Ahoi [] () ist ein Signalwort, um ein Schiff oder Boot anzurufen, und entstammt der deutschen Seemannssprache. Der Ruf galt als veraltet, ist aber mit zunehmender Beliebtheit des Segelsports wieder gebräuchlicher geworden. In Nebenbedeutungen dient ahoi als Gruß, Warnung oder Abschiedsformel. Im deutschen Brauchtum wird ahoi als regionaler Karnevals- beziehungsweise Fastnachtsgruß verwendet.

Ursprungswort ist das englische ahoy. Die maritime Bezeichnung kommt in ähnlicher Aussprache und Schreibung in mehreren Sprachen vor. Als Gruß ist ahoj in Tschechien und der Slowakei alltäglich. Im Telefonverkehr in den USA setzte sich das von Erfinder Alexander Graham Bell vorgeschlagene ahoy nicht gegen Thomas Alva Edisons hello durch.

Vorformen und Entstehung mini|hochkant|Piers der Pflüger, Ochsen antreibend, in einem Psalter des 14. Jahrhunderts

„a, hoy, hoay“ Der Ausdruck ist aus den beiden Bestandteilen a und hoy zusammengewachsen.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin, New York 2002, ISBN 3-11-017473-1, s. v. ahoi. Das Lemma existiert erst seit der 23. Aufl. (1999). Die Partikel a wurde vorangestellt, um mehr Aufmerksamkeit hervorzurufen. Sie tritt „in ähnlichen Formen in verschiedenen indogermanischen Sprachen [auf], ohne dass unbedingt etymologische Verwandtschaft anzunehmen ist.“Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 2. Aufl. Leipzig, Stuttgart 1983ff; s. v. ah. Ernst Schwentner: Die primären Interjektionen in den indogermanischen Sprachen. Heidelberg, 1924, S. 6 ff. (= Indogermanische Bibliothek, Abt. 3, 5)

Hoy geht auf einen gleichnamigen Ruf zurück, der in England gebräuchlich war, um Vieh anzutreiben.OED s. v. hoy sb.2 OED3 s. v. hoy. int. (n.2) Der früheste bekannte Beleg stammt von William Langland, der um 1393 in seinem mittelenglischen Versepos Piers Plowman („Piers der Pflüger“) schrieb: „And holpen to erie þis half acre with ’hoy! troly! lolly!“,OED s. v. hoy int. Das Epos ist in den drei Varianten A, B und C überliefert. Die Form hoy stammt aus dem C-Text; in A heißt es hey, in B how. Die Datierung ist dem OED entnommen. auf Deutsch sinngemäß: „Und half, diesen halben Acre mit Juchhe, Tirili und Tirila zu pflügen.“Die Fassung C von Piers Plowman, aus der das hoy stammt, ist bislang nicht auf Deutsch erschienen; das how aus dem B-Text ist in der ersten deutschen Übersetzung ausgelassen (William Langland, Peter der Pflüger; übersetzt von Werner Klett; Bonn 1935, S. 61). Der Zusammenhang mit ähnlichen Textzeilen („hey“ statt „hoy“) in zwei Liedertexten in einer englischen Handschrift des frühen 16. Jahrhunderts ist unklar. Vgl. Ray Siemens: Revisiting the Text of the Henry VIII Manuscript (BL Add Ms 31,922): An Extended Note. In: Early Modern Literary Studies 14.3 (2009) 3.1–36. Ferner: Dietrich Helms: Heinrich VIII. und die Musik. Überlieferung, musikalische Bildung des Adels und Kompositionstechniken eines Königs. Eisenach 1998, S. 42. Ein Stück wurde vom Hilliard Ensemble auf der CD Music for Tudor Kings, Henry VII & Henry VIII eingespielt.

Seeleute benutzten hoy in der Nebenform hoay. Der schottische Dichter William Falconer, Autor eines nautischen Wörterbuchs, schrieb 1769: „If the master intends to give any order to the people in the main-top, he calls, Main-top, hoay! To which they answer, Holloa!“,William Falconer: An universal dictionary of the Marine. London 1769, s. v. Holloa, zitiert nach OED s. v. hoy int. deutsch sinngemäß: „Wenn der Kapitän den Matrosen oben im Großmast Befehle zu geben beabsichtigt, ruft er: ‚Main-top, hoay!‘ Worauf sie antworten: ‚Holloa!‘“ Noch in zwei Fachwörterbüchern von 1805 wird wie bei Falconer als Ruf hoay, als Antwort holloa angeführt.J. J. Moore: The Midshipman’s Or British Mariner’s Vocabulary. London 1801 und Washington 1805, s. v. hoay. Charles James: A new and enlarged military dictionary. 2. Aufl. London 1805, s. v. hoay Ahoy ist darin nicht erhalten.

