Soziale Ungleichheit bezeichnet in der Soziologie die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Möglichkeiten zur Teilhabe an dieser.Nach Detlev Krause: Ungleichheit, soziale. In: Werner Fuchs-Heinritz u. a.: Lexikon zur Soziologie. 4. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 686. Die Bezeichnung kann beschreibend oder normativ verwendet werden.

Als normativer Begriff impliziert er eine Gesellschaftskritik; die soziale Ungleichheit wird von der Soziologie als gesellschaftliches Problem gesehen.Bernhard Schäfers: Ungleichheit. In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik bpb.deEva Barlösius: Gleichwertig ist nicht gleich Soziale Ungleichheit ist somit abzugrenzen vom neutraleren Begriff der sozialen DifferenzierungHartmut Esser: Soziologie – Spezielle Grundlagen. Seite 113.Hartmut Esser: Soziologie – Allgemeine Grundlagen. Seite 453. und von wertenden Begriffen wie „soziale Schieflage“ und Sozialabbau. Oft stehen bei diesen Begriffen finanzielle Faktoren im Zentrum (zum Beispiel Lohnkürzung, Streichen von geldwerten Vorteilen, Änderungen in der Sozialversicherung / soziale Sicherheit).

Auch mangelnde Generationengerechtigkeit kann als eine Form sozialer Ungleichheit gesehen werden. Kinder haben keine Möglichkeit, gegen soziale Ungleichheit etwas zu tun; sie erleben sie in ihrem Lebensumfeld (z. B. Nachbarschaft, Kindergarten, Schule).

Allgemeines Bestimmten sozialen Gruppen stehen die Möglichkeiten zur Nutzung gesellschaftlicher Ressourcen in unterschiedlichem Maße zur Verfügung.Petra Frerichs: Klasse und Geschlecht als Kategorien sozialer Ungleichheit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Number 1 / März 2000, doi:10.1007/s11577-000-0002-1. Diese als „soziale Ungleichheiten“ bezeichneten Unterschiede können die Wünsche, Handlungen und Konflikte der Akteure mitbestimmen. Ursachen und Merkmale sozialer Ungleichheit können in verschiedenen Gesellschaften und im Lauf der Geschichte unterschiedlich sein, und unterschiedlich interpretiert werden.Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit – Eine Einführung in die zentralen Theorien. Seite 8. Der Begriff darf nicht – wie in der Alltagssprache häufig üblich – mit dem Begriff der „Ungerechtigkeit“ gleichgesetzt werden,Gerd Reinhold, Siegfried Lamnek, Helga Recker: Soziologie-Lexikon. Seite 590. obwohl er Probleme der Gerechtigkeit thematisiert.

Bestimmungsfaktoren Nach Stefan Hradil (2001) liegt „soziale Ungleichheit“ dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung im sozialen Beziehungsgefüge (3) von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft (1) regelmäßig mehr als andere erhalten (2).Hradil 2001, S. 30

Wertvolle Güter: Der Begriff bezieht sich auf „Güter“, die in einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Je mehr der Einzelne von diesen „Gütern“ besitzt, desto besser sind seine Lebensbedingungen. „Insofern bestimmte ,Güter‘ also […] Lebens- und Handlungsbedingungen darstellen, die zur Erlangung von allgemein verbreiteten Zielvorstellungen einer Gesellschaft dienen, kommen sie als Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit in Frage“.Hradil 2001, S. 28. Solche Güter können beispielsweise Geld, eine (unkündbare) Berufsstellung, Bildungsabschlüsse, Lebens- und Arbeitsbedingungen oder auch Macht sein. Verteilung: Eine sozial ungleiche Verteilung der „wertvollen Güter“ in einer Gesellschaft liegt vor, wenn ein Gesellschaftsmitglied von diesen Gütern regelmäßig mehr als ein anderes erhält („absolute Ungleichheit“). „In der soziologischen Terminologie wird immer dann von Ungleichheit gesprochen, wenn als ,wertvoll‘ geltende ,Güter‘ nicht absolut gleich verteilt sind.“Hradil 2001, S. 29. Regelmäßig ungleiche Verteilung aufgrund der Stellung im sozialen Beziehungsgefüge: Nicht alle Vor- und Nachteile, nicht alle Besser- bzw. Schlechterstellungen sind also Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit, sondern nur jene, die in gesellschaftlich strukturierter, vergleichsweise beständiger und verallgemeinerbarer Form zur Verteilung kommen. Ihre Bindung an relativ konstante gesellschaftliche Beziehungen und Positionen unterscheidet soziale von anderen Ungleichheiten.Hradil 2001, S. 29.

