mini|Der Evangelist Johannes, Gemälde von Bernardo Strozzi, um 1625 mini|hochkant|Tilman Riemenschneider: Johannes sinniert über seinem Evangelium
Der Evangelist Johannes, in der westkirchlichen Tradition auch als Johannes Evangelista oder Johannes von der (Lateinischen) Pforte, in der ostkirchlichen Tradition auch als Johannes der Theologe (griechisch: Ιωάννης Θεολόγος) bezeichnetM.J.M. Mehlig (1758), Historisches Kirchen- und Ketzer-Lexicon, Band 2, S. 364, ist der Hauptautor des Johannesevangeliums. Die Tradition setzt ihn mit dem Apostel Johannes als dem Lieblingsjünger Jesu gleich und sieht in ihm auch den Verfasser der Johannesbriefe und der Offenbarung. In der historisch-kritischen Forschung ist diese traditionelle Auffassung stark umstritten. Diese Auseinandersetzung ist als „johanneische Frage“ in die Forschungsgeschichte zum Johannesevangelium eingegangen.Vgl. M. Hengel, Die Johanneische Frage
Historische Zeugnisse Das Johannesevangelium mini|Johannes mit den Heiligen: Dorothea und Margareta. Darstellung mit Kelch und Schlange vom Meister der Sterzinger Altarflügel
Im Johannesevangelium wird als Autor des Textes der namenlose Lieblingsjünger Jesu genannt:
Bezeugt das Schlusskapitel des Evangeliums so zwar ausdrücklich die Verfasserschaft des „Lieblingsjüngers“, so unterbleibt jedoch eine Identifikation mit dem Apostel Johannes. Außerdem scheint hier eine Verfassergruppe als ein „Wir“ zu sprechen, die sich vom Autor des Haupttextes Joh 1–20 unterscheidet. Auffällig ist, dass im Gegensatz zu den synoptischen Evangelien im gesamten Johannesevangelium der Name des Apostels Johannes niemals erwähnt wird. Wenn von „Johannes“ geschrieben wird, so handelt es sich immer um Johannes den Täufer. Der Autor des Johannesevangeliums muss offenbar nicht eine Verwechslung von Johannes dem Täufer und dem Jünger Johannes befürchten, der im Evangelium nicht namentlich genannt wird. Die „Söhne des Zebedäus“ – bei den Synoptikern als Jakobus und Johannes bekannt – tauchen erst in auf, jedoch werden sie auch dort nicht namentlich genannt. Daher wird angenommen, ein johanneischer Kreis, der auch für die Anfügung des Schlusskapitels 21 an einen bereits bestehenden Text verantwortlich war, habe mit dem Lieblingsjünger eine Gestalt aus der intimsten Nähe Jesu als Zeugen und unbestrittene Autorität in den Vordergrund gestellt. Dafür spricht auch, dass das Evangelium nicht nur am Schluss in , sondern bereits im Prolog von einem „Wir“ spricht , womit Augenzeugen von Jesu Auftreten gemeint sind. Jedenfalls weist so das Johannesevangelium selbst auf die Autorität eines herausragenden Zeugen hin, auf den sich die Mitglieder der johanneischen Gemeinde mit Nachdruck berufen.
Zeugnisse der frühen Kirche mini|hochkant|Der Lieblingsjünger an der Brust Christi (Christus-Johannes-Gruppe). Bodenseegebiet, um 1310.
Die frühesten Nachrichten über die Wirksamkeit eines Jüngers und Apostels Johannes außerhalb des Neuen Testaments finden sich in den Schriften des Bischofs Irenäus von Lyon (um 135–202), die auch vom Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea (um 260–337) zitiert werden. Irenäus war in seiner Jugend ein Schüler von Polykarp von Smyrna (69–155), der – so schreibt Irenäus – seinerseits ein Schüler des Apostels Johannes war. Nach dieser frühen Quelle vom Ende des 2. Jahrhunderts ist Johannes der Apostel zugleich der Verfasser des Evangeliums: „Zuletzt gab Johannes, der Jünger des Herrn, der auch an seiner Brust ruhte, selbst das Evangelium heraus, als er sich in Ephesus in der Asia aufhielt“.Irenäus, Adv Haer III 1,1, zitiert auch bei Eusebius, Hist Eccl V 8,4 Hier werden vier Feststellungen getroffen, die die christliche Tradition maßgeblich geprägt haben: Der Apostel Johannes ist der Lieblingsjünger. Er ist daher der Autor des Evangeliums. Das Johannesevangelium wurde während seines Aufenthaltes in Ephesos – also zu seinen Lebzeiten – veröffentlicht. Es ist nach den synoptischen Evangelien geschrieben worden („zuletzt“).
