mini|Artemis Rospigliosi, Louvre, Paris mini|hochkant|Bronzestatue der Artemis. 4. Jh. v. Chr. Artemis () ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Jagd, der wilden Tiere, der Jungfräulichkeit, des Waldes, der Geburt und des Mondes sowie die Hüterin der Frauen und Kinder. Sie zählt zu den zwölf großen olympischen Göttern. Sie ist die Tochter des Zeus und der Leto und Zwillingsschwester des Apollon. In der römischen Mythologie entspricht ihr die Göttin Diana.

Etymologie mini|links|Didrachme von Ephesos mit Bild der Göttin Artemis, ca. 258–202 v. Chr. Die Herkunft des Namens ist ungeklärt. Die frühesten bezeugten Formen des Namens Art-emis im mykenischen Griechisch sind a-te-mi-to () und a-ti-mi-te (), die in Zeugnissen der Linearschrift B (vom 15. Jahrhundert v. Chr. bis ins 12. Jahrhundert v. Chr. verwendete Silbenschrift) in Pylos gefunden wurden.John Chadwick, Lydia Baumbach: The Mycenaean Greek Vocabulary. In: Glotta. Band 41, 1963, S. 176 f. s. v. Ἂρτεμις, a-te-mi-to- (genitive); Christiane Souvinou: A-TE-MI-TO and A-TI-MI-TE. In: Kadmos. Band 9, 1970, S. 42–47; Tassos Christidis: Further remarks on A-TE-MI-TO and A-TI-MI-TE. In: Kadmos. Band 11, 1972, S. 125–128; a-ti-mi-te. Palaeolexicon, Word study tool of ancient languages. Ihr Beiname qe-ra-si-ja () war zu altgriechisch Therasía () geworden, der vielleicht „Göttin von Thera“ bedeutet.qe-ra-si-ja, Linear B. Palaeolexicon, Word study tool of ancient languages. Es wird angenommen, dass eine Vorgängerin von Artemis im minoischen Kreta als Göttin der Berge und der Jagd, Britomartis (), verehrt wurde.

Antike griechische Schriftsteller verbanden Artemis (dorisch Artamis) im Rahmen antiker Volksetymologie zu ἀρτεμής. In: Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. Perseus Digital Library. oder .ἄρταμος, Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. On Perseus Digital Library; Ἄρτεμις. In: Henry George Liddell, Robert Scott, A Greek-English Lexicon. Perseus Digital Library; Ein anderer Herleitungsversuch verbindet die Namensvarianten Arktemis und Arktemisa mit dem griechischen Wort árktos „Bär“ (zu protoindogermanisch *h₂r̥tk̑ós), was einen Bezug zum Mythos der Kallisto, die eigentlich direkt auf Artemis (arkadischer Beiname kallisto) bezogen war, erlaubt. Artemis wäre in dem Fall mit einem Bärenkult verbunden gewesen, der im attischen Brauron belegt ist.Michaël Ripinsky-Naxon: The Nature of Shamanism: Substance and Function of a Religious Metaphor. State University of New York Press, Albany NY 1993, S. 32. Er wäre Überbleibsel eines weiter verbreiteten Bärenkults, der auch im Umfeld anderer indogermanischer Gottheiten gefunden wurde, z. B. der gallischen Artio.

Neben diesen Erklärungsansätzen wird überwiegend die Verbindung mit anatolischen Namen betont,Enrico Campanile in: Annali della Scuola Normale Superiore di Pisa. Bd. 28, 1959, S. 305; Giuseppe Restelli: La posizione dell’eolico dell’ Asia Minore (lesbico) e del tessalico rispetto all’antico eolico. In: Aevum. Bd. 37, 1963, S. 307 und 312. Edwin L. Brown: In Search of Anatolian Apollo. In: Charis: Essays in Honor of Sara A. Immerwahr. Hesperia Supplement 33, 2004, S. 251. zumal Artemis in Lydien unter dem Namen Artimus verehrt wurde.Oswald Szemerenyi: Etyma Graeca VII (35). In: Roland Bielmeier, Reinhard Stempel (Hrsg.): Indogermanica et Caucasica: Festschrift für Karl Horst Schmidt zum 65. Geburtstag (= Studies in Indo-European language and culture). de Gruyter, Berlin / New York 1994, S. 213–214, Google Books; vgl. dazu auch Philo Hendrik Jan Houwink ten Cate: The Luwian Population Groups of Lycia and Cilicia Aspera during the Hellenistic Period. Brill, Leiden 1961, S. 166, zitiert in diesem Zusammenhang von Edwin L. Brown: In Search of Anatolian Apollo. In: Charis. Essays in Honor of Sara A. Immerwahr. Hesperia, Supplement 33, 2004, S. 252.

