mini|hochkant=0.85|Rekonstruktionsskizze des KZ-Außenlagers Laagberg über heutigem Gebäude- und Straßenbestand mini|hochkant=1.15|Fundstelle mit abgedeckten Fundamentresten einer KZ-Baracke und Plakat der VVN-BdA Das KZ-Außenlager Laagberg war ein 1944 eingerichtetes Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme im heutigen Stadtteil Laagberg der Stadt Wolfsburg in Niedersachsen. Laut schriftlichen Aufzeichnungen der SS führte sie das Lager unter der Bezeichnung Fallersleben nach dem etwa 2 km westlich liegenden Ort Fallersleben. Es wurde ab dem 31. Mai 1944 im Auftrag der Volkswagenwerk GmbHVolkswagen Chronik (pdf, 7 MB) mit rund 800 männlichen KZ-Häftlingen belegt, deren Hauptaufgabe darin bestand, in Form von Zwangsarbeit Bautätigkeiten für das Volkswagenwerk auszuführen. Beim Heranrücken von US-amerikanischen Truppen wurde das Außenlager am 7. oder 8. April 1945 aufgelöst.Eva Hieber: Ein Relikt des Grauens, das die Geister scheidet. (eingeschränkte Onlineversion) Volltext Seite 1 und Volltext Seite 2 in Wolfsburger Nachrichten vom 13.(15.) Juli 2017.
Im Jahr 2017 traten auf dem früheren Areal des KZ-Außenlagers bei Bodenarbeiten zur Errichtung eines Einkaufszentrums Fundamentreste einer KZ-Baracke zutage. Nach einer archäologischen Untersuchung werden sie an eine andere Stelle im einstigen KZ-Lagerbereich transloziert, wo sie zum Hauptexponat eines geplanten Gedenk- und Lernortes werden sollen.
Vorgeschichte Vorläufer des KZ-Außenlagers Laagberg war das im April 1942 auf dem Gelände des Volkswagenwerks errichtete KZ Arbeitsdorf. Es nahm ca. 800 Häftlinge auf und existierte bis Oktober 1942. Später griff die VW-GmbH erneut auf KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte zurück, als es Ende Mai 1944 in der damaligen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, dem späteren Wolfsburg, zur Einrichtung von KZ-Außenlagern kam. Dies waren das KZ-Außenlager Laagberg und das Männer- sowie Frauenkommando in Halle 1 des Volkswagenwerks. Insgesamt leisteten während des Zweiten Weltkrieges schätzungsweise 5000 KZ-Häftlinge Zwangsarbeit für Volkswagen.Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Geländes des Volkswagenwerks,(PDF; 8,5 MB)
Auf der Anhöhe Laagberg, die etwa drei Kilometer südwestlich vom Volkswagenwerk liegt, gab es seit 1940 Planungen für den Bau des Laagberglagers als Barackenstadt. Es sollte ursprünglich im Fall kriegszerstörter Wohnungen als Ausweichlager für Bewohner der Stadt dienen.Adolf Köhler: Wolfsburg. Eine Chronik. 1938–1948. Wolfsburg 1974, S. 64. Späteren Plänen zufolge war das Laagberglager für 20.000 Beschäftigte des VW-Werks vorgesehen, welche die VW-GmbH hoffte zugeteilt zu bekommen für die Serienfertigung der Fi 103 („Vergeltungswaffe“, „V1“). Der erste Bauabschnitt wurde unter Zuhilfenahme von italienischen Militärinternierten und Ostarbeitern unter der Leitung der Deutschen Bau AG mit Sitz in Berlin, die wie auch die VW-GmbH im Besitz der Deutschen Arbeitsfront (DAF) war, fertiggestellt.Walter de Gruyter, Institut für Zeitgeschichte: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit: Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. K. G. Saur Verlag, München 2000, S. 75. Die projektierte Aufnahmekapazität des Laagberglagers wurde wegen der im Kriegsverlauf zunehmenden Materialengpässe auf 6000 Zwangsarbeiter mit rund 40 Wohnbaracken und Nebengebäuden reduziert.Alfred Hartung: Verdrängte Vergangenheit meldet sich zurück in Ossietzky, Ausgabe 11/2017
Außenlager Laagberg Belegung Im Nordostteil des Laagberglagers entstand ab April 1944 in einem abgetrennten Bereich das KZ-Außenlager Laagberg, das ab dem 31. Mai 1944 mit 756, nach anderen Angaben 800Außenlagerliste des KZ Neuengamme bei kz-gedenkstaette-neuengamme.de, abgerufen am 16. Juli 2017. männlichen Deportierten aus dem KZ Neuengamme belegt wurde. Die Häftlinge wurden in Güterwaggons transportiert und stammten aus Frankreich (etwa 350), den Niederlanden (rund 150), der Sowjetunion, Polen (rund 150), und Spanien (knapp 100). Die Angaben zu den jeweiligen Nationalitäten sind widersprüchlich, da Häftlingslisten nicht existieren. Die französischen Häftlinge gehörten zum großen Teil der Résistance an, niederländische kamen aus dem KZ Herzogenbusch und spanische waren in Frankreich verhaftete Anhänger der Spanischen Republik.
