Die Corsa camarguenca (provenzalisch/okzitanisch; französisch: Course camarguaise (f)Im Folgenden werden im Haupttext, wenn nicht weiter ausdrücklich gekennzeichnet, die französischen Bezeichnungen verwendet. – Im sich anschließenden Glossar finden sich auch Bezeichnungen in der provenzalischen Sprache.) ist eine Sportart. Bei ihr geht es darum, Trophäen von der Stirn und den Hörnern eines Stieres herunterzuholen, was nach einem Punktesystem bewertet wird. Dabei stehen sich im kritischen Moment jeweils ein raseteur (Stierstreifer) und der cocardier (d. h. ein die cocarde tragender Camargue-Stier) gegenüber. Der Sport zählt zum Immateriellen Kulturerbe Frankreichs. Das riskante Spiel ist im Laufe der Zeit zu einem Berufssport geworden, der zahlreichen Regeln unterliegt.

mini|Zwei Akteure in Aktion mini|Drei Arten von zu ergatternden Trophäen (attributs): (a) mitten auf der Stirn die cocarde, (b) an den Hörnern eines der weißen glands (Pompons) und (c) ficelles (Schnüre). – Die vierte Trophäe, ein von hinten (de dos) zwischen den Hörnern gespannter Faden (frontal), ist auf dem Foto nicht zu sehen. mini|Logo des Regionalen Naturparks Camargue (lyraförmige Stierhörner und ein gland (Pompon), eine der an den Hörnern angebrachten Trophäen) mini|hochkant=1.5|Camargue und Petite Camargue mini|Außergewöhnlich hoch über die Umrandung (barricade) nachspringender Stier mini|Auge in Auge (Stier und tourneur) – eine Ablenkungsaktion, um dem raseteur eine gute Ausgangsposition für seinen Lauf zum Zweck des raset zu verschaffen (auf der Nackenseite des Stieres zu erkennen der frontal, eine der vier Arten von Trophäen) mini|Raseteur, der bei einem raset mit dem crochet ('Haken') versucht, an die Trophäen (attributs) zu gelangen mini|Der Stier schlägt mit der Brust gegen die Bretter (coup de barrière) mini|Stier im Umlauf (contrepiste) hinter der Umrandung (barricade) mini|Gelungene Aktion (raset) mit dem Stier dicht an den Fersen. mini|Über die barricade springender Stier (direkt neben der Ersten Hilfe) mini|Eröffnungszeremonie der 75. Cocarde d’or (2006) in Arles mini|Über die Umrandung (barricade) springender Stier (in einem Kurzfilm) mini|Unterschiedliche rote und schwarze Namenszüge auf dem Rücken der Shirts (womit die unterschiedlichen Funktionen der Akteure eines Stierkampfes gekennzeichnet werden) bei der capelado in dem kleinen Ort Cailar, wo die Stierkampfarenen auf der Liste der Monuments historiques stehen. mini|Arena von Saintes-Maries-de-la-Mer vor der sich die Statue des cocardiers Vovo befindet, Manade Aubanel Baroncelli Santenco mini|Hadrien Poujol, der Präsident der Fédération française de la course camarguaise (FFCC), auf der Flucht mini|Course de taureaux heute in der Arena (Ankündigungsplakat über einer Straße) mini|Le Grau-du-Roi, Dép. Gard, temporäres Straßenschild mit der dreisprachigen Aufschrift: „Manifestation taurine / Attention / Danger; Danger! Watch out bull demonstration; Gefahr! Achtung Stier auf der Straße“ mini|abrivado in Calvisson mini|Manade von Marquis Folco de Baroncelli-Javon bei einer abrivado (um 1900–1910)

Es ist ein traditionelles Fest bzw. ein traditioneller Sport, der in Südfrankreich in einem Gebiet ausgetragen wird, das sich vom Languedoc bis in die Provence erstreckt, von Hérault bis Vaucluse. Er wird in den vier französischen Départements Gard (30), Hérault (34), Bouches-du-Rhône (13) und Vaucluse (84) ausgetragen. Die Courses finden während der temporade, d. h. der Jahreszeit der traditionellen Stierkämpfe (année de traditions taurines) von März bis September statt.La course camarguaise (PDF; 1,4 MB) nimes-metropole.fr

Diese Form des Stierkampfes unterscheidet sich von der traditionell aus Spanien bekannten Form, dem spanischen Stierkampf (span. Corrida de Toros), mit der Rinderrasse namens Spanisches Kampfrind (span. toro de lidia), die ebenfalls in Südfrankreich veranstaltet wird. Für die hier behandelte provenzalische Form wird eine kleinere, halbwilde Rinderrasse namens Camargue verwendet. Außerdem werden die Tiere nicht getötet, sondern nach dem Kampf auf die Weide zurückgeführt. Die Tiere kommen über Jahre zum Einsatz und werden teilweise hoch prämiert.