Zuschreibungen Attribute mini|hochkant|Diana von Versailles, römische Kopie nach einer Statue des Leochares, Paris, Louvre mini|Artemisstatue auf lydischer Münze in römischer Zeit

Ihre bekanntesten Attribute sind der silberne Bogen, der auch die Mondsichel symbolisiert, und die silbernen Pfeile, welche ihr von den Kyklopen geschenkt wurden. Mit dem Bogen sandte sie treffsichere Pfeile gegen die Sterblichen, um Krankheiten über sie zu bringen. Selten sind der Speer und das Jagdnetz ihre Attribute. Unter den Pflanzen sind ihr das Wermutkraut (lat. Artemisia absinthium) und die Zypresse, die Moorlilie und die Palme heilig.

Auch gelten die Tiere des Waldes allgemein als ihre Attribute, insbesondere der Hirsch und die Kerynitische Hirschkuh, aber auch Bär und Eber. Darüber hinaus wird sie als Kalbs- oder Gamsträgerin oder in Begleitung von Stieren dargestellt. Im Zusammenhang mit ihren Aspekten als Fluss- und Quellgottheit ist sie mit Fischen, insbesondere dem Kugelfisch verbunden.

Als Schwester Apollons und als Göttin, die den Tanz und den Reigen liebt, spielt sie die Lyra. In ihrer Angleichung an Hekate ist sie wie diese Fackelträgerin. Bereits bei Homer lenkt sie einen von Hirschen gezogenen Wagen, der vollständig aus Gold besteht.

Beinamen Vielfältig wie die Aspekte der Artemis waren auch ihre Kult- und Beinamen. Im gesamten griechischen Kulturraum verbreitet, wurde sie gleichermaßen mit überregionalen wie mit lokalen Beinamen angesprochen. Homer nennt sie potnia theron, „Herrin der Tiere“, und Agrotera, Jägerin.Homer, Ilias 21,470 und 471. Als Agrotera besaß sie in Attika ein bedeutendes Heiligtum,Xenophon, Kynegetikos 6,13; Bakchylides 11,37–42. doch verehrte man sie unter diesem Namen etwa auch in Sparta, wo man ihr vor der Schlacht opferte.Xenophon, Hellenika 4,2,20.

Ihr Geburtsort verlieh der Göttin den Beinamen Kynthia (lateinisch Cynthia, „(die) vom Berg Kynthos Kommende“). Ein weiterer Beiname der Göttin ist Phoibe (lateinisch Phoebe), nach ihrer Großmutter und in Angleichung an die Namensgebung ihres Bruders Phoibos Apollon. Auch hatte sie den Beinamen Delia, „die von der Insel Delos Stammende“. Nach der griechischen Sage wurden Artemis und ihr Bruder Apollon auf dem Berge Kynthos auf der Insel Delos geboren. Überregional waren auch ihre Beinamen Kourotrophos, der sie als „Hüterin der Jugend“ auswies, und Locheia, mit dem sie von Gebärenden und Hebammen angerufen wurde. In Ionien weit verbreitet war Artemis Triklaria, für die Menschenopfer überliefert sind.Pausanias 7,19,1–6.

Regionale Epitheta der Artemis waren beispielsweise Alpheiaia,Pausanias 6,22,5; Scholion zu Pindar, Nemeische Oden 1,3; Pythische Oden 2,(7) 11. Alphaionia oder Alpheiousa,Strabon 8,343. wie im elischen Letrinoi und auf Ortygia bei Syrakus, wo sie eigene Heiligtümer besaß. Der Sage nach hatte sie sich erfolgreich dem Flussgott Alpheios entzogen, der auf der Suche nach ihr unterseeisch bis nach Ortygia floss. In Sparta verehrte man sie auch als Aigineia, die „Jägerin der Gämsen“,Pausanias 3,14,2. und als Orthia, die „hohe, große Göttin“, oder als Lygodesma, die „Weidengebundene“, weil ihr Standbild an einer Weide aufrecht stehend gefunden wurde.Pausanias 3,16,9–11. besonders in Messenien wurde Limnatis verehrt. In Athen konnte sie mit Aphaia identifiziert werden. In Naupaktos hatte die Aitole, nachdem die Stadt von den Aitolern besetzt worden war, einen KultPausanias 10,38,12. und auch bei den Venetern gab es ein der Aitole geweihtes Heiligtum.Strabon 5,1,9. In Patrai hatte Laphrai, der man lebende Tiere und Früchte auf dem Brandaltar opferte, ihren Kult, ebenso wie Triklaria.Pausanias 7,18,8–13. Eine weitere Epiklese für die Göttin Artemis war Selasphoros (). Ein kulturelles Zentrum Pamphyliens besaß Artemis Pergaia in Perge, wo jährlich ein großes Fest stattfand. Rückseiten auf Münzen von Städten des nahen Pisidiens zeigen, dass es mit weiteren Heiligtümern der Artemis Pergaia in diesen Städten auch sogenannte Filialkulte gab.Margret Karola, Johannes Nollé: Götter, Städte, Feste. Kleinasiatische Münzen der römischen Kaiserzeit. Staatliche Münzsammlung, München 2014, S. 61.

