Lamine Bey, eigentlich Muhammad VIII. al-Amin, () (* 4. September 1881 in Karthago (Tunesien); † 30. September 1962 in Tunis) war der letzte Bey von Tunis und König von Tunesien. Die Namensform „Lamine“ ist eine französische Verkürzung seines Namens.
Lamine Bey war der letzte Regent der seit 1705 über Tunesien herrschenden husainidischen Dynastie. Er folgte am 15. Mai 1943 seinem Cousin Moncef Bey nach, der vom französischen Generalresidenten Henri Giraud abgesetzt wurde, nachdem die Freien Französischen Truppen de Gaulles Tunesien besetzt hatten. Erst nach dem Tod Moncef Beys 1948 wurde seine Legitimität auch von der tunesischen Bevölkerung anerkannt. Er versuchte sich mit der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung gegen das französische Protektorat zu verbünden, akzeptierte jedoch 1952 unter Druck die von französischer Seite erlassenen Dekrete, während der Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Habib Bourguiba, noch in Haft war. An den Verhandlungen über eine Autonomie und schließlich die Unabhängigkeit des Landes war er nicht beteiligt.
Als Tunesien 1956 unabhängig wurde, blieb Lamine Bey Staatsoberhaupt, wurde aber am 25. Juli 1957 auf Betreiben Habib Bourguibas abgesetzt.
Vor der Thronbesteigung mini|Muhammad al-Amin Bey in jungen Jahren Muhammad al-Amin war der Sohn des von 1922 bis 1929 regierenden Beys Muhammad VI. al-Habib. Als am 19. Juni 1942 Ahmad II. starb und ihm Moncef Bey nachfolgte, wurde Muhammad al-Amin gemäß der Tradition, die in der Regel dem Senioratsprinzip folgte, Thronfolger. Zugleich wurde er zum Divisionsgeneral ernannt.Omar Khlifi, Moncef Bey, le roi martyr, hrsg. von MC-Editions, Carthage 2006, ISBN 9973-807-24-3, S. 47.
Die französische Protektoratsverwaltung war nach dem Ende des Frankreichfeldzugs zu dem 1940 etablierten Vichy-Regime loyal geblieben. Im Verlauf des Afrikafeldzugs der Achsenmächte wurde Tunesien ab November 1942 von deutschen und italienischen Truppen besetzt. Moncef Bey sympathisierte mit der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung und verhielt sich sowohl gegenüber der Vichy-Regierung als auch gegenüber Forderungen Präsident Roosevelts nach freiem Durchzug alliierter Truppen neutral, ließ Roosevelt allerdings informell wissen, dass Tunesien die Alliierten unterstützen würde.https://archive.wikiwix.com/cache/?url=http%3A%2F%2Fwww.jeuneafrique.com%2Fjeune_afrique%2Farticle_jeune_afrique.asp%3Fart_cle%3DLIN13086moncesillas0, abgerufen am 21. Mai 2017
Als Anfang Mai 1943 die Niederlage der Achsenmächte in Tunesien unmittelbar bevorstand, erhielt General Alphonse Juin, Kommandant des Ostsektors der französischen Truppen in Nordafrika, den Auftrag, sich nach Tunis zu begeben und Moncef Bey wegen Kollaborationsversuchen mit den Achsenmächten und zu schonenden Umgangs mit der nationalistischen Destour-Partei abzusetzen.Maréchal Juin, Mémoires Alger Tunis Rome, hrsg. von Librairie Arthème Fayard, Nancy, 1959, S. 177 Versuchen, eine Abdankung herbeizuführen, verschloss sich der Bey.Maréchal Juin, Mémoires Alger Tunis Rome, hrsg. von Librairie Arthème Fayard, Nancy, 1959, S. 183 Juin wandte sich an den Thronfolger Muhammad al-Amin und versicherte sich dessen Bereitschaft, im Falle eines Thronwechsels das Amt des Bey anzutreten.Maréchal Juin, Mémoires Alger Tunis Rome, hrsg. von Librairie Arthème Fayard, Nancy, 1959, S. 184 Da Moncef Bey die Abdankung weiterhin verweigerte, entfernte ihn Generalresident Giraud am 14. Mai 1943 aus dem Amt.Omar Khlifi, Moncef Bey, le roi martyr, hrsg. von MC-Editions, Carthage 2006, S. 196–197
