Mohr ist eine veraltete deutschsprachige Bezeichnung für dunkelhäutige Afrikaner.Malte Hinrichsen, Wulf D. Hund: Metamorphosen des ›Mohren‹. Rassistische Sprache und historischer Wandel. In: Jamila Adamou, Gudun Hentges‚ Mechtild M. Jansen‚ Kristina Nottbohm (Hrsg.): Sprache – Macht – Rassismus. Berlin 2014, S. 69. Historisch (alt- und mittelhochdeutsch) bezeichnete man damit zunächst die (nicht schwarzafrikanischen) Mauren als Bewohner des antiken und mittelalterlichen Nordafrika; bereits im Mittelalter aber auch schon verallgemeinernd Menschen mit dunkler Hautfarbe, ab dem 16. Jahrhundert zunehmend in dieser erweiterten Bedeutung.Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer. 7. Auflage. dtv, München 2004.

Das Wort wird nur noch selten verwendet, und wenn, dann im historischen oder literarischen Zusammenhang oder als Teil von Bezeichnungen, zum Beispiel als Wappenfigur in der Heraldik. Die Bezeichnung und das Bild des „Mohren“ fanden außerdem Eingang in zahlreiche Folgebezeichnungen, zum Beispiel im Bereich der Fauna und Flora. Bildliche Darstellungen des Mohren dienten als Unternehmenslogo und in der Werbung für bestimmte Produkte, aber auch im Rahmen unterschiedlicher Bräuche. Im 21. Jahrhundert haben mehrere Unternehmen ihre Figuren verändert.

Seit etwa 1960 wird auf die Zwiespältigkeit des Wortes zwischen historischer Entwicklung und Verwendung als stereotype Bezeichnung hingewiesen, die eine bestimmte Vorstellung von einem Schwarzen wecke, was zu Diskussionen um dessen rassistisch diskriminierenden Charakter führte.Susan Arndt und Antje Hornscheidt, 2004, S. 18ff. (Sprache und Gesellschaft. Koloniale Begriffe und ihre Wirkungsmacht in Geschichte und Gegenwart), S. 22 ff. (Rassistische Begriffe und gesellschaftliche Aufarbeitung, S. 168 ff., Stichwort Mohr/Mohrin).

Sprachgeschichte Das Wort ist im Althochdeutschen des 8. Jahrhunderts in der Form belegt, im Mittelhochdeutschen als oder . Es bezeichnete zunächst einen „Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens“, dann auch einen Menschen mit dunkler Hautfarbe, und ist eine Entlehnung aus , „Bewohner der nordafrikanischen Provinz Mauretanien, Maure, Nordwestafrikaner“.Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer, 7. Auflage, München 2004 s. v. Mohr. Kluge, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 25. Auflage, Berlin/Boston 2011, s. v. Mohr.

Die lateinische Bezeichnung Maure wiederum geht auf , „Bewohner Mauretaniens“, zurück; das antike Königreich hat mit dem heutigen westafrikanischen Staat Mauretanien nichts gemein. Das Ausgangswort ist umstritten. Es wird einerseits auf eine Entlehnung aus dem Phönizischen oder aus einer Berbersprache zurückgeführt, andererseits auf Griechisch braun, schwarz. Dem könnte dunkel, undeutlich, schwer zu sehen; blind, hilflos zugrunde liegen. Dies kann aber auch eine Sekundärbildung zur ethnischen Bezeichnung sein,Alain Rey: Dictionnaire historique de la langue francaise. Band 2. Paris 2012, s. v. mauresque. denn Wort und Bedeutung sind erst in späterem Griechisch nachgewiesen.Oxford English Dictionary. Band 9, 2. Auflage. London 1989, s. v. Moor.

mini|Hochmittelalterliche Darstellung der Hölle mit dunkelhäutigem Teufel im Hortus Deliciarum (Manuskript um 1180) Sowohl das einfache als auch („Höllenmohr“) wurden als Synonym für den Teufel verwendet, den man sich damals mit schwarzer Hautfarbe vorstellte. So dichtete Walther von der Vogelweide im 13. Jahrhundert: „Nun lehret ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Hölle Mohr gegeben hat, und aus ihm lesen sie nun vor.“ Im Mittelhochdeutschen wurde außerdem zwischen („Maure mit dunkler Hautfarbe“) und („Maure“) unterschieden. Ab dem 16. Jahrhundert galt „Mohr“ ausschließlich als Synonym für einen Menschen mit dunkler Hautfarbe, während der Maure fortan als solcher bezeichnet wurde. Englisch , seit 1390 vermittelt durch französisch more,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 484. italienisch und spanisch sowie französisch bewahrten dagegen die ethnische oder geographische Zuschreibung.