mini|hochkant|Artemisstatue aus Ephesos im Museum von Selçuk

Eine Sonderform der Artemis stellt die Artemis Ephesia dar, die in dem ihr geweihten berühmten großen Tempel in Ephesos, einem der Sieben Weltwunder der Antike, verehrt wurde.Robert Fleischer: Artemis von Ephesos und verwandte Kultstatuen aus Anatolien und Syrien (= Études préliminaires aux religions orientales dans l’Empire romain Bd. 35). Brill, Leiden 1973, ISBN 90-04-03677-6; Guy MacLean Rogers: The Sacred identity of Ephesos. Routledge, London/New York 1991. Sie gilt als Synthese der Artemis griechischer Einwanderer mit einer Naturgöttin Anatoliens.Erika Simon: Die Götter der Griechen. München 1969, S. 163; Karl Hoenn: Artemis. Gestaltwandel einer Göttin. Zürich 1946, S. 55 f.; Walter Wiebe: Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 23, 2004, S. 69–123; hier: S. 70 f. und 88–90. Ihre Statue in Ephesos zeigte nach archäologischen und literarischen Zeugnissen ihren Oberkörper bedeckt mit Brüsten, die sie laut christlicher Polemik als angebliche Ernährerin aller LebewesenHieronymus, commentarium in Epistolam ad Ephesios libri tres praefatio (= ed. Migne L 26 col. 441): („Paulus schrieb an die Ephesier, die die Artemis als jene vielbrüstige, die die Griechen nennen, verehren, wie man auch aus ihrem Bild selbst ersehen kann, und sie geben vor, dass sie die Nährerin aller Tiere und Lebewesen sei“); Minucius 22,5: („Die Artemis von Ephesos ist mit vielen Brüsten und Zitzen gemacht …“); Walter Wiebe: Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 23, 2004, S. 69–123; hier: S. 73 f. und 76 f. übersetzt Minucius neu: „Diana ist zuweilen eine hochgeschürzte Jägerin, zu Ephesos ist sie mit vielen und üppigen [fruchtbaren] Brüsten behangen“, wobei uber als Adjektiv gedeutet wird. verkörpern sollten. Nach anderer Deutung handelt es sich um Stierhoden der ihr geopferten Opferstiere.Gérard Seiterle: Artemis – die große Göttin von Ephesos. In: Antike Welt. Jahrgang 10, Heft 3, 1979, S. 6–16; Walter Wiebe: Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 23, 2004, S. 69–123; hier: S. 71 f. weist darauf hin, dass es sich bei den Opfertieren gemäß Herodot um goldene Rinder handelte, was neben anderen Argumenten die Stierhoden-Deutung Seiterles wenig wahrscheinlich mache. Anführen lässt sich für diese Deutung kein literarisches Zeugnis, das eine Beziehung zwischen der ephesischen Artemis und einem irgendwie gearteten Stierkult belegen könnte.Beate Bergbach-Bitter: Griechische Kultbilder. Archäologischer Befund und literarische Überlieferung. Würzburg, Dissertation 2008, S. 316–321, uni-wuerzburg.de (PDF; 1,85 MB). Eine jüngere Deutung schlägt vor, in den Brüsten eine kurša-Jagdtasche zu sehen, die bei den Hethitern kultisch verehrt wurden.Sarah Morris: The prehistoric background of Artemis Ephesia: A solution to the enigma of her ‘breasts’? In: Ulrike Muss (Hrsg.): Der Kosmos der Artemis von Ephesos. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 2001, S. 135–150. Diskutiert wird auch ein Zusammenhang mit dem Krankheitsbild einer Polymastia glandularis mit fehlenden Brustwarzen wie bei der vielbrüstigen Artemis.Walter Wiebe: Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 23, 2004, S. 69–123.

Aspekte Artemis wird meist als jungfräuliche Jägerin beschrieben,Bereits bei Platon, Kratylos 406b. die allein oder von gleichfalls jungfräulichen Nymphen begleitet durch die Wälder streift. Den Aspekt der Jungfräulichkeit, den sie mit größter Hartnäckigkeit bewahrt und verteidigt, teilt sie mit Hestia oder Athene, und auch von ihren Anhängerinnen wurde die Wahrung der Jungfräulichkeit erwartet.