In seiner Kirchengeschichte erklärt Eusebius die Abweichungen zwischen dem Johannesevangelium und den synoptischen Evangelien folgendermaßen:
Ebenfalls aus dem ausgehenden 2. Jahrhundert dürfte der Kanon Muratori stammen, der von der Entstehung des Johannesevangeliums berichtet:
Die christliche Tradition füllt deshalb die Leerstelle des Lieblingsjüngers im Johannesevangelium mit der Person des Apostels Johannes aus.
Die „johanneische Frage“: Wer ist der Evangelist? Das Schweigen des Johannesevangeliums über die Identität des Lieblingsjüngers ist der eigentliche Anlass für die „johanneische Frage“. Gefragt wird, wie die Person des Evangelisten, des Apostels und des Lieblingsjüngers sich zueinander verhalten. Die gegenwärtige Forschung kritisiert die traditionelle Identifizierung des Lieblingsjüngers als Evangelisten.
Zeitliche Einordnung des Evangelisten mini|hochkant|John Rylands Library Papyrus P52, recto (Vorderseite)
Für die Frage nach der zeitlichen Einordnung der Verfassung liefert das Johannesevangelium selbst die Hinweise, andere kommen aus dem historischen Kontext und von den Kirchenvätern.
Das älteste bekannte Textzeugnis des Johannesevangeliums ist der Papyrus 52, der in Ägypten gefunden wurde. Er wird etwa auf die Zeit zwischen 100 und 150 nach Chr. datiert.John Rylands University Library Manchester: 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts Zu diesem Zeitpunkt muss das Evangelium demnach bereits existiert haben und schon so verbreitet gewesen sein, dass es bis nach Ägypten gelangen konnte. Für eine solche Verbreitung ist noch einige Zeit nach der Abfassung in Anschlag zu bringen.Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament, Würzburg 2006, S. 206 f.
Wenn der Hauptautor ein Jünger Jesu war und das Todesjahr Jesu etwa in das Jahr 30 n. Chr. fiel, wird der Evangelist bis längstens etwa gegen Anfang des 2. Jahrhunderts gelebt haben (terminus ad quem).
Aus inneren Gründen wird von der Mehrzahl der Forscher eine Abfassung des Evangeliums vor dem Jahr 70 n. Chr. ausgeschlossen. Denn der Autor blickt auf eine historische Situation weitgehender Entfremdung zwischen johanneischer Gemeinde und dem Judentum zurück, wie sie nur nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 denkbar ist (terminus quo).K. Wengst, Bedrängte Gemeinde, S. 75–122
Zwischen diesen beiden Zeitpunkten verortet man daher die Abfassungszeit des Evangeliums auf das Ende des 1. oder den Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr.
Dieser Schluss deckt sich mit den frühkirchlichen Zeugnissen. Bei Irenäus heißt es:
Eusebius berichtet unter Berufung auf Irenäus ebenfalls über den Tod des Apostels in Ephesos unter Kaiser Trajan.Eusebius, Historia Ecclesiastica III, 23,3. Die Amtszeit Trajans dauerte von 98 bis 117 nach Chr., so dass der Evangelist frühestens 98 nach Chr. gestorben sein könnte. Diese Angabe entspricht dem chronologischen Rahmen, den auch das Evangelium setzt. Neutestamentlich gibt es aber keine Hinweise auf einen Aufenthalt des Apostels Johannes in Kleinasien. Vor allem die Apostelgeschichte und der Brief des Paulus an die Epheser wissen davon nichts. Allerdings berichtet das Neue Testament direkt nur über eine Zeit, die vor der vermuteten Abfassungszeit des Evangeliums lag.
Geographische Einordnung des Evangelisten mini|Über dem legendenhaften Johannesgrab in Ephesos wurde die Johanneskirche errichtet.
Der Evangelist hat zweifellos intensive Kenntnis der geographischen, religiösen und soziologischen Verhältnisse in Palästina zur Zeit Jesu. Das zeigt sich auch in seiner Darstellung der Chronologie der Passion Jesu. Aufgrund seiner stark semitisch beeinflussten griechischen Sprache kann man davon ausgehen, dass er in Palästina aufgewachsen ist.I. Broer, Einleitung in das Neue Testament, S. 208–215 Da der Schwerpunkt der johanneischen „Darstellung […] bei den Reisen nach Jerusalem und den Geschehnissen in Jerusalem“ liegt, geht Rudolf Schnackenburg davon aus, dass der Autor oder sein „Gewährsmann“ aus Jerusalem selbst stammt.Rudolf Schnackenburg: Das Johannesevangelium 13-21. In HThKNT 4,3, Freiburg 2001, S. 459–461.
