mini|Katharinenkirche vom Turm der St.-Petri-Kirche aus gesehen. Südwestansicht (2007) mini|Das Langhaus mit Blick nach Osten, mit Triumphkreuz und Unterchor (2022).

Die Katharinenkirche, auch Museumskirche St. Katharinen zu Lübeck, ist die Kirche des ehemaligen Franziskanerklosters („Katharinenkloster)“ und die einzige erhaltene Klosterkirche in Lübeck. Sie trägt das Patrozinium der heiligen Katharina von Alexandrien.

Das Katharinenkloster bestand als Konvent der Franziskaner (fratres minores ‚Minderbrüder‘) von 1225 bis zur Reformation 1531. Es gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) und war ab 1274 Sitz einer der zwölf Kustodien (Verwaltungsbereiche) der Saxonia, und zwar für die an der Ostsee gelegenen Konvente. Der mittelalterliche Gebäudekomplex an der Königstraße in der Lübecker Altstadt ist heute Bestandteil des Weltkulturerbes, die ehemalige Klosterkirche ist heute Museumskirche. In den daran anschließenden Gebäudeteilen befinden sich das altsprachliche Gymnasium Katharineum und die Stadtbibliothek.

Geschichte mini|Katharinenkirche vor 1873; Südwestansicht mini|Blick auf den Lettner und den Chor mit Kunstwerken im Oberchor (vor 1897) Noch zu Lebzeiten des heiligen Franz von Assisi erhielten die Franziskaner im Jahre 1225 ein Grundstück zum Bau von Kloster und Kirche an der Ecke Königstraße und Glockengießerstraße. Von der damals erbauten Kirche ist wenig bekannt.

Zu Anfang des 14. Jahrhunderts, vermutlich um 1303 (dendrochronologische Datierung des Dachwerks), wurde zunächst der Ostteil mit Chorraum und Querschiff neu im Stil der Backsteingotik erbaut. Durch die Auseinandersetzungen der Ordensbrüder und der Stadt mit dem streitbaren Lübecker Bischof Burkhard von Serkem und durch das über das Kloster verhängte Interdikt kamen die Bauarbeiten um 1310 zum Erliegen und wurden erst nach der Aussöhnung mit dem Nachfolger, Bischof Heinrich II. Bochholt, 1319 wiederaufgenommen. Einen wesentlichen finanziellen Beitrag leistete dazu der Bürgermeister Segebodo Crispin, der sich auch das nördliche Chorseitenschiff als Familienkapelle errichten ließ.Trost: Katharinenkirche (Lit.), S. 190. 1329 wurde das Chorgestühl eingebaut, dann ab 1335 das Langhaus vollendet. Im Jahre 1356, als im Kloster das Provinzkapitel der Sächsischen Franziskanerprovinz stattfand, zu der das Lübecker Kloster gehörte, wird der Bau vollendet gewesen sein. Später kamen noch Kapelleneinbauten und -anbauten hinzu wie die reich ausgestattete Kapelle der Zirkelgesellschaft von 1458 im westlichen Joch des nördlichen Seitenschiffs; um 1510–1515 erfolgte ein Neubau der Chortreppe.

Matthias Untermann wirft angesichts der für eine Bettelordenskirche ungewöhnliche Größe und der Ausstattung mit einem Hochchor und einem kryptaähnlichen Untergeschoss die Frage auf, ob die Kirche ursprünglich nicht für die Franziskaner gebaut worden war, sondern eine Stiftskirche werden sollte, die dem Orden nach seiner Ansiedlung in Lübeck zum Weiterbau überlassen wurde.Matthias Untermann: Wurde die Lübecker Katharinenkirche als Franziskanerkirche gebaut? In: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte, 90 (2010), S. 387–397 hier S. 391.

In der Reformation wurde das Katharinenkloster durch die Kirchenordnung von Johannes Bugenhagen 1531 zu einer Lateinschule, dem Katharineum zu Lübeck, umgewandelt. Weitere Räume erhielt zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Stadtbibliothek. Die Katharinenkirche wurde zur Filialkirche der Marienkirche und für Schulgottesdienste sowie bis ins 19. Jahrhundert auch für Bestattungen benutzt. Die erst vor kurzemBrohmann (Lit.), Trost (Lit.) als solche identifizierte ehemalige Sakristei im südlichen Seitenraum des Hochchores bezog 1760 das Konsistorium, das hier bis zu seiner Auflösung 1814 dreimal im Jahr als kirchlich/städtisches Gericht für Ehe- und Familiensachen tagte. 1829 wurde auch dieser Raum an die Stadtbibliothek abgegeben.

Während der französischen Besetzung Lübecks (1806–1813) wurde die Kirche profaniert und als Pferdestall und Lazarett zweckentfremdet.

