mini|Kaiser Karl VI. im Ornat als Großmeister des Ordens vom Goldenen Vlies, Gemälde von Johann Gottfried Auerbach.Karls Unterschrift: rahmenlos|centre|100px
Karl VI. Franz Joseph Wenzel Balthasar Johann Anton IgnazBernd Rill: Karl VI. Habsburg als barocke Großmacht, Graz 1992, ISBN 3-222-12148-6. (* 1. Oktober 1685 in Wien; † 20. Oktober 1740 ebenda) war von 1711 bis 1740 römisch-deutscher Kaiser und Erzherzog von Österreich sowie Souverän der übrigen habsburgischen Erblande, als Karl III. (ungarisch III. Károly) König von Ungarn und Kroatien, als Karl II. (tschechisch Karel II) König von Böhmen, als Karl III. (spanisch Carlos III) designierter Gegenkönig von Spanien, ab 1713 als Karl VI. (italienisch Carlo VI) König von Neapel sowie durch den Frieden von Utrecht von 1713 bis 1720 als Karl III. (italienisch Carlo III) auch König von Sardinien, und ab 1720 als Karl IV. (italienisch Carlo IV) König von Sizilien.
Im Spanischen Erbfolgekrieg konnte Karl VI. seinen Anspruch auf die spanische Krone nicht durchsetzen, doch fiel ein Großteil der spanischen Besitzungen in den Niederlanden und in Italien an Österreich. In seine Zeit als Kaiser fällt der Erlass der Pragmatischen Sanktion. Diese ermöglichte nicht nur die Thronfolge weiblicher Mitglieder des Hauses Habsburg, sondern war mit der Betonung der Unionsidee der Habsburger-Staaten zentral für die Entstehung einer Großmacht Österreich. Durch den Sieg im Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieg kam es 1717 zur territorialen Expansion. Die gewonnenen Gebiete gingen durch den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg 1739 jedoch teilweise wieder verloren. Einen Großteil seiner Regierungszeit verbrachte er damit, die Pragmatische Sanktion innerhalb des habsburgischen Machtbereichs durchzusetzen und ihre Anerkennung durch die anderen europäischen Mächte zu erlangen.
Im Innern bemühte sich der Kaiser im Sinne des Merkantilismus um die Förderung der Wirtschaft. Allerdings gab er mit der Ostender Ostindischen Kompanie, im Interesse der Durchsetzung der Pragmatischen Sanktion, ein wichtiges Projekt wieder auf. Auch erreichte er keine Reform von Verwaltung und Militär. Er war der letzte Kaiser, der neben der Durchsetzung der Interessen Habsburgs auch eine aktive Reichspolitik betrieb, obgleich der Reichsgedanke in seiner Zeit stark an Bedeutung verlor. In vielfältiger Weise förderte er Kunst und Kultur. Seine Regierungszeit bildete einen Höhepunkt der Kultur des Barock, deren Bauten bis heute Österreich und die ehemals habsburgischen Staaten prägen. Mit Karls Tod erlosch das Haus Habsburg im Mannesstamm.
Leben
Herkunft und Familie mini|Kaiserin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel Karl (getauft als Carolus Franciscus Josephus Wenceslaus Balthasar Johannes Antonius IgnatiusFranz Matsche: Die Kunst im Dienste der Staatsidee Kaiser Karls VI. Ikonographie, Ikonologie und Programmatik des "Kaiserstils", 1. Halbbd., Berlin / New York 1981, ISBN 3-11-008143-1, S. 201.) war der Sohn Leopolds I. aus dem Hause Habsburg und Eleonores von Pfalz-Neuburg sowie der Bruder Josephs I. Seine Erziehung erfolgte unter der Aufsicht von Fürst Anton Florian von Liechtenstein. Die Inhalte wurden vor allem von Jesuiten wie Andreas Braun oder diesen nahe stehenden Personen vermittelt. Dabei spielte die Vermittlung von traditionellen Herrschertugenden und insbesondere die Geschichte der Familie Habsburg eine wichtige Rolle. Von Karl sind aus seinen Kindertagen zwei Manuskripte überliefert, in denen er die Tugenden seiner Vorfahren beschrieb.