Geschichte Die Anfänge dieser alltäglichen Tradition reichen weit zurück. Ein altes Zeugnis liegt vor über einen Course im Jahr 1402 in Arles, der zu Ehren des Grafen Ludwigs II. der Provence gefeiert wurde, dabei fand ein Kampf zwischen einem Löwen und einem Ochsen statt. Bei diesem Stierkampfspiel fanden aber im Laufe der Zeit ständig Veränderungen statt.Zu den stattfindenden Veränderungen, siehe beispielsweise auch die Karikatur von Eddie Pons: . Trotz eines Erlasses im Jahr 1662 wegen einer erheblichen Zahl von Toten und Verletzten wurden die blutigen Spiele im Geheimen bis ins 19. Jahrhundert fortgeführt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man damit, verschiedene attributs an den Hörnern der Stiere anzubringen (Blumen, Tücher u. a.), um von jungen Amateuren heruntergeholt zu werden. Seit Jahr 1890 richten die Rinderzüchter ihr besonderes Augenmerk auf die Rinderrasse Camargue. Dann fanden die Wettkämpfe in improvisierten Arenen statt. Man begann damit, cocardes an den Hörnern zu befestigen und zahlte Prämien an denjenigen, der die Trophäen (attributs) davonträgt. Dies war die Geburt des course libre (Freien Wettkampfs). Dann wurden die attributs und der crochet („Haken“) reglementiert.

1975 wurde die Fédération française de la course camarguaiseFFCC – offizielle Website gegründet unter dem Gesetz vom 1. Juli 1901. Am 10. Oktober 1975 wurde die Fédération française de la course camarguaise (FFCC) vom Ministerium zugelassen. Die Course camarguaise wurde vom Secrétariat d’État à la jeunesse et aux sports als Sport anerkannt. Seit 1975 heißt die Course nun Course Camarguaise. Sie wurde offiziell als Sport anerkannt. Bis 1966 wurde sie Course libre genannt, danach Course à la cocarde. Der derzeitige Präsident der Fédération française de la course camarguaise ist Hadrien Poujol.

Course ('Rennen') Vorprogramm Der Course voraus geht der abrivado, dies ist die 'Ankunft’ der Stiere in der Stierkampfarena. Dabei werden sie von den Weiden in der Herde von gardians (Hütern) auf manade-Pferden begleitet. Die Straßen werden dafür freigehalten mit Schildern, zum Beispiel mit der Aufschrift: Vous êtes sur le Parcours des Abrivados et Bandidos. Ihre Rückkehr auf die Weiden nach der Course unter den gleichen Bedingungen wird die bandido genannt. Das Ziel der gardians (Hüter) ist dabei, die Pferde und die Stiere zusammen zu halten, das Ziel der Menschen auf der Straße (attrapaïres) ist es, die Stiere abzulenken und ihre Marschordnung aufzulösen. Bei den großen Veranstaltungen in den großen Arenen gibt es ein großes Vorprogramm, mit Aufmärschen, Tänzen von in historischen Kostümen gekleideten Personen usw.

Arena (piste) In der Größe sind die Arenen sehr unterschiedlich. Es gibt sie in großen und kleinen Orten. Die Arena ist von einer stabilen Umzäunung umgeben, die etwa brusthoch ist, hinter die sich die Kämpfer durch einen kräftigen Sprung flüchten können, wenn sie – wie dies in der Regel der Fall ist – vom Stier bei ihren Aktionen attackiert werden. Dahinter befindet sich ein Umlauf (contrepiste). Viele Kämpfer, die aus Erfahrung wissen, dass der Stier manchmal in diesen Umlauf hinterherspringt, flüchten sich aus diesem Umlauf sofort weiter hoch in die Seitenwand, wenn sie dies bereits vermuten.