Frühe Regierungsjahre Muhammad VIII. al-Amin wurde am 15. Mai 1943 von General Juin im Bardo-Palast zum neuen Bey erklärt. Am selben Tag trat der bisherige Premierminister M'hamed Chenik zurück und wurde durch Slaheddine Baccouche ersetzt.Omar Khlifi, Moncef Bey, le roi martyr, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2006, S. 199 Wie üblich wurde der Bey bei der Auswahl der Minister nicht konsultiert. Erst Anfang Juli erklärte Moncef formell seine Abdankung, was Muhammad VIII. al-Amins Thronbesteigung legitimierte. Für die meisten Tunesier jedoch blieb er zunächst ein Usurpator und Bey von Frankreichs Gnaden.Omar Khlifi, Moncef Bey, le roi martyr, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2006, S. 213
mini|General de Gaulle, Muhammad VIII. al-Amin und Generalresident Mast In den zunächst seltenen öffentlichen Auftritten des neuen Beys waren Gleichgültigkeit oder sogar vehemente Ablehnung durch die tunesische Bevölkerung zu bemerken.Roger Casemajor, L’action nationaliste en Tunisie, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2009, S. 237, ISBN 978-9973-807-98-4. Am 7. Mai 1944 besuchte Charles de Gaulle Tunis zum ersten Jahrestag der Befreiung. De Gaulles Rivalität zu Giraud war bekannt, so dass die Moncefisten ihre Hoffnung darauf setzten, de Gaulle werde die Entthronung Moncefs rückgängig machen.Roger Casemajor, L’action nationaliste en Tunisie, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2009, S. 248 Stattdessen verlieh er Lamine Bey das Lothringerkreuz in Gold, eine Auszeichnung, die er als Orden der Befreiung (Ordre de la Libération) 1940 geschaffen hatte.Mohamed Salah Mzali, Au fil de ma vie, éd. Hassan Mzali, Tunis, 1972, S. 175
Die Feindseligkeit gegenüber dem Bey hielt an und erstreckte sich sogar auf seine eigene Verwandtschaft. Prinzen des husainidischen Hauses blieben der Feier fern, wenn der Bey zum Fest des Fastenbrechens die Moschee aufsuchte.Roger Casemajor, L’action nationaliste en Tunisie, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2009, S. 250 Zur Hebung seines Ansehens wurde er nach Paris eingeladen und wohnte an der Seite de Gaulles der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli 1945 bei.Roger Casemajor, L’action nationaliste en Tunisie, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2009, S. 260 Im August 1946 war Tunis durch einen Generalstreik lahmgelegt, der aus Protest gegen die Verhaftung mehrerer Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung ausgerufen worden war, und Muhammad al-Amin verzichtete, vorgeblich aus gesundheitlichen Gründen, auf einen öffentlichen Auftritt beim Fest des Fastenbrechens.Halé Eschadely, De l’ombre vers la lumière. Le combat du docteur Salem Esch-Chadely, hrsg. von Institut supérieur de l’histoire du mouvement national, Tunis, 2014, S. 113, ISBN 978-9973-944-38-2 Den Jahrestag der Thronbesteigung nutzten Geschäftsinhaber dazu, ihre Läden geschlossen zu halten und Porträts seines Vorgängers Moncef Bey aufzuhängen.Louis Périllier, La conquête de l’indépendance tunisienne, hrsg. von Robert Laffont, Paris, 1979, S. 269
Als der neue französische Generalresident Jean Mons Anfang März 1947 in Tunis ankam, war die politische Situation seit Ende des Zweiten Weltkrieges im Wesentlichen unverändert. Die Destour-Partei und die von ihr abgespaltene Neo-Destour waren sich darin einig, dass Lamine Bey aus dem Amt entfernt und sein Vorgänger wieder eingesetzt werden sollte. Mons neigte dazu, dieser Forderung nachzugeben, während der französische Premierminister Paul Ramadier dies mit Rücksicht auf die Stimmung der französischen Siedler im Land ablehnte.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 216 Mons berief am 19. Juli 1947 Mustapha Kaak als neuen Ministerpräsidenten. Erstmals waren Franzosen und Tunesier paritätisch im Kabinett vertreten.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 223
Moncef Bey starb am 1. September 1948 im französischen Exil. Seine sterblichen Überreste wurden vier Tage später nach Tunis überführt und unter Teilnahme Tausender Tunesier beigesetzt. Lamine Bey blieb unter dem Druck von Moncefs Familie der Zeremonie fern.Roger Casemajor, L’action nationaliste en Tunisie, hrsg. von MC-Editions, Carthage, 2009, S. 304