Ab 1841 entstand im Hochchor die erste Sammlung mittelalterlicher Bildwerke, vor allem durch die Bemühungen von Carl Julius Milde, der die Bergung und Sicherung der Kunstschätze des Burgklosters maßgeblich besorgte, und der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. Dafür wurden 1846 der Schmuckfußboden des Oberchores und 1847 die Chorfenster und ihr Maßwerk erneuert. Die schließlich 1848 eröffnete „Sammlung Lübeckischer Kunstaltertümer“Verzeichniss der Lübeckischen Kunstaltertümer, welche sich auf dem oberen Chor der St.-Katharinenkirche befinden. Lübeck, 1855 bildete ab 1915 den Grundstock für die Abteilung Sakrale Kunst des Mittelalters im St.-Annen-Museum.

Der restliche Kirchenraum wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert wiederholt für Messen, Ausstellungen und Konzerte benutzt. 1899 stellte hier Albert Kollmann seine Privatsammlung, vor allem von Werken Max Liebermanns, aus. In der Pfingstwoche 1911 fand hier im Rahmen des in der Hansestadt stattfindenden VI. Deutschen Esperanto-Kongresses des Deutschen Esperanto-Bundes die Esperantoausstellung statt. Während der Nordischen Woche 1921 wurden „Emil Noldes religiöse Bilder“ gezeigt, ergänzt durch religiöse Plastik im Hauptschiff der Kirche. Im Unterchor der Kirche wurde eine Ausstellung über deutsche und nordische Architekten gezeigt und im Oberchor Urkunden, Siegel und Inkunabeln aus Lübecker Beständen. mini|hochkant|St. Georgs Kampf gegen den Drachen Ab 1926 entstand im Zuge der Ausstellung Lübeckische Kunst außerhalb Lübecks nach einem Plan von Carl Georg Heise eine Sammlung von Gipsabgüssen von Bildwerken Lübecker Herkunft im Ostseeraum. Der monumentale Gipsabguss der St.-Jürgen (St.-Georg)-Gruppe in der Nikolaikirche in Stockholm, gefertigt von Bernt Notke für den schwedischen Reichsverweser Sten Sture zur Erinnerung an die Schlacht am Brunkeberg und einige Altäre sind noch vorhanden.

Nachdem zahlreiche andere Innenstadtkirchen beim Bombenangriff auf Lübeck am Palmsonntag 1942 ausgebrannt waren, wurde St. Katharinen vorübergehend wieder für regelmäßige Gottesdienste hergerichtet. Ein steinernes Altarpodest wurde in der Vierung aufgebaut; dafür wurde die St.-Jürgen-Gruppe, die zunächst hier aufgestellt worden war, in das erste westliche Joch des Mittelschiffs versetzt. Dem Umbau fiel das erhaltene Schrankenwerk der Zirkelbrüderkapelle von 1458 zum Opfer, das im Museumsmagazin eingelagert wurde. Der Marienorganist Walter Kraft sorgte für den Einbau einer Kemper-Orgel sowie einer die 1942 zerstörten Musikemporen der Marienkirche nachbildenden Empore im dritten westlichen Joch des südlichen Mittelschiffs und nutzte die Kirche und besonders den Hochchor für kirchenmusikalische Aufführungen, bis er an die Marienkirche zurückkehren konnte. Eine Seitenkapelle im Unterchor erhielt die russisch-orthodoxe Gemeinde und benutzt sie bis heute als Kirche des seligen Prokop. Auch die griechisch-orthodoxe Gemeinde hielt ihre Gottesdienste hier im Unterchor über viele Jahre. Seit Anfang der 1980er Jahre stand die Kirche Anhängern der Priesterbruderschaft St. Pius X. zur Verfügung, die hier Messen im Tridentinischen Ritus feierten. Die Nutzung durch die Piusbruderschaft wurde durch die Stadt Lübeck zum Mai 2009 gekündigt.

Anfang der 1960er Jahre wurde die Verbindung zwischen der Kirche und dem Kreuzgang des Klosters bzw. der Schule wiederhergestellt. Das Katharineum nutzte die Kirche fortan bis in die 1990er Jahre für wöchentliche Morgenandachten. Auch heute noch finden Feiern und Konzerte der Schule in der Kirche statt.

Seit ca. 1980 wird die Katharinenkirche als Museumskirche St. Katharinen vom Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck verwaltet, die Leitungsverantwortlichkeit ging am 1. Januar 2006 auf die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck über.

