Als Kupfersteinzeit oder Kupferzeit, auch Chalkolithikum (von , und ‚Stein‘) oder Äneolithikum (von ; manchmal auch Eneolitikum nach Schreibweise in anderen Sprachen), wird der Zeitabschnitt zwischen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit bezeichnet, in dem der Kupferbergbau und grundlegende Techniken der Kupfer-Metallurgie entwickelt wurden oder stark anwuchsen. Diese Epoche umfasst in Südosteuropa und dem Nahen Osten etwa den Zeitraum von 5500 bis 2200 v. Chr., wobei hier die wirtschaftliche Bedeutung des Kupfers zugrunde gelegt wird. Der Beginn der Kupferverarbeitung geht bis ins 8. Jahrtausend v. Chr. zurück. Da die Einführung der Kupferverarbeitungstechnologie regional unterschiedlich Jahrtausende dauerte, setzt die „Kupferzeit“ in unterschiedlichen Gebieten chronologisch anders ein.
Das Chalkolithikum kann in ein älteres (5500–5000 v. Chr.), ein mittleres (5000–4500 v. Chr.) und ein jüngeres Chalkolithikum (4500–3000/2900 v. Chr.) eingeteilt werden.Erika Bleibtreu: Iran von prähistorischer Zeit bis zu den Medern. Kurzer Einblick in sechs Jahrtausende iranischer Kulturgeschichte. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, ISBN 3-85497-018-8, S. 40–53, hier: S. 41 (mit S. 328).
Wie schon Marija Gimbutas fasste auch Harald Haarmann eine Reihe von kupferzeitlichen Kulturregionen im Donauraum zur sogenannten Donauzivilisation zusammen und sieht darin die früheste Hochkultur Europas (noch vor der minoischen und der mykenischen). Aber noch das Ägypten des Alten Reiches (2700 bis 2200 v. Chr.) (auch noch des Mittleren Reiches) – und somit die Zeit der Entstehung der ersten großen Hochkulturen – ist im Wesentlichen chalkolithisch.„Bis zum Ende des Alten Reiches sind fast nur Kupfer- oder Arsenkupfergeräte in Gebrauch, wie zum Beispiel Kupfermeißel, die in Steinbrüchen und beim Pyramidenbau eingesetzt wurden. Dies setzt sich auch im Mittleren Reich (2119–1793 v. Chr.) fort. […] Aus dem Mittleren Reich sind dann aber auch erste substantielle Importe von Bronze aus Syrien belegt. Die bewusste Herstellung von Bronze als Kupfer-Zinn-Legierung ist in dieser Epoche jedoch noch selten. Zinnbronzen treten in größerer Menge erst in der Mitte der 18. Dynastie des Neuen Reiches (1550–1295 v. Chr.) auf, als Zinn aus dem gesamten Mittelmeerraum über Kreta und Mykene in größerem Stil importiert wird.“ Auenmüller, Johannes: Metalle und ihre Verwendung im pharaonischen Ägypten, in: Fitzenreiter, Martin et al. (Hrsg.): Gegossene Götter – Metallhandwerk und Massenproduktion im Alten Ägypten, Rahden 2014, S. 33
Erstes Kupfer in Vorderasien und Europa mini|Karte über die Verbreitung bzw. Ausbreitung der Verwendung von Kupfer während der Kupferzeit:Mineralienatlas – Mineralienportrait Kupfer mini|Karte der Metallproduktion im Mittleren Osten Der Zugang zum Rohmaterial für Kupfer war von örtlichen Vorkommen abhängig. Die Archäologie definiert den Beginn der Kupferzeit vor allem über die wirtschaftliche Bedeutung des Metalls, was meist mit dem Kupferbergbau einhergeht, in Einzelfällen aber auch über die Verarbeitung importierten Kupfers definiert wird. Gegenstände aus kalt geschmiedetem, gediegenem Kupfer sind bereits aus dem Präkeramischen Neolithikum bekannt. In der mitteleuropäischen Gliederung des Neolithikums von Jens Lüning entsprechen die Unterstufen Jungneolithikum, Spätneolithikum und Endneolithikum der Kupferzeit.Jens Lüning: Erneute Gedanken zur Benennung der neolithischen Perioden. In: Germania. Band 74, 1996, S. 233–247, doi:10.11588/ger.1996.57483.