Für Lamines Regierung bedeutete der Tod seines Vorgängers jedoch einen Wendepunkt, da er nun als legitimer Herrscher angesehen werden konnte.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 235
Kooperation mit der Unabhängigkeitsbewegung (1948–1951) Moncefs Tod führte zu politischen Verschiebungen auf mehreren Seiten. Zum einen akzeptierte die Neo-Destour Lamine nunmehr als Gesprächspartner und möglichen Verbündeten im Kampf für die tunesische Unabhängigkeit, zum anderen stand der Bey nicht mehr unter der permanenten Sorge, zugunsten seines Vorgängers wieder abgesetzt zu werden. Salah Ben Youssef, seit 1948 Generalsekretär der Neo-Destour, traf sich mehrmals mit dem Bey und versicherte ihn seiner Unterstützung, falls er sich weigern würde, vom Generalresidenten erlassene Gesetze in Kraft zu setzen, wessen es zu deren Rechtsgültigkeit bedurfte. Dies führte in der Tat zu Verzögerungen im Gesetzgebungsverfahren. Zudem legte der Bey am 1. Oktober 1948 einen formellen Protest gegen die Wahl französischer Siedler in die französische Nationalversammlung ein. Mons erkannte, dass der Bey nun bereit war, mit der Unabhängigkeitsbewegung zusammenzuarbeiten, und sich von seiner bisherigen politischen Linie distanzierte.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris 1981, S. 238 Augenfällig wurde diese Kehrtwende der beylikalen Politik am 15. Mai 1949, Lamines Thronjubiläum, als eine Demonstration von Ben Youssef und Lamines ältestem Sohn Chedly gemeinsam angeführt wurde.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 249 Kurz darauf empfing der Bey trotz Mons' Protesten eine Delegation der offiziell noch immer verbotenen Neo-Destour.Mohamed Ben Salem, L’antichambre de l’indépendance, hrsg. von Cérès Productions, Tunis, 1988, S. 34 Im September 1949 kehrte ihr Vorsitzender Habib Bourguiba aus dem ägyptischen Exil nach Tunesien zurück und suchte sehr bald den Bey auf.Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 251
Im März 1950 sandte Muhammad VIII. diplomatische Noten an den Generalresidenten Mons und, nach einem Treffen mit Bourguiba, im April an Präsident Vincent Auriol, in denen er eine stärkere Beteiligung von Tunesiern in einer deutlich ausgeweiteten autonomen Verwaltung forderte,Jean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 260–261 was seine Popularität vergrößerte. Er besuchte im April Kairouan und Sousse und wurde in beiden Städten begeistert begrüßt.Mohamed Ben Salem, L’antichambre de l’indépendance, hrsg. von Cérès Productions, Tunis, 1988, S. 42 Die französische Seite reagierte mit Nervosität und entsandte einen neuen Generalresidenten, Louis Périllier, der im Juni sein Amt antratJean Mons, Sur les routes de l’Histoire: cinquante ans au service de l’État, hrsg. von Albatros, Paris, 1981, S. 270 und den klaren Auftrag des Außenministers Robert Schuman mitbrachte, eine innere Autonomie für Tunesien in die Wege zu leiten.Louis Périllier, La conquête de l’indépendance tunisienne, hrsg. von Robert Laffont, Paris, 1979, S. 73
Einen weiteren Schritt der Emanzipation stellte im August 1950 die Bestellung einer neuen Regierung unter M'hamed Chenik dar, der bereits unter Moncef Bey Regierungschef gewesen war.Saïd Mestiri, Le ministère Chenik à la poursuite de l’autonomie interne, hrsg. von Arcs Éditions, Tunis, 1991, S. 41 Erstmals gelang es dem Generalresidenten nicht, Minister seiner Wahl so im Kabinett zu platzieren wie vorgesehen.Louis Périllier, La conquête de l’indépendance tunisienne, hrsg. von Robert Laffont, Paris, 1979, S. 81Saïd Mestiri, Le ministère Chenik à la poursuite de l’autonomie interne, hrsg. von Arcs Éditions, Tunis, 1991, S. 58