Als im 18. Jahrhundert der Ausdruck „Mohr“ zunehmend durch „Neger“ ersetzt wurde, entwickelte sich laut Susan Arndt ein Gegensatz vom „edlen Mohren“ einer noch vorkolonialen Vorstellungswelt und dem kolonialen „primitiven Neger“. Rassentheoretische Versuche, zwischen „schwarzafrikanischen Negern“ und „weißafrikanischen Mohren“ zu differenzieren oder Völker Afrikas mithilfe der Hamitentheorie zu kategorisieren, sind veraltet. Die Bezeichnung „Mohr“ für einen Menschen dunkler Hautfarbe wird heute nur noch historisch verwendet.

Die Bezeichnung „Mohr“ wird heute vielfach als rassistisch diskriminierender Ausdruck verstanden. Laut beispielsweise der Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt sei vor diesem Hintergrund zu überdenken, ob diesem Begriff als Bezeichnung für Straßen oder Apotheken weiterhin ein „terminologisches Denkmal gesetzt“ werden solle.Susan Arndt: Afrikafantasien, Wörter und Wörterbücher: Tradierte Schauplätze von ‚Rassen‘theorien. In Ingo H. Warnke: Deutsche Sprache und Kolonialismus: Aspekte der nationalen Kommunikation 1884-1919. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-020037-9, S. 293–314, hier: S. 300.

Bedeutung in anderen Sprachen mini|hochkant|Statue von Santiago Matamoros (Sankt Jakobus der Maurentöter, Saragossa im Haus von Miguel Donlope) Dänisch und schwedisch und das davon abstammende finnische sowie polnisch haben ein ähnliches Bedeutungsspektrum wie „Mohr“.

Im Französischen wird sowohl als auch (ebenso ) in der Regel als „der Maure“ verstanden. In den aktuellen Wörterbüchern gilt die Schreibweise mit o daher lediglich als orthographische Variante.französisches Wiktionary

Die Sarden nennen die vier „Mohren“ auf ihrem Wappen und auf ihrer Fahne , wobei mit „Braun-“ bzw. „Dunkelhäutiger“ zu übersetzen ist.

Die Korsen sprechen entsprechend von . Beides ist im Deutschen eher mit „der Maure“ zu übersetzen als mit „der Mohr“.

Im Italienischen bedeutet zunächst „der Mohr“ im Sinne von „der Dunkle“ (siehe Ludovico Sforza) oder „Schwarzbraune“,italienisches Wiktionary nicht aber „der Schwarze“ (). Es ist eine Bezeichnung, die eher auf die dunkelhäutigen Mauren als auf „Schwarzafrikaner“ bezogen wird.

Im Spanischen ist ebenfalls nicht „der Mohr“, sondern historisch eine Bezeichnung für die arabisch-muslimischen Mauren, die Spanien zwischenzeitlich erobert hatten. Heute wird es auch allgemeiner als Fremdbezeichnung für muslimische Araber verwendet, und hat dabei eine negative Konnotation. In diesem Zusammenhang ist auch der Beiname „Matamoros“ für den heiligen Jakobus den Älteren zu sehen, der in der Übersetzung und Ikonographie meist als „Maurentöter“ bzw. „Maurenschlächter“, nur selten als „Mohrentöter“' bzw. „Mohrenschlächter“ wiedergegeben wird.

Auch im Englischen werden mit „“ die mittelalterlichen muslimischen Einwohner von al-Andalus, also der Iberischen Halbinsel, und des Maghreb bezeichnet, deren Kultur genannt wird.englisches Wiktionary Der Mohr als schwarzer Afrikaner ist im Englischen dagegen analog zum Mittelhochdeutschen .englisches Wiktionary