Funktional mit hoy verwandt ist eine ähnlich lautende Gruppe von Ausrufen und Grüßen im germanischen Sprachraum: mittel- und neuenglisch hey, dessen Parallelform hi, deutsch und niederländisch hei, schwedisch hej,OED s. v. hey, hi ferner die niederländische Grußform hoi und die gleichlautende alemannische Anrede. Die Vorformen des deutschen ahoi sind ah und hoi. Dabei verleiht ah einem Wunsch oder einer Aufforderung Nachdruck. hei und hoia haben aufmunternde Bedeutung.Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 2. Aufl. Leipzig, Stuttgart 1983ff s. v. ah. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 1. Aufl. Leipzig, Stuttgart 1983ff s. v. hoia. Die 2. Auflage wurde nur bis zum Buchstaben F bearbeitet, die erste Auflage lemmatisierte die Interjektion hoi nicht.

Für die Ableitung des englischen Rufs ahoy vom an der Nordsee verbreiteten Schiffstyp Hoie, Heude (siehe unten) fehlen Nachweise.Dietmar Bartz: Seemannssprache, 2. Aufl. Bielefeld 2008, s. v. ahoi. Anders noch in der 1. Auflage, Bielefeld 2007, s. v. ahoi, und in: ders.: Wie das Ahoj nach Böhmen kam. In: mare, Die Zeitschrift der Meere. Heft 21, 2000, S. 33–37, hier S. 36f. Die einfachste Ansicht über ahoi hat der deutsche Sprachforscher Gustav Goedel formuliert: „Man muss sich hüten, tiefere Bedeutungen suchen zu wollen, wo keine sind. Das Wort ist eine einfache Interjektion, weiter nichts, gebildet und gewählt von dem Bedürfnis weithin gehört zu werden.“Gustav Goedel: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Seemannssprache. Kiel, Leipzig 1902 s. v. ahoi!

„ahiu, â hui“ Zwei Fundstellen in der mittelhochdeutschen Literatur zeigen ahoi-ähnliche Interjektionen. Ihre Formen weisen keine Verbindung zum mittelenglischen hoy auf, ihre Bedeutungen bieten wenig Anschluss an einen Ruf zur Kontaktaufnahme.

Heinrich von Freiberg verwendete um 1290 in seiner Tristan-Bearbeitung zwei Mal ahiu zur Begrüßung: „ahiu, Parmenois Tristan!“, etwa „ahiu, Tristan von Parmenien!“, sowie „ahiu, wie schône sie het sich ûz gefêgetieret“, neuhochdeutsch „ahiu, wie schön sie sich herausgeputzt hat“. Ahiu ist bedeutungsgleich mit den ebenfalls hier auftretenden Interjektionen ahiv, ahiw und hiu.Alois Bernt (Hrsg.): Heinrich von Freiberg. Halle 1906, Zeilen 1986 und 4476 sowie S. 5 und 264 Als Teil einer Wortgruppe mit ahî, ay und ahei, die Schmerz, Verlangen und Bewunderung ausdrückt, steht ahiu vor Ausrufe- und Wunschsätzen und in emphatischer Anrede.Mittelhochdeutsches Wörterbuch online, s. v. ahî, abgerufen am 19. November 2008

Zwischen 1331 und 1341, abgerufen am 19. November 2008 formulierte Nikolaus von Jeroschin in seiner Kronike von Pruzinlant, der Chronik des Preussenlandes: „â hui! sô wêr ich hôchgemût / sô ich ir stirne sêhe blôz“,Franz Pfeiffer: Die Deutschordenschronik des Nicolaus von Jeroschin, in: ders.: Beiträge zur Geschichte der mitteldeutschen Sprache und Litteratur. Stuttgart 1854, S. 83. Die Längenzeichen über den Vokalen entstammen dieser Transkription; neuhochdeutsch etwa „ach, was wär’ ich frohen Muts, säh’ ich ihre Stirne nackt“. Ahui gehört mit aheia, ahi und ahu zu einer Gruppe von Ausdrücken hochgemuter Freude, Hochachtung und ähnlicher positiver Haltungen.Robert A. Anderson u. a.: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Band 1, Berlin 1989, s. v. aheia

Verbreitung und Verwendung Allgemeines Seeleute benutzten das Wort sicherlich länger, als es gedruckt nachweisbar ist. Mündliche Quellen sind nur als Liedertexte erhalten. Zu handschriftlichen Belegen etwa in Aufzeichnungen oder Briefen von Seefahrern fehlen Untersuchungen. Druckwerke haben deshalb hinsichtlich der zeitlichen und räumlichen Verbreitung der Ahoy-Wortfamilie nur begrenzte Aussagekraft.

