mini|Karlheinz Blaschke auf dem Ehrenkolloquium zu seinem 80. Geburtstag im Oktober 2007 Karlheinz Blaschke (* 4. Oktober 1927 in Schönlinde, Tschechoslowakei; † 25. Dezember 2020 in Moritzburg, Ortsteil Friedewald) war ein deutscher Archivar und Historiker.

Nach der deutschen Wiedervereinigung hatte er maßgeblichen Anteil am Neuaufbau der sächsischen Landesgeschichte als historische Wissenschaftsdisziplin. Er war von 1992 bis zu seiner Emeritierung 1998 der erste Inhaber des Lehrstuhls für sächsische Landesgeschichte an der TU Dresden. Seine Forschungstätigkeit machte ihn zu einem Nestor der sächsischen Landesgeschichtsforschung nach dem Zweiten Weltkrieg.Simone Lässig, Karl Heinrich Pohl: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Sachsen im Kaiserreich. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Umbruch. Köln u. a. 1997, S. 9.

Leben Der im nordböhmischen Schönlinde geborene Karlheinz Blaschke war der Sohn eines Maschinen- und Kfz-Schlossers. Im Alter von neun Jahren verlor er seinen Vater, der 1936 an Tuberkulose starb. In Schönlinde erlebte Blaschke im Oktober 1938 den Anschluss des Sudetenlandes an den NS-Staat. Noch im gleichen Jahr zog die Familie nach Leipzig, wo Blaschke fortan aufwuchs. Die Mutter fand in Leipzig eine Anstellung als Haushaltshilfe bei einem Chemielehrer, den sie drei Jahre später heiratete. Der Chemielehrer war selbst Witwer und brachte eine Tochter und einen Sohn in die Ehe mit ein. In Rumburg bei Schönlinde besuchte Karlheinz Blaschke die Grundschule und anschließend in Leipzig die erweiterte Nikolai-Oberschule. Im Jahr 1940 bezog die Familie im Leipziger Vorort Holzhausen ein eigenes Haus. Im Zweiten Weltkrieg war er 1943/44 Luftwaffenhelfer und wurde anschließend bei der Kriegsmarine eingesetzt. Im April 1945 marschierte Blaschke an die Oderfront. Bis Juni 1945 war er in britischer Kriegsgefangenschaft auf Fehmarn und im Emsland. Im Frühsommer 1945 kehrte er nach Leipzig zurück. Das Abitur legte er 1946 ab.

Blaschke studierte von 1946 bis 1950 an der Universität Leipzig Geschichte, Germanistik und Latinistik. Im Jahr 1948 legte er eine landwirtschaftliche Gehilfenprüfung ab. Im Dezember 1950 wurde er als Schüler von Rudolf Kötzschke mit einer Arbeit über die fünf neuen Leipziger Universitätsdörfer promoviert.Karlheinz Blaschke: Die fünf neuen Leipziger Universitätsdörfer. Ein Beitrag zur Geschichte der Universität und des Leipziger Landes. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Leipzig 5, 1951/52, S. 76–125 (Teildruck der Dissertation von 1950). Nach seiner Promotion nahm er eine Ausbildung am Potsdamer Institut für Archivwissenschaft bei Heinrich Otto Meisner auf. Als Gegner des politischen Systems in der DDR trat Blaschke 1956 aus der Ost-CDU aus, weil er das Bekenntnis zum historischen Materialismus ablehnte.

Während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit im Landeshauptarchiv Dresden von 1951 bis 1968 entstand das 1957 veröffentlichte vierbändige Historische Ortsverzeichnis von Sachsen. Im Jahre 1962 habilitierte sich Blaschke mit einer Arbeit zur Bevölkerungsgeschichte von Sachsen bis zur Industriellen Revolution an der Universität Leipzig, wo er jedoch keine Lehrberechtigung erhielt. Er wird zu den wenigen Personen gezählt, die nach dem Mauerbau freiwillig in die DDR zurückgekehrt sind. Er war mit seiner Frau in das westliche Ausland gereist und mit ihr nach dem 13. August 1961 aufgrund seiner engen Verbundenheit mit der sächsischen Landesgeschichte zurückgekommen. Nach seiner Meinung konnte er diese nur weiter erforschen, wenn er im Lande auch lebte.Rainer Aurig, Steffen Herzog, Simone Lässig: Der aufrechte Gang. Lebensmaxime und wissenschaftlicher Anspruch. In: Dies. (Hrsg.): Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation. Dresden 1997, S. 9–13, hier: S. 11. Blaschkes Verbleib in der DDR wird auch damit begründet, dass er das Land nicht komplett den Funktionären überlassen wollte.Winfried Müller: Karlheinz Blaschke (1927–2020). In: Blätter für deutsche Landesgeschichte. Band 157, 2021, S. 615–625, hier: S. 619.