Geschichte Soziale Ungleichheit existiert und existierte in allen bekannten Gesellschaften und ist – obwohl sie deshalb oft als naturgegeben erscheint – immer eine sozial erzeugte Tatsache.Martin Greiffenhagen, Sylvia Greiffenhagen: Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Seite 567.

Vormoderne Erklärungsmuster sahen soziale Ungleichheit häufig als in Gegebenheiten der Natur oder dem Willen eines Gottes begründet. So meinte z. B. Aristoteles, Freie und Sklaven gebe es von Natur aus (physei). Die Antike sah, ebenso wie die indische Kastengesellschaft, Ungleichheiten als natürlich an.Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, S. 8. Seit Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen von 1755 und spätestens seit Karl Marx war und ist das „Programm der Gleichheit“ häufiges politisch angestrebtes Ziel.Hans-Peter Müller/Michael Schmid: Hauptwerke der Ungleichheitsforschung, S. 5. Nach Marx ist das Privateigentum an Produktionsmitteln und die damit verbundene Herrschaft der Kapitaleigner über die Arbeit der Proletarier die primäre Ursache sozialer Ungleichheit. Zur Aufhebung der sozialen Ungleichheit prognostiziert er eine proletarische Revolution, die letztlich zur Nivellierung sozialer Unterschiede in der klassenlosen Gesellschaft (Kommunismus) führen soll. Dem stehen die Konzepte des Liberalismus gegenüber. Adam Smith (1723–1790) ging es nicht um die Frage der Gleichheit bzw. Ungleichheit, für ihn stand die Überwindung der Armut im Mittelpunkt.Bundeszentrale für politische Bildung – Druckversion: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik (2003). Sein Hauptwerk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations erschien 1776.

Soziale Ungleichheit ist eine Folge von Einkommensungleichheit. Zu interessanten Erkenntnissen bezüglich der Ursachen regionaler Einkommensunterschiede innerhalb Europas sind Jörg Baten und Ralph Hippe (2017)Baten, Joerg, and Ralph Hippe. "Geography, land inequality and regional numeracy in Europe in historical perspective." Journal of Economic Growth 23.1 (2018): 79–109. gekommen: Sie identifizieren die landwirtschaftlichen Strukturen im 19. Jahrhundert als einen entscheidenden Faktor. Ausschlaggebend sei die Größe der damaligen Betriebe, welche wiederum von der Bodenbeschaffenheit beeinflusst wurde. In den kleineren Betrieben legten die Bauern größeren Wert darauf, dass ihre Kinder gebildet waren, da sie später den Hof übernehmen würden. Dies war u. a. typisch für Nord- und Nordwesteuropa um 1900. Waren Boden und Klima jedoch günstig für große Weizenfelder und somit Großgrundbesitz, entwickelten sich häufig politische Eliten, welche den Zugang zu Bildung für ländliche Arbeitnehmer behinderten. Die daraus resultierenden Bildungsunterschiede wirkten sich wiederum auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung aus.

Soziale Ungleichheit tritt ebenso als Folge von historischen und gegenwärtigen Diskriminierungen auf. So trug das sogenannte Redlining in den Vereinigten Staaten zu einer in der Vergangenheit und heute bestehenden ungleichen Verteilung von Ressourcen je nach Wohngebiet bei. Bäume sind in sozioökonomisch benachteiligten Wohngegenden und in Gebieten, in denen vorwiegend People of Color wohnen, rarer als in vorwiegend wohlhabenderen, vorwiegend von der weißen Mehrheitsgesellschaft bewohnten Gebieten. Der Tree Equity Score – eine Kennzahl zur Messung der Gerechtigkeit in Bezug auf den Baumbestand – verdeutlicht diese Ungleichheit.

