihr Recht, einen eigenen souveränen Staatenbund in Nordamerika zu bilden. Der größtenteils von Thomas Jefferson verfasste und vom Zweiten Kontinentalkongress verabschiedete Text stellt die Gründungsurkunde der Vereinigten Staaten dar und ist eines der wirkungsmächtigsten Dokumente der demokratischen Staatsphilosophie.

Entstehung

Vorgeschichte Kurz vor dem Beginn des French and Indian War (1754 bis 1763) in Nordamerika tagte ab Juni 1754 mit dem Albany-Kongress die erste Delegiertenversammlung aller Dreizehn Kolonien innerhalb von British America. Neben Problemen zwischen den einzelnen Kolonien zeigten sich hier auch solche mit dem Mutterland. Ein übergeordneter politischer Zusammenschluss der Kolonien innerhalb des Königreich Großbritanniens, wie vor allem von Benjamin Franklin angestrebt, kam nicht zustande, sondern allenfalls ein Defensivbündnis gegen Neufrankreich ohne zentralisierte politische Elemente, was ganz im Sinne Londons war.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. 3. Auflage. C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-65442-8, S. 57–59. Nach der Niederlage des Königreich Frankreichs und dem Friedensschluss 1763 in Paris versuchte die britische Regierung, die Kriegskosten zum Teil durch die Erhöhung von Steuern und Abgaben in den Kolonien wieder hereinzuholen.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 71–73.

Dazu beschloss das britische Unterhaus 1764 den Sugar Act zur Besteuerung von Zucker und Melasse in den Dreizehn Kolonien.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 111. Im Jahr darauf folgte der Stamp Act („Stempelgesetz“), der in den Kolonien zu ersten gewaltsamen Protesten und Übergriffen auf die Steuereintreiber führte.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 118–120. Im Herbst 1765 gründeten Gegner des Stamp Act in Boston die Sons of Liberty („Söhne der Freiheit“), die sich schnell zu einer überkolonialen Organisation auswuchs.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 123f. Im Juni 1767 beschloss das britische Parlament die Townshend Acts („Townshendgesetze“), die für die Dreizehn Kolonien Einführzölle auf Glas, Papier und Tee vorsahen. In Amerika lösten die Townshend Acts Empörung aus und radikalisierten die Position der Gegner weiter; in seinen einflussreichen Essays griff der spätere Gründervater und Farmer John Dickinson die Gesetze als „externe Steuern“ an.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 138–140.

Einen vorläufigen Höhepunkt erfuhren die Spannungen zwischen patriotischen Kolonisten und dem Mutterland beim Massaker von Boston im März 1770, als britische Soldaten das Feuer auf Protestierende eröffneten. Zwar hatte es zuvor Unruhen mit mehr Toten in den Dreizehn Kolonien gegeben, aber dieser Vorfall wurde von den Sons of Liberty sofort propagandistisch ausgeschlachtet und zu einem Freiheitskampf gegen britische Tyrannei stilisiert.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 146f. Eine weitere Zuspitzung folgte nach dem Beschluss des Tea Act („Teegesetz“) Mitte 1773, der die Steuern zwar nicht senkte, aber die amerikanischen Zwischenhändler aus dem Markt drängte. Dieser löste im Dezember 1773 die bekannte Boston Tea Party aus, bei der etwa hundert Patrioten 90.000 Pfund Tee der Britischen Ostindien-Kompanie im Hafenbecken versenkten.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 152–157. Das britische Parlament reagierte im Frühjahr 1774 darauf mit weiteren Restriktionen, den Coercive Acts (von den Kolonisten auch Intolerable Acts genannt).Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 159–161.

Im Kern drehte sich der Streit um die Frage, ob die Krone das Recht habe, in den Kolonien Steuern zu erheben, ohne dass deren Einwohner im Londoner House of Commons vertreten waren. Die Parole der Kolonisten lautete No taxation without representation („Keine Besteuerung ohne Vertretung im Parlament“). Sie beriefen sich dabei auf Verfassungsprinzipien, die sich im 17. Jahrhundert im Englischen Bürgerkrieg zwischen dem Unterhaus und dem Stuart-Königtum herausgebildet hatten, später vom Philosophen John Locke theoretisch begründet und im 18. Jahrhundert unter den Anhängern der Aufklärung zum Allgemeingut geworden waren. Auch deshalb fanden die Gedanken der Unabhängigkeit und der Menschenrechte, wie sie vor allem Thomas Paine in seiner Schrift Common Sense dargestellt hatte, umso mehr Anhänger, je repressiver das Mutterland auf Forderungen der Kolonisten reagierte.

Diese transatlantische, weltanschauliche Whig-Kultur bildete den „ideologischen Nährboden für die Amerikanische Revolution“.Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation 1763–1815. München 2018, S. 82.

Die Trennung von Großbritannien mini|Die Unabhängigkeitserklärung wird dem Kontinentalkongress vorgelegt. Gemälde von John Trumbull (um 1816) Um ihren Forderungen gegenüber dem Mutterland durch ein gemeinsames Vorgehen mehr Nachdruck zu verleihen, entsandten die Kolonien im Jahr 1774 ihre Delegierten zum Ersten Kontinentalkongress. Die Versammlung strebte einerseits eine friedliche Beilegung der Streitigkeiten an und appellierte an das britische Parlament, die Regierung und die Krone, um zu einer Kompromisslösung zu gelangen. Andererseits beschloss der Kongress einen Boykott britischer Waren.