mini|Kupferzeitliche Mine in Timna, Negev in Israel mini|Metallisches Rohkupfer (Cu) mini|Kupfersteinzeitliche Terrakottafigur einer südanatolischen Muttergottheit, Archäologisches Museum Alanya mini|hochkant|Originalgetreue Rekonstruktion des Kupferbeils von Ötzi, dem Mann vom Tisenjoch, dessen Todeszeitpunkt zwischen 3359 und 3105 v. Chr. bestimmt wurde
Die Halaf-Kultur war eine chalkolithische Kultur im Norden Mesopotamiens, in Syrien, in Teilen der Türkei und bis an die Grenze zum Iran und darüber hinaus. Sie blühte von etwa 5200 bis 4500 v. Chr.Zur Chronologie vgl. Matthews: The early prehistory of Mesopotamia, S. 108. Namensgebender Fundort ist Tell Halaf in Syrien. Weitere wichtige Fundorte sind Tell Arpachiyah (Irak) und Yarim Tepe. In ihrer Ausdehnung gehörte sie zu den weitläufigsten Kulturen dieser Zeit, von der viele weitere Fundstätten bekannt sind. Man unterscheidet vier Phasen: Früh-, Mittel- und Spätzeit sowie eine Übergangsphase zur Obed-Zeit. Innerhalb dieser Phasen ist eine Ausbreitung der Kultur zu beobachten. Das Kerngebiet aber lag am Tigris im nördlichen Irak und im östlichen Syrien.Roger Matthews: The early prehistory of Mesopotamia, 500,000 to 4,500 B. C. Brepols, Turnhout 2000, S. 108. Die Halaf-Kultur ist heute vor allem durch ihre Keramik erkennbar. Mit dieser schon hochspezialisierten Technik der Keramikherstellung ging die Fertigkeit einher, hohe Brenntemperaturen, bis etwa 1000 °C, im Brennofen zu erzeugen und damit eine Voraussetzung für die Verhüttung von Kupfer.
Frühe Kupferverhüttung ist auch in der frühen Vinča-Kultur des späten 6. vorchristlichen Jahrtausends in Serbien und Westbulgarien nachgewiesen.Miljana Radivojević, Thilo Rehren, Ernst Pernicka, Dušan Šljivar, Michael Brauns, Dušan Borić: On the origins of extractive metallurgy: new evidence from Europe. In: Journal of Archaeological Science. Band 37, Heft 11, 2010, S. 2775–2787, doi:10.1016/j.jas.2010.06.012. In den letzten Jahren bei Ausgrabungen geborgene Kupferwerkzeuge (Äxte und Meißel) sowie Schlacken der serbischen Fundplätze Pločnik (Okrug Toplica)7500 Jahre alte Werkzeuge. Nachricht auf n-tv, 22. September 2009, abgerufen am 3. Januar 2011.Archäologen rätseln über 7000 Jahre alte Kupferfunde. Spiegel Online vom 27. Dezember 2010, abgerufen am 3. Januar 2011. und Belovode (Okrug Braničevo) gelten als die frühesten verhütteten Kupferobjekte in Europa. Der zugehörige Bergbau wurde anhand von spezifischen Blei-Isotopen im Kupfer in der Region Majdanpek um Rudna Glava identifiziert.Dušan Borić: Absolute Dating of Metallurgical Innovations in the Vinča Culture of the Balkans. In: Tobias L. Kienlin, Ben W. Roberts (Hrsg.): Metals and Societies. Studies in Honour of Barbara S. Ottaway (= Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie. Band 169). Habelt, Bonn 2009, ISBN 978-3-7749-3631-7, S. 191–245. Sie sind bis zu 800 Jahre älter als die Objekte aus Kupfer und Gold aus dem Gräberfeld von Warna und die wahrscheinlich zugehörige Kupfermine von Ai-Bunar (nördlich von Stara Sagora, Bulgarien). Daneben gehören die Cucuteni-Tripolje-Kultur (Ostrumänien, Ukraine) und die Theiß-Kultur in Ungarn zu den ersten Metallkulturen Südosteuropas.
Auf der Iberischen Halbinsel ist die erste Kupferverhüttung in der Siedlung Cerro Virtud (Almería, Südostspanien) belegt. Hier wurden verziegelte Reste der Ofenwandung eines Schmelzofens gefunden, was auf ein Reduktionsverfahren hindeutet.Arturo Ruiz-Taboada, Ignacio Montero-Ruiz: The oldest metallurgy in western Europe. In: Antiquity. Band 73 = Nr. 282, 1999, , S. 897–903. Der Befund datiert ins frühe 5. vorchristliche Jahrtausend, ebenso wie die meisten Fundplätze Südosteuropas. Die Los-Millares-Kultur führt die metallurgische Tradition in Spanien fort.