Blaschke galt als sogenannter „bürgerlicher Historiker am Rande der DDR“Karlheinz Blaschke: Als bürgerlicher Historiker am Rande der DDR. Erlebnisse, Beobachtungen und Überlegungen eines Nonkonformisten. In: Karl Heinrich Pohl (Hrsg.): Historiker in der DDR. Göttingen 1997, S. 45–93.. Im Gegensatz zu seinen marxistischen Kollegen widmete er sich auch weiterhin der wissenschaftlichen Erforschung der sächsischen Landesgeschichte und verwahrte sich gegen deren politisch motivierten Ersatz in Form einer marxistischen Regionalgeschichte, so dass zentrale Bereiche der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte Sachsens weiter erforscht werden konnten.Winfried Müller: Das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) 1997–2017. In: Winfried Müller, Daniel Geissler (Red.): Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde 1997–2017. Dresden 2017, S. 7–25, hier: S. 38. Seine Mitarbeit an einem Sammelband Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus beendete er, als von ihm gefordert wurde, er solle einen Aufsatz zur Bevölkerungsdichte Sachsens ideologisch anpassen. Mit seiner Einstellung galt der bekennende Christ als kritischer und unliebsamer Geist, dem sich kaum mehr Spielräume boten und keine Karrieremöglichkeiten in der staatlichen Hochschullandschaft eröffneten. Rolf Lieberwirth erinnerte sich 2007 an angeregte, kritische Diskussionen mit ihm, insbesondere an die damit einhergehende Befürchtung: „Hoffentlich kommt jetzt nicht einer von der Stasi und nimmt ihn mit!“Albrecht Cordes: Interview mit Prof. Dr. Rolf Lieberwirth am 12. September 2007 in Halle (21. Dezember 2007). In: forum historiae iuris (Interview-Wortlaut). Im Jahr 1963 wurde Blaschke nach Auseinandersetzungen um die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Arbeiten in der Bundesrepublik Deutschland vom Leiter der Staatlichen Archivverwaltung der DDR, dem früheren SED-Politbüro-Mitglied Karl Schirdewan, seines Postens als Abteilungsleiter im Sächsischen Landeshauptarchiv enthoben.Hermann Schreyer: Das staatliche Archivwesen der DDR. Ein Überblick. (= Schriften des Bundesarchivs 70). Droste Verlag, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1626-6, S. 91, 131. Blaschke publizierte stattdessen regelmäßig in westdeutschen Zeitschriften, darunter mehrfach in den Blättern für deutsche Landesgeschichte.

Seine Frau Renate Blaschke lernte er im Leipziger Universitätschor kennen. Seit 1954 war er mit ihr verheiratet. Als Professorin für medizinische Mikrobiologie war sie an der TU Dresden tätig. Aus der Ehe gingen 1962 und 1965 zwei Töchter hervor.Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. XLII. Ausgabe 2003/2004, S. 121. Zwischen 1960 und 1968 konnte er fast 30 Aufsätze und ein Buch über die Siegel und Wappen in Sachsen verfassen. Aus politischen Gründen verließ er das Landeshauptarchiv und übernahm 1969 die einzige nichttheologische Dozentur am Theologischen Seminar Leipzig, einer staatlich nicht anerkannten Hochschule in der Trägerschaft der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. An dem 1990 in Kirchliche Hochschule Leipzig umbenannten und nun auch staatlich anerkannten Institut wurde ihm, wie mehreren anderen Dozenten, am 2. Oktober 1990 der Professorentitel verliehen. Blaschke lehrte dort bis zur Auflösung der Hochschule 1992. Daneben war er seit 1990 als Honorarprofessor an der Philipps-Universität Marburg tätig. Blaschke wurde 1972 in das Domkapitel des Hochstifts Meißen berufen und von diesem zum Dechanten gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum Herbst 2003 inne.Hochstift Meißen trauert um Domherren. In: Sächsische Zeitung. 30. Dezember 2020, abgerufen am selben Tage.