Wie jeder Habsburger musste er ein Handwerk erlernen, wobei er sich für die Ausbildung zum Büchsenmeister entschied.Johann Christoph Allmayer-Beck: Das Heeresgeschichtliche Museum Wien. Saal II - Das 18. Jahrhundert bis 1790, Salzburg 1983, S. 74. Im Zuge seiner Ausbildung fertigte Karl als Sechzehnjähriger eine Federzeichnung eines Falkaunen-Rohres an, welche heute in der Dauerausstellung des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien gezeigt wird. Die Zeichnung ist auf dem Hinterstück von ihm eigenhändig signiert („Carl Erzh. zu Oesterr.“).
Karl heiratete am 23. April 1708 qua Ferntrauung Elisabeth Christine, die Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel und seiner Gattin Christine Luise von Oettingen-Oettingen, und zog mit ihr am 1. August 1708 in Barcelona ein. Aus der Ehe gingen folgende Kinder hervor:
Leopold Johann (*/† 1716), Erzherzog Maria Theresia (1717–1780) ⚭ 1736 in Wien Franz I. Stephan von Lothringen Maria Anna (1718–1744) ⚭ 1744 Herzog Karl Alexander von Lothringen Maria Amalia (1724–1730), Erzherzogin
Spanischer Erbfolgekrieg mini|Karl VI. zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges mini|links|Elisabeth Christine von Braunschweigs Ankunft in Katalonien, 1708 Angesichts des abzusehenden Absterbens der spanischen Linie der Habsburger nach dem zu erwartenden Tod Karls II. beabsichtigte Kaiser Leopold, Karl zum spanischen König zu machen. Bereits während des Pfälzischen Erbfolgekrieges war geplant, den Kaisersohn zusammen mit Hilfstruppen nach Spanien zu schicken, wozu es aber nicht kam. Karl II. als spanischer König selbst bestimmte nicht Karl, sondern Philipp von Anjou, einen Enkel von Ludwig XIV., zum Erben. Nach dem Tod des Königs wurde Philipp in Spanien und den spanischen Kolonien als Herrscher anerkannt. Der Widerstand Kaiser Leopolds, der sich mit England und den Niederlanden verbündete, führte zum Spanischen Erbfolgekrieg.
Nach Karls Proklamation zum spanischen König im Jahr 1703 wurden ihm in einem geheim gehaltenen Vertrag von Kaiser Leopold und seinem Bruder Joseph alle spanischen Besitzungen mit Ausnahme der Lombardei zuerkannt. Gleichzeitig wurde eine Regelung über die Erbfolge im Haus Habsburg geschlossen (Pactum mutuae successionis). Von Portugal hoffte Karl 1704 nach Spanien zu gelangen. Die portugiesischen und englischen Truppen waren aber zu schwach, um den Widerstand der spanischen Armee brechen zu können. Unter Ausnutzung der Unzufriedenheit der Katalanen und Aragonesen mit dem Regime Philipps V. gelang 1705 nach der Belagerung von Barcelona der Einzug in die Stadt. Karl konnte seinen Machtbereich auf Katalonien und weitere Gebiete ausdehnen und eigene Truppen aufstellen. Er erwies sich in dieser Zeit als mutig und zäh, zeigte aber nur geringe Fähigkeiten zur Integration und zur Führung.Hans Schmidt: Karl VI. 1711-1740. In: Die Kaiser der Neuzeit 1519-1918. Heiliges römisches Reich, Österreich, Deutschland, München 1990, S. 203. Von den Franzosen bedrängt, musste Karl bereits 1706 einige Positionen wieder räumen. Auch die Kämpfe der Verbündeten waren wenig erfolgreich. So mussten diese Madrid im Juni 1706 wieder räumen. Allerdings gelang es den Alliierten, wichtige spanische Besitzungen in Italien zu erobern. Zeitweise konnte Karl 1710 nach militärischen Erfolgen auch in Spanien in Madrid einziehen, musste sich aber bald wieder nach Barcelona zurückziehen.
Anfänge der Kaiserherrschaft und Pragmatische Sanktion mini|Karl VI., 1721 mini|Krönungsfeierlichkeiten in Frankfurt am Main im Jahr 1711 mini|Silberjeton von 1711 auf die Wahl und Krönung Karls VI.