Auswirkungen „Milliardäre sind eine Bedrohung für den Rest von uns: Ihre schiere politische Größe verzerrt unser öffentliches Leben. Sie sind unverhältnismäßig alt, weiß und männlich und fungieren als nicht gewählte Mächte, als eine Art freiberufliche globale Aristokratie, die allzu oft versucht, über den Rest von uns zu herrschen. Einige Kritiker sind der Meinung, dass die riesigen Technologiekonzerne, die so viele moderne Milliardäre hervorgebracht haben, auf eine Art und Weise agieren, die eher dem Feudalismus als dem Kapitalismus ähnelt, und sicherlich agieren viele Milliardäre wie die Herren der Welt, während sie sich für den Schutz der wirtschaftlichen Ungleichheit einsetzen, die sie so reich gemacht hat und so viele andere so arm. Sie nutzen ihre Macht auf willkürliche, rücksichtslose und oft umweltzerstörende Weise.“ (Rebecca Solnit in The Guardian)https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/rebecca-solnit-milliardaere-sind-giganten-des-klimawandels-wir-die-bienen Soziale und politische Auswirkungen Die sozialen und politischen Auswirkungen sozialer Ungleichheit werden vielfach in der Soziologie und der Politikwissenschaft untersucht. Sie sind auch Gegenstand der Sozialphilosophie, der Rechtsphilosophie und der Volkswirtschaftslehre (VWL) und Arbeitsfeld der Sozialpolitik. Die gesamtwirtschaftlichen Effekte ungleicher Verteilungen sind in der Volkswirtschaftslehre umstritten. In politischen Diskussionen (Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Familienpolitik u. a.) wird eine positive Funktion von sozialer Ungleichheit behauptet. Diese Auffassung geht davon aus, dass völlige soziale Gleichstellung den Wettbewerb lähme und die Anreize zur persönlichen Leistungssteigerung verringere. Konzepte z. B. des Ordoliberalismus und des freiheitlichen Sozialismus entwickelten hier Ideen, die die als kritikwürdig, aber als unvermeidlich angesehene soziale Ungleichheit wirtschaftspolitisch optimal einzuschränken trachten. Der Kommunismus hingegen fordert unbedingt soziale Gleichheit und setzt auf Fortschritt. Es soll Planungs- und Steuerungsprozesse (Planwirtschaft) zur Ressourcenallokation geben, mit denen getroffene Entscheidungen umgesetzt werden sollen.

Amartya Sen nannte 1973 ein wahrgenommenes Gefühl der Ungleichverteilung einen häufigen Mitauslöser von Aufständen in Gesellschaften.… A perceived sense of inequity is a common ingredient of rebellion in societies …, Amartya Sen, 1973.

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck prägte Ende der 1990er Jahre den Begriff der Brasilianisierung für den von ihm vermuteten sozialen Wandel Europas in Richtung zunehmender sozialer Ungleichheit.Ulrich Beck: Vollbeschäftigung – eine Redefinition von Arbeit. Die Brasilianisierung Westeuropas, Journalistik Journal, Jg. 3, Nr. 1, Frühjahr 2001 Alleine schon die materielle Ungleichheit als Element sozialer Ungleichheit führt auch zu ungleichen Möglichkeiten der Teilhabe der Bürger in Demokratien, also zu politischer Ungleichheit. Das kann in einem sich selbst verstärkenden und schwer umzukehrenden Prozess erfolgen.Robert Alan Dahl in den Kapiteln The Presence of a Market Economy (S. 63 ff.), The Distribution of Political Resources (S. 84 ff.) und Market Capitalism and Human Dispositions (S. 87 ff) in On Political Equality, 2006, 120 S., Yale University Press, ISBN 978-0-300-12687-7 (Themen des im Jahr 1915 geborenen Autors in diesem Buch: die Grundlagen der Demokratie, die Bedeutung politischer Teilhabe für die Demokratie, eine Skala für den Grad der „Polyarchie“, zwei Zukunftsszenarien; Kategorien der Library of Congress: „1. Democracy, 2. Equality“); deutsche Übersetzung: Politische Gleichheit – ein Ideal? Hamburger Edition, 2006, ISBN 978-3-936096-72-9

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph E. Stiglitz hob in seinem Buch Der Preis der Ungleichheit den asymmetrischen Einfluss von Interessengruppen auf öffentliche Meinungen und Wahrnehmungen hervor. So habe besonders das obere eine Prozent die Mittel, die Politik durch Parteispenden, Medienkontrolle und Lobbyarbeit zum eigenen Vorteil zu beeinflussen.

Ökonomische Auswirkungen