Er plädierte Mitte 1990 vor der Verabschiedung des Ländereinführungsgesetzes in der DDR und im Hinblick auf eine spätere Neugliederung des Bundesgebietes für eine Variante mit den drei „neuen Ländern“ Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen-Thüringen. Sachsen-Anhalt sollte bereits in einer Zwischenvariante unter Brandenburg und Sachsen aufgeteilt werden.Karlheinz Blaschke: Alte Länder – Neue Länder. Zur territorialen Neugliederung der DDR. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 27, 1990, S. 39–54 (online); Eckhard Jesse, Thomas Schubert, Tom Thieme: Politik in Sachsen. Wiesbaden 2014, S. 47. Im Jahr 1991 wurde Blaschke, der ab 1990 wieder der CDU angehörte, zum ersten Leiter des neugebildeten Referats für Archivwesen beim Sächsischen Innenministerium berufen. Nach Beendigung der Aufbauarbeit und der Schaffung neuer Strukturen im sächsischen Archivwesen widmete sich Blaschke wieder der wissenschaftlichen Arbeit. Er folgte zum 1. November 1992 mit fast 65 Jahren einem Ruf auf den Lehrstuhl für sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden, den er aufgrund einer Sonderregelung über die gesetzliche Altersgrenze hinaus bis zu seiner Emeritierung 1998 innehatte. In den elf Semestern betreute er ca. 10 Dissertationen.Winfried Müller: Karlheinz Blaschke (1927–2020). In: Blätter für deutsche Landesgeschichte. Band 157, 2021, S. 615–625, hier: S. 622. Seine Nachfolge auf den landesgeschichtlichen Lehrstuhl trat 1999 Winfried Müller an.

Er lebte über 60 JahreChristel Hebig: Die Jahre vergehen, aber der Ruhm bleibt. In: Dresdner Neueste Nachrichten. 2. Oktober 2017, S. 14. im Moritzburger Gemeindeteil Friedewald und starb dort zu Weihnachten 2020 im Alter von 93 Jahren.Tomas Gärtner: Der Archivar und Historiker Karlheinz Blaschke ist tot. In: Dresdner Neueste Nachrichten. 29. Dezember 2020, abgerufen am 29. Dezember 2020. Hochstift Meißen trauert um Domherren. In: Sächsische Zeitung. 30. Dezember 2020, abgerufen am selben Tage. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof zu Reichenberg.

Ehrungen und Mitgliedschaften Ihm wurden zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Für sein Werk wurde Blaschke 1999 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Davor wurde er bereits 1997 mit der Sächsischen Verfassungsmedaille ausgezeichnet. Er wurde 1990 in die Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen und schied am 31. Dezember 2019 aus der Historischen Kommission aus.Die Mitglieder der Historischen Kommission seit 1858, S. 6. Er war Mitglied der Vereinigung für Verfassungsgeschichte. Er gehörte ab 1991 der Philologisch-historischen Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften als ordentliches Mitglied an. Die Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste berief ihn 1995 zum ordentlichen Mitglied der Geisteswissenschaftlichen Klasse.Eintrag Karlheinz Blaschke bei der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste. Wesentlich durch Blaschkes Initiative wurde die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften 1990 wiederbegründet. Von 2000 bis 2004 war er ihr Präsident. Im Jahr 2005 wurde er für seine Verdienste zum Ehrenmitglied und 2008 zum Ehrenpräsidenten ernannt. Uwe Schirmer: Karlheinz Blaschke (1927–2020). Gedächtnisworte – Lebensbild – kritischer Rückblick. In: Neues Archiv für Sächsische Geschichte Band 92, 2021, S. 3–28, hier: S. 28. Am 4. Oktober 2007 wurde ein Ehrenkolloquium zu Blaschkes 80. Geburtstag veranstaltet.Winfried Müller (Hrsg.): Perspektiven der Reformationsforschung in Sachsen. Ehrenkolloquium zum 80. Geburtstag von Karlheinz Blaschke. Dresden 2008.

Wissenschaftliche Bedeutung Forschungsschwerpunkte