Am 19. April 1775 kam es in Massachusetts zu ersten gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Kolonisten und britischen Truppen. Mit den Gefechten von Lexington und Concord begann der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg. In der Folge entschieden sich die im Zweiten Kontinentalkongress versammelten Vertreter von 12 der 13 Kolonien für die Trennung vom Mutterland. Die Deputierten aus New York enthielten sich.Vgl. Jürgen Heideking: Das Lösen der Bande: Die Formulierung der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung. S. 493. Die Proklamation der Unabhängigkeit erfolgte bereits am 2. Juli 1776, indem der Kontinentalkongress einer Resolution des Abgeordneten Richard Henry Lee aus Virginia seine Zustimmung erteilte.

Die heute bekannte Declaration of Independence war eine zwei Tage später verabschiedete Erläuterung dieses Beschlusses und diente der moralischen und rechtlichen Legitimation für den Abfall von der britischen Krone und den Unabhängigkeitskrieg. Sie war von einem Vorbereitungskomitee entworfen worden, das aus Thomas Jefferson (Virginia), John Adams (Massachusetts), Benjamin Franklin (Pennsylvania), Robert R. Livingston (New York) und Roger Sherman (Connecticut) bestand. Ihr maßgeblicher Autor war Jefferson. Die übrigen Komiteemitglieder berieten ihn, nahmen jedoch keine oder nur kleinere, redaktionelle Änderungen vor.

Der Kontinentalkongress diskutierte den Entwurf und strich die von Thomas Jefferson vorgeschlageneHoward Zinn: A People’s History of the United States. Harper Perennial, 2005, ISBN 0-06-083865-5, S. 72. Verurteilung der Sklaverei aus dem Dokument, da es die Zustimmung der Bürger aus den sklavenhaltenden Kolonien finden sollte. Am 4. Juli 1776 nahmen die im Kongress versammelten Vertreter der dreizehn Gründerstaaten der USA die Erklärung an. Als Independence Day ist der 4. Juli bis heute der Nationalfeiertag der USA.

Geistesgeschichtlicher Hintergrund mini|Der Philosoph John Locke übte starken Einfluss auf die Ideen der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung aus. Der Erfolg der amerikanischen Revolution beruhte nicht zuletzt darauf, dass sich die große Mehrheit der Eliten und der politisch interessierten Öffentlichkeit in den 13 Kolonien zwischen etwa 1760 und 1790 den liberalen Staatstheorien John Miltons, John Lockes, James Harringtons und Algernon Sidneys zuneigte, die ihr durch die Partei der radikalen Whigs vermittelt worden waren. Den Grund dafür sieht der Historiker Robert Middlekauff auch in den geistig-religiösen Überzeugungen der Siedler. Diese ließen ihnen Paines Schrift überzeugend erscheinen, welche die monarchische Staatsform unter Hinweis auf das Alte Testament als Werk des Teufels strikt ablehnte.

Viele Kolonisten, welche die Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpften, hatten in jungen Jahren ab etwa 1740 die erste Große Erweckungsbewegung miterlebt. Die Prediger dieses geistlichen und geistigen Aufbruchs – z. B. Jonathan Edwards, George Whitefield und andere – hatten ihnen erstmals ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt, das ethnische, soziale und konfessionelle Grenzen überwand.Clifton E. Olmstead: History of Religion in the United States. Prentice-Hall, Englewood Cliffs (N.J.) 1960, S. 192 ff. Zudem standen die Amerikaner in einer demokratischen Tradition, die bis zur Gründung der ersten Kolonien zurückreichte und sich beispielsweise im Mayflower-Vertrag der Pilgerväter in der Massachusetts Bay Colony niedergeschlagen hat. Die Kirchengemeinden der Dissenters, zu denen die Mehrheit der Siedler gehörten, wurden repräsentativ-demokratisch geleitet. Middlekauff nennt die Revolutionsgeneration „die Kinder der Wiedergeborenen“. Ihre religiösen Überzeugungen seien aufs Ganze gesehen nicht mehr so intensiv gewesen wie die ihrer puritanischen Vorfahren im 17. Jahrhundert, aber „der Zweck des Lebens war immer noch die Verherrlichung Gottes“. Robert Middlekauff: The Glorious Cause. The American Revolution 1763–1789. Revised and Expanded Edition, Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 978-0-19-531588-2, S. 4–5, 52.

Dieser religiösen Grundüberzeugung entsprechend, begründete die Unabhängigkeitserklärung die allgemeinen Menschenrechte theologisch aus dem biblischen Schöpfungsglauben: „Alle Menschen sind gleich geschaffen“ und „der Schöpfer hat ihnen bestimmte unveräußerliche Rechte verliehen“, zu denen „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“. Die Menschenrechte sind theonomes, d. h. Gottesrecht betreffendes Gedankengut.W. Wertenbruch: Menschenrechte. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 3. Auflage, Band IV, Spalte 870. Diese religiöse Position wird auch im dritten Teil der Erklärung deutlich, in dem die Unterzeichner „den höchsten Richter“ [Gott] anrufen, um die Redlichkeit ihrer Gesinnung zu bekräftigen.