Während des 4. Jahrtausends v. Chr. baute man im Gebiet von Timna im Negev Kupfererz ab. Nach einer Pause von mehr als einem Jahrtausend setzte im 14. Jahrhundert v. Chr. die Kupfergewinnung und -verarbeitung erneut ein. Im 12. Jahrhundert v. Chr. zeigten die Ägypter außerordentliches Interesse an Timna, doch die Minen kamen alsbald unter die Kontrolle der Midianiter.
In Mitteleuropa kommen erste importierte Gegenstände aus Kupferblech in Gräbern der Rössener Kultur in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. vor, die jedoch keine wirtschaftliche Bedeutung haben.Franz Niquet: Das Gräberfeld von Rössen, Kreis Merseburg (= Veröffentlichungen der Landesanstalt für Volkheitskunde. Band 9, ). Gebauer-Schwetschke, Halle (Saale) 1938. Objekte wie Äxte und Beile treten erst mit der westlichen Lengyel-Kultur (5000–3400 v. Chr.) in Mähren und Österreich auf, was sich auch in süd- und mitteldeutschen Kulturen (Münchshöfener Kultur, Gaterslebener Kultur, Baalberger Kultur) in Form von Importen niederschlägt. Eigenständige Kupferverarbeitung von importiertem Metall gibt es um 4200 v. Chr. in der schlesisch-böhmisch-mährischen Jordansmühler Kultur, was durch einzelne noch erhaltene Gussformen im Fundplatz Jordansmühl belegt ist.
Der erste nachweisbare Kupferbergbau Mitteleuropas wurde von der Bevölkerung der Mondseekultur (3770–3200 v. Chr.) betrieben, deren Kupfergegenstände teilweise aus Kupferkiesvorkommen am Mitterberg bei Mühlbach am Hochkönig (Österreich) hergestellt wurden. Kupferartefakte aus einem Kupfer, das unter der Bezeichnung „Mondseekupfer“ Eingang in die Literatur gefunden hat, wurde zwischen 4000 und 3300 v. Chr. nach Norddeutschland und Südskandinavien (Trichterbecherkultur) importiert. Allerdings stammt es nicht wie ursprünglich gedacht aus Österreich. Es stammt aus Minen in Bulgarien und vor allem aus der oben bereits adressierten Majdanpek Region in Serbien, wie eine Forschergruppe rund um Jan Piet Brozio und Johannes Müller vom Sonderforschungsbereich 1266 herausgefunden haben. Kupfer liegt zumeist in Form von Flachbeilen vor und eine lokale Wiedereinschmelzung ist belegt. Nachdem Kupfer zwischen 3500 und 3300 v. Chr. im Norden einen Boom erlebte, sind beinahe keine Funde zwischen 3300 und 2300 v. Chr. belegt.
Metallbearbeitung
Die Metallbearbeitung wurde zunächst an gediegenen (elementar vorkommenden) Metallen wie Gold, Silber und Kupfer entwickelt. Die ältesten gediegenen Schmuckplättchen aus Kupfer datieren aus dem 8. Jahrtausend v. Chr. und stammen aus Anatolien, zum Beispiel vom Fundplatz Çayönü. Der wohl bekannteste Mensch der Kupferzeit ist der als Kältemumie erhaltene Ötzi, der um 3300 v. Chr. lebte. Er trug bei seinem Tode ein fast komplett erhaltenes aus toskanischem Kupfererz gefertigtes Kupferbeil aus 99 Prozent Kupfer mit sich. mini|Das 5500 Jahre alte Kupferbeil von Steinbergen, gegossen aus Kupfererz aus den Ostalpen
Vor der Entwicklung der Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zinn, waren Metallgegenstände nur begrenzt als Waffen einsetzbar, da Kupfer sich in kaltem Zustand verbiegt und schnell abstumpft. Das Gießen ermöglichte außerdem die Serienfertigung gleichartiger Objekte. Während der Kupferzeit wurden Techniken zur Gewinnung von Erzen vornehmlich in offenen Gruben entwickelt. Die Entwicklung der Verhüttung von Kupfer entschärfte den Engpass an gediegenem Kupfer. Auch Blei wurde bereits verhüttet. Zusammen mit dem Abbau von Zinn legte dies die technische Basis für die nachfolgende Bronzezeit.