Irenäus überliefert einen späteren Aufenthalt des Evangelisten in Ephesos in Kleinasien:
Dafür gibt es jedoch im Evangelium oder im 1. Johannesbrief keine eindeutigen Anhaltspunkte. Dies spricht eher gegen eine Entstehung in griechisch-heidenchristlichem Kontext in Ephesos, wo die auf Irenäus zurückgehende kirchliche Tradition sie ansiedelt. Klaus Wengst wendet ein, dass sich die historischen Hintergründe der johanneischen Streitgespräche mit „den Juden“ vor allem im syrisch-palästinischen Gebiet abgespielt haben dürften, und man daher auch annehmen könne, dass das Evangelium hier entstanden sei, der Evangelist sich also noch in seinen späten Jahren in Palästina aufgehalten habe.K. Wengst, Bedrängte Gemeinde, S. 158–179 Dieser Schluss ist jedoch nicht zwingend, denn für die literarische Gestaltung eines Konflikts muss der Autor keineswegs vor Ort sein; ebenso wenig ist es ausgeschlossen, dass ein palästinischer Jude sich später in Kleinasien niederlässt. Daher bleibt die Frage nach dem weiteren Aufenthalts- und Sterbeort des Evangelisten offen.
Ausgangslage im Evangeliumstext Offenbar will der Text des Evangeliums den Lieblingsjünger mit dem Johannes des Evangeliums identifizieren: „Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert?“ (). Die Richtigkeit dieser Identifizierung ist damit jedoch noch nicht gesichert, so Rudolf Schnackenburg.Rudolf Schnackenburg: Das Johannesevangelium 13-21. In HThKNT 4,3, Freiburg 2001, S. 450.
Der geliebte Jünger taucht ausdrücklich erst beim letzten Abendmahl auf.Rudolf Schnackenburg: Das Johannesevangelium 13-21. In HThKNT 4,3, Freiburg 2001, S. 454.
Problematik der Identifizierung von Lieblingsjünger und Evangelisten mini|Martyrium des Johannes von Stefan Lochner (15. Jahrhundert) Verschiedene Argumente können angeführt werden, die dagegen sprechen, dass der Evangelist mit dem Lieblingsjünger oder mit dem Apostel Johannes identisch ist: Die frühchristlichen Zeugnisse scheinen (zu) sehr bemüht zu sein, nicht nur den Apostel Johannes als Verfasser herauszustellen und zu legitimieren, sondern auch die Unterschiede zwischen Johannes und den Synoptikern nachträglich auszugleichen. Der apologetische Charakter dieses Unternehmens scheint deutlich. Das Zeugnis des Kanon Muratori hat zu sehr legendarischen Charakter, als dass man es für historisch zuverlässig halten könnte.R. Schnackenburg, Johannesevangelium, Bd. 1, S. 69 Nach einem Wort des Markusevangeliums könnten der Apostel Johannes wie auch sein Bruder Jakobus bereits früh das Martyrium erlitten haben . Da Markus auf dieses Ereignis bereits zurückzublicken scheint, wäre der Tod des Johannes spätestens vor dem Jahr 70 als Datum der Abfassung des Markusevangeliums anzusetzen. Nach dieser Auffassung könnte der Apostel nicht in hohem Alter in Ephesos gestorben sein.L. Oberlinner, Johannes (Apostel), Sp. 351 Gegen Irenäus, der Apostel, Lieblingsjünger und Evangelisten identifiziert, spricht das Schweigen anderer Autoren, von denen man annehmen müsste, dass sie ihn bestätigen würden. Dazu zählen vor allem Ignatius von Antiochien und Justin der Märtyrer.C.K. Barrett, Das Evangelium nach Johannes, S. 139 Es ist schwer vorstellbar, dass das Evangelium auf die klare Benennung des Apostels Johannes als seinen Autor verzichtet, wenn sich das Johannesevangelium tatsächlich auf dessen Autorität stützen könnte.M. Hengel, Die johanneische Frage, S. 18–19 Andererseits vermutet man, dass der Autor deshalb nicht benannt wird, weil er selbst kein Apostel war.M. Hengel, Die johanneische Frage, S. 19–20. Die apostolische Autorität erlangt er erst durch die Berufung des Evangeliums auf den Apostel, der im Text mit dem Lieblingsjünger identifiziert wird ().
Schlussfolgerung