Bauten mini|hochkant=1.4|Freigelegte Fundamente von Block 4 („Sanitätsstation“) des KZ-Außenlagers Laagberg, sichtbar sind vier frühere Räume (2017) Das KZ-Außenlager breitete sich als langgestrecktes Rechteck nahezu in Nord-Süd-Richtung in einem etwa 400 Meter langen und rund 80 Meter breiten Streifen westlich des Stadtwaldes aus. Der Lagerbereich war von einem etwa zwei Meter hohen mit Strahlern und Stacheldraht ausgestattetem Elektrozaun umgeben. Der Zaun war von fünf, später sechs Wachtürmen gesichert.Foto von einem Wachturm, Trafogebäude und Barackenbauten des Lagers (PDF; 2,2 MB) in Wolfsburger Nachrichten vom 13. Juli 2017. Sie hatten eine Höhe von sechs Meter und waren mit Maschinengewehren sowie Suchscheinwerfern ausgestattet.Eva Hieber: So könnte die Verlegung aussehen. In: Wolfsburger Nachrichten vom 14. Juli 2017. Zum Zeitpunkt seiner Belegung bestand das Außenlager aus vier noch unfertigen KZ-Baracken mit den Ausmaßen von etwa 50 × 10 Meter. Ein besonderes Merkmal dieses Außenlagers war, dass es nicht aus den sonst üblichen Holzbaracken bestand, sondern aus flachen Baracken in Massivbauweise aus Backsteinen mit Betonboden. Jede Wohnbaracke verfügte über acht Räume und konnte rund 220 Personen aufnehmen. Die Räume hatten eine Grundfläche von 4,4 m × 12 m, wiesen 14 Doppelstockbetten auf und waren mit je 24 bis 28 Männern belegt. Zum KZ-Außenlager gehörten drei kleine Nebengebäude in Form einer Waschbaracke, einer Abortanlage und einem Küchengebäude. Außerdem stand auf dem Gelände ein Transformator für den Elektrozaun. Es gab gegenüber dem Lagereingang einen Appellplatz mit einem Galgen.
Westlich des Außenlagers, außerhalb der Umzäunung, standen Bauwerke der Lagerverwaltung, der Lagerküche und der SS-Wache.
Häftlingssituation Zur Häftlingssituation im KZ-Außenlager Laagberg existieren außergewöhnlich viele Nachweise. Es gibt über 100 Aussagen ehemaliger Lagerinsassen aus einem 1946 eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen den stellvertretenden Lagerleiter Anton Callesen. Zudem schrieb der als Mitglied der Resistance Anfang Mai 1944 verhaftete französische Künstler Roger Monroy eine Lagerchronik im KZ-Außenlager Laagberg. Auch der Geistliche Jacques Boca legte hier ein geheimes Tagebuch an.Christian Jansen: Zwangsarbeit für das Volkswagenwerk: Häftlingsalltag auf dem Laagberg bei Wolfsburg, in: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit: Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. K. G. Saur Verlag, München 2000, S. 77.
Im KZ-Außenlager hatten etwa 18 deutsche Funktionshäftlinge Aufgaben in der Häftlingsbeaufsichtigung auszuführen.Fallersleben-Laagberg (Männer) auf der KZ-Außenlagerliste der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Wenzel Dyba, ein deutscher Sozialdemokrat, fungierte als Lagerältester; unter den meist deutschen oder polnischen Kapos war der wegen Mordes an seiner Freundin verurteilte SS-Mann Semisch besonders gefürchtet.Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königseder: Der Ort des Terrors: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck, 2005, S. 553.