Das englische ahoy stellt die Ursprungsform dar und ist, in maritimer Verwendung zuerst für 1751 nachgewiesen, als Wort der Seemannssprache recht jung. Der früheste Beleg für das deutsche ahoi stammt von 1828.Dietmar Bartz: Ahoi! Ein Wort geht um die Welt, in: ders.: Tampen, Pütz und Wanten. Seemannssprache. Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-86539-344-9, S. 301–319, hier S. 304 Im Nord- und Ostseeraum ist die Gruppe um ahoy dicht belegt. Semantisch drückt sie eine Distanzänderung aus oder setzt sie voraus. Im ganzen Verbreitungsgebiet als Interjektion benutzt, kommen in einzelnen Sprachen außerdem Verwendungen als Verb (z. B. englisch „to ahoy“, deutsch „ahoi sagen“)z. B. OED s. v. ahoy und als Substantiv (z. B. schwedisch „ohoj“, deutsch „das Ahoi“)Svenska Akademien: Svenska Akademiens ordbok. Bd. 18, Lund 1949, s. v. ohoj vor. Nicht erforscht ist, wie sich das Wort in Hafenstädten und auf Schiffen mit internationaler Besatzung ausgebreitet hat, insbesondere wie ähnlich lautende Interjektionen in einer Nachbarsprache die Übernahme dorthin behindert oder begünstigt haben.

Im Deutschen wird der Adressat vor- oder nachgestellt, z. B. „‚Pfeil‘ ahoi!“ oder „Ahoi ‚Pfeil‘!“ Im schriftlichen Deutsch steht zwischen Anruf und Angerufenem kein Komma.Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden. Mannheim 1999, ISBN 3-411-04743-7, s. v. ahoi In anderen Sprachen ist dies uneinheitlich.siehe Zitate in den jeweiligen Sprachen

mini|Zettel mit der Definition von ahoy für das Oxford English Dictionary, vor 1884 mini|Nachweis von ahoy bei Smollett 1751, Zettel für das Oxford English Dictionary, vor 1884 Englisch Frühe Belege Als frühester englischer Beleg gilt ein Ausruf in Tobias Smolletts The Adventures of Peregrine Pickle (1751): „Ho! the house a hoy!“,OED s. v. ahoy. Tobias Smollett: The adventures of Peregrine Pickle. London 1751, Bd. 1, S. 11, Digitalisat. Zahlreiche Ausgaben des Peregrine Pickle enthalten die Variante „a-hoy“, so Ausgaben von 1831 (Cochrane, London) und 2006 (Verlag Assistedreadingbooks.com) deutsch zeitgenössisch mit „Holla, he da, Wirtshaus!“ übersetzt.Tobias Smollett: Peregrine Pickle. Übersetzt von Wilhelm Christhelf Siegmund, Berlin 1789, S. 20. „Holla! Heda! Wirthshaus“ lautet die Übersetzung von W. H. v. Vogt, Magdeburg 1827, Band 1 S. 13. Im 20. Jahrhundert: „Holla! Wirtshaus, ahoi!“, übertragen von Hans Matter, München 1966, S. 13, und „Ho-ahoi, das Haus!“, übertragen von Werner Kautz, Leipzig 1972, S. 13 Der Rufer war Seemann. Eine frühe fachsprachliche Erwähnung stammt aus William Falconers Marine-Wörterbuch von 1780: „The usual expression is, Hoa, the ship ahoay!“,William Falconer: An universal dictionary of the marine. 3., erweiterte Aufl., London 1780 s. v. Hailing; Neudruck Biblio-Verlag, Osnabrück 1998. Wortgleich in der Ausgabe London 1784, Digitalisat deutsch: Der übliche Ausdruck ist: „Hoa, Schiff ahoi!“ Die Erstausgabe des Wörterbuchs hatte 1769 noch die Vorform hoay genannt.OED s. v. hoy

mini|links|hochkant=1.5|Frühe Nennungen englischer ahoi-Wörter, 1751–1792

In den 1780er Jahren wurde ahoy in London bereits auf der Bühne als Kolorit für maritime Themen eingesetzt und erreichte damit ein breiteres Publikum. In der Komödie The Walloons, deutsch: Die Wallonen, 1782 vom Dramatiker Richard Cumberland inszeniert, leitete der Ruf eine Anrede ein: „Ahoy! you Bumboat, bring yourself this way“,The posthumous dramatick works of the late Richard Cumberland, Esq. Band 1, London 1813, S. 148 deutsch etwa: „Ahoi! Du Bumboot, komm einmal her.“ Der Text wurde 1813 posthum veröffentlicht.