Die Lage änderte sich, als sein Bruder Joseph, inzwischen Kaiser, 1711 ohne männlichen Nachkommen verstarb. Karl fielen als Erbe nun auch Österreich, Böhmen, Ungarn und die Aussicht auf den Kaisertitel zu. Bedrängt von Wiener Kreisen, kehrte er nach Wien zurück, ohne den Anspruch auf den spanischen Thron aufzugeben. Demonstrativ ernannte er bei seiner Abreise aus Spanien seine Frau zur Statthalterin in Spanien. Am 12. Oktober 1711 wählten ihn die Kurfürsten zum römisch-deutschen König. Am 22. Dezember 1711Gerhard Hartmann, Karl Schnith (Hrsg.): Die Kaiser, ISBN 3-86539-074-9, S. 587. wurde er in Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt. Seit Anfang 1712 befand er sich wieder in Wien; bei seiner Rückkehr am 26. Jänner 1712 ertönte die Alte Pummerin des Stephansdoms in Wien zum ersten Mal. Im selben Jahr wurde er zum König von Ungarn gekrönt. Angesichts der drohenden Vereinigung von Österreich und Spanien in einer Hand verließen ihn seine Alliierten im Spanischen Erbfolgekrieg, so dass er auf die spanische Krone verzichten musste. Barcelona hielt er noch ein Jahr.
Innenpolitisch setzte er zunächst auf Kontinuität. Er sprach etwa dem Prinzen Eugen sein Vertrauen aus und bestätigte die Mitglieder der Geheimen Konferenz. Diese und der einflussreiche Johann Wenzel Wratislaw von Mitrowitz rieten dazu, auf den spanischen Thron zu verzichten. Gleichwohl trat der Kaiser dem Frieden von Utrecht zwischen Frankreich, Spanien auf der einen und Großbritannien und den Niederlanden auf der anderen Seite von 1713 nicht bei. Allerdings waren schon zuvor die Rückkehr seiner Frau und der Habsburger Truppen vereinbart worden. Kurze Zeit später beauftragte er nach weiteren Niederlagen den Prinzen Eugen mit Verhandlungen, die 1714 zum Frieden von Rastatt führten. Im Frieden von Baden erhielt er die früheren spanischen Besitzungen in Italien Mailand, Mantua, Sardinien, Neapel ohne Sizilien und die ehemals spanischen, nun österreichischen Niederlande zugesprochen. Frankreich zog sich aus dem eroberten Breisgau zurück, behielt aber Landau. Die abgesetzten Kurfürsten von Köln und Bayern, Joseph Clemens von Bayern, und Maximilian Emanuel von Bayern, die während des Spanischen Erbfolgekrieges mit Frankreich verbündet waren und über die Karl VI. infolgedessen 1706 die Reichsacht verhängte, erhielten ihre Würden zurück. Offiziell gab er seinen Anspruch auf den spanischen Thron nicht auf, aber de facto erkannte er die Lage an.
In der von ihm erlassenen Pragmatischen Sanktion von 1713 war die Unteilbarkeit der habsburgischen Länder vorgesehen sowie die sekundäre weibliche Erbfolge. Da Karls VI. einziger männlicher Nachkomme Leopold 1716 als Kleinkind verstarb, trat dieser Fall schon nach seinem Tod ein. Die Pragmatische Sanktion war aber mehr als eine Erbfolgeregelung. Vielmehr zielte sie auf einen engeren Zusammenhalt der verschiedenen habsburgischen Besitzungen ab. In dem Dokument war von einer untrennbaren Union der Habsburger-Länder die Rede. Der Kaiser ließ die Pragmatische Sanktion zwischen 1720 und 1724 durch die verschiedenen Ständeversammlungen bestätigen. Dieser Versuch, die einzelnen Länder der Habsburgermonarchie enger miteinander zu verbinden, war ein weiterer Schritt hin zur Ausbildung einer Großmacht Österreich. Der Kaiser bemühte sich intensiv auch bei den ausländischen Mächten um eine Anerkennung der Pragmatischen Sanktion.Hans Schmidt: Karl VI. 1711-1740. In: Die Kaiser der Neuzeit 1519-1918. Heiliges römisches Reich, Österreich, Deutschland. München 1990, S. 206.
Innere Politik in den habsburgischen Staaten mini|Prinz Eugen von Savoyen spielte eine wichtige politische und militärische Rolle zur Zeit Karls VI.