Der Präsident der jeweiligen Veranstaltung sitzt in der Arena beim toril, der Unterbringung für die Stiere während der Veranstaltung in der Arena, wenn sie nicht zum Kampf in der Arena sind. Er eröffnet die Veranstaltung mit dem Satz: „Messieurs les raseteurs, en place pour la capelado!“

Verlauf Eine Trompete (trompette) verkündet den Anfang und das Ende des jeweiligen Durchgangs (passage du taureau) für den einzelnen Stier. Eine course umfasst in der Regel sechs Stiere, mit jeder 15 min in der Arena.La course camarguaise (PDF; 1,4 MB) nimes-metropole.fr

Der Stier wird in die Arena gelassen, dann gibt man ihm etwas Zeit, sich zu orientieren und zurechtzufinden. Nach ca. einer Minute beginnt das Spiel. Dabei ist eine Anzahl von Männern anwesend, die unterschiedliche Aufgaben haben. Sie sind einheitlich schlicht weiß gekleidet. Die Kleidung ist so beschaffen, dass sich der Stier mit seinen Hörnern nicht einhaken kann, sie hat zum Beispiel keine Taschen oder Gürtel. Die eigentlichen Stierkämpfer unterscheiden sich dabei im Äußeren nicht von den Personen, die andere Funktionen ausüben, lediglich an der Farbe der Namensaufschrift (rot und schwarz).

Während des Ganzen gibt ein Stadionsprecher durch, wenn das Preisgeld für eine Trophäe erhöht wird. In den Veranstaltungen kämpfen in der Regel sechs Stiere jeweils zu fünfzehn Minuten.„Course Camarguaise“ – Mensch und Stier (DLF), am Beispiel Arles

Wenn es dem Stier gelingt, seine Trophäen zu verteidigen, verlässt dieser nach fünfzehn Minuten als Sieger die Arena und der nächste Stier kommt an der Reihe.

Raset Beim raset streift der Kämpfer mit dem crochet ('Haken') die Stirn oder die Basis der Hörner des Stieres, um von ihm die Trophäen (attributs) zu ergattern.

Ein erfolgreicher raset hängt für den über den Platz laufenden raseteur im Wesentlichen von einer guten Berechnung der Wegbahn bzw. -länge ab. In dem Moment, in dem der Stier vom tourneur abgelenkt ist, läuft der raseteur auf eine möglichst erfolgversprechende Weise durch die Arena. Der Stier verfolgt diesen in der Regel, sobald er loszulaufen beginnt. Der raseteur läuft dabei auf eine vorherberechnete Kontaktzone los, einen Bereich, wohin sich der Stier nach seiner Einschätzung auch bewegen wird, und wo der raset nach seinen Erfahrungen am besten gelingt. Wenn der Raseteur bei seinem Lauf über den Platz einen zu kurzen Bogen macht, holt ihn der Stier ein, auch wenn sein Weg zu lang ist. Wenn der Stier nicht wie erwartet hinterherläuft, weicht der Raseteur dem Stier mit einem Abbruch des raset-Versuches aus.Traditions camarguaises en images (Stephan Marin) – Mit einer Skizze zu den verschiedenen 'Laufbahnen' des Raseteurs.

Attributs (Trophäen)

Die glands, die cocarde, die ficelles und der frontal sind verschieden bepunktetvgl. Traditions camarguaises en images (Stephan Marin) und haben bei dem Spiel jeweils einen Geldwert, der vom Präsidenten und der Jury bestimmt wird. Die wertvollsten werden im Laufe des Kampfes vom Präsidenten hinzugefügt, unter Angabe der Sponsoren (Firmen, Stier-Clubs oder Liebhaber), von denen sie stammen. Die Preise betragen zum Teil mehrere tausend Euro.

Die Trophäen (provenzalisch/okzitanisch los atributs) heißen auf provenzalisch/okzitanisch: la cocarda, l’agland, la faissèla, auf Französisch: la cocarde, le gland und les ficelles. Außerdem gibt es noch den frontal.

Diese Trophäen (attributs) sind Gegenstände, die an den Hörnern und auf der Stirn des kastrierten Bullen (jingoistic oder biòu) befestigt werden, die die Raseteure (mit schwarzem Namensschild) dem Tier abnehmen müssen. Dies geschieht mit Hilfe einer speziellen handähnlichen Eisenkralle (crochet – wörtlich: „Haken“), die sie mit sich führen, um für den Gewinn entsprechende Punkte und Boni zu erhalten. Die Trophäen sind jeweils mit einer bestimmten Punktzahl versehen.

Die cocarda (wörtlich: Kokarde) ist anders als ihr Name vermuten lässt, ein kleines rotes Tuch, ca. fünf bis sechs Zentimeter lang und einen Zentimeter breit. Es ist genau in der Mitte der Stirn des Stieres befestigt. Zwei kleine weiße Pompons / Quasten (provenzal. agland / frz. gland) befinden sich an Fäden an der Basis der Hörner, dazu die ficelles, d. h. an der Basis der Hörner befestigte Fäden.

Die anderen attributs befinden sich an der Basis der Hörner.

Die Trophäen müssen vom raseteur in einer festgelegten Reihenfolge heruntergeholt werden.Traditions camarguaises en images (Stephan Marin)

Beteiligte und Zubehör