Brutalität und Antreiben zur Arbeit vonseiten der Wachmänner und Funktionshäftlinge waren üblich, auch wenn keine besondere Dringlichkeit bei den Baueinsätzen bestand. Es herrschte die in Konzentrationslagern allgemein übliche Mangelernährung. Die Baracken waren selten und schlecht beheizt, wenn überhaupt Brennmaterial zur Verfügung stand. Es fehlte an ausreichend warmer Kleidung, das Schuhwerk der KZ-Zwangsarbeiter war oft marode. Aufgrund dieser Bedingungen kam es bis Märzende 1945 zu etwa 50 Todesfällen und einigen Rücktransporten ins KZ-Neugamme.
Lagerkommandant Johannes Pump und sein Stellvertreter Anton Callesen zielten mit ihrer schikanösen Gefangenenbehandlung auf die psychische Brechung jeglicher Widersetzlichkeit und individuellen Identität ab. Berüchtigt wurden Callesens pedantische Sauberkeits- und Ordnungsrituale, die ihm als Vorwand für Misshandlungen gereichten. Er wurde von den KZ-Häftlingen „Saukerl“ (Peau de vache) betitelt. Um nicht von ihm überrascht zu werden, entwickelten sie untereinander so etwas wie ein Warnsystem.
Ein ehemaliger Häftling zu einer Situation im KZ-Außenlager:
„Ich kam im Mai 1944 mit einem Transport von zirka 700 Häftlingen vom Lager Neuengamme in das Außenkommando Fallersleben bei Braunschweig. Hier lernte ich im Juni den damaligen Rottenführer und späteren Unterscharführer Anton Callesen in seiner Eigenschaft als Rapportführer kennen. Callesen war […] ein Mensch mit sadistischen Neigungen […]. Ich war Augenzeuge folgenden Vorfalls: Ungefähr im Februar 1945, es war ein kalter, schneeiger Tag und ich arbeitete mit mehreren Kameraden beim Rohrelegen zur Kanalisierung (Entwässerung), nachmittags um 3 Uhr, als wir fürchterliches Schreien aus einem Bau, der zirka zehn Meter von meiner Arbeitsstelle entfernt lag, hörten. Ich sowohl wie meine Arbeitskameraden wussten, dass der Rapportführer Callesen in diesem Bau inspizierte. Nachdem Callesen den Bau verlassen hatte, begab ich mich in den Bau, um bei Kameraden zu erkunden, was hier los gewesen wäre. Der Kamerad Walter Hübscher […] teilte mir mit, dass ein französischer Kamerad Callesen deswegen aufgefallen war, weil er zum Schutz gegen die Kälte (unser Transport hat in Sommerkleidung (gestreiftes Drillichzeug) ohne Pullover, Mäntel, Strümpfe das Lager Neuengamme verlassen und hatte bis dato keine Winterkleidung bekommen) eine leere Zementtüte um den Oberkörper gewickelt, da er stark erkältet war und sich vor weiterer Krankheit schützen wollte. Wegen dieser Sache hat ihn Callesen mit einem Krückstock […] dermaßen auf Gesäß und Rücken und obere Körperteile geschlagen, dass er das Bewusstsein verlor und sich nicht mehr erheben konnte. […] Es war den Häftlingen allgemein bekannt, dass die Strümpfe, die für die Häftlinge zur Verfügung gestellt wurden, seitens der Lagerführung, also seitens SS-Hauptscharführe Johannes Pump und seitens Rapportführer SS-Unterscharführer Anton Callesen, verschoben worden sind. […] Sobald er [Callesen] im Lager oder auf der Baustelle erschien, war es seine Spezialität, Suche nach solchen Opfern zu machen, die sich wie dargestellt gegen Krankheit zu schützen versuchten.“ Aussage von Rudolf Gahde am 28. Juli 1947 für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). (BA (Berlin))Materialien bei media.offenes-archiv.de (PDF; 567 kB).
Die Häftlinge mussten körperlich schwere Ausschachtungs- und Bautätigkeiten ausführen, sofern sie nicht auf dem VW-Werksgelände zu Trümmerwegräumung und Verladearbeit genötigt wurden. Ständiges Antreiben zur Arbeit änderte nichts an der Tatsache, dass sie die Baumaßnahmen wegen ihres verheerenden gesundheitlichen Zustandes, der nachlässigen Organisation und der Materialengpässe nur in sehr begrenztem Maße voranbringen konnten. Eine produktive Leistung blieb die Ausnahme. Die Häftlingsarbeit erfolgte unter Bewachung durch die SS, „Kapos“ und Vorarbeiter in Verbindung mit Schlägen und Gebrüll. Besonders brutal wurden schwache und ungeschickte KZ-Häftlinge drangsaliert. Ein Baufortschritt war dabei oft Nebensache.Walter de Gruyter: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit: Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. Institut für Zeitgeschichte, S. 82