Mohr als Stereotyp mini|hochkant|Darstellung eines Mohren in der Berner Altstadt. Im 18. Jahrhundert investierte die Zunft zum Mohren große Summen in den Handel mit afrikanischen Sklaven. Selten beruhen mitteleuropäische Darstellungen von „Mohren“ auf tatsächlichen Begegnungen, weit eher auf Reisebeschreibungen und überlieferten Darstellungen. Historische Abbildungen von „Mohren“ folgen daher oft einem Stereotyp: dunkle bis schwarze Haut, dicke Lippen, krauses Haar, oft mit großen Ohrringen oder anderen Attributen „wilder Völker“. Zahlreiche Wortprägungen, historische Namen, Wappen und Abbildungen haben dieses Bild des „Mohren“ bis heute erhalten. Begegnungen zwischen Europäern nördlich der Alpen und Afrikanern hatten bis ins 18. Jahrhundert Seltenheitswert. Zwar lebten und kämpften in der Römerzeit auch dunkelhäutige Afrikaner als Soldaten der römischen Armee in Mitteleuropa, doch endete dies mit der Zeit der Völkerwanderungen. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit sind bildliche Darstellungen von Menschen schwarzer Hautfarbe nördlich der Alpen daher eine bemerkenswerte Ausnahme, während in den italienischen Staaten wie der Republik Venedig als einem der Umschlagplätze des Handels zwischen Osteuropa einerseits und Afrika und den arabischen Ländern andererseitsKatharina Gruber: Vormoderne Sklaverei am Mittelmeer science.orf, 6. Dezember 2019, abgerufen am 16. Juni 2023 der Kontakt zu Afrika nie abriss.

Was für die christliche Komponente im Blick auf den „Höllenmohr“ und den „schwarzen Mann“ zutrifft, hat sich im Mittelalter durch die veränderte Heiligendarstellung und -verehrung (vor allem Schwarze Madonnen, ein „Mohr“ als einer der Heiligen Drei Könige, Hl. Mauritius) und durch die positive Verwendung von „Mohren“ in bischöflichen Wappen (unter anderem Freising, Würzburg) relativiert.

Erst seit der Kolonialzeit kamen diese „Mohren“ aus Afrika und Amerika auch als Sklaven an die europäischen Höfe. An Fürstenhöfen, aber auch bei reichen Bürgern war es bis ins 18. Jahrhundert eine Prestigesache, „Hofmohren“ zu haben, gewöhnlich als Kammerdiener („Kammermohren“) oder soldatisch gekleidete, eher zur Zier dienende Wachen. Viele andere kamen auch zum Militär, meist als Musiker.

mini|Christiaen Gillisz. van Couwenbergh: Die Mohrenwäsche (1632) Der niederländische Maler Christiaen Gillisz. van Couwenbergh malte 1632 eine derbe Mohrenwäsche, bei der ein junger Mann vergebens versucht, eine Afrikanerin weißzuwaschen, und dafür von seinem Freund verspottet wird. Das dargestellte unmögliche Vorgehen zitiert .Wolfgang Maier-Preusker: Christiaen van Couwenbergh (1604-1667). Œuvre und Wandlungen eines holländischen Caravaggisten. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 52 (1991), S. 163–236, hier S. 195 f.

Bekannte als „Mohren“ bezeichnete Menschen sind beispielsweise Anton Wilhelm Amo († nach 1753), der „hochfürstliche Mohr“ Angelo Soliman († 1796) und Ignatius Fortuna († 1789). Solimans Haut wurde nach seinem Tod präpariert und im kaiserlichen Naturalienkabinett in Wien ausgestellt.Norbert Mayer: Wien-Museum: Höfling aus Afrika, ausgestopft, verbrannt. In: Die Presse, 28. September 2011. Amo verfasste 1729 eine Schrift mit dem Titel De iure Maurorum in Europa in lateinischer Sprache (deutsch Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa), die nicht erhalten ist.

Ein relativ frühes Beispiel für die anthropologische Einordnung von „Mohren“ zwischen europäischem Menschen und Affen stellt das 1784 erschienene Buch Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer von Samuel Thomas von Soemmerring dar. Seine Auffassungen fußten auf dem aristotelischen Konzept der Scala Naturae, der „Stufenleiter der Wesen“, und ordneten allem Leben einen festen Platz in einer Hierarchie „niederer“ und „höherer“ Wesen zu.Lexikon der Biologie, Band 9, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-0334-0, S. 176 (Artikel: Menschenrassen). Offiziere aus Hessen-Darmstadt hatten dem Mediziner Körper von in Deutschland verstorbenen Sklaven zur Sezierung überlassen. Diese „Mohren“ waren aus Amerika mitgebracht worden und hier durch Kälte, Infektionskrankheiten oder Suizid gestorben. Soemmering stellte seine Befunde dieser Sektionen Befunden gegenüber, die er an den Leichen von Europäern und exotischen Tieren gewonnen hatte. Er sah das „praktische Vorurtheil“ bestätigt, „dass im allgemeinen, im Durchschnitt, die afrikanischen Mohren doch in etwas näher ans Affengeschlecht, als die Europäer gränzen. Sie bleiben aber drum dennoch Menschen.“Heinz Schott: Der sympathetische Arzt: Texte zur Medizin im 18. Jahrhundert, 1998, S. 54–56.