Von Herbst 2011 bis Frühjahr 2015 wurde die Kirche mit Mitteln des Welterbe-Fonds des Bundes für ca. 3 Millionen Euro grundlegend saniert und war während dieser Zeit geschlossen. In: Lübecker Nachrichten. 29. Oktober 2011, abgerufen am 29. Oktober 2011. Seit dem 29. April 2016 ist die Kirche freitags und sonnabends wieder für Besucher geöffnet.Katharinenkirche in neuem Glanz., Lübecker Nachrichten vom 28. April 2016, abgerufen am 29. April 2016 Möglich wurde dies durch den Bau eines Kassenhäuschens durch Freiwillige der Jugendbauhütte Lübeck und – erstmals in der Geschichte der Lübecker Museen – durch den Einsatz von ehrenamtlichen Aufsichtskräften.Dank Ehrenamtlern: Katharinenkirche wird geöffnet Lübecker Nachrichten vom 13. April 2016, abgerufen am 29. April 2016St. Katharinen: Strahlendes Licht im alten Gemäuer, HL-live vom 28. April 2016, abgerufen am 29. April 2016

Architektur Die Kirche ist eine dreischiffige, neunjochige Basilika mit wegen des Verlaufs der Glockengießerstraße asymmetrischen Seitenschiffen, einem polygonalen Chorschluss und einen zweischiffigen Querhaus, das nicht über die Seitenwände hinausreicht und nur im Dachbereich sichtbar herausragt. Als Klosterkirche eines Bettelordens erhielt die Katharinenkirche keinen Turm, sondern lediglich einen Dachreiter mit einer Glocke aus dem Jahre 1399, die vom Meister Johannes Reborch gegossen wurde und heute im Kirchenschiff ausgestellt ist. Sie ist reich an Pilgerzeichen und Heiligenabbildungen (wie der heiligen Katharina).

Die jedoch für eine Bettelordenskirche ungewöhnlich aufwändige Architektur zeigt sich neben der reichgegliederten Westfassade in der besonderen Gestaltung des Chorraums als Hochchor über einem bis in die Vierung vorgezogenen Unterchor in Hallenform. Die reiche Ausmalung des 14. Jahrhunderts ist nur teilweise wieder freigelegt.

Ausstattung Kirchenschiffe mini|Fresko: Franz von Assisi

Von der gotischen Ausstattung ist neben der Ausmalung noch das Chorgestühl im Oberchor von 1329 erhalten, das um 1472/1473 erweitert wurde, wobei die Rückwand mit der Darstellung franziskanischer Heiliger versehen wurde, und 1829 eine veränderte Aufstellung erhielt. Die Triumphkreuzgruppe an der Schnittstelle zwischen Langschiff und Chor wird auf um 1450 datiert. Nach Westen hin vollplastisch ausgearbeitet, befindet sich auf der Rückseite des als Lebensbaum stilisierten Kreuzes zum Chor hin eine inschriftlich auf 1489 datierte Kreuzigungsdarstellung. Die Errichtung des Triumphkreuzes ist im Zusammenhang der Neuorientierung des Konvents in der Mitte des 15. Jahrhunderts zu sehen, zu der auch die Öffnung des Unterchores für private Grablegen gehörte.Siehe Annett Alvers: Das doppelseitige Triumphkreuz der Lübecker Katharinenkirche. Ein Beitrag zur franziskanischen Reform im 15. Jahrhundert. In: Tobias Kunz, Dirk Schumann (Hrsg.): Werk und Rezeption: Architektur und ihre Ausstattung. Ernst Badstübner zum 80. Geburtstag. (= Studien zur Backsteinarchitektur. 10). Lukas, Berlin 2011, ISBN 978-3-86732-114-3, S. 131–148. Die von Walter Paatz vorgenommene Zuschreibung auf den Meister der lübeckischen Triumphkruzifixe wird heute nicht mehr geteilt. Den Treppenaufgang im Chor schmückt als späteste Malerei der Klosterzeit ein Fresko mit vier Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus mit seiner Stigmatisation im Zentrum, um 1510/1515.Datierung nach H. Vogeler (Lit.).

Die Lettnerbrüstung erhielt 1597 eine von den Vorstehern der Kirche Johann Spangenberg und Carsten Petersen gestiftete Uhr, die bis heute erhalten ist, und wurde Anfang des 17. Jahrhunderts mit sechs Tafelbildern versehen, die Szenen aus der Passionsgeschichte darstellen: Christus in Gethsemane, Judaskuss, Christus vor dem Hohepriester, Geißelung Christi, Ecce Homo und Kreuztragung.BuK IV, S. 105.

Im Mittelschiff hat die Kanzel von 1699 aus der 1899 abgebrochenen alten St.-Lorenz-Kirche Aufstellung gefunden. Die eigentliche Renaissance-Kanzel der Katharinenkirche kam zu diesem Zeitpunkt in die Petrikirche, wo sie 1942 verbrannte.

Ausstattungsstücke im St.-Annen-Museum mini|hochkant|Segebodo Crispin und Frau